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Photokina Bits und Bytes in der Führungsrolle

29.09.2004 ·  Technische Rafinessen von der Anti-Shock-Funktion bis zum Ultraschall-Staubabschüttler bietet die Photokina den Fotofans. Dabei haben die digitalen Kameras den analogen endgültig den Rang abgelaufen.

Von Nils Schiffhauer
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Natürlich geht es bei der Photokina, die bis zum 3. Oktober in Köln einen Blick auf die Welt der Bebilderung (World of Imaging) lenkt, nicht in erster Linie um die Fotos selbst, sondern um die Apparate und Prozesse. Und wie auf jeder Automesse stellt sich das Besucherinteresse in Köln-Deutz auf die Edelprodukte der Branche scharf. Eine Leica wird bestaunt, der Dom aber mit der Casio fotografiert. Digital, selbstverständlich.

Denn 14 Jahre nach Vorstellung der ersten Digitalkamera für den Hobbyknipser - der Fotoman FM-1 von Logitech prunkte mit 0,1 Megapixel und kostete 750 Euro - haben Bits und Bytes endgültig die Führungsrolle übernommen. Nachdem wertmäßig die Digitalen schon zur Jahrtausendwende die Analogen überholt hatten, gingen 2003 annähernd dreimal so viele Pixelfänger über den Ladentisch wie mit klassischer Filmpatrone zu bestückende Kameras. Wie beim Wechsel von der Röhre zum Transistor nutzen vor allem Unternehmen der Unterhaltungselektronik wie Sony, Panasonic und Epson die Chance dieses Systemwechsels.

Einteilung Spiegelreflex- und Sucherkamera bleibt

Wenngleich Sensor und Speicherkarte den Designer von beinahe allen Zwängen befreien, so ist es dennoch bei der Einteilung Spiegelreflex- und Sucherkamera geblieben. Mittel- und Großformat auf der einen und Meßsucherkameras mit Wechselobjektiven auf der anderen Seite spielen für den engagierten Amateur zumeist nur die Rolle des unerreichbaren Stars auf der Bühne. Wie dessen Verhalten auf das Parkett färben manche Eigenschaften der Profiklasse irgendwann auf die Knipser ab.

Photokina: Technische Rafinessen für Fotofans

Das war schön bei der digitalen Spiegelreflex EOS D300 zu sehen, mit der Canon vor genau einem Jahr diese Klasse mit einem Preis um 1.000 Euro bezahlbar machte. Klarer Realbildsucher, professionelle Handhabung und Wechselobjektive ließen sie derart vorhersehbar zum Hit werden, daß der Hersteller mit bewußter Einschränkung von Software-Funktionen seine teureren Modelle schützen mußte.

Gerichtsverwertbare Digitalbilder

Nikon verteilte da ein halbes Jahr später mit seiner D70 die Gaben großzügiger. Nun schiebt sich Canon mit der metallrobusten EOS 20D (1.600 Euro) in den Vordergrund, bietet sie doch statt sechs gut acht Megapixel mit einer Filmempfindlichkeit bis zu ISO 3200 und Softwareunterstützung ohne Ende - bis zum Schwarzweißmodus, Direktanschluß an einen Fotoprinter und kompatibel mit dem Data Verification Kit, der Digitalbilder gerichtsverwertbar macht.

Auf ebenfalls acht Millionen Pixel bringt es die E-300 von Olympus, die den bisher erst bei der E-1 des Hauses eingesetzten digitalen Formatstandard Four-Thirds auf höherer Auflösungsebene fortsetzt. Die Bezeichnung ist kein zufälliges Zitat der preisgünstigen Canon, denn auch an der für das Weihnachtsgeschäft geplanten E-300 soll ein "sehr verlockendes Preisschild" kleben, verspricht der Hersteller.

Ultraschall-Staubabschüttler für den Sensor

Die hochfliegenden Träume, mit dem digitaloptimierten Konzept der E-1 - Stichworte: telezentrische Konstruktion der Objektive und Ultraschall-Staubabschüttler für den Sensor - den Markt aufzurollen, haben dort nur ein schwachbelichtetes Bild hinterlassen. Technisch wird die mit kompaktem Umkehr-(Porro-)Prisma und komplett mit einem neuen Zuiko-Zoom f3,5-5,6 (28-90 mm Kleinbild-Brennweite) ausgelieferte E-300 sicherlich zum Ereignis.

Noch aber ist niemand in Sicht, der gleichfalls den zusammen mit Kodak ausgeheckten Four-Thirds-Standard verfolgt. Zwar ist dieses System mit dem vergleichsweise kleinen 4/3"-Kodaksensor (18 × 13 mm) keine Sackgasse, aber eben nur ein Eiland mit hochspezialisiert-endemischer Besiedlung. Die Insulaner freilich fühlen sich dort ausgesprochen wohl.

