Nichts ist mehr, wie es war. Die Schweiz ist bald kein Versteck mehr für arme Millionäre, ihre Konten liegen offen wie eiternde Wunden, an der Raststätte gibt es keine Ovomaltine, und das Radargerät auf der A1 vor Lausanne hat beim Angriffsschrei des V10 im Audi R8 nicht einmal gezuckt. Auf dem Genfer Salon gibt es weniger Zwölfzylinder als Elektro- und Hybridfahrzeuge. Wo soll das noch hinführen? Der Autofreund ist verunsichert, aber wir sind mit neuem Mut und frischem Trost aus Genf zurückgekehrt. Mehr Technik zur radikalen Verringerung des Verbrauchs war noch nie am Lac Léman, und dennoch (oder deshalb?) ist die Faszination Auto lebendiger denn je zuvor. Dann schnurren wir halt mit Strom am Blitzgerät vorbei.
Beginnen wir unseren Rundgang. Audi setzt mit dem elektrischen A1 ein Ausrufezeichen in Sachen alternative Antriebe. Doch noch ist der A1 e-tron nur eine technische Studie. Neben einem 75-kW-Elektromotor im Bug hat er einen kleinen Wankelmotor (254 Kubikzentimeter Kammervolumen) im Kofferraumboden, der bei Bedarf über den Generator den E-Motor antreibt. Vorteil dieses Konzepts sei die Kompaktheit des Antriebs, meint Audi, der Nutzraum sei der gleiche wie im konventionellen A1 (Marktstart im August). Weil der A1 e-tron ein „Mega City Vehicle“ sein soll, fasst der Benzintank nur zwölf Liter, das genüge für 200 Kilometer. Die rein elektrische Reichweite liegt bei 50 Kilometer. Wichtig für Audi ist neben dem A1 noch der A8 hybrid, der Ende 2011 serienreif wird.
BMW hat sein angekündigtes Mega City Vehicle doch zu Hause gelassen, feiert drei Jahre „Efficient Dynamics“ und die Weltpremiere des neuen 5er (Neuer 5er-BMW: Das zweite Leben der Freude am Fahren). In das Kleid der Limousine hat man zudem Hybridtechnik gepackt, der Concept 5 Series ActiveHybrid kann wie der A8 rein elektrisch fahren. Elektrokompetenz zeigt man zudem mit der Studie des elektrischen 3er, diese ist aber nicht neu. Die kleine Tochter Mini setzt den neuen Countryman in Szene.
In Genf tritt jetzt der Kombi dazu
Den neuen Focus hatte Ford schon im Januar in Detroit von der Leine gelassen, obwohl der Kunde noch bis 2011 auf ihn warten muss. In Genf tritt jetzt der Kombi dazu. Neue E-Autos hat Ford nicht dabei, verspricht aber bis 2013 fünf neue E-Typen für Europa, wobei ein stromernder Ford Transit im nächsten Jahr und 2012 ein elektrischer Focus den Anfang machen sollen. An den konventionellen Motoren arbeitet man mit Nachdruck, um sie noch sparsamer und sauberer zu machen – das tun im Übrigen alle Großserienhersteller mit einer nie zuvor gekannten Intensität.
Natürlich auch Opel. Genf ist nicht nur Plattform für den neuen Meriva, der in seiner zweiten Generation gegenläufige Türen bekommt, sondern Bühne für die Studie Flextreme GT/E. Unter deren 4,70-Meter-Kleid steckt die Technik des Opel Ampera. Der große Hoffnungsträger von Opel, der vom neuen Chef Nick Reilly eigenhändig und werbeträchtig von Rüsselsheim an den Genfer See pilotiert wurde, lädt schon lange seine Batterien. Doch er wird nicht vor Ende 2011 marktreif sein.
Ein Hingucker in Genf war die Konzeptstudie 918 Spyder
Porsche hat gleich drei Hybridmodelle mitgebracht, bald kaufen kann man den Cayenne S Hybrid, für die Rennstrecke ist der 911 GT3 R Hybrid gedacht, und einer der Hingucker in Genf war die Konzeptstudie 918 Spyder. Porsche wagt den Spagat zwischen einer Spitze von 320 km/h und einem Verbrauch von drei Liter auf 100 Kilometer. Vier unterschiedliche Betriebsarten für die zwei E-Maschinen und den 3,4-Liter-V8 machen es möglich. Außerdem kann der 918 rund 15 Kilometer rein elektrisch fahren. In der Studie F 800 von Mercedes-Benz sind ein Plug-in-Hybrid oder eine Brennstoffzelle fürs Fortkommen verantwortlich. Außerdem gibt das Forschungsauto einen Ausblick auf die neue Designphilosophie der Schwaben. Der E 300 Bluetec Hybrid soll Ende 2011 zu den Händlern kommen, im Duo wirken ein 2,2-Liter-Vierzylinder-Diesel mit 150 kW (204 PS) und eine E-Maschine mit 15 kW (20 PS). Im Gegensatz zur hybriden S-Klasse wird der Diesel-Hybrid rein elektrisch fahren können, aber nur kurze Strecken.
