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Auf Sonderfahrt 4: VW Golf Zimmer mit Aussicht, für kurze Zeit

30.10.2011 ·  Die „Autostadt“ von Volkswagen liefert jedes Jahr rund 165.000 Neuwagen aus. Einen VW Golf begleiten wir auf dem Weg hinaus ins Leben.

Von Rüdiger Abele
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© Rüdiger Abele Die erste Ausfahrt ins Autoleben: Seit der Eröffnung der Autostadt im Juni 2000 haben bislang 1,7 Millionen Neuwagen diesen Weg in die Welt genommen

Der Tag ist da. Der Golf ist bereit zur Auslieferung. Es ist die 25216168. Limousine, seit Volkswagen diesen Kompaktwagen 1974 auf den Markt brachte. Kein Auto bringt es auf eine größere Stückzahl, Rekord also.

Der candyweiße Golf wurde ganz nach Wunsch der Kundin gefertigt. Sie wählte den 1,2-Liter-TSI-Motor mit 63 kW (85 PS) und Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe DSG, Basispreis 21.075 Euro. Sie setzte zahlreiche weitere Kreuzchen bei der Bestellung für Sonderausstattung, beispielsweise: Leichtmetallräder „Pescara“ (56 Euro), Radio- und Navigationsgerät RNS 510 (2200 Euro), vier statt zwei Türen, inklusive elektrische Fensterheber hinten (990 Euro), Mobiltelefonvorbereitung „Premium“ (460 Euro), Rückleuchten in Leuchtdioden-Technik, dunkelrot (360 Euro), Xenon-Scheinwerfer inklusive Nebelscheinwerfer und LED-Tagfahrlicht (1510 Euro). Macht summa summarum 29.103 Euro.

Errichtet für den Käfer

Er lief im Stammwerk Wolfsburg vom Band, was ihm zusätzlich eine kleine Aura der historischen Originalität gibt. Die riesigen Produktionshallen mit ihren Backsteinwänden prägen das Bild der VW-Stadt bis heute. Errichtet wurden sie einst für den Käfer, der dort dann auch millionenfach hergestellt wurde.

Die Kundin hatte sich ebenfalls bei der Bestellung entschlossen, ihren Golf direkt in Wolfsburg zu übernehmen, in der Autostadt. Sie verband es mit einem Kurzaufenthalt dort, genoss im Rahmen des üblichen Abholer-Arrangements die Annehmlichkeiten des Nobelhotels Ritz-Carlton auf dem Gelände, hatte ein Zimmer mit Panoramablick auf das Werk, schwamm ihre Runden im geheizten, im Hafenbecken schwimmenden Pool und flanierte noch ausführlich durch die Autostadt mit seinen Pavillons zu allen Marken des VW-Konzerns, aß im Mövenpick-Restaurant biologisch-aufmerksam zum fairen Preis. Doch jetzt wird es Zeit für das neue Auto. Um 12.30 Uhr soll es zum ersten Treffen mit dem neuen vierrädrigen Lebensbegleiter kommen, so ist es vereinbart.

Letzter Handgriff vor der vollautomatisierten Fahrt

Die Maschinerie dafür setzt sich Stunden früher in Gang. Für das Auto beginnen die letzten Meter aus dem Werk in einer modernen Halle, die gleich an eins der ehrwürdigen Backsteingebäude geflanscht ist: der Einschleus-Punkt für die Autos, die in der Autostadt ausgeliefert werden. Vier Stationen gibt es, jeweils bestehend aus Gitterbox mit davorliegendem gelbgestreiftem Tor. „Handbremse anziehen“, steht dort als Mahnung an den Menschen, der den schneeweißen Golf dort abstellt. Der Mensch tut es, mechanisch, er macht es zigfach jeden Tag. Es ist der letzte Handgriff, bevor der Golf auf eine vollautomatisierte Fahrt geht. Auf der Armaturentafel liegt der papierne „Bereitstellungsauftrag“, komplett abgezeichnet. Ja, das Auto ist fertig.#

Startknopf. Das Tor geht auf. Zügig verlässt der Golf seine Box. Er steht auf Plattform 11, insgesamt 60 Stück davon gibt es in diesem geschlossenen System, sie fahren mit und ohne Auto obendrauf wie am Schnürchen umher. Eingehakt in ein Transportsystem, das jetzt diesen Golf ins Leben bringen wird. Links um die Ecke biegt er, geht auf eine Gerade direkt in Richtung Autostadt. Mit sehr schneller Schrittgeschwindigkeit ist er unterwegs. Gelangt in einen verglasten Tunnel, der über die „Mittelstraße“ des Werks führt. Erster und kurzer Ausblick des neuen Autos in die Welt, für vierzig Meter. Dann wieder ein neonbeleuchteter Tunnel. Eine Linkskurve. Vorbei an Steueranlagen, die nur im Notfall bedient werden. Kollege Computer hat alles im Griff in dieser Anlage. Der Golf wird flüssig gefördert. Aber er darf noch auf einen Zwischenausflug: in einen der beiden 48 Meter hohen Glastürme, jeder voll mit 400 Neuwagen und Wahrzeichen der Autostadt. Zackig links ums Eck, noch um 180 Grad gedreht, und unvermittelt steht die Plattform im Turmfuß.

