Es klingt nach einem Wunder: Ein Computerprogramm verschafft Zugang zu einem Server, auf dem Millionen von Liedern liegen. Man sucht, findet und hört. Es ist legal und kostenlos. Gibt es dieses Schlaraffenland für Musikliebhaber wirklich? Ja. Dienste wie Spotify, Simfy, Deezer, Napster und jetzt auch Xbox Music funktionieren nach ähnlichem Prinzip. Die Anbieter speichern Millionen Songs auf Servern, die angemeldete Nutzer nach Belieben über das Internet abrufen und hören können. Die Lieder werden „gestreamt“: Sobald man ein Lied anklickt, startet es.
Die paradiesischen Zustände haben ihre Grenzen: Die Betreiber limitieren die dauerhafte Nutzung und unterbrechen sie zudem mit Werbung. Es sei denn, man zahlt. Für die Premiumvariante werden meist monatlich zehn Euro fällig. Und das Repertoire etwa von Spotify (16 Millionen Titel) ist nie so groß, dass man jeden Song findet. Im Vergleich haben digitale Musikläden wie Amazon (20 Millionen) oder iTunes (26 Millionen), wo man jeden einzelnen Titel bezahlen muss, die größere Auswahl.
Beide bieten nun folgenden Service an: Kunden können alle Titel, die ihre private Musiksammlung zu Hause auf dem Rechner beinhaltet, auch auf den Servern der Anbieter nutzen und von verschiedenen Geräten per Internet darauf zugreifen. Apple nennt diesen kostenpflichtigen Dienst „iTunes Match“ und bei Amazon heißt er „Cloud Player“. Amazon hat Apples Konzept kopiert - und leicht erweitert: Man kann zehn Mal mehr Songs in die Cloud laden (250000) und im Browser nutzen.
Für den Test von Spotify haben wir uns als Premiumnutzer angemeldet. Das kostet 10 Euro pro Monat. Dafür bekommt man Musik ohne Werbeunterbrechung, eine Smartphone-App, den Offline-Modus und bessere Klangqualität. Spotify ist nicht der erste Musikdienst dieser Art, er startete erst Mitte März in Deutschland. Wer sich zu Anfang die Software des schwedischen Unternehmens heruntergeladen hatte und anmelden wollte, konnte dies nur mit einem Facebook-Account tun. Seit Mitte Juni ist dieses Verfahren nicht mehr zwingend. Die Verdrahtung mit Facebook deutet jedoch an, was der Mehrwert solcher Dienste ist: Der inhaltliche Austausch mit anderen Mitgliedern. Nach einer Weile sucht man bei Spotify immer weniger nach bestimmten Liedern, sondern lässt sich durch die Empfehlung anderer „treiben“, indem man sich deren Musiktipp direkt anhört und ihnen wiederum die eigenen Favoriten zeigt. Daher eignen sich solche Musikdienste weniger als Plattensammlung auf einem Rechner in der „Cloud“ als vielmehr zum Entdecken neuer Musik, die sofort per Klick angehört werden kann.
Zwei Hilfsmittel stehen für die Entdeckungsreise zur Verfügung. Das sind zum einen Freunde und deren „veröffentlichte“ Playlists, die man wiederum auf Netzwerken wie Facebook oder Twitter teilen oder direkt an einen Freund senden kann. Will der Nutzer seine Hörgewohnheiten erst einmal für sich behalten, kann er diese Funktion abschalten. Des Weiteren gibt es viele Apps, die Verlage oder Online-Portale veröffentlichen. Das sind zum Beispiel Plattenkritiken oder Best-of-Listen.
Wer selbstständig sucht, tippt meist Bandname, Album oder Liedtitel ein. Das Ergebnis ist häufig unbefriedigend, weil unübersichtlich. Nach Eingabe eines Titels bekommt man zunächst Playlisten, Künstler und Alben. Schränkt man nun die Suche nicht weiter ein, listet Spotify alles untereinander auf. Die erweiterte Suche ist unumgänglich. Spotify erwähnt diese Möglichkeit allerdings ziemlich versteckt in der Hilfe. Nutzer können nämlich gezielt nach Parametern wie „track“, „artist”, oder „album“ suchen und diese verknüpfen mit „and“ oder „or“.
