08.11.2008 · Ein voller Tank in einem Mittelklasseauto für 20 Euro: Das ist Balsam für die Brieftasche des geplagten Autofahrers, und mit einem Erdgasfahrzeug wird aus dem Traum von günstiger Mobilität eine schöne Wirklichkeit.
Von Michael SpehrErdgas und Autogas sind derzeit als alternative Kraftstoffe mit geringeren Emissionen ein Modethema. Die Nachfrage steigt, und ein cleverer Fahrzeughersteller wie Chevrolet verspricht gar beim Kauf bestimmter Aktionsmodelle eine Autogas-Anlage ohne Aufpreis. Erdgas (CNG, Compressed Natural Gas) besteht zum größten Teil aus Methan und kommt in natürlichen Lagerstätten vor. Es ist leichter als Luft und wird im Fahrzeug gasförmig bei 200 bar in großen und schweren zylindrischen Tanks gespeichert. Autogas (LPG, Liquified Petroleum Gas) aus Propan und Butan fällt in der erdölverarbeitenden Industrie an, es ist schwerer als Luft und gelangt flüssig mit rund 10 bar in den Tank, der weniger voluminös als der Erdgastank ist.
(Am Beispiel Chevrolet Matiz 0.8 S: Autogas für den kleinsten Chevy)
Während die Umrüstung auf Autogas sehr populär und unkompliziert ist, kauft man ein Erdgasmodell wegen des deutlich höheren Aufwands besser direkt ab Werk. Seit 1994 gibt es davon in Deutschland Serienfahrzeuge, derzeit sind rund 60.000 zugelassen. Weil die Besteuerung für Erd- und Autogas bis Ende 2018 auf den EU-Mindeststeuersatz festgeschrieben ist, kann man nach jedem Tanken das Sparschwein füttern: Ein Kilogramm Erdgas, das etwa den Brennwert von 1,5 Liter Superbenzin hat, kostet momentan rund 1 Euro. Zu unterscheiden ist zwischen H-Gas mit höherem Energiegehalt und dem überwiegend in Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen angebotenen, günstigeren L-Gas mit geringerem Methananteil. Ein Liter Autogas ist für 0,73 Euro zu haben, wobei man allerdings wissen muss, dass ein Fahrzeug damit rund 10 Prozent mehr verbraucht als im Benzinbetrieb.
Versorgung mit entsprechenden Tankstellen?
Damit ist gleich die Frage der Versorgung mit entsprechenden Tankstellen aufgeworfen. Von den 15.000 Zapfstellen in Deutschland führen rund 4000 Autogas, aber nur 800 Erdgas. Wir sind das Abenteuer eingegangen und fuhren jeweils zwei Wochen den Opel Zafira 1.6 CNG Eco Flex und den VW Touran 2.0 Eco Fuel, also die familienfreundlichen Minivans mit viel Stauraum und einer dritten Sitzreihe. Ein sehr kleiner Benzin-Reservetank (Opel: 14, VW: 13 Liter) ergänzt den Erdgastank (Opel: 21, VW: 18 Kilogramm). Beide sind in der Schadstoffklasse Euro 4 eingestuft und werden wie ein Benziner nach Hubraum besteuert. Die Motoren haben die Hersteller mit einer höheren Verdichtung auf den CNG-Betrieb abgestimmt. Erdgas hat eine Oktanzahl von 130 und ist damit sehr klopffest.
Die Reichweite der beiden im Erdgasbetrieb liegt bei 265 (VW) und 320 Kilometer (Opel), so beginnt schnell die Mühsal der Tankstellensuche. Bei uns war die nächste von zu Hause aus 25 Kilometer entfernt, aber zum Glück nahe dem täglichen Weg zur Arbeit. Nun sollte man annehmen, dass moderne Navigationssysteme die lästige Suche erleichtern, zumal in unseren Fahrzeugen die teuren und hochwertigen Anlagen aus der Werksausrüstung eingebaut waren. Aber Fehlanzeige. Das DVD-90-Navi im Zafira hat gar keine Erdgastankstellen verzeichnet. Es führt zwar zu den Zapfstellen, es fehlt aber ein Eintrag über die vorhandenen Kraftstoffsorten sowie die gezielte Suche nach diesen. Im Touran kennt der Kopilot RNS 510 zwar Erdgas- und Autogastankstellen, beherrscht auch die Suche nach den nächsten in der Umgebung. Es fehlt aber das entscheidende Detail, diejenige Tankstelle entlang der Route zu finden, deren Anfahrt nur einen möglichst kleinen Umweg bedeutet. Als wir von der A3 bei Bad Camberg in Richtung Bad Homburg fuhren, wollte uns RNS 510 zum Tanken wahlweise nach Wiesbaden oder Frankfurt leiten: ein Umweg von zweimal 35 Kilometer, und die Entfernungsangaben im Navi-Display entsprechen nur der Luftlinie. Das alles ist sehr unbefriedigend.