Glasturm voller flammneuer Volkswagen

Der Golf 1.2 TSI wird umgeladen, aufgegabelt von einem weiteren Transportsystem, dass ihn auf seinen Sonderparkplatz bringen wird. Flott fährt es heran, verlangsamt sich erst auf den letzten Metern, schiebt sich unter den Golf, hebt ihn behutsam an, nimmt ihn von der Plattform, bewegt sich rückwärts. Und dann geht es ganz schön schnell in die Höhe. Auf der achten Ebene stoppt die Maschine, peilt die im Elektronenhirn hinterlegte Lücke an, bugsiert den Golf präzise hinein, stellt ihn auf die Betonplatte. Und verschwindet wieder in den Turm nach unten, um das nächste Auto zu holen.

Da steht der Golf nun in seinem Zimmer mit Aussicht, für kurze Zeit. Er sieht den zweiten Glasturm, voller flammneuer Volkswagen, jeder mit dem Gesicht nach außen plaziert. Er sieht einen Teil der Werksanlagen. Und er blickt weit Richtung Horizont - dorthin, wo er vielleicht schon bald rollen wird. Für ein Stündchen hat er Zeit, die Aussicht zu genießen.

Vor dem Rolltor wartet ein Mensch

Gegen 12 Uhr eilt der Transportroboter heran, pflückt den Golf aus der Parklücke, schwebt mit ihm herab, setzt ihn abermals auf einer Plattform ab. Wieder wird das Auto in die Tunnel gespeist, ein düsteres Stück, doch die Meter sind gezählt. Insgesamt rund 1,5 Kilometer hat der weiße Kompaktwagen automatisiert zurückgelegt. Nun wird es kurz vor ernst: Er wird hinter ein Rolltor gestellt. Und davor wartet ein Mensch.

Nein, nicht die Kundin. So weit ist es noch nicht. Erst wird noch routiniert das Autostadt-Magazin ins Fahrzeug gelegt, ein Geschenk des Hauses. Ein VW-Mitarbeiter setzt sich hinter das Steuer, lässt den Motor an und fährt den Golf eine Rampe hoch, in den „Finishing“-Bereich. Eine junge Dame steht bereit und widmet sich sogleich dem Fahrzeug, poliert die Motorhaube flink nach, kümmert sich um den ganz klaren Blick durch die Scheiben. Viel ist nicht zu tun, denn es ist ja ein Neuwagen, der glänzt und funkelt. Die Nummernschilder werden noch in die Halterungen geschoben, die Kundin hatte sie bei ihrer Ankunft in der Autostadt abgegeben, Fußmatten werden eingelegt. Fertig.

Geruch des frisch zubereiteten Autos

Jetzt geht es hinaus in die Auslieferungshalle. Präzise parkiert der Mitarbeiter das Fahrzeug, damit der Golf adrett im Licht steht, wenn der Blick der Kundin das erste Mal auf das Auto fällt, für das sie 29.103 Euro bezahlt und mehrere Monate gewartet hat.

12.30 Uhr. Die Kundin steht schon an der Tür, die ihrem Wagen am nächsten ist, die elektronische Anzeigetafel hatte ihr den Weg gewiesen. Die Spannung stieg merklich, als ihr Name an der Wand auftauchte. Nun nimmt sie eine Hostess im dunkelblauen Kostüm in Empfang, begrüßt sie. Geleitet sie, endlich, zum neuen Auto. Da steht er: Golf, candy-weiß, Leichtmetallfelgen, ganz im Glanz. Die Hostess lässt ihr den Begrüßungsmoment, der so mit der Würde des Akts gefüllt wird. Dann fragt sie, ob sie ihr noch etwas zeigen oder erklären könne. Das Navigationssystem programmieren könne. Die Kundin stimmt freudig zu, geht im Geiste die Ausstattungsliste durch und vergleicht den Neuen mit dem Bisherigen, was jetzt am anderen Ort zu finden ist, ihr neue Lernaufgaben geben könnte. Die dicke Bedienungsanleitung liegt im Handschuhfach. Sie freut sich aufs Schmökern. Sie nimmt den Geruch des frisch zubereiteten Autos wahr. Zelebriert wird noch das Foto am Fahrzeug, stolz steht sie neben ihrem Golf. Dann: Verabschiedung der überaus freundlichen Hostess. Sie und ihr Golf dürfen - mit zehn Liter Sprit im Tank - hinaus in die Welt, jetzt. Am Tor erhält sie noch das Erinnerungsfoto, blitzschnell vergrößert. Die Sonne scheint, Wolfsburg zeigt sich von einer schönen Seite. Das Schild weist nach rechts: „Ausfahrt“.

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