Nun ist man als Computernutzer gewöhnt, für seine Dateien Ordnerstrukturen anzulegen oder in seinen Verwaltungsprogrammen seine digitale Sammlung aus Fotografie, Musik, Film und Literatur nach ausgewählten Kriterien zu sortieren. Bei Spotify hat es anfangs den Anschein, dass es ausschließlich möglich ist, Lieder oder Alben über die Suche zu finden. Oder sie in seinen Playlists abzulegen. Diese sind aber linear konzipiert, so dass Ordnungsliebende keine Unterordner anlegen können. Beide Möglichkeiten, auf seine Musik zugreifen zu können, sind anstrengend und unübersichtlich. Etwas versteckt findet sich in der linken Leiste die „Bibliothek“. Dort erscheint der Inhalt der Musik - wie man es etwa von iTunes kennt -, sortiert nach Titel, Künstler, Album. Der Clou: Spotify gleicht in der Bibliothek auch Lieder ab, die man auf seinem Computer oder mobilen Gerät gespeichert hat. Der Nutzer muss lediglich im gleichen W-Lan oder mit dem Rechner verbunden sein. Spotify lädt dabei die Lieder nicht hoch, sondern pflegt lediglich die Informationen ein und bietet sie zum Abspielen an.
Premiumnutzer können im Offline-Modus maximal 3333 Lieder herunterladen, damit sie diese ohne W-Lan und Mobilfunkverbindung abspielen können. Dafür schiebt man in den Playlists einen Riegel nach rechts, damit Spotify die Titel herunterlädt. Innerhalb weniger Sekunden sind sie in der Tat „offline verfügbar“, allerdings nur auf dem Gerät, wo der Download startete. Standardmäßig lädt Spotify auf mobilen Geräten nur in niedriger MP3-Qualität von 96 KBit/s herunter. Unter „Einstellungen“ lässt sich die Qualität auf 320 KBit/s anheben. Der Download dauert ein bisschen länger.
Spotify ist ein mächtiges Programm, das kaum Wünsche offen lässt - sofern man den Premiumaccount für monatliche zehn Euro abonniert. Musik lässt sich nur an einem PC hören - oder im Offline-Modus auf bis zu drei Geräten, wie etwa Smartphones. Spotify hat auch Schwächen. Häufig wird der Download für die Offline-Verfügbarkeit nicht ausgeführt. Oder die heruntergeladenen Lieder starten nicht, wenn man sie anklickt. Es gibt Apps, die zum kompletten Absturz des Programmes führen. Und das Repertoire an Liedern dürfte für manche Musikfreunde unbefriedigend sein. Neben vereinzelten Aussetzern im Rockbereich wie etwa AC/DC oder Led Zeppelin und in der Metalabteilung mit Metallica fehlen auch viele Künstler elektronischer Musik.
Musikläden wie iTunes unterscheiden sich von Diensten wie Spotify im Wesentlichen dadurch, dass man jedes einzelne Lied oder Album kauft. Da die Alben meist um die zehn Euro kosten und dies genau der Preis für die monatliche Flatrate bei Spotify ist, kann man schnell die Rechnung aufmachen: Wer sich mindestens einmal im Monat ein neues Album kauft, sollte besser in ein Spotify-Abo investieren. Schauen wir uns dazu erst einmal iTunes Match an.
Für 25 Euro im Jahr, also monatlich etwa zwei Euro, bietet Apple zwei Funktionen an, die das Standard-iTunes nicht hat: Die gesamte auf dem heimischen Rechner liegende Musik wird in der „Cloud“ zur Verfügung gestellt. Apple erlaubt somit dem Nutzer, seine Titel in deren Großrechenzentren per Internet jederzeit abzurufen - und sogar herunterzuladen. Diesen Dienst darf er auf insgesamt zehn Geräten nutzen: fünf Computern und fünf mobilen Geräten. Dank iTunes Match hat man also seine Musik immer dabei. Zudem hebt Apple die Qualität der Komprimierung jeglicher Musik, die auf dem Rechner liegt, auf die Rate von 256 KBit/s im AAC-Format an. Diese Funktion ist dann ein Mehrwert, wenn ein Großteil der eigenen Musik in schwächerer Qualität (zum Beispiel 128 KBit/s) vorliegt. Wie sieht das Verfahren in der Praxis aus?
iTunes Match sammelte zunächst die Daten der digitalen Lieder. Das sind in unserem Fall 5387 Songs, die bei iTunes gekauft, von einer CD komprimiert oder als MP3-Dateien importiert wurden. Die Qualität bewegt sich zwischen 128 KBit/s im MP3-Format, 256 im AAC- und 320 KBit/s im MP3-Format. Schritt 1 war in 20 Minuten erledigt. Der nächste dauert immerhin schon fünfzig Minuten: 4332 Titel hat das Programm mit dem iTunes Store abgeglichen. Für die letzte Aktion brauchte iTunes geschlagene zwanzig Stunden (!): das Laden der restlichen Songs.
