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77. Genfer Auto Salon Auf Kuschelkurs mit der Zukunft

05.03.2007 ·  Die Neuheiten in Genf zeigen: Das Auto ist nicht Umweltfeind Nummer eins. Doch für die Fahrt in eine schadstoffärmere Zukunft wird mehr Geduld und weniger Geschrei benötigt.

Von Wolfgang Peters
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Genf tut gut. Besonders mit dem 77. Internationalen Auto Salon und in diesem Frühjahr, das der deutschen Paradeindustrie die schärfste Sinn-Debatte brachte, seit Einführung des geregelten Drei-Wege-Katalysators: Denn Serienmodelle und Sonderfahrzeuge demonstrieren, dass das Auto nicht der „Umweltfeind Nummer eins“ ist und dass seine Technik noch längst nicht am Ende ist. Allerdings wird für die Reise in eine noch schadstoffärmere Zukunft mehr Geduld und weniger Geschrei benötigt. Wir fassen die wichtigsten Neuheiten zusammen.

Die neuen Ausstellungshallen des Genfer Palexpo waren zum Frühlingsbeginn am Lac Leman schon immer gut gelüftet. Dicke Luft hatte hier noch nie eine Chance. Zudem präsentieren 2007 etliche Hersteller neue Autos, deren Technik auf Kuschelkurs geht mit der Kohlendioxid-Diskussion. Bei allen Marken ist Spritsparen und damit das Senken der Kohlendioxidemissionen das wichtigste Thema. Aber nicht alle Modelle lassen sich in der Zeit, die man für eine Rede mit hysterischen Forderungen benötigt, zur gesellschaftspolitischen Korrektheit erziehen. In der technischen Entwicklung gibt es keinen Schalter, den man umlegt, und am Ende des Produktionsprozesses purzeln dann die vierrädrigen Sparmeister für die besseren Menschen am Volant von den Bändern. „Dreckschleudern“ hat ohnehin längst keiner mehr im Programm, und „Stinkerdiesel“ gehören der Vergangenheit an. Wer das behauptet, weiß nicht, wovon er redet oder schreibt.

Intellektueller und technischer Kraftakt

Schöne Beiträge für knauseriges Verhalten ohne Reue werden Mazda und Renault ins Licht schieben. Auf einer komplett neuen Plattform wurde der Mazda2 aufgebaut, die Basis für weitere Modelle des gesamten Ford-Konzerns. Das Mazda-Design nimmt Abschied vom Funktionsformat und setzt auch beim Kleinwagen auf Emotionen und Rasse: Keilform, ein stark geneigtes Heck und vordere Radhäuser, die sich im Stile des RX-8 wölben, verleihen dem frontgetriebenen Viertürer mehr Dynamik als allen Vorgängern. Der neue Twingo, von dem bisher nur Bilder einer Studie existieren, wird ebenfalls mit sinnlicherem, einer gestrafften Rundlichkeit verpflichtetem Design aufwarten. Der kleine Renault bietet innen mehr Raum, als man von außen erwartet, und von ihm wird man auch Fortschritte beim Sparen erwarten dürfen.

Das Jahr 2007 wird das Jahr der Mittelklasse: Dafür sorgen schon die jüngst präsentierte neue C-Klasse von Mercedes-Benz und der neue Ford Mondeo. Dazu stoßen im Frankfurter Herbst und noch nicht im Genfer Frühling der neue Audi A4 und der frische Renault Laguna. In Genf hat der Mondeo seinen Premierenauftritt: Sein stilistisches Thema ist „Energie in Bewegung“, und Ford hat mehr Kreativität und Kapital in diese neue Mondeo-Generation investiert als je zuvor. Das Auto macht schon auf den ersten Blick den Eindruck, als hätten seine Väter täglich auf Knien um die Oberklassen-Erleuchtung gebeten. Man hat sie ihnen offenbar gewährt, und sie wurde unerwartet konsequent umgesetzt: Noch im späten Frühling kommt die viertürige Stufenhecklimousine, und es wird nicht nur den Kombi (Turnier), sondern auch wieder eine Version mit vier Türen und großer, schräg liegender Heckklappe geben. Der neue Mondeo ist ein intellektueller und technischer Kraftakt und basiert auf den jüngsten Ford Galaxy und S-Max und soll alle Eigenschaften mitbringen, um von der Ebene der Großserie aufzusteigen zur Hochebene der Premiummarken.

