Ein Aston Martin Cygnet entsteht so: Man nimmt einen fabrikneuen Toyota IQ und zerpflückt ihn nach allen Regeln der Kunst. Schwere kosmetische Operationen finden statt an der Front und am Heck, Seitenschweller werden addiert, Attrappen sportiver Lufteinlässe hinzugefügt, Räder ausgetauscht, natürlich auch die Markenembleme. Ein neuer Lack kommt drauf. Beim Interieur wird entkernt: Heraus fliegen die Möbel nach Art eines auf Kante finanzierten Reihenmittelhauses mit Carport; Einzug hält die Designer-Einrichtung einer Villa in erster Lage mit Sechsfach-Garage.
Nach der Umwandlung vom Allerweltszwerg zum maximal noblen Minimum riecht dieser Wagen natürlich nicht nach Kunststoff, sondern nach: Leder. Wohin man schnuppert, wohin man blickt, wohin man fasst - ehrliche Haut mit wundervoll gemachten Nähten. Selbst an den Haltegriffen über den Türen, den Gurtschlössern, den Rändern der Fußmatten: Leder. Das Lenkrad, der Wählhebel des CVT-Getriebes: Kunsthandwerk. Alu-Applikationen da und dort und über allem ein Dachhimmel aus Alcantara.
Sind sie gerührt bei seinem Anblick?
Zwischen dem letzten Moment, in dem das Auto ein Toyota ist, und seiner Wiedergeburt als Aston Martin liegen 160 Mannstunden. Zum Vergleich: Für einen kompletten DB9, einen Aston Martin von der Sorte, die man eher mit James Bond in Verbindung bringt als einen Cygnet, benötigen die Mitarbeiter der Manufaktur in Gaydon, Warwickshire, 220 Arbeitsstunden. In dieser Hinsicht ist der Unterschied gar nicht mal so groß. Und was die Auswahl an Materialien und Farben, die Möglichkeiten des „Individualisierens“ betrifft, kann der Cygnet sich mit seinen berühmten Brüdern durchaus messen. Seine Botschaft: In der City braucht man keine 500 PS, hochfein geht auch in klein.
Öffnet man die Tür, erblickt man eine Metallblende mit der Schrift: „Handcraftet in England“. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man im Türrahmen gleich zwei Fahrgestellnummern, eine von Toyota, eine von Aston Martin. Im Fahrzeugschein ist die von Toyota vermerkt. Blickt man unter die Motorhaube, entdeckt man an Kühler und Motorblock: „Toyota“. Möchte man beim Öffnen der Motorhaube eines Aston Martin „Toyota“ lesen?
Hm. Vielleicht stellt sich diese Frage gar nicht. Als Besitzer eines Aston Martin lässt man unter die Motorhaube blicken. Und die Idee, das Winzige in die Sphären des Wohlstands zu transferieren, ist möglicherweise keine schlechte. Solch ein City-Accessoire gab es bisher nicht, ein Markt scheint vorhanden zu sein. Mehr als 400 Bestellungen liegen vor, wie der Hersteller wissen lässt.
In den wenigen Tagen, in denen uns ein Cygnet mit seiner Anwesenheit adelte, haben wir immer wieder darüber gegrübelt, was wohl Freunde der Marke von der Sache halten. Sind sie gerührt bei seinem Anblick? Oder schüttelt es sie? Im Umgang mit dem extrem kompakten Wagen vergewissert man sich stets aufs Neue durch einen Blick aufs Markenlogo, dass man es tatsächlich mit einem Aston Martin zu tun hat. Motor, Antrieb, Fahrwerk sind gegenüber dem IQ nicht angetastet. Aston Martin verwendet den stärkeren der beiden Toyota-Benziner, den 1,3-Liter-Vierzylinder mit 72 kW (98 PS) bei 6000/min und 123 Nm Drehmoment bei 4400/min. Das reicht für einen 0-auf-100-Sprint in etwa zwölf Sekunden, 170 km/h Höchstgeschwindigkeit und flottes Mitschwimmen auf Landstraße und Autobahn. Anstelle der Toyota-Nase hat der Cygnet eine Schnauze, die Prestige verleiht und der Anfang eines 4,70-Meter-Boliden sein könnte. Er endet allerdings abrupt schon nach drei Metern, was bei einem Basispreis mit stufenloser CVT-Automatik von 39.445 Euro einem Meterpreis von 12.800 Euro oder einem kompletten IQ in der einfachsten Version entspricht.
