30.04.2008 · Auf der Messe Auto China ist vor allem Leistung ist gefragt, denn nirgendwo auf der Welt ist Leistungssteigerung weniger anrüchig als dort. Daher wollen deutsche Hersteller die chinesische Lust auf schnelle und starke Premium-Automobile befriedigen.
Von Michael KirchbergerWäre es eine Generalprobe für die Olympischen Spiele, sie wäre gnadenlos fehlgeschlagen. Die Messe Auto China (noch bis 28. April), in diesem Jahr alternierend zu Schanghai in Peking gehalten, ertrank beinahe in Schmutz, Regen und akustischer Sturmflut. Das neue Messegelände der chinesischen Hauptstadt, in seiner symmetrischen Anlage vergleichbar mit dem von München, nur ungefähr doppelt so groß, feierte eine Premiere mit Hindernissen. Wie etwa dem Verkehrschaos auf den Zufahrtsstraßen, die erst einen Tag zuvor ihre Asphaltdecke bekommen hatten. Oder den undichten Dächern, deren Durchlässigkeit den Regen mit dem feinen Baustaub in den eben erst fertiggestellten Hallen die Böden zu einem äußerst glatten Parkett machten.
Umso trittsicherer debütierten dagegen Neuheiten aus Deutschland. Als hätten sie es geahnt, stellten Audi, Mercedes-Benz und Porsche entweder neue Baureihen oder eine Variation des bestehenden, allradgetriebenen SUV-Angebots vor. VW nutzte die wichtigste Auto-Messe im zum zweitgrößten Markt der Welt avancierten China, um Neuheiten aus inländischer Produktion zu präsentieren. Mehr als neun Millionen Fahrzeuge wurden im vorigen Jahr verkauft, je nach Definition waren davon bis zu 6,5 Millionen Personenwagen, der Rest leichte und schwere Nutzfahrzeuge. In diesem Jahr wird vermutlich die Zehn-Millionen-Grenze überschritten, es kann daher nicht verwundern, mit welchen Anstrengungen besonders die deutschen Hersteller die schon beinahe als Sucht zu bezeichnende chinesische Lust auf schnelle und starke Premium-Automobile zu befriedigen suchen.
Audi zeigt den neuen Q5
Mit vier, nicht mit fünf Ringen am typischen Kühlergrill trotz aller olympischen Gedanken - der VW-Konzern ist Sponsor der Spiele - zeigt Audi den neuen Q5. Als kleinerer Bruder des mächtigen Q7 soll er im expandierenden Markt der gemäßigt großen SUVs Erfolge feiern. Das sollte ihm mit seiner gefälligen Form nicht nur in China gelingen. Aufgrund seiner Gestalt könnte er auch den Titel A4 Allroad Quattro tragen, martialisches Off-Road-Gehabe liegt ihm fern. Drei unterschiedliche Motoren, zwei Diesel und ein Benziner, stehen für den 4,63 Meter langen Wagen zur Wahl. Basis ist der 2.0 TDI mit 125 kW (170 PS), sein kräftigerer V6-Kollege bietet 175 kW (240 PS) aus drei Liter Hubraum. Der Benzinmotor mit direkter Kraftstoffeinspritzung und Turbolader holt aus zwei Liter Hubvolumen 155 kW (211 PS). Der Innenraum soll dank einer um zehn Zentimeter verschiebbaren, geteilten Rückbank mit Variabilität glänzen, 540 bis 1560 Liter passen ins Gepäckabteil. Der Q5 kommt im Herbst auf die Straßen, sein Einstiegspreis soll unter 40.000 Euro liegen.
Mercedes-Benz präsentiert den GLK, der zwar als gemäßigter Ableger des ML aufgestellt wird, aber deutlich ausgeprägtere Geländewagen-Züge als die ML-Modelle trägt. Allradantrieb gehört zum guten Ton, auf die Traktionskunst soll die scharf geformte Frontpartie aufmerksam machen. Eine Lamellenkupplung mit Verteilergetriebe gibt die Kräfte bedarfsgerecht an Vorder- und Hinterachse weiter. Basismodell der neuen, 4,53 Meter langen Baureihe ist der GLK 220 CDI mit seinem 125 kW (170 PS) starken Vierzylinder-Diesel, der gleich als konsumoptimiertes Blue-Efficiency-Modell für 40.141 Euro angeboten wird (Verbrauch 6,9 Liter für 100 Kilometer). Der kleinste Benziner ist der GLK 280 mit einem Dreiliter-V6 und 170 kW (231 PS). Die beiden Spitzen-GLK aus Diesel- und Otto-Abteilung, der 320 CDI (165 kW/224 PS) und der 350 CGI (200 kW/272 PS) kosten 46.035 Euro.