Fünf Liter Verbrauch in der Mittelklasse

Dort hat ohne Zweifel die VW-Konzernmarke Audi bereits seine Position bezogen. Der jüngste Beleg dafür heißt schlicht Audi A5, und die prosaische Bezeichnung wirkt beinahe wie Koketterie mit dem Ende der Schlichtheit: Das in der Länge eine gute Handspanne unter fünf Meter liegende Coupe befreit das Audi-Design von den Zwängen des Purismus, ohne diesen zu verleugnen, und rückt die Marke in die Nähe der Hitze des Südens. Technisch ist der eigenständig konzipierte A5 eng verwandt mit dem neuen A4, und er soll vor allem wegen der neuen Positionierung der Antriebseinheit den besten Konkurrenzprodukten die Fersen zeigen. Es gibt die sparsamen Motoren aus den Audi-Regalen, besondere Dinge darf man sich von dem neuen 1,8-Liter-Turbo-Benziner erwarten, der Maßstäbe setzen soll in der Leistung und beim Verbrauch, deshalb auch bei der Kohlendioxid-Emission. Der A5 ist schon im Frühsommer auf dem Markt, S- und RS-Versionen folgen ebenso wie Quattro-Varianten.

Irgendwie scheint nun doch beim VW-Konzern der Knoten geplatzt zu sein. Es gibt immer neue Versionen, und dabei hat man den Variant nicht vergessen: Der kommt flammneu vom Golf und ist ein nüchtern gezeichnetes Auto, wie es die Kunden wohl erwarten. Seine Werte (Raumausnutzung) trägt er nach innen, und daran ändern auch etliche Chromapplikationen wenig. Mit dem neuen Passat Bluemotion bewegt sich VW in der oberen Mittelklasse in der Fünf-Liter-Verbrauchsklasse, eine Leistung und eine Offerte, die den Kohlendioxid-Hysterikern zu denken geben sollte.

Ethanol-Benzin-Antrieb

Auch BMW und Mercedes-Benz wollen sich der aktuellen Diskussion nicht verschließen. Wobei die Münchner schon in den überarbeiteten Baureihen Eins und Fünf mit neuen Motoren den Verbrauch senken, ohne auf Leistung zu verzichten. Sie holten zudem für den Einser (jetzt auch mit zwei Türen) eine neue, raffiniert konfigurierte Start-Stop-Automatik aus der Schublade,und die kleinen Diesel fahren Motormeriten ein, wenn es um Schnapsglasverbräuche geht. Mercedes-Benz beschleunigt die Hinwendung zur Bluetec-Technik und hält sie im neuen C 220 bereit, sie sollte jetzt zügig in die Gänge kommen.

Volvo legt mit dem neuen V70 ein Bekenntnis zu den inneren Werten der Marke ab. Der bullige Kombi kommt zur rechten Zeit, um den Eindruck zu entschärfen, die Schweden würden jetzt wegen des C30 ihren Familiensinn verloren haben. Saab weitet seinen Ethanol-Benzin-Antrieb auf die Baureihe 9-3 aus.

Unerhörte Mengen an Emotionen

Natürlich ist der Genfer Salon auch ein Tummelplatz für Studien. Aus Amerika kommt der Dodge Demon, ein offener Zweisitzer, vom schweizerischen Spezialisten Rinspeed gibt es ein zigarrenähnliches Gefährt, und Opel zeigt, wozu Großserien-Designer fähig sind, wenn man sie reizt und von der Leine lässt: Der GTC-Prototyp vermeidet unnötiges Spektakel und tritt gerade deshalb unerhörte Mengen an Emotionen los. Diese gehen auch vom Maserati Gran Turismo aus, der die Coupe-Zukunft der Marke definiert.

Alle wichtigen Neuheiten und Prototypen gibt es in der werkttäglich erscheinenden F.A.Z. am Dienstag, dem 13. März, und natürlich auf dem Genfer Auto Salon, der wichtigsten Vierradmesse des ersten Halbjahres 2007. Der Tummelplatz der Neuheiten wird kein Rummelplatz, aber das Auto hat seine Stimme nicht verloren.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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Jahrgang 1946, freier Autor in der Wirtschaft.

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