30.12.2009 · Paul Barton bietet seine PSB-Lautsprecher jetzt auch auf dem deutschen Markt an. Sie gesellen sich zur Schwestermarke NAD. Wir haben keinen Zweifel, dass Barton in Deutschland rasch an ihre Erfolge anknüpfen kann.
Von Gerold LingnauUngewöhnlich, wenn ein Lautsprecherhersteller zugibt, dass er in den 37 Jahren seines Bestehens keinen einzelnen großen technischen Durchbruch erreicht hat. PSB freilich kokettiert damit: Man habe sich stattdessen auf sorgfältiges Systemdesign, wertorientierte Prinzipien und eine bedachtsame Evolution der Produkte konzentriert. Wer ist PSB? Das Unternehmen ist Teil der kanadischen Lenbrook-Gruppe, die in Pickering (Ontario) beheimatet und vielfältig in Vertrieb und Markenentwicklung tätig ist. Ein anderer Zweig davon ist deutschen HiFi-Freunden schon bestens bekannt: NAD (ursprünglich einmal die Abkürzung für New Acoustic Dimension), der renommierte Anbieter von HiFi-Komponenten mit bestem Preis-Leistungs-Verhältnis.
Und warum war die Schwester PSB hierzulande bisher noch ein Niemand, obwohl sie auf dem nordamerikanischen Markt (und nicht nur dort) sehr er-folgreich ist? Nun, der deutsche NAD-Vertrieb liegt in den Händen des dänisch-deutschen Lautsprecherherstellers Dynaudio, und der hatte bisher kein Interesse daran, neben seinem eigenen Programm PSB-Boxen zu verkaufen. Ihrer nahm sich dann ein anderer Importeur an (PSB Lautsprecher Deutschland in 65719 Hofheim), und der sorgt bereits mit Nachdruck dafür, dass auch diese drei Buchstaben bald zum Allgemeingut in der deutschen HiFi-Szene werden.
Er ist nämlich nebenbei ausübender Musiker
Das Superhirn bei PSB ist sein Gründer Paul Barton: ein forschender Ingenieur und Lautsprecherentwickler, der anderen seiner Zunft etwas Entscheidendes voraushat. Er ist nämlich nebenbei ausübender Musiker, und zwar ein ambitionierter Geiger. Schon mit elf Jahren spielte er vor großem Publikum - auf einer Violine, die sein Vater einer Stradivari nachgebaut hatte. Aber dann entschied er sich doch für die Musikreproduktion anstelle der Musikproduktion. Die ersten Lautsprecher baute er mit dem Vater in der heimischen Werkstatt. 1972, noch während seiner Universitätszeit, gründete er PSB. Der Name stand für Paul & Sue Barton Speakers: Sue war Pauls Freundin schon auf der Highschool und wurde später seine Frau. Tags Student, nachts Produzent - das ging nicht lange gut, und so brach Barton nach zweieinhalb Jahren seine Elektrotechnik-Ausbildung ab und widmete sich ganz der Lautsprecherentwicklung. 1974 begann er eine Zusammenarbeit mit dem National Research Council of Canada in Ottawa, einem staatlichen Wissen-schaftszentrum, dessen Acoustics Division er für seine Forschungen nutzen konnte. Die Eingliederung in Lenbrook hielt ihm dann wirtschaftlich den Rücken frei für seine Leidenschaft: Lautsprecher zu entwickeln, die für wenig Geld gut klingen - und das möglichst in jeder nur denkbaren Umgebung.
