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America's Cup Spiel ohne Grenzen

07.01.2010 ·  Nur fünf Wochen sind es noch, bis vor Valencia die Rennen um den 33. America's Cup beginnen sollen. Eine Seeschlacht steht bevor, ein Duell wie noch keines zuvor. Wir blicken ins Innere eines America's-Cup-Syndikats, staunen zutiefst und erschauern.

Von Walter Wille
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Plötzlich scheint alles ganz schnell zu gehen. Nur fünf Wochen sind es noch, bis vor Valencia die Rennen um den 33. America's Cup beginnen sollen. Die Segelwelt hat das lange herbeigesehnt. Doch wenn man nun mit pochender Vorfreude darüber nachdenkt, die Bilder von zwei bizarren, zerbrechlich wirkenden Apparaten betrachtet und tief durchatmet, dann können einem schon Bedenken kommen: Meinen die das wirklich ernst? Geht das gut?

Was sich da anbahnt, ist ein denkwürdiges Aufeinandertreffen: Frankensteins vom Blitz gezeugtes Monster und ein Sputnik, der zwar noch in der Entwicklungsphase ist, mit dem aber schon mal ein paar Menschen in die Umlaufbahn geschossen werden sollen, weil die Zeit drängt. Beide Geschöpfe sind nicht ganz einfach zu kontrollieren.

Russell Coutts spricht vom „Kampf der Titanen“. Der neuseeländische Segel-Heroe und Geschäftsführer des amerikanischen Teams BMW Oracle Racing findet nicht nur das eigene Boot bemerkenswert, auch vor dem des Schweizer Konkurrenten und Titelverteidigers Alinghi hat er höchsten Respekt. „Beide Boote gehören zu den coolsten, die jemals gebaut wurden.“

Erstaunlich, aber logisch: Die Zeitspanne, die zu den verworrensten, am meisten vergifteten der mehr als 150 Jahre währenden Pokalgeschichte zählt, bringt zwei der interessantesten und allem Anschein nach die schnellsten Rennmaschinen aller Zeiten hervor. „In 100 Jahren“, prophezeit Tom Ehman, Sprecher des Teams BMW Oracle, „werden die Leute im New York Yacht Club die Modelle dieser beiden Boote betrachten und sie als etwas ganz Spezielles würdigen.“ Wie ihre Vorgängerinnen seit 1851 werden diese beiden Kohlefaserklipper einen Platz in den ehrwürdigen Räumen bekommen. Wir werden unsere Nachnachnachfolger in der Redaktion anweisen, Ehmans Voraussage zu überprüfen.

Historisches wird geboten

Nach Ankündigung der Akteure wird dem Segelvolk Historisches geboten. Hoffentlich weiß das Volk das zu würdigen. Im Verlauf der vergangenen zweieinhalb Jahre hatte es den Eindruck bekommen, im America's Cup herrsche bei totaler Zerstrittenheit totaler Stillstand. Die Truppen der Milliardäre Ernesto Bertarelli aus der Schweiz und Larry Ellison aus den Vereinigten Staaten vermochten sich nicht auf Regelwerk und Bootsklasse für den 33. Cup zu einigen, führten wortklaubend Kampagnen gegenseitiger Vorwürfe der Unfairness, hielten sich juristisch mit schwerem Geschütz in Schach wie Ost und West im Kalten Krieg. Das verhinderte einen Wettbewerb mit vielen Herausforderer-Teams, führte zu einer vertrackten Situation, über die schließlich jeder unglücklich war. „Das war vermeidbar“, seufzt Coutts. „Wir haben viel zu viel Zeit vor Gericht verbracht.“ Alle sind froh, dass die Sache vom 8. Februar an auf dem Wasser ausgetragen wird.

Und wie. Die Altvordern scheinen vorausgesehen zu haben, dass Rechthaberei und Streiterei den Cup komplett lähmen können, bauten für einen solchen Fall Plan B ins Regelwerk ein - ein Duell mit Booten freier Bauart, für die es, abgesehen von der maximalen Länge in der Wasserlinie von 90 Fuß (etwa 27 Meter), wenige weitere Vorschriften gibt. Deshalb kommt es nun zum Kräftemessen zweier gleichermaßen kraftstrotzender, allerdings extrem unterschiedlicher Giganten: Katamaran hier (Alinghi), Trimaran (BMW Oracle) dort. Im Gegensatz zu früheren Veranstaltungen mit trägen Einrümpfern, als Klassenregeln die Bewegungsfreiheit von Ingenieuren und Konstrukteuren rigide begrenzten, handelt es sich diesmal um ein Spiel ohne Grenzen.