Schwachstellen der Konkurrenz erhellt

In das Weihnachtsgeschäft wird die kleine Spiegelreflex "*ist Ds" von Pentax zu einem Paketpreis von 1.000 Euro (mit Zoomobjektiv) starten. Immerhin hat sich das öffentlich hergezeigte Latenzbild dieser Kamera im Metallgehäuse beim Marketing des Herstellers schon zu einer Verkaufsprognose von monatlich 20.000 Exemplaren verdichtet. Sie wird auf den Erfahrungen der kleinen, "*ist D" genannten Spiegelreflex-Digitalen aufbauen.

Selbst die Spitzengeräte der Marktführer scheuen den großen und systemwechselnden Wurf und verbessern Bewährtes. So entstanden kann man sich die Nikon D2x vorstellen, deren Leistungskatalog - ex negativo gelesen - die bisherigen Schwachstellen der Konkurrenz blitzlichtartig erhellt. Auf einen Sensor, der mit 23,7 × 15,7 Millimeter nicht einmal bemerkenswert größer als einer in der Mittelklasse ist, sind dort nun 12,4 Megapixel gepackt.

Bis zu 15 Bilder in drei Sekunden

Im Vergleich zu einstelliger Megapixelzahl bietet er ein größeres Ausgabeformat oder die Wahl eines Ausschnitts bei gleicher Auflösung. Interessanter als diese Zahlenspiele ist die integrierte Software, die nicht nur bei Nikon steigenden Anteil an der Bildqualität bekommt. Die D2x stellt einen exakten und automatischen Weißabgleich in den Vordergrund, der die bis heute schlankerhand am PC erledigte korrekte Farbwiedergabe nun wieder in die Kamera verlegt.

Diese ist mit unmerklichen 37 Millisekunden Auslöseverzögerung reaktionsschnell und schießt bis zu 15 Bilder in drei Sekunden im firmeneigenen NEF-Rohdatenformat. Mit einer Kapazität von 2000 Aufnahmen übertrifft der Akku endlich die Batterieleistung klassischer Kameras, bei denen nach 50 bis 60 36er-Filmen der Energieträger auszuwechseln ist. Ist eine noch höhere Auflösung gefragt, empfiehlt sich die Canon EOS-1Ds Mark II mit 16,7 Megapixel und einem Vollformatsensor. Um die 8.000 Euro soll dieses Profigerät kosten.

Anti-Shake-Funktion für Freihandaufnahmen

Nur knapp belichtet waren die Details, die sich vor der Photokina vom 12-Megapixel-Boliden Fine Pix S3 Pro von Fuji zeigten. Das für Nikon-Objektive vorgesehene Gehäuse trägt einen 12 Megapixel großen Sensor, dessen Dynamikumfang sich durch ein individuelles Mischungsverhältnis von niedrig- und hochempfindlichen Pixeln steuern läßt. Die Fotowelt erwartet von diesem Konzept höhere Empfindlichkeit, weniger Rauschen und einen vierfach höheren Dynamikumfang als in herkömmlichen Kameras, die dann keine Zeichnung mehr in den Schatten aufweisen.

Wenngleich die neue Maxxum 7 Digital von Minolta lediglich sechs Megapixel im APS-Format bietet, könnten dennoch manche ihrer Bilder in besserer Qualität ausfallen als die mit höher auflösenden Sensoren aufgenommenen: Eine Anti-Shake-Funktion kompensiert das Tremolo des Fotografen, das sonst bei Freihandaufnahmen länger belichtete Teleaufnahmen verzittert.

Software-Optimierungen am offenen Bild-Herzen

Anders als bei Kamkordern vibriert jedoch nicht die Linse im Gegentakt, sondern der Sensor wird dem Bild nachgeführt. Dadurch spart man sich speziell ausgestattete Wechselobjektive. Beschleunigungssensoren erfassen vertikale und horizontale Bewegungen, so daß die Elektronik daraus Gegenmaßnahmen ableiten kann und den Chip sowohl bei 10 Hertz schnellem als auch bei einem Hertz langsamen Tatterich nachführt.

Leica schützt die Investition der Besitzer einer analogen Spiegelreflexkamera des Typs R8 und R9 durch ein digitales Rückteil, dessen Kodak-Chip um das 1,4fache vergrößernd wirkt und zehn Megapixel liefert - außer in TIFF und JPG zudem als Rohdaten, so daß Software-Optimierungen am PC, für die Leica-Kunden nichts anderes als Photoshop CS einsetzen dürften, am offenen Herzen des Bildes vorzunehmen sind.

4.500 Euro für ein Digital-Update

Der Sensor verzichtet auf einen sogenannten Anti-Aliasing-Filter, der bei anderen Kameras einerseits Mehrdeutigkeiten wegrechnet, andererseits bei feinen Strukturen (Seide!) unbeabsichtigt ein unerwünschtes Moiré hinzufügt. Diese Konstruktion steigert die Bildschärfe dort, wo sie entsteht, so daß sie nicht - wie sonst üblich - durch kamerainterne Software wieder nachzubessern ist. 4.500 Euro sind allein für das Digital-Update zu kalkulieren.