135 Kilometer weit kommt dagegen der elektrische Smart mit einer Ladung, er stromert bereits im Flottenversuch durch Berlin. 2012 soll er für jedermann zu kaufen sein. Das grüne Gewissen kann man so lange mit dem neuen Smart cdi beruhigen. Er kommt jetzt mit einem CO2-Wert von 86 g/km und 3,3 Liter Diesel Normverbrauch.
So weit zu den deutschen Herstellern
Weil schon alle anderen die grünen Bäume in den Himmel wachsen ließen, bleibt VW mit Studien dieses Mal auf dem Teppich. Neu für Genf und den Kunden sind die Serien-Modelle Sharan, Touareg, Polo GTI, Cross Polo, Cross Golf, Amarok und T5 4Motion. Die beiden erstgenannten sind die wichtigsten: Der Minivan Sharan wird nach mehr als 15 Jahren Bauzeit komplett erneuert, und der Touareg geht nach sieben Jahren wie der Porsche Cayenne in die zweite Runde – jetzt ebenfalls mit einer Hybridversion.
So weit zu den deutschen Herstellern, bei den Europäern feiert Alfa Romeo feine Formen mit der neuen Giuletta. Der dynamische Wagen zelebriert den Auftakt zum rundesten aller Geburtstage: Die Marke wird 100 Jahre alt. Das ist Anlass genug für Pininfarina und Bertone, zwei schöne Studien zu präsentieren.
Mehr ums Tempo geht es bei Bentley. Das nach eigenen Aussagen schnellste viersitzige Cabrio der Welt ist das Continental Supersports Convertible. Sechs Liter Hubraum und 464 kW (630 PS) sollen 300 km/h möglich machen.
Im Vergleich dazu ist Citron bodenständig. Die wiedererstarkte Peugeot-Schwester zeigt den DS3 in seiner ganzen Vielfalt und gibt mit der Studie High Rider einen Ausblick auf die größere Version DS4. Außerdem beweist die Coupé-Studie Survolt, dass Citron neben der Hybridtechnik auch den reinen Elektroantrieb in einem Sportwagen beherrschen will. Dacia stellt das Billig-SUV Duster in seiner Serienversion vor. Der Preis von 11.900 Euro für die frontgetriebene Basisversion ist fast schon eine Garantie für den Verkaufserfolg.
Stattdessen kleinere Hubräume
Bei Ferrari ist der Preis dagegen weniger ausschlaggebend. Auf Basis des 599 Fioriano zeigt die Fiat-Tochter eine Version mit dem in der Formel 1 eingesetzten Kers-System. Es speichert den aus Bremsenergie zurückgewonnenen Strom in sogenannten Superkondensatoren statt in einer profanen Batterie. Mutter Fiat setzt stattdessen auf kleinere Hubräume, der neue Turbo-Zweizylinder mit 0,9 Liter soll sich im nach wie vor hübschen 500 mit kaum mehr als drei Liter Sprit begnügen und dennoch 63 kW (85 PS) liefern.
0,9 Liter reichen bei Jaguar allenfalls für einen Zylinder. Das neue Spitzenmodell des Hauses unter jetzt indischem Dach ist der XKR mit dem aufgeladenen Fünfliter-V8. Bei Land Rover wartet man noch auf den Baby-Range, der erst in Paris gezeigt werden wird. Lamborghini sucht (und findet) weiter die Leistung und macht den Gallardo LP 570-4 leichter und stärker. 70 Kilogramm verliert die Version Superleggera, 419 kW (570 PS) liefert der 5,2-Liter-V10.