Aufs Pedal und ab die Post
Das schmalbrüstige Knurren des Motörchens ist nicht das, was man sich unter dem Sound eines Aston Martin vorstellt, jenseits von 100 km/h wird das Geräuschniveau im Innern störend. Vom Gefühl überschüssiger Leistung kann keine Rede sein. Muss ja auch nicht, es geht um ein Stadtfahrzeug. Der Cygnet bewegt sich leicht und spielerisch, er ist ein Meister des Hakenschlagens, des rechtwinkligen Abbiegens und des Nutzens von Parklücken, die eigentlich gar keine sind. Es gibt ihn auch mit Sechsgang-Schaltgetriebe (man spart 1450 Euro, Stopp-Start-System inklusive), doch an der Ampel trumpft er vor allem in Verbindung mit der stufenlosen Automatik auf: Fuß aufs Pedal und ab die Post. Das macht Spaß, obschon es sich wegen des gummibandartigen Leistungseinsatzes der Automatik mehr nach Motorroller als nach Moonraker anfühlt.
Feudal sind die Platzverhältnisse für Fahrer und Beifahrer. Wer sich in die zweite Reihe windet, findet dort ein Leder vor, das genauso anbetungswürdig verarbeitet ist wie vorn, aber viel zu wenig Raum für Köpfe, Schultern und Knie. Man kann sich dort als Yoga-Guru für eine Weile einklinken, sofern die Vorderleute ihren Stuhl nach vorne rücken. Wo andere Autos einen Kofferraum anbieten, hat diese Spezies eine Art Handschuhfach, deshalb wird man in der Regel die Rückenlehnen nach vorne klappen, um Ablagefläche zu schaffen. In diesem Fall entsteht ein für die gepflegte Boutiquen-Tour gut nutzbares Maß von 238 Litern.
Ein Knubbel von billiger Anmutung
Als Cygnet-Fahrer erwartet man Sparsamkeit allenfalls beim Verbrauch (nach Norm 5,2 Liter, unserer genehmigte sich 6,3 bis 7,0 Liter auf 100 Kilometer). Und in der Tat: Man wird von Stabilitäts-, Brems- und Traktions-Assistenten umsorgt, von Luxus umschmeichelt. Sitzheizung vorn, Parksensoren hinten, Regen- und Lichtsensoren, elektrisch einklappende Außenspiegel, Klimaautomatik sind an Bord. Dennoch ist es ein Luxus mit Lücken: spärliche Innenraumbeleuchtung, die aus einem einzigen Strahler neben dem Innenspiegel besteht, manche Hebel, Schalter, Displays noch original Toyota und frei von Glamour, Sitzverstellung nur manuell, nicht elektrisch, kein Komfortblinken (einmal tippen, dreimal blinken), eine Navigationsabteilung in Gestalt eines auf dem Armaturenbrett sitzenden Garmin-Nachrüstgeräts, das zugleich als Telefon-Freisprecher dient, die beiden Bedienknöpfe des Radios (am Lenkrad, der Beifahrer kann nichts einstellen) fummelig. Ein MP3-Spieler ist per Kabel ans Radio anzuschließen, kein drahtloses Verständnis also des Autos mit iPhone und Konsorten, wie man es auf diesem Niveau voraussetzt. Und der elektronische Fahrzeugschlüssel - Gentlemen, das geht so nicht - ist ein Knubbel von billiger Anmutung.
Aber: Der Cygnet bügelt das aus durch die volle Punktzahl in der Snobismus-Wertung. Und dadurch, dass einem Schulbuben vom Straßenrand hinterherrufen: „Ein Aston Martin!“
Verkaufszahlen sind unwichtig
Steffen Lantz (slantz)
- 02.10.2011, 11:28 Uhr
Misslungen
thomas Schlosser (MacUser23)
- 01.10.2011, 14:33 Uhr
Wichtige Auslassung
Johannes Nanz (jon503)
- 01.10.2011, 11:54 Uhr
