Home
http://www.faz.net/-gya-133tq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Automanufaktur Wiesmann Die großen Geckos auf Rädern

16.07.2009 ·  Wer kennt schon Dülmen? Wolfsburg, Turin und Stuttgart fallen jedem beim Stichwort Automobilindustrie ein, aber Dülmen? Hier steht indes die Manufaktur von Wiesmann: ein futuristisches Gebäude aus Stahl, Glas und Holz.

Von Michael Marek
Artikel Bilder (11) Lesermeinungen (5)

Strenggenommen dürfte man die Automanufaktur von Wiesmann gar nicht zur Automobilindustrie zählen, denn riesige Produktionsstätten, in denen Arbeiter, unterstützt von Robotern, Hunderttausende Fahrzeuge herstellen, sucht man vergeblich. In dem futuristischen Gebäude aus Stahl, Glas und Holz laufen nicht Autos täglich vom Fließband, sondern wenige PS-starke Boliden. Bei Wiesmann werden Sportwagen in Kleinserie und von Hand gefertigt.

1988 gründeten Martin und Friedhelm Wiesmann das Unternehmen. Angefangen hatten die Brüder im elterlichen Autohaus. Danach Managementerfahrung in einer Fabrik für Kinderbekleidung. Bis ihnen die verrückte Idee kam, einen eigenen Sportwagen im Sechziger-Jahre-Retro-Design zu entwickeln. Das war 1985, erzählt Martin Wiesmann: „Es gab viele Kleinserienautos, die schlecht verarbeitet und mit antiquierter Technik ausgestattet waren. Ich dachte mir: Das kannst du besser!“ Heute sind ihre eigenen Autos Liebhaberstücke, bei denen Aggregate von BMW unter der Haube stecken und über deren langgestrecktes Heck ein kleiner Gecko krabbelt, das Firmenlogo.

Schwarze Jeans und feine Designerbrille

Souverän, im karierten Hemd, schwarzen Jeans und feiner Designerbrille spricht der 56 Jahre alte Martin Wiesmann über die Unternehmensgeschichte. Zum Beispiel, wie es ihm gelungen ist, BMW-Motoren verwenden zu dürfen, obwohl die Rechtsabteilung von BMW zunächst eine Abmahnung geschickt hatte: „Wir sind nach München gefahren und haben dem damaligen BMW-Vorstand Wolfgang Reitzle persönlich unser Auto und Konzept präsentiert.“

Die Wiesmann-Modellpalette ist bis heute überschaubar geblieben. Zu den Edel-Raketen gehören der Roadster MF3 (Sechszylinder, 343 PS), der GT4 (Achtzylinder, 367 PS) und der GT5 (Zehnzylinder, 507 PS, Spitze 310 km/h), der sich von 0 auf 100 km/h in 3,9 Sekunden katapultiert.

Lichte Produktionshalle und vollverglaste Büros

Gut 100 Mitarbeiter werkeln in der lichten Produktionshalle und den zugehörigen vollverglasten Büros. Dreher, Schweißer, Elektroniker und Sattler benötigen durchschnittlich 350 Stunden, bis ein Wiesmann fertiggestellt ist. Rahmen, Tanks, Auspuffanlagen und Karosserie - alles wird in Dülmen hergestellt, be- und weiterverarbeitet. Die Wiesmannen erfüllen fast jeden Gestaltungswunsch ihrer Kundschaft. Jeder lieferbare Lack wird aufgetragen, jedes beliebige Leder genäht. Eine Selbstverständlichkeit angesichts eines Basispreises von rund 100.000 Euro für den Roadster und 180.000 Euro für den GT5.

1993 ging der erste serienreife Wiesmann-Roadster auf die Straße. Ein puristischer Sportwagen mit kleinem Kofferraum, langer Motorhaube, runder, abgeflachter Form und leistungsstarkem Motor. Dezember 2008 wurde der tausendste Sportwagen hergestellt. „2003 haben wir noch 50 Autos pro Jahr gebaut“, das sei zu wenig gewesen, sagt Wiesmann. Ein neues Gebäude musste her, und der Firmengründer verweist auf die vor knapp einem Jahr eröffnete Manufaktur.

„Wir bauen ein emotionales Auto“

Hier soll die Jahresproduktion auf bis zu 250 Sportwagen hochgefahren werden. Die Hälfte ist für den Export bestimmt. Aus Wiesmann ist ein international operierendes Unternehmen geworden. In 19 Ländern ist man mit Vertriebs- und Servicestützpunkten vertreten. Das Geschäft läuft trotz Automobilkrise und Ozonloch. „Wir bauen ein emotionales Auto“, so Wiesmann, „keines, das zuallererst dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit Rechnung trägt.“

Die Klientel der Wiesmänner entspricht ganz dem Klischee: männlich, über 50 Jahre alt, mehrere Sportwagen, gefülltes Bankkonto. Ob ein Wiesmann mehr einen Spielzeugcharakter für die Käufer habe? „Das ist etwas übertrieben“, meint Wiesmann, „aber es ist eine besondere Art, die Freizeit zu gestalten.“ Der Wirtschaftskrise sieht Martin Wiesmann gelassen entgegen: „Als Kleinserienhersteller im Luxussegment sind wir als Nischenanbieter nur bedingt konjunkturabhängig.“ Mit dem Geschäftsergebnis im laufenden Jahr sei man sehr zufrieden.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Mit Mazda ein Romeo

Von Wolfgang Peters

Wenn sich zwei leidlich gesunde Automarken, ohne eine Hochzeit im Himmel zu zelebrieren, miteinander ins Bett legen, dann kommt ein Roadster dabei heraus. Alfa Romeo und Mazda haben genau diese Autoform im Sinn. Mehr