Lancia demonstriert derweil die Allianz mit Chrysler derart, als hätten die beiden Marken eine gemeinsame Vergangenheit. Dass da zusammengeht, was zusammengehört, bezweifeln viele. Solche Probleme hat Peugeot nicht. Der konservativ gezeichnete 408 – für den chinesischen Markt – steht im Genfer Rampenlicht, dazu kommt die auffällige Studie „5“, mit der Peugeot vermutlich wieder die gehobene Mittelklasse bedienen wird. Sehr dynamisch und sportlich gibt sich der Zweisitzer RCZ. Damit erschöpft sich die Vielfalt auf dem Stand der Löwenmarke nicht. Der Elektrowagen I-On soll noch in diesem Jahr auf den Markt kommen, er ist baugleich mit dem Mitsubishi i-Miev. Hybridantrieb ist ebenfalls auf dem Vormarsch, sowohl in einer Benzin- als auch in Dieselausführungen. Peugeot bedient sich hier eines Baukastensystems, das unterschiedliche Konfigurationen einer angetriebenen Hinterachse vorsieht. So bekommen die Hybrid-Peugeot einen Allradantrieb. Sehr gelungen ist die Studie SR1, ein Coupé-Cabrio mit atemraubenden Formen.
Volvo ist mächtig stolz auf den neuen S60
Renault hatte schon zur IAA im vergangenen Herbst ein E-Auto-Feuerwerk abgebrannt. Die bekannten Studien sind wieder zu sehen, näher am Kunden ist das Mégane Cabrio, dessen Heck ansehnlich schlank geworden ist. Eine Nummer kleiner ist der Roadster Wind auf der Basis des Clio. Saab signalisiert mit der Präsentation des neuen 9-5 weiter die Bereitschaft, ums Überleben zu kämpfen. Der Viertürer ist in seinen Grundzügen mit dem Opel Insignia identisch, auch die Motorenpalette entspricht im Wesentlichen dem Rüsselsheimer Programm. Seat setzt auf die Studie IBE, einen Elektrosportler, der 2013 das Portfolio bereichern soll. Das nur 1000 Kilogramm schwere Coupé hat 75 kW und soll mit einer Batterieladung 160 Kilometer weit kommen. Außerdem tritt der formschöne Ibiza ST, der Seat-Kombi der Kleinwagenklasse an. Die Konzernschwester koda legt in dieser Klasse noch mal nach und zeigt den erneuerten Fabia Combi, auch in einer RS-Version.
Volvo ist mächtig stolz auf den neuen S60, der sich formal deutlich am Vorgänger anlehnt. Im Sommer kommt er zu Preisen ab 27 000 Euro zu den Händlern, neu ist der Zweiliter-Benziner mit Direkteinspritzung, der es auf 149 kW (203 PS) bringt. Im S60 gibt es außerdem die verfeinerte Version des City-Safety-Systems, das bis zu einem Tempo von 35 km/h in der Lage ist, Fußgänger zu erkennen, die vors Auto laufen, und automatisch eine Vollbremsung einzuleiten.
Die neuen Techniken binden Entwicklungskapazitäten
Die Präsentation von Großserienmodellen japanischer Provenienz fällt eher mager aus. Dafür gibt es Gründe: Die neuen Techniken binden Entwicklungskapazitäten und fordern immense Aufwendungen, und manche Topmarke übt sich auch in selbstkritischer Nabelschau. Doch Toyota hat seinen eher enttäuschend in den Markt gestarteten Auris intensiv überarbeitet, das Design geglättet und gleichzeitig für eine Version mit Hybridantrieb gesorgt. Diese glänzt mit einer CO2-Emission von 99 g/km und zeichnet sich wie ihre konventionell befeuerten Geschwister durch bessere Windschnittigkeit aus. Der schnittig-muskulöse Toyota FT-86 bündelt noch unter dem Etikett einer Konzeptstudie „ungefilterten Fahrspaß“ (Chefingenieur Tetsuya Tada). Es gibt noch keine Angaben zur Leistung, aber man wird mit dringend benötigten 184 kW (250 PS) rechnen dürfen: Toyota, größter Autohersteller der Welt, hat zurzeit keinen Sportwagen mehr im Programm.
Aber Lexus verzichtet ungeachtet der Hinwendung zum Hybrid weder auf Leistung noch auf Alternativen. So gibt es den RX 450h mit Hybridantrieb auch als Fronttriebler, die Verteilung des Supersportwagens LFA (limitiert auf 500 Einheiten) soll nach dem Genfer Salon beginnen. Unlimitiert wird der CT 200h gebaut, ein Hybridauto in der Kompaktklasse mit Ambitionen in Richtung Premiumklasse.
