27.10.2003 · Noch werden Autos in der Regel beim Händler gekauft. Aber im Internet tut sich immer mehr. Mercedes-Benz und Audi verkaufen zumindest „Jahreswagen“ direkt übers Netz und fahren offensichtlich gut damit.
Von Boris SchmidtAutoverkaufen ist heute keine einfache Aufgabe mehr. Die Konkurrenz ist riesig, ohne großzügige Rabatte läuft meist nichts. Autokaufen ist nicht minder schwer. Der Kunde kann sich inzwischen aus so vielen Quellen informieren, daß er beinahe den Überblick verliert. In der Regel wird der neue Wagen aber immer noch beim Autohaus gekauft, sieht man von den Privatkäufen ab, die bei den knapp sieben Millionen Gebrauchtwagen, die jährlich umgeschlagen werden, immerhin rund die Hälfte ausmachen.
Den Neuwagen - dieses Jahr werden es wohl rund 3,2 Millionen in Deutschland werden - gibt es allen Unkenrufen zum Trotz immer noch nur beim Händler und noch nicht direkt aus dem Internet. Ausnahmen (Mercedes-Benz, Seat, Smart, Opel, Sonderverkäufe bei Volkswagen) bestätigen bisher die Regel.
Daß der Direkt-Autoverkauf über das Internet funktionieren kann, zeigt seit geraumer Zeit nicht nur die auf Jungwagen spezialisierte Truppe von Motena.de (hier werden aber noch herkömmliche Kaufverträge verschickt), sondern auch Daimler-Chrysler, denen man beim Internet-Verkauf durchaus eine Vorreiterrolle zusprechen kann.
Nicht nur, daß bestimmte Neuwagen übers Netz verkauft werden. Seit gut zwei Jahren werden elektronisch Jahres- und Werkswagen sowie Flottenrückläufer von Mercedes-Benz, die nicht älter als 18 Monate sind, offeriert. Im Angebot ist die gesamte Palette von A bis V, und der Kunde nimmt das Angebot offenbar an. 2002 wurden knapp 700 Fahrzeuge online abgesetzt, bei einem Umsatz von 16 Millionen Euro. Der durchschnittliche "Netz-Benz" hatte also einen Preis von knapp 22 900 Euro. Dieses Jahr werden deutlich mehr als 1000 Autos neue Besitzer finden, zur Zeit gehen 100 Fahrzeuge monatlich aus dem Computer in die Republik, sagt Robert Reiter von der deutschen Daimler-Chrysler-Vertriebsorganisation. Am beliebtesten sei die A-Klasse, gefolgt von der E- und C-Klasse.
Einfaches Prozedere
Das Prozedere ist relativ einfach. Es gilt, unter Mercedes-Benz.de die entsprechende Seite anzusteuern, und die Suche kann beginnen. 4860 Autos standen diese Woche zur Wahl. Wer einen SL oder einen ML sucht, hat zur Zeit Pech, es sind nur je zwei zu haben. Anders sieht das bei der E-Klasse aus, fünf "alte" sind zu haben und 254 Exemplare des aktuellen Modells. 83 von diesen Fahrzeugen sind weniger als 10 000 Kilometer gelaufen. Solche Fahrzeuge konkurrieren mit Neuwagen. Eine große Auswahl ist Voraussetzung für den Erfolg, denn anders als beim brandneuen Fahrzeug müssen die Ausstattung und die Farbe so genommen werden, wie sie sind.
Ist die Wahl getroffen, sichern 250 Euro Anzahlung per Kreditkarte den Vorgang. Der Clou bei Mercedes-Benz ist die Anlieferung des vollgetankten Fahrzeuges ohne weitere Kosten bis vor die Haustür des Kunden. Auch das Zulassen wird vorher erledigt und ist im Preis inbegriffen. Die dafür notwendigen Dokumente werden von einem Zustelldienst abgeholt. Der Restbetrag kann überwiesen werden, es ist aber auch eine Barzahlung bei Lieferung möglich. Wer will, kann eine entsprechende Finanzierung gleich online mitbestellen. Innerhalb von zehn Tagen nach dem entscheidenden Mausklick stehe das Auto vor der Tür, verspricht Reiter, der Kunde habe ein vierzehntägiges Widerrufsrecht. Trotz des umfangreichen Servicepakets liegen die Preise für die Fahrzeuge auf dem gleichen Niveau, das man von den Vertragshändlern und den Niederlassungen kenne.
Audi liefert an Händler nach Wahl
Audi hat seit wenigen Wochen ein ähnliches Angbot (www.audi.de). Es handelt sich ausschließlich um Werkswagen, die in der Regel weniger als 10 000 Kilometer gelaufen sind. Die meisten sind noch nicht einmal ein Jahr alt, Fahrzeuge, die nur sechs Monate auf dem Buckel haben, finden sich auch. Knapp 1300 Audis sind gelistet, und bisher setzt man sich in Ingolstadt relativ bescheidene Ziele: 200 Autos wollte man im Jahr an Privatpersonen verkaufen. Das ist eine niedrige Hürde, kein Wunder, daß man schon über Plan liegt. Audi schlägt jedes Jahr rund 30 000 Werkswagen um, bisher konnten sich nur die Händler aus diesem Pool bedienen. Wie bei Mercedes-Benz sind alle Autos garantiert unfallfrei und werden vor der Übergabe nochmals auf Herz und Nieren geprüft. Auch hier müssen 250 Euro angezahlt werden, um das Zulassen des Fahrzeugs muß sich der Kunde selbst kümmern.
Bei Audi kann man sich den neuen Wagen direkt zu einem Händler seiner Wahl liefern lassen (ohne zusätzliche Kosten), oder man macht sich den Spaß und holt den Wagen direkt in Ingolstadt ab. Im Kundenzentrum wird man behandelt wie ein Neuwagenkäufer (nur ist der Tank halb und nicht ganz voll). Man kann an einer Werksführung teilnehmen, das Museum besuchen und sich den ganzen Tag im Mövenpick-Selbstbedienungsrestaurant satt essen, ohne einen Cent zu bezahlen. Die Zahl der Personen ist offiziell nicht begrenzt. Mit einem Bus ist aber noch niemand gekommen, um seinen Audi abzuholen, lacht Pressesprecher Jürgen De Graeve. Das Erlebnis des Abholens im Werk beziehungsweise das Bringen im eigens dafür gebauten Lastwagen mag etwas für den eher nüchternen Bestellvorgang im Netz entschädigen.
Daß Jahreswagen im Vergleich zu einem Neuwagen extrem günstig sind, zeigt folgendes Beispiel aus der Praxis: Ein tatsächlich erworbener Audi A6 war online rund 5000 Euro billiger als ein entsprechender Neuwagen mit zehn Prozent Rabatt bei einer besseren Ausstattung (Automatik, Xenonlicht, Anhängerkupplung). Dank der großen Auswahl (rund 200 A6) kam das gekaufte Modell dem individuell zusammengestellten Wagen ziemlich nahe.
Es ist sicher nur eine Frage der Zeit, bis andere Hersteller, die über große Werksflotten verfügen (Opel, VW, Ford), mit ähnlichen Angeboten ins Netz gehen. Und eines ist auch klar: Ohne Händler, die Autos zum Anfassen haben, funktioniert der Internet-Verkauf nicht.