Längere Touren plant man am besten vorab im Internet
Auch bei den Routenführern zur Nachrüstung sieht es mau aus: Weder Tom Tom und Navigon noch das Handy-Navi von Nokia kennen Erdgastankstellen. Allerdings gibt es auf der Internetseite www.pocketnavigation.de ein „Overlay“ für verschiedene Nachrüst-Navis. Längere Touren plant man jedoch am besten vorab im Internet, etwa auf www.gas24.de, wo nach Eingabe von Start und Ziel alle CNG-Zapfstellen entlang der Route angezeigt werden. Bisweilen sind selbst bei kluger Planung Umwege zu fahren, herunter von der Autobahn und 15 Kilometer zur nächsten Gemeinde. Oder man findet zwischen Nürnberg und München auf der A9 nur eine Tankstelle bei Ingolstadt. Das macht das Fahren unkommod, von Reisen ins europäische Ausland gar nicht zu reden. In Dänemark, Belgien und Portugal gibt es keine, in Frankreich und Großbritannien weniger als 20 Zapfstellen. Gut versorgt ist man in Italien (620), Österreich (125), der Schweiz und Schweden (rund 100). Wer sich auf Erdgas einlässt, sollte also zunächst sein Fahrverhalten gründlich analysieren.
Angst vor dem Erdgas muss man übrigens nicht haben. Alle Crashtests zeigen, dass der Tank bei Unfällen keine Explosionsgefahr bedeutet. Die Tanks müssen einem Berstdruck von 600 bar standhalten, Sicherheitsventile sorgen dafür, dass im schlimmsten Fall das Erdgas kontrolliert entweicht. Weil es leichter als Luft ist, verflüchtigt es sich. Es gibt deshalb auch keinen rechtlichen oder technischen Grund für ein Verbot von Erdgasautos in Tiefgaragen. Entsprechend wurden die Garagenverordnungen der Bundesländer schon vor Jahren geändert.
Opel Zafira ist eines der meistverkauften Erdgasautos
Der Opel Zafira 1.6 CNG ist eines der meistverkauften Erdgasautos. Er kostet in der Basisausstattung 24 210 Euro, 2430 Euro mehr als der kleinste 1,6-Liter-Benziner, der freilich mit 85 kW (115 PS) etwas stärker motorisiert ist. Der CNG muss sich mit 69 kW (94 PS) bescheiden und ein Leergewicht inklusive Fahrer von 1665 statt 1505 Kilogramm vorantreiben. Weil die Stahltanks unterflur installiert sind, ist der Innenraum gewohnt variabel.
Das Cockpit des CNG entspricht dem seiner Brüder. Die Ausnahme ist eine simple Taste in der Mittelkonsole, mit der man (auch während der Fahrt) zwischen Erdgas- und Benzinmodus wechselt. Der Zeiger der Tankuhr stellt sich dann ebenfalls flink um. Es gibt also nur ein Instrument, und man muss wissen, dass die leuchtende Umschalttaste für den Benzinbetrieb steht. Mehr Hinweise gibt es leider nicht. Weiterhin hat Opel alle Verbrauchsangaben aus dem Programm des Bordcomputers gestrichen. Der Zafira CNG schaltet sofort nach dem Anlassen auf Erdgas, während bei vielen anderen Fahrzeugen - auch beim VW Touran - die Steuerung erst bei erreichter Betriebstemperatur des Motors auf CNG wechselt. Ist der Gastank leer, erfolgt automatisch die Umstellung auf Benzinbetrieb. Hinter der Tankklappe befinden sich wie beim Touran nun zwei Einfüllstutzen. Das Betanken mit Erdgas ist zwar zeitraubend, aber einfach.
Jedes Beschleunigen und jede Steigung wird zur Geduldsprobe
Begeisterung kommt indes beim Fahren nicht auf: Ist schon der 1,6-Liter-Basis-Benziner kein Elastizitäts- und Beschleunigungswunder, erweist sich der Zafira im Erdgas-Betrieb als träges Brauereipferd, mit dem jedes Beschleunigen und jede Steigung zur Geduldsprobe werden. Von 0 bis 100 km/h vergehen quälende 18 Sekunden, und für den Spurt von 80 auf 120 km/h lässt er sich eine halbe Minute Zeit. Nur mit dem Fahrer besetzt, wohlgemerkt. Ein voll beladener Zafira wiegt mehr als zwei Tonnen, und um sie souverän in Bewegung zu halten, taugt der Motor nicht. Das maximale Drehmoment von 133 Newtonmeter liegt erst bei 4200 Umdrehungen an, schon bei moderaten Steigungen fährt man in kleinen Gängen mit hohen Drehzahlen. Gemütliches Reisen auf der Autobahn bei 130 bis 140 km/h ist schon eher hinnehmbar, aber nur bis zum nächsten Anstieg. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 165 km/h, im Benzinbetrieb erreicht er mehr Tempo (176 km/h) und spurtet etwas flotter (14,5 Sekunden von 0 auf 100). Der CO2-Ausstoß liegt im Erdgas-Betrieb bei 138, für den 1,6-Benziner bei 169 g/km.
