11.12.2008 · „Shift, tilt and focus“: Kein alter Rock-'n'-Roll-Titel, sondern die Anleitung für Tilt-Shift-Objektive. Sie bieten an Kleinbild- und Mittelformatkameras große optische Verstellmöglichkeiten. Davon profitiert die Architektur- und Sachfotografie.
Von Peter Thomas„Shift, tilt and focus". Das klingt wie ein alter Rock-'n'-Roll-Titel, ist aber nichts weiter als die kürzestmögliche Bedienungsanweisung zur Veränderung von Perspektive oder Schärfenverlauf durch Spezialkameras und andere Fotoapparate ohne starre optische Achse im rechten Winkel zur Film- oder Sensorebene. Diese Flexibilität des optischen Systems lässt sich durch Tilt-Shift-Objektive auch mit herkömmlichen Kleinbild- und Mittelformatkameras erreichen. Solche Speziallinsen heben die sonst bei diesen Kameras konstruktiv vorgegebenen Beschränkungen auf.
Die Shift-Funktion verschiebt das gesamte Linsenpaket parallel zur Filmebene. Dabei rückt die Mitte der optischen Achse vom Sensor oder Filmfester weg, das den Bildausschnitt definiert. Eine klassische Anwendung für das Shift-Verfahren ist die Architekturfotografie: Wird das Objektiv nach oben verschoben, lässt sich eine hohe Fassade vom Boden aus ohne stürzende Linien fotografieren, weil die Objektivebene parallel zum Motiv steht. Möglich wird das, weil das Objektiv einen deutlich größeren Bildkreis hat als die für das jeweilige Format sonst üblichen Linsen. Innerhalb dieses Bildkreises kann durch das Verschieben des optischen Apparats der für die Aufnahme genutzte Bildausschnitt frei gewählt werden.
Das Neigen der Optik
Tilt beschreibt dagegen das Neigen der Optik, wobei die Objektivachse gegen die Filmebene verschwenkt wird. Das hebt die Parallelität des abgebildeten Schärfenbereichs zu Sensor oder Film auf. So entsteht ein Schärfenverlauf quer durch das Bild, dessen Schärfentiefe keilförmig mit zunehmender Entfernung von der Objektivebene wächst. Diese Technik wird meistens eingesetzt, um den Schärfenbereich eines Motivs zu steigern. So lassen sich zum Beispiel kleine Gegenstände bei der Tabletop-Sachfotografie mit durchgehender Schärfe abbilden, ohne das Objektiv ganz abblenden zu müssen. Und bei Landschaftsaufnahmen sorgt ein senkrecht nach unten verschwenktes Objektiv für durchgehende Schärfe vom Stativ bis zum Horizont.
Ein typisches Beispiel für die erweiterte Schärfentiefe in der Sachfotografie sind die hier gezeigten Aufnahmen eines Modell-Tanklastzuges: Ohne Verstellung des PC-E Nikkor mit 24 Millimeter Brennweite ist bei Blende 5,6 lediglich die Zugmaschine scharf abgebildet. Bei einem um 8,5 Grad in der Waagrechten nach rechts verschwenkten Objektiv dagegen ist bei gleicher Einstellung und gleichem Standpunkt der Kamera die gesamte Flanke des Fahrzeugs scharf dargestellt.
Verschwenken von Objektiven
Wie sich das Verschwenken von Objektiven auf den Schärfenverlauf auswirkt, beschreibt die Scheimpflugsche Regel, die der Kaiserlich-Königliche Geometer Theodor Scheimpflug im Jahre 1907 aufgestellt hat: Die scharf gezeichnete Bild- oder Objektebene hat einen gemeinsamen Schnittpunkt mit der Objektiv- und der Filmebene. Je stärker Linse und Film gegeneinander verschwenkt werden, desto näher rückt die am Schnittpunkt liegende Rotationsachse und desto stärker neigt sich die Schärfenebene gegenüber der Linse. Gut nachvollziehen lässt sich diese Verstellmöglichkeit an einer Fachkamera. Sowohl Objektivstandarte wie auch Rückteil dieser Kamera lassen sich nicht nur auf der optischen Bank verschieben, sondern auch horizontal und vertikal verdrehen sowie in der Höhe verschieben.
Diese Flexibilität war lange Zeit der Fachkamera und damit dem Großformat mit seinen Planfilmen vorbehalten. Anfang der 1960er Jahre stellte Nikon das erste serienmäßige Shift-Objektiv vor, Canon präsentierte 1973 die erste Wechsellinse mit Tilt- und Shift-Funktion. Heute bietet Canon drei verschiedene Tilt-Shift-Objektive: Das TS-E 24mm 1:3,5L, das TS-E 45mm 1:2,8 und das TS-E 90mm 1:2,8 (jeweils 1240 Euro). Gerade erst in diesem Jahr hat Nikon eine komplett neue Objektivserie für das F-Bajonett mit Tilt- und Shift-Funktion vorgestellt: Das PC-E Micro Nikkor 85mm 1:2,8D (1780 Euro), das PC-E Micro Nikkor 45mm 1:2,8 ED (2000 Euro) und das PC-E Nikkor 24mm 1:3,5D ED (2080 Euro). Leica hat das Shift-Objektiv PC-Super-Angulon-R 1:2,8 mit 28 Millimeter Brennweite für die R-Serie im Programm (3095 Euro).