Image ist die aktuellste, weil sie gerade erneuert wurde
Von den fünf Baureihen von PSB - Synchrony als der teuersten (aber auch nur maximal 4000 Euro je Paar), Imagine (bis 2000 Euro), Vision (bis 1500 Euro), Image (bis 1500 Euro), Alpha (bis 500 Euro) und Sub/HD Sub (Subwoofer, 400 bis 2500 Euro) - ist Image die aktuellste, weil sie gerade erneuert wurde. Aus dem acht Modelle umfassenden Angebot, zu dem zwei Standlautsprecher, drei Regalboxen, zwei Center (für Surround-Anlagen) und ein Subwoofer gehören, nahmen wir uns unter den kleinen die mittleren vor, Image B6 mit Namen. Ihr Paarpreis von nur 500 Euro könnte überraschen, selbst wenn man bedenkt, dass sie in China hergestellt werden, wie viele heutige HiFi-Produkte aus Europa und Amerika. Das 36 Zentimeter hohe Gehäuse hat zwar kein Echtholzfurnier, doch die Folie - Esche schwarz oder Kirsche dunkel - ist tadellos verarbeitet, ein Bi-Wiring-Terminal ermöglicht das getrennte Ansteuern von Hoch- und Tieftöner (der Gewinn bleibt in Grenzen), massive vergoldete Klemmen nehmen auch Kabel größerer Durchmesser auf. Das Zweiwege-System besteht aus einem 25-Millimeter-Kalottenhochtöner aus Titan, ferrofluidgekühlt und von einem Neodym-Magneten angetrieben (auch das keine billigen Lösungen), und einem Konus-Tieftöner von 16,5 Zentimeter Durchmesser mit doppeltem Magneten und einer Membran aus keramikverstärktem Polypropylen.
Die Übergangsfrequenz zwischen beiden liegt mit 1800 Hertz erstaunlich tief - ein Teil der PSB-Philosophie. Erstaunlich ist ebenso der hohe Wirkungsgrad von 90 Dezibel: Das heißt, die B6 kommen schon mit Verstärkern geringer Leistung zurecht, Röhrenendstufen zum Beispiel, die sie auch mit ihrer Impedanz von minimal 4 Ohm nicht überbeanspruchen. Der Frequenzumfang reicht von 45 bis 23 000 Hertz. Weiche Füßchen entkoppeln die Boxen vom Untergrund (Spikes sind nachrüstbar), und der Bass wird durch eine Reflexöffnung an der Gehäuserückseite unterstützt - ein Hinweis darauf, die B6 nicht wandnah, sondern mit reichlich Luft nach hinten aufzustellen, ohnehin am besten frei auf Ständern statt zwischen Büchern im Regal. Ein textilbespanntes Gitter schützt die Chassis; Abnehmen kann sich klanglich lohnen, man sollte es ausprobieren.
Das Hörvergnügen ist nicht auf bestimmtes Musikmaterial konzentriert
Die nächsten Überraschungen hielt der Hörtest bereit. Zum einen: Die backfrischen Boxen brauchten nur eine ganz kurze Einspielzeit, um ihre Talente voll zu entfalten - da muss man sonst viel länger Geduld haben. Zum anderen: ein wahrhaft opulenter Klang, warm und rund und wie aus einem viel größeren (und teureren) Lautsprecher, nur gelegentlich eine Spur zu dick, aber das eher in den Mitten als im wohlkontrollierten Bass. Unsere Empfehlung (sie gilt für alle Boxen dieser Größenklasse) wäre, einen Subwoofer dazuzustellen, denn das gibt nicht nur den letzten tieffrequenten Kick, sondern fügt der guten Breitenstaffelung des Klangs noch einen schönen Gewinn an Räumlichkeit nach hinten hinzu.
Das Hörvergnügen mit der B6 ist nicht auf bestimmtes Musikmaterial konzentriert, sondern stellt sich bei allen Kategorien ein, von Pop über Jazz bis Klassik. Vor allem die Stimmenwiedergabe lässt sich - für 500 Euro! - auch für sehr kritische Ohren hören und beweist die hohe Kunst von Paul Barton und seinem Team. Nach diesen Eindrücken haben wir keinen Zweifel, dass PSB in Deutschland rasch an die Erfolge von NAD anknüpfen kann: Das wäre ja auch kein Wunder, denn andernorts sind Bartons Lautsprecher längst hoch geschätzt.