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12-Zylinder-Sportwagen Schneller Auftritt ist nicht alles

Mit der zweiten Generation seines Sportwagens Vanquish geht Aston Martin an den Start. Eine Probefahrt durchs Land der Zwölfzylinder.

© Hersteller Vergrößern Der neue Aston Martin Vanquish fährt vor in den Zeiten der Krise, und der erste Eindruck ist nicht uneingeschränkt positiv

Das neue Mitglied im Club der Zwölfender muss engagiert um Aufmerksamkeit kämpfen, denn zum Reigen zählen Ferrari F12 Berlinetta, Bentley Continental GT Speed, Lamborghini Aventador und Mercedes-Benz CL65 AMG. Sie haben den Anspruch in der Königsklasse luxuriöser Coupés auf ein Niveau gehoben, das schwer zu übertreffen ist.

Zwölfzylinder, das ist ein Zauberwort in den Ohren des Autoliebhabers, das die Phantasie beflügelt. Als „bester in Serie produzierter Aston Martin“, beaufschlagt Markenchef Ulrich Bez den neuen Vanquish mit Vorschusslorbeer. Grund genug, auf unserer ersten Ausfahrt nach Begehrlichkeiten zu suchen, die man in den von 12 Zylindern befeuerten Ferrari F12 mit 740 PS, Bentley Continental GT Speed mit 625 PS, Lamborghini Aventador mit 700 PS und Mercedes-Benz CL65 AMG mit 612 PS nicht findet.

Um es vorwegzunehmen: Nur das unaufgeregte, jedoch ausgeprägt maskuline Außendesign ist als Herausstellungsmerkmal erkennbar. Es spricht für den Aston Martin Vanquish. Sein Kleid aus leichter und torsionsfester Kohlefaser wirkt weniger expressiv als das messerscharfe des Lamborghini Aventador, herber als das des femininer auftretenden Ferrari F12 Berlinetta, besitzt dennoch deutlich mehr Sexappeal als der Bentley Continental GT Speed und Mercedes CL65 AMG. Mit dem Karosseriedesign punktet der neue Aston Martin, weil er Fahrer und Passagier entsprechend der Firmentradition des Hauses einkleidet: wohl proportioniert und mit Designdetails, die auf Gimmicks verzichten. Der neue Vanquish sieht aus, wie man es von einem Aston Martin erwartet.

21890145 Der Mercedes-Benz CL 65 AMG bleibt unter 300 km/h © Hersteller Bilderstrecke 

Hier geht es um Kunden, die mit Freude mehr als 200000 Euro für ein Auto auszugeben bereit sind. Gerade in den Preisklassen jenseits aller Kosten-Nutzen-Rechnungen stehen Automobildesign und Markenwerte weit vorn. Beides schärft die Identität des Besitzers, was dem Aston Martin Vanquish gut gelingt. Wer allerdings auf höchste Fahrdynamik setzt, auf Fahrkomfort, Funktionalität oder vielleicht sogar auf Effizienz, wird höchstens zögerlich zum neuen Aston Martin Vanquish greifen. Denn in keiner dieser Disziplinen schlägt er die Konkurrenz.

Die 573 Pferdestärken aus 6,0 Liter Hubraum reißen den Vanquish zwar in 4,1 Sekunden auf 100 km/h und erlauben eine Höchstgeschwindigkeit von 295 km/h. Dabei unterhält er zudem mit mächtigem Sound aus zwei Endrohren. Doch längsdynamisch bleibt er hinter seinen Konkurrenten zurück. Die beiden Italiener im Club und auch der Bentley erreichen deutlich mehr als 300 km/h, während sie ein umfangreiches Repertoire akustischer Klangteppiche ausrollen. Und der von einem Biturbo-V12 befeuerte Mercedes-AMG zieht nur deshalb nicht am Vanquish vorbei, weil ihm, der Stuttgarter Firmenpolitik folgend, die Atemluft frühzeitig abgeschnürt wird. Die Schwaben halten eine Höchstgeschwindigkeit von 300 km/h und darüber für nicht erstrebenswert.

Beim schnellen Durcheilen von Kurven können Bentley und Mercedes-AMG weder mit dem Ferrari F12 noch mit dem Vanquish mithalten. Letztere punkten mit ihrem niedrigen Gewicht. Mit 1630 Kilo (F12) und 1739 Kilo (Vanquish) profitieren sie von ihrer Leichtbauweise: Der Ferrari besteht aus Aluminium, und der Aston vertraut auf eine Aluminiumstruktur mit Kohlefaserkarosserie. Beide überzeugen zudem mit präziser Lenkung, der Aston darüber hinaus mit einem feinfühlig abgestimmten (dreistufigen) adaptiven Dämpfersystem. Der faszinierend schnelle F12 findet im Lamborghini Aventador seinen Meister. Der messerscharfe Zweisitzer ist nicht nur nominell rasend schnell, sondern kommt mit seinem Charakter einem Rennwagen am nächsten.

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Dass der Vanquish zum Grundpreis von 249995 Euro überwiegend von Kunden im reifen Alter gefahren wird, liegt ebenfalls in der Tradition des Hauses. Dass diese Klientel allerdings wenig Wert auf elektronische Assistenzsysteme lege, die heute schon in der automobilen Oberklasse zur Standardausstattung gehören, scheint die exklusive Meinung von Markenchef Bez zu sein. Zwar kann man darüber streiten, ob ein Sportcoupé dieser Klasse ohne Spurwechsel- und Totwinkel-Assistenten auskommen kann. Aber dass darüber hinaus ein Navigationssystem angeboten wird, dessen Kartendarstellung heute in jedem Volkswagen Golf mehr Informationen bereithält, auf eine adaptive Geschwindigkeitsregelanlage gänzlich verzichtet wird und Schalter nebst Innenspiegel verbaut werden, die (außer den berührungsempfindlichen Elementen) in ihrer Haptik an Ford-Modelle erinnern, kann nur einen Schluss nahelegen: Aston Martin spart am falschen Ende. Erfreulicherweise kann man im neuen Vanquish mehr Utensilien in Stauräumen ablegen als zuvor. Muss man dafür vielleicht auf ausreichend Sitzfläche verzichten?

Technische Neuerungen zum effizienten Umgang mit Treibstoff halten in dieser Fahrzeugklasse nur schleppend Einzug. Besonders schleppend im Vanquish. Zwar wird seine Kraft zur Hinterachse von einer leichten Kohlefaser-Antriebswelle übertragen, aber Zylinderabschaltung, mehr als sechs Getriebestufen oder gar Start-Stopp-Automatik sind für Aston Martin kein Thema. Dass in Gaydon alle Modelle noch immer auf der weit mehr als 10 Jahre alten VH-Aluminiumstruktur (VH steht für Vertical/Horizontal) entstehen, stärkt den Verdacht, dass es an Entwicklungskosten mangelt, um das hohe Tempo der automobilen Perfektionierung mitgehen zu können. Immerhin sind zupackende Keramikbremsen verbaut.

Aston Martins Versuche, mit Großserienherstellern ins Geschäft zu kommen, um genau dieses Defizit zu kompensieren, sind in der Vergangenheit gescheitert. Zuletzt der Wunsch, mit Daimler zu kooperieren. So bleibt Aston Martin auch mit dem schönen Vanquish in den Zwängen gefangen, das technische Rüstzeug immer wieder nur in kleinen Schritten verbessern zu können, während die Konkurrenz in großen davoneilt.

Quelle: F.A.S.

 
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