Große Verstellwege unabhängig von einem Kamerasystem
Tilt-Shift-Lösungen von unabhängigen Anbietern bieten große Verstellwege unabhängig von einem Kamerasystem. Dazu zählen insbesondere die Adapter von Zörk Film- und Fototechnik. Das Multi-Fokus-System (MFS) (500 Euro) des Münchener Fotomechanikspezialisten lässt sich in jede beliebige Richtung um bis zu 30 Grad verschwenken. Zum Shiften bietet Zörk-Gründer Herwig Zörkendorfer den Panorama-Shift-Adapter (für Kleinbild) und den Pro-Shift-Adapter (für Kleinbild und Mittelformat) an. Beide Adapter kosten jeweils rund 600 Euro und lassen sich auch mit dem MFS kombinieren. Die Zörk-Lösungen kommen ohne eigenes optisches System aus, stattdessen nehmen sie Mittelformatobjektive auf. Kameraseitig gibt es verschiedene Bajonettanschlüsse. Als großen Vorteil der Shift-Adapter für aus mehreren Bildern zusammengesetzten Panoramaaufnahmen (Stitch) nennt Zörkendorfer den Stativanschluss seiner Geräte. Denn so wird beim Shiften die Kamera mit der Filmebene verschoben, nicht das Objektiv - das beugt Parallaxenfehlern vor, die sonst vor allem im Bildvordergrund auffallen.
Auf Zeiss-Mittelformatobjektiven basierend die Superrotatoren von Hartblei. Diese Tilt-Shift-Objektive sind mit Anschlüssen für Canon EF, Nikon F, Sony-Minolta, Pentax K, Leica R, Contax und M42 zu haben. Neben den Linsen mit 80 und 120 Millimeter Brennweite (2000 und 3000 Euro) fällt besonders das 4/40 IF TS (4300 Euro) auf: Ursprünglich konzipiert für das Mittelformat, bietet das Objektiv mit 40,9 Millimeter Brennweite durch seinen großen Bildkreis besonders große Verstellwege.
An eine Fachkamera erinnert der neue Schwenk- und Shift-Adapter HTS 1.5, den Hasselblad gerade für das H-System vorgestellt hat. Der HTS 1.5 arbeitet mit den vorhandenen Objektiven, durch eine Brennweitenverlängerung um den Faktor 1,5 wie bei einem Telekonverter ergibt sich auch mit diesen herkömmlichen Linsen ein größerer Bildkreis, der entsprechende Verstellwege bietet.
Fachkamera mit digitalem Kleinbildgehäuse oder Mittelformat-Digitalrückteil
Produkte wie der Hasselblad-Adapter legen den Gedanken nahe, gerade im Studio statt spezieller Tilt-Shift-Objektive direkt eine Fachkamera mit digitalem Kleinbildgehäuse oder Mittelformat-Digitalrückteil zu verwenden. Kompakte Fachkameras wie die M679CS (4625 Euro ohne Objektiv und Rückteil) von Linhof gehen genau diesen Weg. Der niederländische Hersteller Cambo hat diese Lücke mit der X2-Pro geschlossen. Die klassisch konstruierte Kamera für digitale Kleinbildgehäuse kostet zusammen mit den entsprechenden Adaptern rund 2000 Euro, sie verwendet Weitwinkelobjektive für die Großformatotografie oder Mittelformatlinsen. Zusammen mit einer hoch auflösenden Vollformat-Kamera kann die X2-Pro nicht nur ein Tilt-Shift-Objektiv ersetzen, sondern in vielen Anwendungen auch eine Fachkamera mit größerem Format mit entsprechend teurem Digitalrückteil.
Professionelle Lösungen zum Verschwenken des Objektivs sind teuer. Als Einstieg in die kreative Fotografie jenseits der starren optischen Achse bietet sich jedoch die Lensbaby-Familie an. 2008 hat der amerikanische Hersteller eine neue Reihe von Linsenträgern vorgestellt (90 bis 190 Euro), die mit verschiedenen optischen Elementen ausgestattet werden. Für die klassische Korrektur der Schärfentiefe nach Scheimpflug sind diese flexiblen Linsenvorsätze zwar nicht geeignet. Wo jedoch das Tilten als kreativer Effekt zur optischen Verfremdung eingesetzt werden soll, kann sich ein Griff zu den Lensbabies durchaus lohnen.