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Veröffentlicht: 05.06.2017, 10:20 Uhr

F.A.Z. Woche Neues Tretgefühl

Technisch bleibt das Fahrrad nicht stehen. Die jüngsten Trends: Reifen ohne Luft und Fahren ohne Kette. Ob sich diese Trends im Realitätscheck beweisen, wird sich zeigen.

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© Bridgestone Keinen Platten bei Fahrten über Scherben: Das Rad ohne Schlauch hat viel Dämpfung

In diesem Jahr feiert das Fahrrad seinen 200. Geburtstag, und so mancher behauptet, seitdem habe sich technisch nicht mehr viel getan. Tatsächlich ist der Unterschied etwa zwischen Automobilen aus den 1920er Jahren im Vergleich zu aktuellen Modellen gravierend, während Räder aus der damaligen Zeit auch heute noch halbwegs modern anmuten. In Wirklichkeit ist das Zweirad jedoch weder optisch noch technisch stehengeblieben, wie ein kurzer Blick auf Details wie Bremssystem oder Gangschaltung beweist. Und die Entwicklung geht weiter: Reifen sollen künftig ohne Luft auskommen und Fahrräder ohne Kette.

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Vor kurzem kündigte der japanische Konzern Bridgestone, nach eigenem Bekunden größter Reifenhersteller der Welt, ohne allzu viel Bescheidenheit den Fahrradreifen der "nächsten Generation" an. Den habe man als praktische Anwendung des eigenen "Air Free Concept" entwickelt, hieß es. Dieses Konzept verzichtet auf das, was Reifen seit mehr als 100 Jahren einigermaßen bequem zu nutzen macht: Luft als Federung, als Dämpfstoff.

„Air Free“-Reifen sollen bald auf den Markt kommen

Der pneumatische Reifen war im 19. Jahrhundert gleich zweimal erfunden worden. 1845 von dem Eisenbahningenieur Robert William Thomson (dessen Idee jedoch in Vergessenheit geriet) und 1888 von dem Tierarzt John Boyd Dunlop. Der wollte, so geht die Anekdote, das Dreirad seines Sohns Johnnie, das mit Vollgummireifen bestückt war, schneller und leiser machen. Er erfand dabei den "Mumien"-Luftreifen mit gummibeschichteten Segeltuchlagen, die um Felge und Schlauch gewickelt wurden.

"Man beachte, dass Dunlop mit seinem Reifen das gleiche Resultat erzielen wollte wie Thomson 43 Jahre vorher", heißt es in einer "Geschichte des Reifens", die der Radlieferant Otto Just veröffentlicht hat. Nur dass diesmal mit Fahrrädern und Autos ein großer Markt auf die Erfindung wartete, die schließlich schon 1895 technisch weitgehend vervollkommnet war.

Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche

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Erst 120 Jahre später scheint sich nun die nächste Revolution anzubahnen. Bridgestones "Air-Free"-Reifen sollen 2019 auf den Markt kommen, so die Planungen. Sie müssen nicht aufgepumpt werden, weil es nichts zum Aufpumpen gibt. Sie basieren auf einer ungewöhnlich anmutenden Struktur von Speichen, die sich leicht gekrümmt auf der Innenseite der Reifen entlangziehen. Im Gegensatz zu normalen Metallspeichen bestehen diese aus Harz und verschiedenen Gummimischungen; sie sind damit sehr flexibel. Dem Anbieter zufolge hat das zwei Vorteile: Der Reifen sei quasi "unkaputtbar", Platten gehörten der Vergangenheit an. Zudem wird der Umweltschutzaspekt hervorgehoben. Das Material sei recycelbar, es helfe, Rohstoffe effizienter zu nutzen, und es verfüge über einen niedrigen Rollwiderstand. Derzeit laufen Machbarkeitsstudien. Auch in anderen Fahrzeugtypen soll "Air Free" künftig Einzug halten.

Realitätscheck abwarten

Wie komplex sich der Weg zum luftlosen Reifen gestaltete, stellte Bridgestone anhand einiger Daten aus der Entwicklungsvergangenheit klar. Ende 2013 hatte das Unternehmen auf der Tokyo Motor Show die zweite (und jetzt aktuelle) Generation der neuen Technologie enthüllt. Die allererste Generation war noch mit engen Einschränkungen verbunden gewesen. Das damalige Testfahrzeug war nur 100 Kilogramm schwer und fuhr maximal sechs Kilometer je Stunde. Mit der zweiten Version traute man sich schon etwas mehr: Das 410 Kilogramm schwere Testfahrzeug kann mit Tempo 60 unterwegs sein, dank verbesserter Reifenmaterialien und einer im Design optimierten Speichenstruktur, die Deformationen verringert.

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Ob sich der Reifen ohne Luft durchsetzt, muss sich zeigen. Vor dem gleichen Realitätscheck steckt das Fahrrad ohne Kette, das "Chainless S1", das der Amerikaner Sean Chan entwickelt hat und das mit den Füßen direkt am Hinterrad angetrieben wird. Auf den ersten Blick sehe das schwierig aus, gibt der Entwickler zu, doch der Ablauf ähnele dem Gehen, und die Bewegung sei letztlich komfortabler als auf einem normalen Rad. Sogar in Deutschland wurde vor gut vier Jahren ein kettenloses Fahrrad entwickelt - unter Federführung des Herstellers Mifa. Das ostdeutsche Unternehmen plagen derzeit freilich ganz andere Probleme: Es steckt in der Insolvenz und sucht nach einem Investor.

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