Den Wechsel vom Zafira zum Touran 2.0 Eco Fuel empfanden wir als wohltuend. Nicht, dass der Volkswagen viel Fahrspaß, Kraft und Dynamik bieten würde. Aber mit dem Zweiliter-Vierzylinder und seinen 80 kW (109 PS) ist man deutlich flotter unterwegs und seltener ein Hindernis auf der linken Autobahnspur. Der Sprint auf 100 km/h ist in 13,5 Sekunden absolviert, und die Beschleunigung von 80 bis 120 km/h in 19. Bei 3500 Umdrehungen in der Minute liegt das maximale Drehmoment von 160 Newtonmeter an. Das alles sind keine spektakulären Werte, aber wenn es dem Sparen und der Umwelt dient, kann man damit leben. Die Spitzengeschwindigkeit von 180 km/h ist mit einigem Anlauf erreicht, und wie beim Opel vermisst man einen sechsten Gang, um Drehzahl und Motorengeräusch zu senken.
Touran kann nicht manuell auf Benzinbetrieb umgeschaltet werden
Im Unterschied zum Zafira kann der Touran nicht manuell auf Benzinbetrieb umgeschaltet werden. Er startet mit Benzin, wechselt dann nach einigen hundert Metern automatisch auf Erdgas, und wenn dieser Tank leer ist, wieder zurück auf Benzin. Die analoge Tankuhr zeigt den CNG-Füllstand, im Digitaldisplay zwischen Tachometer und Drehzahlmesser sieht man in sehr grober Auflösung den Füllstand des Benzintanks sowie mit einem kleinen Symbol den aktivierten Benzinbetrieb. Ferner hat Volkswagen den Bordcomputer auf den Erdgasverbrauch umgestellt. Es lassen sich also gewohnte Parameter wie aktueller und Durchschnittsverbrauch sowie die errechnete Reichweite ablesen. Allerdings sind die Verbrauchsangaben ungenau und tendenziell zu hoch.
Der Eco Fuel kostet in der Basisausstattung 24 350 Euro, genau 3000 Euro mehr als der vergleichbare Touran 1.6 mit 75 kW (102 PS), der ungefähr 8,5 Liter Benzin auf 100 Kilometer verbraucht. Ersterer hat einen CO2-Ausstoß von 157 g/km, Letzterer von 193 g/km. Das Leergewicht liegt bei 1563 Kilogramm, 136 Kilo mehr als beim schwächsten Benziner. Auch hier sind die Stahltanks unterflur verstaut, der Innenraum behält seine gewohnte Variabilität. Einziger Unterschied zum Benziner oder Diesel: Die gegebenenfalls vorhandenen Sitze in der dritten Reihe dürfen jeweils nur bis 35 Kilogramm belastet werden.
Kraftstoffkosten von weniger als sieben Euro
Mit dem Eco Fuel kamen wir auf einen Verbrauchsdurchschnitt von 6,75 Kilogramm je 100 Kilometer, also Kraftstoffkosten von weniger als sieben Euro. Vergleicht man mit dem Touran-Benziner, amortisiert sich der Mehrpreis - allein unter dem Gesichtspunkt der Kraftstoffkosten zum Zeitpunkt der Testfahrten - erst nach einer Laufleistung von 53 700 Kilometer. Etwas günstiger sieht die Bilanz beim Opel aus: Liegt der Verbrauch im Benzinbetrieb bei neun Liter für 100 Kilometer, konsumiert er im Erdgaseinsatz 6,59 Kilogramm. Das heißt: Von etwa 36 800 Kilometer an beginnt die Freude am Sparen. Wer allein auf die nüchternen Zahlen achtet, wird sich für den Zafira entscheiden, während uns der Touran mit seiner stärkeren Motorisierung besser gefallen hat. Gespannt warten wir auf den Zafira mit aufgeladenem Erdgasmotor und 150 PS, den Opel als CNG Turbo für das kommende Jahr angekündigt hat.
Die niedrigen Kraftstoffkosten und deren hohe Symbolwirkung machen den Reiz eines Erdgasfahrzeugs aus. Aber es rechnet sich nicht sofort, sondern nur bei hohen Laufleistungen. Für Vielfahrer wie etwa Handelsvertreter sind die ständigen Tankstopps lästig und die Umwege zeitraubend. Mit einem sparsamen, direkteinspritzenden Diesel ist man kaum teurer als mit einem Erdgasfahrzeug unterwegs. So wundert kaum, dass der Opel Zafira und der VW Touran am häufigsten als Taxi im Einsatz sind, wo sie mit ihrem flexiblen Innenraumkonzept überzeugen. Allen anderen Fahrern bleibt als Pluspunkt das gute Gefühl, mit dem Erdgasantrieb den Ausstoß von Schwefeldioxid, Kohlenmonoxid, Ruß- und anderen Partikeln deutlich zu verringern.