Honda hat sich in jüngerer Vergangenheit mit allzu verspielten Mobilitäts-Visionen ein wenig verzettelt. Auch der 3R-C mit Platz für einen einzigen Passagier und der Karosserie eines riesigen Eierbechers wird eine Fingerübung bleiben. Doch der bereits in Detroit gezeigte und jetzt noch serienreifer wirkende CR-Z macht Lust auf Zukunft: Da kommt ein rassiger Zwei-plus-zwei-Sitzer-Elektrosportwagen (etwas straffer geschnitten als der VW Scirocco) auf uns zu, mit Hybridantrieb, fünf Liter Verbrauch auf 100 Kilometer, Sechsgang-Rührwerk und einem Motorklang wie in der Russendisco.
Bei Mazda hat man den Ford-Einfluss abgeschüttelt
Vielleicht fährt Mitsubishi jetzt doch noch aus den Zeiten des Schattens heraus und beendet die mutlose Modellpolitik. Der iMiev ist ein realer Ansatz, aber viel zu teuer (wer kauft sich einen schmalschultrigen Elektro-Kleinwagen für rund 45.000 Euro?), doch dem Outlander wird Modellpflege zuteil, und die Japaner leiten von diesem den exakt für den europäischen Markt definierten Kompakt-SUV mit dem Kürzel ASX ab. Er sieht ein bisschen nach Abenteuerbewältigung im Alltag aus, kommt mit Front- oder Allradantrieb, bietet viel Platz und eine schon auf den ersten Blick erkennbar bessere Qualität im hoch variablen Innenraum. Der ASX kommt noch in diesem Sommer auf den deutschen Markt, der Einstiegspreis wird ungefähr bei 17.000 Euro liegen.
Bei Mazda hat man den Ford-Einfluss abgeschüttelt und weiß wohl nicht so recht, was man mit der neuen Freiheit anfangen soll. Man zehrt vom Nimbus des MX-5 und verzehrt sich nach einem neuen Bestseller. Immerhin hat man den pragmatisch-schicken Mazda 5 (hinten auf jeder Seite eine Schiebetür und insgesamt sieben Sitze neu eingekleidet, mit gebremst exzentrischem Design, aber doch noch immer so, dass er ein deutlicher Kontrast zum brandneuen und nüchternen VW Sharan ist. Es gibt im Typ 5 einen neuen Benzinmotor mit direkter Einspritzung und Start-Stopp-System. Die Typ-6-Limousine wurde überarbeitet.
Mit bewährter Knuffigkeit hat Nissan den neuen Micra ausgestattet: Die nun vierte Generation kommt im Herbst nach Europa, man kann zwischen zwei neuen Dreizylinder-Benzinern wählen, einer ist ein kompressorgeladenes High-Tech-Triebwerk, Fünfganggetriebe ist Serie, wahlweise gibt es eine CVT-Box.
Ob jetzt die Zeit für 6,2 Liter Hubraum ist?
Chevrolet, die GM-Marke mit koreanischem Hintergrund (Ex-Daewoo), will den uramerikanischen Sportwagen Camaro endlich auch in Deutschland auf den Markt bringen. Ob jetzt die Zeit für 6,2 Liter Hubraum ist? Auch die Corvette soll wieder über ausgewählte Chevrolet-Händler vertrieben werden.
Hyundai macht sich mit der Studie i-flow Gedanken über die formale Zukunft der Marke. Das Kleid des 4,80 Meter langen Viertürers wurde im Rüsselsheimer Designstudio entworfen, ein Diesel-Hybridantrieb mit einem 1,7-Liter-Selbstzünder und E-Maschine soll einen Normverbrauch von nur drei Liter ermöglichen. Mit dem SUV ix 35 nimmt Hyundai den VW Tiguan, den Nissan Qashqai und den Ford Kuga ins Visier und wagt deutlich mehr Emotion. Bei Kia steht unter anderem der neue Sport-age zur Schau. Er ist glatter und gefälliger gezeichnet als der Vorgänger und - natürlich - bereit für ein Hybridsystem.
Noch keine Rolle in Europa spielen bislang die chinesischen Hersteller und Tata aus Indien. Aus China ist nur der neue Daimler-Partner BYD vertreten, auch hier gibt es ein Elektroauto, den schon bekannten e6. Tata ist seit vielen Jahren Gast in Genf. Natürlich hat man für den Preisbrecher Nano jetzt auch einen elektrischen Antrieb. Als Besitzer von Jaguar und Land Rover und unter deutscher Führung (Ex-Opel-Chef Forster) sind die Inder die neuen Herausforderer der Chinesen.
Kommt einiges anders.
(zx10)
- 05.03.2010, 22:49 Uhr
