26.07.2008 · General Motors steckt in einer schweren Krise: Hohe Benzinpreise machen seine Spritschlucker-Marke Chevrolet zum Luxus. Ein Besuch bei Händlern liefert dafür einen traurigen Beleg. In den Häusern ist es wie ausgestorben.
Von Roland LindnerEs ist gespenstisch ruhig geworden im Autohaus von Thomas Mann. Die „Paramus Auto Mall“ in New Jersey rund dreißig Kilometer außerhalb von New York ist ein Händler für Chevrolet, die Massenmarke des Autokonzerns General Motors. Verkaufsleiter Mann vermisst die Zeiten, als hier noch ständig das Telefon geklingelt hat. Er kann die Stille sogar mit Zahlen belegen. Denn alles, was in dem Autohaus passiert, wird in Statistiken festgehalten und findet sich am Ende in einem Ordner auf Manns Schreibtisch wieder. Gerade einmal 146 Anrufe von potentiellen Kunden habe das Autohaus im Juni registriert, liest Mann von einer der Statistiken ab (gezählt werden nur solche, die echte Kaufabsichten äußern). Im gleichen Monat vor zwei Jahren waren es noch 400.
Das sind nicht die einzigen beunruhigenden Zahlen bei dem Chevrolet-Händler. Im Juni vor zwei Jahren hat das Autohaus 260 Fahrzeuge verkauft, in diesem Juni waren es 170 - ein Minus von 35 Prozent. Die schlechten Geschäfte wiederum haben den Betrieb zu einem drastischen Personalabbau gezwungen: Vor zwei Jahren gab es hier noch 97 Mitarbeiter. Heute sind es 62.
Sie konnten nicht genug von den Spritschluckern kriegen
Der amerikanische Automarkt liefert im Moment ein desolates Bild. In den vergangenen Monaten sind die Autoverkäufe in den Vereinigten Staaten regelrecht abgestürzt. Die immer neuen Rekordpreise für Benzin und die Immobilienkrise schrecken Amerikaner von der Anschaffung eines neuen Wagens ab. Besonders schlecht läuft das Geschäft mit den einstigen Lieblingsautos der Amerikaner: den großen sportlichen Geländewagen (SUV) oder Transportern (Pick-ups). Amerikaner konnten bis vor kurzem gar nicht genug von solchen Spritschluckern bekommen.
Die rasant steigenden Benzinpreise machen diese Fahrzeuge aber auf einmal zu Ladenhütern. Am härtesten trifft das die drei einheimischen Hersteller General Motors, Ford und Chrysler, die ihr Geschäft auf Geländewagen und Transporter ausgerichtet haben. Alle drei Hersteller machen Verlust. General Motors kommt kaum mit dem Sanieren hinterher: Innerhalb von wenigen Wochen hat das Unternehmen gleich zwei Restrukturierungsprogramme begonnen, um seine Kapazitäten zu kürzen und Geld zu sparen. Die Finanzmärkte fürchten um die Liquidität des Herstellers und sprechen sogar von Insolvenzgefahr.
„Die Leute haben Angst und halten ihr Geld zusammen“
Auch bei „Lynn Chevrolet“ ist die Trostlosigkeit zu spüren. Das kleine Autohaus in Kearny etwas südlich von Paramus ist an einem Mittwochnachmittag wie ausgestorben. „Unser Geschäft ist völlig zusammengebrochen. Ich bin seit zwanzig Jahren in diesem Laden, aber so schlimm war es noch nie“, sagt Verkäufer Thomas Culmone. Im Moment gebe es Tage, an denen nicht mehr als zwei Menschen durch die Ladentür kommen. Dabei ist hier in der Nähe von New York eigentlich eine recht wohlhabende Klientel zu Hause. „Aber die Leute haben Angst und halten ihr Geld zusammen. Das bekommt jeder zu spüren. Ein Freund von mir hat ein Weingeschäft, der macht auch 30 bis 40 Prozent weniger Umsatz.“ Culmone nimmt niemandem das Sparen übel, ihm geht es selbst nicht anders: „Ich bin früher ein- bis zweimal die Woche Essen gegangen. Jetzt leiste ich mir das vielleicht noch einmal im Monat.“
Für die Autohändler ist das Leben im Moment gleich in doppelter Hinsicht schwer: Nicht nur verkaufen sie weniger Autos, sie verkaufen auch aus ihrer Sicht die falschen. Denn mit Geländewagen und Trucks ist viel mehr Geld zu machen als mit gewöhnlichen Personenwagen: „Was würden Sie lieber verkaufen: einen Truck für 50.000 Dollar oder ein Personenauto für 25.000 Dollar?“, fragt Thomas Mann vom Autohaus in Paramus. Die lukrativeren Riesenautos werden nun aber verschmäht und stehen oft monatelang auf dem Gelände des Autohauses herum, bis sich ein Abnehmer erbarmt.