„Heute geht's um 20 Prozent“

Die Folgen der Freiheit sind atemraubend. „Früher waren 10 Knoten eine gute Geschwindigkeit, heute reden wir über Höchstgeschwindigkeiten von 40 Knoten. Früher haben wir Fortschritte in Ein-Prozent-Schritten gemessen, manchmal in Zehntel. Heute geht's um 20 Prozent“, erklärt Ian Burns, der australische Design-Koordinator des amerikanischen Syndikats, das uns kürzlich einen tiefen Einblick in sein Innenleben erlaubte. Der nachhaltigste Eindruck dabei: Entwickler, Bootsbauer haben in den vergangenen Monaten geschuftet wie wild.

Die Abwesenheit von Regeln, die Unendlichkeit der Möglichkeiten beim Bau machten die Sache nicht einfacher, sondern viel schwieriger, hebt Burns hervor. Die ganze Zeit habe Ungewissheit darüber geherrscht, wann an welchem Ort bei welchen Wind- und Wellenverhältnissen gesegelt und wie wohl das Boot des Gegners aussehen werde. Unter diesen nebulösen Umständen entschied sich BMW Oracle für einen „Allrounder“ als Basis weiterer Tüfteleien, einen Trimaran.

Rund 70 Milliarden Daten verarbeitet

Seit seiner Fertigstellung wird er permanent modifiziert, hecheln die Techniker neuen Erkenntnissen und juristischen Entwicklungen hinterher. Mit dem, was man beim Stapellauf im Herbst 2008 zu sehen bekam, besteht heute nur noch eine grobe Ähnlichkeit. 110.000 Stunden Arbeit von Designern stecken drin plus 150.000 Bootsbaustunden. Von einer besonders hochwertigen Karbonfaser, die 1200 Dollar je Kilo kostet, hat man sich 4000 Kilo besorgt. Seitenschwimmer, Rigg, Rumpfsektionen wurden ausgetauscht, an jedem Fitzelchen wird herumgefeilt, und das wird bis Anfang Februar so weitergehen. Das Boot ist eine Dauerbaustelle, die zwischendurch segeln geht.

An einem Testsegeltag werden über unzählige Sensoren 26.500 einzelne Daten gesammelt - in der Sekunde. Bisher hat man Burns zufolge rund 70 Milliarden davon verarbeitet, um zu klären, wie weit man mit dem schwer zähmbaren Biest gehen darf, das schon bei lachhaften 10 Knoten Wind kentern kann. Burns: „Das leichtere Boot gewinnt. Aber je leichter, desto geringer ist der Sicherheitsfaktor.“ Mit wie viel Risiko kann man leben? Das ist die Frage der Fragen.

„Rallyefahrzeug in einen Formel-1-Renner verwandelt“

Innerhalb eines guten Jahres wurde Burns zufolge die Leistungsfähigkeit des Trimarans um 20 Prozent gesteigert; die jetzige Ausbaustufe würde das Originalboot im Rennen 20 Minuten hinter sich lassen. Thomas Hahn, in die Entwicklung eingebundener BMW-Ingenieur, formuliert es so: „Wir haben ein Rallyefahrzeug in einen Formel-1-Renner verwandelt.“

America's Cup ist auch Poker, und weil niemand sich gern in die Karten schauen lässt, sind Bluff und Spionage elementare Bestandteile des Spiels. BMW Oracle legte als Erster ein Blatt auf den Tisch, präsentierte sein Boot, Alinghi antwortete mit einem verblüffend filigran anmutenden Katamaran, und nicht wenige Beobachter sahen die Schweizer im Vorteil, besonders bei leichtem Wind. BMW Oracle reagierte mit weiteren Umbauten, zog vor einigen Wochen seinen Joker aus dem Ärmel, einen Flügelmast. Seitdem werden wieder Wetten auf Ellisons Krake abgeschlossen.