Die Solmser sehen ihr Pünktchen-Rückteil zugleich als Fingerübung für eine digitale Meßsucherkamera, die sie zur nächsten Photokina in zwei Jahren vorstellen wollen. Dieser Kameratyp fängt das Bild über eine wechselbare Optik ein, und eigentlich alle ihre Ausführungen zehren vom Ruhm der Leica-M-Serie. Wer jedoch nicht auf das Original warten möchte, wird sich die R-D1 von Epson ansehen. Das Gehäuse, das solo 3.000 Euro kostet, ist anschlußbereit für Leica-M-Objektive, deren Brennweite sich wegen des kleineren Sensors um das gut 1,5fache verlängert.

Zehnfachzoom selbst unter flauen Lichtverhältnissen

Die R-1D mit 6-Megapixel-Chip im APS-C-Format zeigt die Szenen in einem hellen Realbildsucher, in dem Leuchtrahmen den Motivausschnitt des jeweiligen Objektivs markieren. Wie bei den richtigen Leicas wird der Verschluß mechanisch durch das gespannt, was früher seiner primären Funktion wegen Filmtransporthebel hieß. Die R-1D dürfte zwar wenige Gebrauchsfotografen, aber viele Sammler erfreuen, denn nicht einmal der Verschluß spricht in der Praxis für die R-1D als unentbehrliches Arbeitsauge.

Wer meint, daß es schwerfalle, bei den digitalen Sucherkameras einen Überblick zu erhalten, der kann sich dieses Gewimmel schnell in handliche Stapel aufteilen. Die Oberklasse ist von Leistung und Ausstattung nicht von den Spiegelreflexkameras zu unterscheiden und kommt ihnen zudem in der Formgebung recht nahe. Einer ihrer in jeder Disziplin besten Vertreter ist die Coolpix 8800 von Nikon mit acht Megapixel, deren mechanischer Bildstabilisator den Tremor ausgleicht und so bis zu achtmal längere Belichtungszeit bietet. Er macht den Telebereich des (35 bis 350 mm Kleinbild-Brennweite) lichtstarken Zehnfachzoom selbst unter flauen Lichtverhältnissen aus der Hand nutzbar.

Software macht die Kameras wandlungsfähiger

Von dieser Maximalinterpretation eines Kameratyps abstrahiert die Konkurrenz. So hat die Dimage Z3 zwar einen Bildstabilisator und gar einen Zwölffach-Zoom bis 420 Millimeter, zeigt die Welt aber in lediglich vier Millionen Blöckchen wie die Coolpix S5500 von Fuji, die auf den Bildstabilisator verzichtet. Eine weitere Klasse orientiert sich in ihrem Erscheinungsbild an der traditionellen Sucherkamera, hinter der, wie bei der Kodak DX7630, der Prego dp6300 von Rollei oder der Yakumo 67x, sechs oder gar sieben - Canons Powershots G6 und S70 - Megapixel auf das Öffnen des Verschlusses lauern.

Software macht auch diese Kameras immer wandlungsfähiger. Zeit- und Blendenpriorität sowie viele Programme für Standardsituationen hinsichtlich Tiefenschärfe, Verwackelungsgefahr und Farbeindruck garantieren zwar noch keine atemberaubenden Bilder, erhöhen aber für den Durchschnittsknipser die Chancen auf ein wenigstens technisch ordentliches Bild.

Mini-Kameras in Form eines Bounty-Riegels

Viele Soft- und Hardware-Eigenschaften der höheren Ränge sind bei den Mini-Kameras im Flachformat und in Form eines Bounty-Riegels gegeben. Auf den Rückseiten der ersteren machen sich - wie bei der AZ-2 von Olympus - wirklich große und im Sonnenlicht noch gut ablesbare LC-Displays breit. Daß Sony seine DSC-T1 durch die noch elegantere DSC-T3 ersetzt, war nicht nötig, sie wird aber trotz des fehlenden Linsenschutzes sicherlich gern genommen. Nicht zuletzt montiert Samsungs SPH-2300 ein Handy mit einer Kamera, die mit 3,2 Megapixel und Zoom diese Klasse aus dem vorerst nur asiatischen Partylicht herausbefördert.

Ob das zum Trend wird, darf der Bildermensch in Köln in Augenschein nehmen. Ausdrücklich sei dazu geraten, den Herstellern analoger Kameras - wer möchte nicht eine Hasselblad XPan II in die Tasche stecken? - und dem Zubehör, unter dem Stative nichts an Wichtigkeit eingebüßt haben, Reverenz zu erweisen. Von dieser Photokina im Jahre 1 des postanalogen Bildzeitalters werden neue Impulse ausgehen, wenngleich sich der Sinn aller fotografischen Technik - gute Bilder zu schießen - nicht ändert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2004, Nr. 226 / Seite T6
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