In dieser Zeit ist es uns nicht gelungen, Lieder abzuspielen, obwohl iTunes behauptet, dass dies möglich sei. Alben in der Cloud sind am kleinen Wolkenzeichen zu erkennen. Während des langen Prozesses zeigt iTunes an, was es gerade „matcht“ oder hochlädt. Dabei ist keine Logik zu erkennen: Ein Album wird nicht immer komplett hochgeladen, einzelne Lieder aus verschiedenen Alben behandelt iTunes direkt nacheinander.
Nach Abschluss des Prozesses haben wir überprüft, ob das Anheben auf 256 KBit/s geklappt hat. Hat es nicht immer. Es ist meist nicht zu erklären, warum das so ist. Bei Björks „Debut“ stellten wir im Nachhinein fest, dass es das Album in der ursprünglichen Version tatsächlich nicht (mehr) im Store gibt. Somit ist nachvollziebar, warum es „nur“ mit den ursprünglichen 128 KBit/s abrufbar ist. Bei Airs „Moon Safari“ oder „Guero“ von Beck schon nicht mehr. Beide Alben gibt es sehr wohl im Store. Sie tauchen in iTunes aber im schwächeren AAC-Format auf. Ein manueller, abermaliger Abgleich für solche Probleme ist möglich.
Der Hauptaspekt von iTunes Match, nämlich ständige Verfügbarkeit der Musik auf allen Geräten, funktioniert reibungslos. Voraussetzung dafür ist, dass die Geräte unter der gleichen Apple-ID angemeldet sind. Allerdings müssen iPhone oder iPad noch entsprechend eingestellt werden, indem man „iTunes Match“ aktiviert.
Man klickt also einen Song aus seiner Musiksammlung einfach an. Nach ein, zwei Sekunden spielen iPad, iPhone oder iPod ihn ab. Das Programm streamt dabei die Datei, damit man die Musik sofort hören kann, lädt sie gleichzeitig aber auch herunter. Dadurch müssen beim nächsten Mal keine Daten transferiert werden, weil die Datei physisch auf dem Endgerät liegt. Meldet das Programm, dass die Festplatte voll ist, muss man händisch Alben löschen.
Der Download eines einzigen Songs lässt sich im neuen Betriebssystem iOS 6 im Gegensatz zu der Vorgängerversion nicht gezielt auslösen. Man kann also ein einzelnes Lieblingslied vorher nicht schnell herunterladen, um es dann unterwegs auf dem iPhone ohne W-Lan oder Mobilfunk-Verbindung zu hören. Auch weiß der Nutzer nicht, welche Lieder er bereits gehört und somit heruntergeladen hat, weil iTunes das nicht kennzeichnet. Der gezielte Download und die Kennzeichnung von bereits heruntergeladener Musik funktioniert nur bei ganzen Alben.
iOS 6 hat offenbar noch eine weitere Änderung bewirkt, über die Nutzer und Blogger berichten. Hat man die Mobilfunk-Nutzung deaktiviert und startet das Herunterladen eines Albums in einem Netzwerk und verlässt dieses, wird der Download dennoch fortgeführt - was bei einem limitierten Datenvolumen zur hohen Handyrechnung führen kann.
Eines steht fest: Musik in der Wolke funktioniert und bietet attraktive Vorteile gegenüber der Musikbibliothek auf der Festplatte. Wer mit Smartphone oder Tablet unterwegs viel Musik hört, muss vorher keine Auswahl mehr treffen, welche Alben er mitnimmt. Wichtig für diesen Einsatz ist allerdings, dass W-Lan in der Nähe ist oder der Mobilfunkvertrag kein Limit beim Datenvolumen hat. Es sei denn, die Lieder sind schon heruntergeladen. Für Spotify spricht der Preis. Zehn Euro pro Monat für unbegrenzten Musikgenuss ist nicht viel. Die Qualität der komprimierten Dateien im Offline-Modus kann erstaunlich hoch sein. iTunes Match dürften alle mögen, die spezielle Musikwünsche haben. Jedes einzelne Lied kostet dann zwar - dafür besitzt man es aber auch. Sollte Spotify einmal pleite sein, ist die gesammelte Musik erst einmal weg.
Es gab eine Lücke im Frühjahr 2009
Filip Tuma (interfilip)
- 01.11.2012, 18:11 Uhr
Spotify etc. kann eine große Hilfe sein, Musik abseits des
Mainstreams zu finden
Matthias Unger (ungermat)
- 01.11.2012, 08:55 Uhr
nicht vergessen:
Klaus Müller (mo-mu)
- 31.10.2012, 17:40 Uhr
Nutzungsrecht vs. Eigentum
Christian Heiligmann (c.heiligmann)
- 31.10.2012, 14:29 Uhr
Der Artikel beleuchte die negativen Seiten nicht gründlich II
Tobias Brueggendick (PanzergrenadierBBC)
- 31.10.2012, 13:09 Uhr