Der Expresszuschlag wird gleich einkalkuliert
Es steht das komplette Programm der Fahrerassistenzsysteme zur Verfügung, Marktstart ist im Oktober.VW zeigt die baugleichen Limousinen Lavida und New Bora, die speziell für den chinesischen Markt entwickelt wurden und auf der Basis des Golf IV stehen. Demnach gibt es keine Einzelradaufhängung, sondern eine Verbundlenkerachse unter dem Heck. Nur zwei Benziner sind im Angebot, der Diesel hat in China eben nur geringe Akzeptanz. Das Auto trägt entspannte Züge, sein Design stammt aus Deutschland, seine Bauteile dagegen aus einheimischer Produktion. Ein hoher Anteil daran stärkt die Erfolgschancen in einem Land, dessen Bewohner mit jedem Tag mehr Selbstbewusstsein entwickeln. Die eineinhalbeiigen Zwillinge kommen aus den unterschiedlichen Joint-Venture-Produktionen von VW in China. Während der im Innenraum eher konservativ gestaltete New Bora mit FAW in Changchun gebaut wird, entsteht der emotionaler ausgestattete Lavida in Zusammenarbeit mit SAW in Schanghai.
Porsche nutzt die Auto China in Peking, um stramm nachzulegen. Nirgendwo auf der Welt ist Leistungssteigerung weniger anrüchig als dort. So verstärkt die Sportwagenmarke die Cayenne-Baureihe mit dem Turbo S, einem Boliden unter den SUVs, der mit einer Leistung von 404 kW (550 PS) ideal für jene Chinesen ist, die gern auf ihren Autobahnen trotz Tempolimit Vollgas geben. Denn wer sich den Über-Cayenne leisten kann, wird die vergleichsweise geringen Strafen für zu schnelles Fahren im Land unter dem Posten „Expresszuschlag“ buchen und aus der Portokasse zahlen. Im August soll der Cayenne Turbo S in Deutschland debütieren, sein Preis liegt bei 132.774 Euro.
Der Smart soll 2009 auf chinesischen Straßen fahren
In China wird Porsche ihn für deutlich mehr Geld verkaufen, 1.811.600 Yuan zahlt der wohlhabende Chinese für ihn, gut 163.000 Euro. Am anderen Ende des automobilen Spektrums der deutschen Beteiligung auf der Auto China steht ein Kleinwagen. Smart will seinen Zweisitzer Mitte 2009 auf chinesischen Straßen ausführen, Daimler-Konzernchef Dieter Zetsche ist sich sicher, dass nach dem Einstiegserfolg des Smart Fortwo in den Vereinigten Staaten nun auch der chinesische Markt reif für ein kleines, umweltverträgliches Automobil sei. Das gesteigerte Umweltbewusstsein der Kunden im Reich der Mitte habe sich so weit entwickelt, dass sich der Smart als Mobilitätslösung für China anbiete. Der tumultartige Rummel auf dem Messestand der Marke zumindest schürt die Hoffnung auf Erfolg. Und macht endlich der Kopie Konkurrenz, die seit vorigem Jahr in China angeboten wird.
Aktuelle Neuigkeiten mit Europa-Relevanz gibt es bei den chinesischen Herstellern nicht zu entdecken. Einzig Brilliance präsentiert die Kombiversion der B6-Limousine, die wohl Anfang des nächsten Jahres ihren schwierigen Weg jenseits von Asien beginnen wird. Überraschend und wie eine zum Schmunzeln reizende, gekonnt vorgetragene Anekdote präsentiert die chinesische Marke Zyoti einen sehr originalgetreuen Nachbau des Fiat Multipla. Einer, dem der italienische Minivan offenbar nicht sympathisch war, macht aus seiner Häme kein Hehl: „Schön an den chinesischen Automarken ist, dass sie nun auch die hässlichen Autos aus Europa kopieren.“