Die 57 Meter hohe, etwa 3,5 Tonnen wiegende Tragfläche (beschrieben in unserer Ausgabe vom 15. November) eröffnet der Crew „eine neue Welt“, wie der Franzose Joseph Ozanne, Luftfahrtspezialist im Designteam, angibt. „Wir haben die Welt der Luftfahrt und des Yachtsports zusammengeführt.“ Die Form des aus einem beweglichen Vorderteil und elf einzeln per Seilzug verstellbaren Klappen bestehenden Flügels sei jederzeit optimal einzustellen, viel besser, als das bei einem weichen Segel möglich sei - und das bei wesentlich geringeren Lasten auf dem Boot. Bei Alinghis Extrem-Geschoss zum Beispiel übt, wie Teamchef Brad Butterworth neulich vorrechnete, der Mast auf einer Fläche von einem Tennisball einen Druck aufs Gestell aus, der 50 übereinandergestapelten Geländewagen entspricht.

Entsetzt war man im Lager von BMW Oracle

Als BMW Oracle vor gut neun Monaten beschloss, den einzigartigen Riesenflügel zu bauen, war das „ein großes Risiko“, berichtet Burns. „Denn das Teil hat drei Viertel unserer Kapazitäten gebunden. Glücklicherweise war es die richtige Entscheidung. Wir sind dermaßen zufrieden mit dem Wing, dass wir ihn auf jeden Fall im Rennen nutzen werden.“ Auch Coutts schwärmt: „Der Flügel hat ein erstaunliches in ein spektakuläres Boot verwandelt. Noch nie hat es ein so leichtes Boot mit derart viel Kraft gegeben.“ Doch räumt er zugleich ein, dass das eigenartige Gebilde mit all seinen Klappen nicht einfach zu beherrschen sei. „Das muss man erst mal begreifen.“

Entsetzt war man im Lager von BMW Oracle zunächst, als Alinghi erstmals in der Cup-Geschichte den Einsatz eines Motors vorantrieb - nicht als Antrieb, versteht sich, sondern als Kraftquelle für Hydraulikzylinder und Winden. Das hat weitreichende Folgen: Die Crew schrumpft von 18 auf sieben oder acht Mann, denn die muskelbepackten Hünen an den Kurbeln sind arbeitslos geworden. Das Deck - ursprünglich ganz auf den Grinder-Betrieb ausgelegt, musste komplett umgebaut werden.

Wenn nicht doch noch etwas dazwischenkommt

Russell Coutts - hier mehr Segler als Geschäftsführer - ist über das neue Knopfdrucksegeln nicht glücklich, findet es „traurig“, dass die Grinder ausgebootet sind. Doch ist die Manneskraft bescheiden im Vergleich zu der des BMW-Diesels, der eingebaut wurde und 170 PS leistet. Acht 120 Kilo wiegende Kurbler, hat man ausgerechnet, können höchstens vier bis fünf PS mobilisieren, und das nur zehn Sekunden lang. Ein Wendemanöver, das früher sechs Minuten gedauert hat, lässt sich dank Dieselpower in weniger als 20 Sekunden erledigen.

Der America's Cup war schon bisher nicht nur Segel-, sondern auch Bootsbauwettbewerb, getrieben von Forschung und Fortschritt. Aber Hydraulik, Knopfdruck, Motoren, Flügel - ist das der richtige Weg? „So sind zurzeit die Regeln. Ich hoffe nicht, dass das auf Dauer so sein wird. Es ist viel zu weit gegangen“, meint Coutts, der den Cup dreimal gewann (1995 und 2000 mit dem Team New Zealand, 2003 als Alinghi-Skipper). Bloß: Eine Rückkehr zu den gewohnten, schwerfälligen Bleitransportern ist nur noch schwer vorstellbar. Für Alinghi-Mann Butterworth repräsentieren die Neuen modernste Technik und Segelspaß zugleich: „Wir sollten ernsthaft überlegen, in Zukunft einen Multi-Challenger-America's-Cup auf Mehrrümpfern durchzuführen.“

Die 33. Ausgabe wird schon mal eine aufregende werden. Wenn nicht doch noch etwas dazwischenkommt - man weiß ja nie -, findet am 8. Februar die erste Wettfahrt statt, am 10. die zweite, am 12. eine eventuell notwendige dritte. Die Gegner verhandeln darüber, ob man die Sache nicht von vornherein verlängern sollte. Zu begrüßen wäre das, denn es wäre jammerschade, wenn es so schnell vorbei sein würde. Aber halten die Dinger überhaupt so lange?

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Geboren am 10. Dezember 1959, Redaktion „Technik und Motor“

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