Die Preisfrage des Jahres 2013: Wie soll man Autos nennen, in denen die Menschen höher sitzen, bessere Übersicht genießen, trotz der das nahelegenden Form ihres Gefährts nie abseits der Piste fahren und sich oft für nur eine angetriebene Achse entscheiden? Geländewagen im Sinne des in diesen Tagen in den Handel kommenden neuen, edlen, technisch feinen und nicht nur die angestammte Klientel verzückenden Range Rover sind das ja nicht.
Und Personenwagen im klassischen Sinne auch nicht. „SUV“ sagt die Fachwelt und meint Sports Utility Vehicle, was erstens nicht jeder versteht und zweitens Unsinn ist, denn was, bitte schön, hat sich der gemeine Beobachter unter einem sportlichen Nutzfahrzeug vorzustellen? Crossover klingt recht hübsch, aber ob sich „Mischling“ jenseits der Tierwelt durchsetzen wird, da hegen wir Zweifel. Immerhin klingt es besser als „Überkreuzer“.
Vermeintlich eierlegende Wollmilchsau
Weglaufen jedenfalls gilt nicht, denn die vermeintlich eierlegende Wollmilchsau im automobilen Kleid ist immer beliebter. Und wenn Zulassungsstatistik, Marktforschung und Modellplanung nicht irren, ist ein Ende des Trends nicht in Sicht. Im Gegenteil: Es geht mit aller Macht weiter aufwärts, hoch oben über der Straße ist die Luft nicht dünner, sondern gefragter und ertragreicher.
Sage und schreibe 50 neue SUV-Modelle sollen in den kommenden drei Jahren auf den Markt kommen, wollen die Kollegen der Auto-Zeitung gezählt haben, und sie führen auch Geländewagen von bisherigen Abstinenzlern wie Jaguar, Alfa Romeo, Seat, Citroën, Bentley und Lamborghini heran - wobei für die beiden Letztgenannten gilt, dass nach allem, was man aus dem VW-Reich hört, der Bentley wegen der Scheußlichkeit seiner Studie EXP 9F eine neue Runde im Design drehen muss und Lamborghini erst solidere Finanzen herstellen soll, bis der schicke Geländerenner Urus grünes Licht vom Konzernvorstand bekommt.
So oder so, keine Marke kann sich mehr den Verzicht auf konstruktive Höhepunkte leisten, sogar die schlafmützigen Franzosen sind erwacht und rollen erstmals eigenständige Autos in dieser Kategorie heran. Pünktlich zum heutigen Tage stellt Peugeot erste Bilder seines 2008 vor, der hochgelegten Version eines frischen 208.
Das Auto passt sogar recht gut in den chronisch verstopften Verkehr in Paris, und es wunderte uns, wenn es dort nur den Hauch jener Anti-SUV-Stimmung auslöste, wie sie vor einigen Jahren aufkam, als sich ein paar Chaoten zerstörerisch über diese Fahrzeuggattung hermachten und womöglich die Zögerlichkeit in den Chefetagen von Renault, Peugeot und Citroën auslösten.
Tarife von 50.000 Euro
In der Folge dürften die Entscheidungsträger von kollektiven Weinkrämpfen geschüttelt worden sein beim Anblick der vielen VW Tiguan und Nissan Qashqai, und bevor jetzt auch noch Opel mit seinem Mokka davonzieht, kommen zum Sommer der 4,16 Meter lange „Urban-Crossover“ Peugeot 2008 und der Renault Captur, ein ebenso adretter wie kompakter Möchtegerngeländewagen auf Basis des neuen und allseits mit Lob bedachten Clio. Als Randnotiz: Peugeot verzichtet mit der Einführung des in Frankreich, China und Brasilien als „Weltauto“ gebauten 2008 auf seinen kleinen Kombi 207 SW. Renault bietet den Clio weiterhin als Kombi an.
Die höchste Aufmerksamkeit dürfte indes einem Produkt aus Stuttgart-Zuffenhausen zuteil werden. Im Frühjahr will Porsche erste Bilder seines Macan zeigen, des mit Genen des Audi Q 5 versehenen kleinen Bruders ihres erfolgreichen Cayenne. Im Herbst soll die offizielle Vorstellung des Macan über die Bühne gehen, Tarife von 50 000 Euro an dürfen als Hausnummer gelten, und wir verwetten hier schon mal eine Kiste weißen Chassagne-Montrachet, dass der kleine Porsche trotz seines merkwürdigen Namens ein großer Erfolg wird.
Womöglich wird zur gleichen Zeit ein erster Blick auf den kleinsten Geländewagen aus der Mercedes-Benz-Familie möglich sein, 2014 soll der GLA zu kaufen sein dann werden die Schwaben ganze fünf Modelle im SUV-Segment anbieten: G, GL, GLK, ML und GLA. Da könnte man fast vergessen, dass in diesem Jahr so wichtige Neuerungen wie die mit erheblichem Aufwand überarbeitete E-Klasse (März) und die vollkommen neue S-Klasse (vermutlich Juli) auf dem Plan stehen.