Kleine Personenwagen statt riesiger Trucks
Ganz anders sieht es beim Personenwagen Chevrolet Malibu aus, einem der wenigen Lichtblicke in der Produktpalette von General Motors. Malibus finden bei Thomas Mann oft am gleichen Tag einen Käufer, an dem sie im Laden ankommen. „Vor ein paar Jahren habe ich hier für jedes Personenauto drei SUV oder Trucks verkauft. Jetzt ist es eins zu eins.“ Ein Wunder sei das nicht, sagt Mann und zeigt auf einen Chevrolet Tahoe, einen riesigen Geländewagen: „Bei dem brauchen Sie 100 Dollar, um den Tank vollzukriegen. Und Sie müssen ziemlich oft zur Tankstelle fahren.“
Das Auto schaffe nur 16 Meilen je Gallone Benzin, das entspricht einem Verbrauch von 15 Litern auf hundert Kilometer. Amerikaner zahlen im Moment im Schnitt rund 4,10 Dollar (knapp 2,60 Euro) für eine Gallone (3,8 Liter) Benzin. Das ist im Vergleich zu Deutschland noch immer weniger als halb so teuer, aber für amerikanische Verhältnisse ist es ein schwindelerregend hoher Preis. Vor einem Jahr haben sie noch einen Dollar weniger für die Gallone bezahlt.
„Die Händler sind völlig davon überrascht worden, wie schnell sich die Nachfrage gedreht hat. Jetzt haben sie in ihren Häusern ein falsches Sortiment von Autos stehen, die niemand haben will“, sagt Paul Taylor, Chefvolkswirt beim Händlerverband National Automobile Dealers Association (Nada).
Gigantische Rabattaktionen
Vor lauter Verzweiflung geben die Hersteller und die Händler gigantische Rabatte auf die Ladenhüter. „Die Summen werden immer höher“, sagt Michael Bongiovanni, Manager im Chevrolet-Autohaus „Bellavia“ in East Rutherford in New Jersey. Bongiovanni holt einen Ordner heraus, auf dem die aktuellen Rabattaktionen von General Motors für die einzelnen Modelle aufgelistet sind. Reihenweise Beträge von mehreren tausend Dollar stehen da, Rekordhalter ist der Chevrolet Tahoe: Für das Modell gibt es einen Grundrabatt von 2000 Dollar, dazu kommen in der Sonderaktion weitere 4000 Dollar.
Zusätzlich zu diesen automatischen 6000 Dollar von General Motors würde Bongiovanni mit sich verhandeln lassen, auch von der Händlerseite noch einmal 4000 Dollar abzuziehen. Das heißt, für einen gut ausgestatteten Tahoe mit einem Listenpreis von 50 000 Dollar müsste ein Kunde am Ende nur 40 000 Dollar bezahlen. Bongiovanni trauert den Zeiten hinterher, als er an Samstagen 15 bis 20 Autos verkauft hat. Heute sind es sieben bis zehn.
Die Flaute bringt die Autohändler in eine prekäre Finanzlage. Autohäuser sind nach den Worten von Volkswirt Taylor ohnehin kein sonderlich profitables Geschäft, aber im Moment spitzt sich die Lage dramatisch zu: Für jedes verkaufte neue Auto macht ein Händler derzeit im Schnitt einen Verlust von 103 Dollar, rechnet Taylor vor. Vor einem Jahr habe es noch einen Verlust von 27 Dollar je Auto gegeben. Autohäuser können sich nur deswegen noch knapp in der Gewinnzone halten, weil das angeschlossene Geschäft mit Werkstatt und Zubehör gut läuft.
