25.07.2011 · Von einer Ölquelle bis zur ersten Benzintankstelle der Welt: Geschätzte 50 Jahre vor dem Ausrollen des letzten Fahrzeugs mit Verbrennungsmotor sind wir mit dem ersten Elektroauto Mitsubishi i-Miev unterwegs auf den Spuren von Benzin & Co.
Von Rüdiger AbeleDie Stromspeicher sind voll. 16 Kilowattstunden hatte der i-Miev in der Nacht geschlürft, ab zwei Uhr, nachdem er leer vom vorherigen Tester zurückgekehrt war und für einen kurz unterbrochenen Schlaf eines Mitsubishi-Mannes sorgte, der ihn ans Stromnetz hängen musste. Elektroautos sind gefragte Stars in diesen Tagen.
Es tritt auf: ein Pionier seiner Spezies, das erste Elektroauto eines Großserienherstellers, das man hierzulande regelrecht kaufen kann. Für rund 35.000 Euro. Ein Kleinwagen, mit einer angegebenen Reichweite von maximal und sehr optimistischen 150 Kilometern und damit vor allem für den individuellen Personennahverkehr gedacht, ökologisch adrett.
Ein Pionier auch im Dienst dieser Geschichte. Denn mit dem i-Miev suchen wir an diesem Sommertag Erdöl, morgens um halb zehn in Deutschland. Geschätzte 50 Jahre vor dem Ausrollen des letzten Fahrzeugs mit Verbrennungsmotor auf dem Globus sind wir mit einem ersten Elektroauto unterwegs auf den Spuren von Benzin & Co.
Die Öl-Mannen staunen über das Mobil
Ortstermin in Landau/Pfalz. Hier, so hatten wir erfahren, liegt die Nussdorfer Scholle. Hier also, welch fröhlich-einfacher Denkansatz, sprudelt eine deutsche Ölquelle. Denn unser Land gehört ja zu den Fördernationen der Welt. Nordsee - das wäre die einfache Antwort zur Kreuzworträtselfrage nach einem Explorationsgebiet für deutsches Erdöl. Pfalz wäre die sophisticated Antwort, zwei Buchstaben weniger, jedoch voller Überraschungen.
Die erste: Der i-Miev ist das erste Elektroauto auf dem Werksgelände von Wintershall, eine BASF-Tochter und im Konzernverbund unter anderem fürs Fördern des schwarzen Goldes zuständig. Die Öl-Mannen staunen über das Mobil. Einer wird gefragt, ob er mal fahren möchte. Mit jeder Zelle seines Körpers signalisiert er totale Ablehnung: Nein! Auf keinen Fall! So muss es Bertha Benz bei ihrer berühmten Fernfahrt vor 125 Jahren gegangen sein und vor allem ihrem Ehemann Carl, 1886 offizieller Erfinder des Fahrzeugs mit eigenem Antrieb, genannt Automobil. Teufelszeug! Mördermobil! Gesundheitsgefahr! Der Patent-Motorwagen hatte es damals sicherlich nicht leicht, ein positives Image aufzubauen. Anders der i-Miev: Er hat es, aller Vorbehalte des Ölmannes zum Trotz.
Er fährt sich spektakulär-unspektakulär
Immerhin setzt dieser sich auf den Beifahrersitz, um übers Werksgelände mitzufahren. Das temporäre Team erledigt es fast wie echte Pioniere, mit vollem Vertrauen in die Technik und Verlässlichkeit. Nur von Verwegenheit ist wenig Spur, sie ist beim i-Miev nicht vonnöten. Er fährt sich spektakulär-unspektakulär. Doch dazu später. Erst noch geht es um diesen Natursaft, Lieferant magischer Kraft für die meisten unserer Alltagskutschen.
Die zweite Überraschung: Es gibt keine unterirdischen Ölseen. Nicht hier oder irgendwo auf der Welt, sagt man uns. Man verzeihe die Einfachheit des Denkens: Der Mensch, so die naive Annahme, findet einen schwarzen See in großer Tiefe voller Erdöl und pumpt das Zeug einfach nach oben. So, wie man mit einer Tauchpumpe den Gartenteich trockenlegt. Irrtum: Hier und überall auf der Welt ist das Öl stets ausschließlich in Gestein vorhanden, vollgesogen wie ein Badeschwamm, jedoch leider nicht so einfach auspressbar wie dieser. Hier setzt die hohe Kunst des tiefen Ausbeutens an: Die Schicht wird angebohrt, und zu Beginn der Förderjahre, in Landau auf 1955 zurückgehend, sprudelt es auch aus freien Stücken nach oben. Doch irgendwann lässt der Eigendruck nach, und man muss nachhelfen, was beispielsweise mit Hilfe von Wasser geschieht, das, nach unten gedrückt, den Stein durchströmt und der Ölige mitreißt. Nassöl heißt die Mischung. Oben angekommen, werden Öl und Wasser geschieden, und das Rohöl ist gefördert. Mit den Jahren sinkt der Ölanteil, und der des Wassers steigt, in Landau beträgt er aktuell 92 Prozent. Doch für die acht Prozent lohnt der Aufwand, sagt Wintershall.
Zeit zum Sinnieren über Öl, Strom und die Welt
Der i-Miev staunt still. Knapp 21.000 Tonnen Öl kommen in Landau jedes Jahr aus insgesamt 70 Bohrlöchern, aus einer Tiefe von bis zu 1300 Meter, mit einer Temperatur dort unten von gut 90 Grad Celsius, weil der tektonisch aktive Oberrheingraben das hergibt, statt andernorts üblichen 30 Grad. Die Menge klingt nach viel, doch sie ist nur ein Tropfen aus dem heißen Stein: Gerade mal ein Prozent des in Deutschland geförderten Erdöls stammt aus Süddeutschland von diversen Feldern, nicht nur aus der Pfalz, das Gros fließt aus Norddeutschland.