Chevrolet darf bei Opel klauen
Das Jahr 2013 hat also für alle, die sich nicht dem SUV-Boom hingeben wollen, ebenso einiges zu bieten. Audi schickt im Februar den viertürigen A 3 Sportback auf die Reise und traut sich von Herbst an wieder an ein Stufenheck in der kleinen Klasse. Ein erster Blick hinter die Kulissen lässt den Betrachter staunen, wie hübsch so ein Auto sein kann. Der A 3 Stufenheck wird dem A 4 weh tun, und er wird nicht nur in Märkten östlich von Bayern Kunden finden.
Zum Jahreswechsel steht die Vorstellung des Cabriolets an, es soll einen hübscheren Hintern als das bisherige bekommen. Weiter oben in der Palette steht Feuer auf dem Programm, RS 5 Cabriolet, RS 7, SQ 5 TDI und RS 6 Avant lauten die Chiffren. Alfa-Romeo will seinen rattenscharfen 200-PS-Mittelmotor-Zweisitzer 4 C auf den Markt bringen, ein Leckerbissen, der freilich der ausgemergelten Modellpalette kaum Fleisch auf die Rippen bringen wird.
Aston Martin plant trotz gewisser Turbulenzen im Eigentümerkreis unverdrossen mit dem Vanquish Volante, 550 PS im hinreißend gezeichneten Cabriolet sollten von März an für eine forsche Fahrt in den Frühling genügen. Chevrolet darf munter weiter bei Opel klauen, im April kommt der Mokka-Ableger Trax, also ein kleines SUV, aber das Thema hatten wir ja schon.
Bezeichnungen genügen nicht mehr
BMW hat mittlerweile so viele Autos im Angebot, dass die Bezeichnungen nicht mehr genügen, weshalb die sportlichen 3er künftig 4er heißen. Im Herbst geht es mit dem Coupé los. Derweil wird am Nachfolger des Geländewagens X 5 gearbeitet, der zum Jahresende zu sehen sein wird, und es scheint tatsächlich einen GT vom 3er geben zu sollen, auch wenn wir uns das angesichts des 5er GT lieber nicht vorstellen mögen.
Die der Jugendlichkeit verschriebene Tochterfirma Mini wird wohl im November ihr neues Auto vorstellen, diesmal kein Derivat sondern das Kernprodukt, und es wird in seiner dritten Generation wegen des „Umweltabdrucks“ vermutlich noch ein bisschen größer werden, was nicht die beste Nachricht wäre. Wir freuen uns trotzdem drauf, auf unverminderte Freude am Fahren werden die britischen Bayern schon achten.
Von Citroën ist der halboffene DS 3 zu erwarten, der sich Cabriolet nennt, aber nur ein Rolldach hat, was aber auch ganz schick daherkommt. Für Aufgaben des Transports steht der neue C4 Picasso parat, der von Spätsommer an wieder in zwei Größen angeboten werden wird. Dacia ist ebenfalls an Raum gelegen, der Dokker buhlt um Kundschaft, der Preis ist noch immer heiß, und das Design der rumänischen Renault-Tochtergesellschaft nimmt langsam Fahrt auf.
Wo wir schon beim Platzangebot sind: Fiat meint tatsächlich, eine Großfamilie im jungen 500 L unterbringen zu müssen, vom Frühsommer an soll er als Siebensitzer Glücksgefühle auslösen. Für alle Freunde schnellerer italienischer Fluchten: Maserati schickt den neuen viertürigen und mit 5,26 Meter üppigen Quattroporte ins Rennen. Ferrari sprengt im Frühjahr Grenzen im Enzo, bringt Allradantrieb und Hybridsystem, liefert vermutlich mehr als 900 PS - und ein weiteres Sammlerstück für den erlauchten Kreis seiner betuchten Kundschaft.
Lamborghini schneidet im März den rücksichtslosen Aventador auf, womit sich 700 PS über das Haupt im Wind hermachen. Für Atemlosigkeit darf auch Jaguar sorgen, den F-Type gibt es zunächst von Sommer an offen und später auch als nicht minder schickes Coupé. Ziviler geht es im „Massenmarkt“ zu: Ford überarbeitet den Fiesta, erneuert den Kuga und baut die frischen Transporter Tourneo und Transit Connect. Opel zeigt neuen Mut, erfreut mit dem kleinen Adam und dem offenen Cascada, der mit dem Astra verwandt ist.
Skoda legt alles Können in den Octavia, den es auch wieder als Kombi geben wird. Und VW führt nicht nur Beetle Cabriolet und Jetta-Hybrid heran, sondern vor allem die Golf-Geschichte fort, auf dass endlich ein hübscher Kombi entstehen möge. Im September wird es so weit sein. Das ist ohnehin ein guter Automonat. Vom 12. bis 22. 9. 2013 wird in Frankfurt die nächste IAA stattfinden. Wetten, dass auf der Messe noch schöne Überraschungen warten?