Schleichendes Sterben
Schon seit vielen Jahren beobachtet Taylor ein schleichendes Sterben im amerikanischen Autohandel, aber im Moment beschleunigt sich das Tempo. Nach seiner Schätzung werden in diesem Jahr 400 bis 600 Autohändler ihr Geschäft aufgeben, in besseren Jahren seien es nur 100 bis 200. Wenn Taylor mit seiner Prognose recht behält, würde es Ende des Jahres noch knapp über 20.000 Autohändler in den Vereinigten Staaten geben. Ende der achtziger Jahre waren es noch 25.000. Besonders stark ausgedünnt hat sich das Händlernetz der amerikanischen Hersteller. Allein bei General Motors haben in den vergangenen zweieinhalb Jahren 635 Autohäuser kapituliert.
Die Händler suchen die Schuld für die Misere nicht bei General Motors. Im Gegenteil: Sie meinen, das Unternehmen habe in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. „Wir haben jetzt endlich richtig gute Autos, die es mit jedem Wettbewerber aufnehmen können“, sagt Thomas Mann. In den Köpfen der Amerikaner sitzt freilich noch immer der schlechte Ruf der einheimischen Marken fest, die im Vergleich zu japanischen Herstellern wie Toyota als qualitativ minderwertig gelten. General Motors zahle eben bis heute für die Fehler der Vergangenheit, meint Mann. Die amerikanischen Hersteller hätten sich vor lauter Selbstgefälligkeit lange Zeit zu wenig angestrengt und damit den Aufstieg der Japaner ermöglicht. Aber dafür will Mann nicht die heutige Unternehmensführung verantwortlich machen: „Ich glaube, Rick Wagoner ist der Richtige für den Job“, sagt er über den umstrittenen Vorstandsvorsitzenden von General Motors.
Mit Hummer könnte es noch schlimmer sein
Verbandsvolkswirt Taylor erwartet eine Erholung im Automarkt erst im Jahr 2010. Den Schlüssel zu einem Aufschwung sieht er im Häusermarkt. „Die Immobilienpreise müssen nach oben gehen. Es hängt vor allem vom Wert des Eigenheims ab, wie vermögend sich Amerikaner fühlen.“ Dieser gefühlte Wohlstand ist für die Konsumfreude entscheidend. Für Amerikaner kommt es traditionell nicht so sehr darauf an, wie viel Geld sie tatsächlich auf dem Konto verfügbar haben. Sie kaufen auf Pump, und das gilt vor allem für Autos. Gerade einmal 6 Prozent aller Autos in Amerika werden nach Angaben von Taylor sofort voll bezahlt, der Rest wird mit Krediten finanziert. Die durchschnittliche Anzahlung liegt bei mickrigen 5 Prozent. Das heißt, bei einem durchschnittlichen Verkaufspreis von 28.270 Dollar legen Amerikaner nicht einmal 1500 Dollar sofort auf den Tisch.
Autohändler Thomas Mann kann sich zumindest damit trösten, dass alles noch viel schlimmer sein könnte. Früher hat sein Autohaus neben Chevrolets auch die monströsen Geländeautos der Marke Hummer verkauft. Die Hummers hatten lange Zeit Kultstatus: Sie sehen aus wie Militärfahrzeuge und waren so etwas wie das Symbol für die Vorliebe der Amerikaner für möglichst große Autos. Jetzt machen die hohen Benzinpreise diese Spritschlucker zu einem Luxus, den sich immer weniger Menschen leisten können. Entsprechend ist das Hummer-Geschäft fast zum Erliegen gekommen, und General Motors hat die Marke kürzlich zum Verkauf gestellt. Das Autohaus in Paramus hat die Marke schon vor zwei Jahren abgespalten, seither werden Hummers bei einem eigenen Händler ein paar Kilometer weiter nördlich verkauft. Thomas Mann ist froh, dass er Hummer los ist, denn damit hat er eine Sorge weniger: „Als Hummer noch bei uns war, haben wir 90 Stück im Monat verkauft. Im neuen Haus sind es jetzt noch 20.“