Der Dreh am Zündschlüssel des i-Miev, der nichts zündet, sondern dessen elektrische Anlage hochfahren lässt, bringt die „Ready“-Anzeige im Kombiinstrument zum Aufleuchten. Wir machen uns von der Scholle, schauen noch kurz bei „Landau 37“ vorbei, eine von 70 Gestängepumpen, die stoisch ihren Kopf auf und ab bewegt und Nassöl aus dem Boden zieht. Die nächste Station der Pionierfahrt lautet: die Miro-Raffinerie in Karlsruhe. Dorthin gelangt das Landauer Rohöl per Tankwagen, um in verschiedene Produkte zerlegt zu werden, Benzin ist eins davon. Wir rollen im i-Miev über gut 30 Kilometer dorthin: Zeit zum Sinnieren über Öl, Strom und die Welt, den Umbruch und den Aufbruch.
Alltag ohne Auto nicht mehr vorstellbar
Der Kleinwagen japanischer Provenienz surrt vor sich hin. Ein Schaltgetriebe hat er nicht, der Elektromotor lässt ihn auf Pedaldruck wie vom Gummiband wegschnellen. Aber das wirkt sich umgehend auf die Reichweite aus: Sie sinkt rapide, wenn den Batterien viel Energie entnommen wird. Wir müssen haushalten, es liegen noch zu viele Kilometer vor der Fuhre. So bleibt auch die Klimaanlage aus, trotz einer Außentemperatur von sommerlichen 30 Grad. Dem Pionier zieht Schweiß ins Hemd.
Er sitzt in einem Hoffnungsträger. Für die Welt, für viele Lebewesen, für Industrien. Denn beispielsweise die Kohlendioxid-Bilanz vieler Länder soll mit Hilfe von Elektroautos grüner werden, damit die Umwelt weniger belastet wird. Die Menschen hoffen auf Bewahrung ihrer Mobilität, die viele in den vergangenen 125 Jahren so sehr zu schätzen gelernt haben, dass sie sich ihren Alltag ohne Auto gar nicht mehr vorstellen können. Und Unternehmen und die Wirtschaft: Autohersteller benötigen marktgerechte Produkte für morgen, Ölkonzerne Alternativszenarien, Stromproduzenten wollen als Energielieferant mitmischen. Ein Umschwung steht bevor und hat auch bereits losgelegt, wenngleich es noch vielleicht zehn Jahre dauern mag, bis er sich merklich im Alltag niederschlägt. Vom i-Miev melden wir fürs Erste von unterwegs keinerlei Probleme. Er und auch andere Elektroautos stehen für die Fahrt in die Zukunft schon jetzt bereit. Sie würden wohl auch häufiger gekauft werden - wenn sie billiger wären.
Der Stromvorrat neigt sich dem Ende
Karlsruhe ist erreicht. Die Raffinerie breitet sich vor der Windschutzscheibe aus. Was wird hier in vielleicht 30 Jahren stehen? Immer noch eine Raffinerie? Ein Solarkraftwerk? Ein Wald?
Nach dieser Stippvisite geht es voller Zuversicht auf die Autobahn, denn die Route soll noch bis Wiesloch führen, 50 Kilometer entfernt. Die Ladeanzeige meldet genug Energie an Bord. Tempo 95, so hatte Mitsubishi geraten, sei ein guter Kompromiss zwischen Vorankommen und Stromverbrauch, ohne eilenden Lastwagen zu unangenehm in die Spur zu kommen. Munter geht die Fahrt voran, der ein oder andere Überholvorgang wird gar mit 105 km/h gewagt. Und immer noch scheinen die Stromspeicher hinreichend gefüllt zu sein. Also: Klimaanlage an, endlich in dieser Sommerhitze. Das Auto surrt voran, der Fahrer atmet von der Kühle.
Bis zum Walldorfer Kreuz. Da werden seine Nerven schwach. Denn der Ladestatus rauscht nur so hinunter, die Klimaanlage entpuppt sich als wahrer Killer der Anzeigesegmente und der Energiebilanz, und schließlich blinkt die Warnung: Der Stromvorrat neigt sich jäh dem Ende zu. Also Klimaanlage aus. Mit letzter Speicherkraft rollt der Mitsubishi i-Miev in der Innenstadt von Wiesloch vor der historischen Stadtapotheke aus. Hier hatte Bertha Benz im August 1888 Benzin für ihren dreirädrigen Motorwagen gekauft - es ist die erste Tankstelle der Welt. Eine Strom-Zapfsäule hat der fröhliche heutige Apotheker nicht zu bieten, doch ein Ladekabel, das würde er schnell hinauslegen. Das Elektroauto ist angekommen.
@ Michael Scheffler (Striesner)
Dietrich Ostermann (didio)
- 26.07.2011, 22:28 Uhr
@Herrn Ostermann
Michael Scheffler (Striesner)
- 26.07.2011, 14:39 Uhr
@ Marvin Parsons
Dietrich Ostermann (didio)
- 26.07.2011, 13:43 Uhr
@ Dietrich Ostermann
Marvin Parsons (mapar)
- 26.07.2011, 13:04 Uhr
@ Marvin Parsons
Dietrich Ostermann (didio)
- 26.07.2011, 11:44 Uhr