Dem Multikulti-Design gehört die Zukunft: Auf dieser IAA ist ein allgemein verbindlicher Styling-Trend nicht auszumachen. Doch die Ziele für den optischen Auftritt der Autos sind vielfältig wie nie zuvor. Und es zeigt sich, dass die mobilen Traumfabriken auch im Umbruch an den alten Formen festhalten.
Noch nie zuvor war es für eine Marke wichtiger, ihre innere Geschlossenheit nach außen zu tragen. Bei einem explodierenden Varianten-Portefeuille ist das eigenständige und über alle Familienzweige des Modellangebots hinweg wirkende Charakterdesign gefragt. Dessen Botschaft: Der Star ist die Marke, und sie kann alles. Wenn unter einem einzigen Markenzeichen vom Klein- über die Sport- und Luxus- bis hin zum Geländewagen in allen Segmenten lukrative Präsenz angesagt ist, dann muss das Design eben Flagge zeigen. Deshalb werden die Gesichtszüge der Marke immer deutlicher auf alle Varianten und Versionen übertragen. Das birgt die Gefahr, dass einzelne Typen ihre Identität verlieren. Dann dominiert zwar die Marke, aber welcher Typ jetzt im Rückspiegel auftaucht, das ist nicht mehr zu erkennen.
Trotz steigender Vielfalt - das predigen die Marketing-Gurus - darf die Marke nicht leiden, nicht schwach werden, nichts ist schlimmer. So liegt die Schärfe des Markenprofils in den Händen der Designer, und sie kehren zurück zu den bewährten Signalen. Dazu zählt vor allem der Blick auf den Kern der Marke. Tradition hat hohen Stellenwert im Markenauftritt. Wer keine ruhmreiche Vergangenheit in die optische Moderne übertragen kann, der erfindet das Design für seine Produkte eben neu. Oder orientiert sich an den etablierten Form-Vorgaben der Konkurrenz. Wobei die Richtungen der Designströmungen durchaus modischen oder gesellschaftlichen Einflüssen ausgesetzt sind. Das ist recht deutlich an etlichen neuen oder überarbeiteten Modellen zu erkennen: Denn überall wird wieder mehr Selbstbewusstsein demonstriert. Man denkt gern und intensiver wieder größer und generöser; besonders in den oberen Klassen der Märkte kehren jene Proportionen zurück, die nicht mehr die bürgerliche Ordnung repräsentieren, sondern für den bravourösen Auftritt sorgen sollen. Dazu gehört der entschlossene Abschied vom Charme der Kuscheltiere. Lieb sein auf vier Rädern ist nicht mehr gefragt. Stärke muss gezeigt werden, und die Macht der Motoren wird in optische Signale umgesetzt. Die aktuellen Designbotschaften künden unverhohlen vom Tod der Teddys und von der Rückkehr der Yedi-Ritter. Hohe Gürtellinien mit sehr niedrigen Fensterreihen darüber und stark ausgestellte Radhäuser sowie schmissige Kanten in den Flanken berichten vom gefährlichen Leben auf dem Asphalt des Verkehrsdschungels: Selbst Kleinwagen haben Zähne, und die tragen sie im Gesicht des Kühlergrills. Mackie Messer auf vier Rädern, auch wenn unter der Haube nur ein ultrasparsamer, aber schmalbrüstiger Dreizylinder keucht und fleucht.
Tanz am Rand des Vulgären
Auch die distinguierten Nobelmarken haben die Krawatten abgelegt. Sie wuchern mit optischen Pfunden, die aus schwulstigen Kotflügeln und mehrfach gewellten Motorhauben entstehen. Auch hier setzen riesige Scheinwerfer die Akzente, und Lufteinlässe sind wie Ansaugschlote industrieller Anlagen. Das darf nicht verwundern, sind doch die klassischen Limousinen fast überall auf der Welt unter Druck geraten. Ihr dezentes Prestige ist im Schwinden, und so muss zumindest ihr Design für die optische Sensation sorgen. Dass daraus häufig ein Tanz am Rand des Vulgären geworden ist, gehört wohl zur Normalität des Wettbewerbs.
Denn die offenen Kragen der Seidenhemden werden nicht mehr ausschließlich in den samtpfotigen Limousinen mit ihrem unpraktischen, aber vornehmen Stufenheck getragen. Das feine Leben findet immer häufiger in den großen Paketen der Sport Utility Vehicles statt. Und hier kehrt sich der zur Größe neigende und zum muskulösen Auftritt weisende Designtrend ohne Zögern um: Die großen Nummern werden mit etlichen stilistischen Kunstgriffen zu kleinen Zählern. Die fast ausschließlich für das Dickicht der Städte eingesetzten Geländewagen entziehen sich mit den Stilmitteln der Bescheidenheit zumindest teilweise dem scharfen Wind der Gesellschaftskritik und verweisen auf ihre (relativ) niedrigen Verbrauchswerte.
Vielfalt des Designs war noch nie größer
Selbst dort, wo sich Umbruch andeutet, gelten die alten Chiffren der Dynamik. Für die zahlreicher werdenden Elektroautos ist eine eigenständige Formensprache noch nicht zu vernehmen. Eher das Gegenteil wird vorgeführt: Auch strombetriebene Autos folgen brav den traditionellen Vorgaben ihrer jeweiligen Marktsegmente. E-Kleinwagen sind schlichte Minis, E-Limousinen sind Blaupausen der alten Eleganz, und stromernde Sportwagen neigen zum Retro-Design der einstigen Britishness. Für die Gestaltung der künftigen E-Autos ist noch kein Trend in Sicht, der für einen deutlichen Unterschied sorgen könnte. Vielleicht gibt es dafür einen einfachen Grund: Die Käufer wollen in erster Linie ein Auto, das ihre Bedürfnisse befriedigt und das zukunftsfähig ist. Der Antrieb wird nicht mehr die entscheidende Rolle spielen. Allerdings hat die Alternativ-Technik noch nicht jenen Reifegrad erreicht, mit dem sie Einfluss auf die Gestalt des Autos nehmen könnte.
Der alte Vorwurf, das Autodesign werde unter dem Diktat der Windkanäle zum Einheitsbrei verkommen, hat ausgedient. Man hat erkannt, dass die Windschnittigkeit allein nicht das entscheidende Maß für Sportlichkeit oder Sparsamkeit eines Autos ist. Die Vielfalt des Designs war noch nie zuvor größer, und sie wird weiter zunehmen. Für ein Ende dieses Design-Trends gibt es keine Anzeichen.
Das ewige Thema 'Böser Blick'
Jan Brunshaupt (littlecreature)
- 27.09.2011, 10:39 Uhr
Uniformität in Serie
Matthias Unger (ungermat)
- 25.09.2011, 12:26 Uhr
