01.10.2008 · Wie unter einer großen Sammellinse konzentrierte sich die ganze Welt des Bildes in den vergangenen Tagen auf der Photokina in Köln. FAZ.NET hat in der Menge herausragende Neuheiten für ambitionierte Amateure und Profis gesucht.
Von Michael Spehr und Hans-Heinrich PardeyGrößere Sensoren für mehr Bildqualität, das war in starker Verkürzung die Botschaft der am Sonntag zu Ende gegangenen Photokina 2008. Diese Entwicklungsrichtung lässt sich auf unterschiedlichem technischen und preislichen Niveau bei den führenden Herstellern erkennen, wenn man die immer noch zu Megapixel-Rekorden stürmenden Knipskameras beiseitelässt. Nur den völlig anspruchslosen Gelegenheitsfotografen mag man noch mit einem Megazoom und Millionen Bildpunkten jeweils im zweistelligen Bereich und Software wie einer „Blinzelautomatik“ in einem mehr als kompakten Gehäuse ködern.
Nikons, sagen wir ruhig: „Partykameras“, erkennen menschliches Lächeln, geschlossene und blutrot erscheinende Augen und unternehmen sofort etwas: lösen aus oder machen eine zweite Aufnahme. Die ernsteren Absichten dienenden Apparate aus demselben Hause gehen ganz andere Wege. Denn in Umkehrung dessen, wie sich die Analogtechnik von großformatigen Negativen und entsprechend gewaltigen Kameras zur handlichen Kleinbildtechnik entwickelte, kommt die Digitalfotografie eben erst so richtig bei diesem Format an.
Keine Fortschritte jenseits von sechs Megapixel
1924 fällte Ernst Leitz II die kühne Entscheidung, die zehn Jahre zuvor von Oskar Barnack konstruierte „Liliput-Kamera“, die spätere Leica, auf den Markt zu bringen (siehe „Leicahistorie“ auf der folgenden Seite). Das Kleinbildformat von 24 × 36 Millimeter brauchte noch eine Menge Erfahrung der Fotografen, emulsionstechnische Fortschritte und bis über die Zeit des Zweiten Weltkriegs hinaus, um sich als Standard-Bildformat durchzusetzen. Für dieses wurde dann aber in zuvor kaum gekannter Vielfalt entwickelt - beispielsweise eine Unzahl von Objektiven. In der Digitalkamera, die für jedermann vor nur ungefähr 15 Jahren erstmals angeboten wurde, ersetzte ein lichtempfindlicher Sensor den Film.
Um die Kameras kompakt zu halten und vor allem auch aus Kostengründen, blieben die elektronischen Bilderfänger im Vergleich zum Kleinbildformat geradezu winzig. Und das, obwohl die Bildqualität aus optischen und elektrischen Gründen bei kleinerer Sensorfläche abnimmt. Stattdessen wurde die Packungsdichte der Sensorelemente auf den Chips immer mehr forciert und der Kundschaft eingebleut, die Millionenzahl der Bildpunkte (die sogenannte „Auflösung“) für ein Qualitätskriterium zu halten - bis sich allmählich herumsprach, dass bei den gängigen Sensorgrößen in Kompaktkameras jenseits von sechs Megapixel keine Fortschritte, sondern eher eine deutlich abfallende Bildqualität zu erwarten sei.
Der Sensor im Kleinbildformat bringt viele Vorteile
Digitalkameras mit einem „Vollformatsensor“, also einem Chip von 24 × 36 Millimeter Kantenmaß, galten hingegen als teure Ausnahmeerscheinung für den Profi-Einsatz. Die erste Canon mit einem Sensor im Kleinbildformat war 2004 die EOS 1Ds Mark II mit 16,7 Megapixel für 8000 Euro. Ein Jahr später folgte die EOS 5D im semiprofessionellen Segment für 3400 Euro. Die ganz überwiegende Mehrzahl der Spiegelreflexkameras beschied sich aber bis jetzt mit Sensoren im kleineren APS-C- (24 × 16 Millimeter) oder Four-Thirds-Format (17,3 × 13 Millimeter). Das wird nun anders werden. Die Spiegelreflex mit Vollformatsensor war das Thema schlechthin auf der Photokina . Den Auftakt hatte Nikon mit der D700 gemacht (2600 Euro, F.A.Z. vom 2. September), nun ziehen Canon, Sony und andere mit gleichermaßen spektakulären Geräten zu einem erschwinglichen Preis nach.
Der Sensor im Kleinbildformat bringt viele Vorteile: an erster Stelle die Möglichkeit, sehr gute alte Objektive aus der Analogzeit an den neuen digitalen Apparaten weiterzuverwenden, und zwar mit dem gewohnten Bildwinkel, ohne „Brennweitenverlängerung“. Auch entfallen Probleme und Besonderheiten hinsichtlich Schärfentiefe, Randschärfeleistung und Vignettierung, die sich aus dem Einsatz von Objektiven ergeben, die für das Vollformat berechnet und vor einen kleineren Sensor geschraubt werden. Man wird zwar mangels Objektivelektronik und -kontakten mit seinen alten Schätzchen nicht alle Automatikfunktionen der Kamera ausreizen können (Autofokus, Belichtungssteuerung und -messung), aber manches teure und hochwertige Objektiv der siebziger und achtziger Jahre sieht nun einem zweiten Frühling an einer neuen Digitalkamera entgegen.
Die Neuerscheinungen dieser Messe
Vor allem aber ist die schiere Größe des Vollformatsensors ein klarer Pluspunkt: Je größer die Fläche des Sensors ist, desto größer können die einzelnen Pixel sein und desto höher sind die Lichtempfindlichkeit und der von dem Sensor zu bewältigende Dynamikumfang. Bei gleicher Pixelzahl hat ein Sensor im Kleinbildformat noch bei ISO 400 die gleiche Lichtausbeute wie ein APS-C-Sensor bei ISO 160. Die Nikon D700 zeigt das besonders eindrucksvoll mit ihrer hohen Empfindlichkeit. Sie liefert rauscharme, gelungene Aufnahmen bis ISO 6400 und lässt sich bis ISO 25600 hochziehen.
Zu einzelnen Neuerscheinungen dieser Messe: Sonys 900 ist hinsichtlich Bauform, Größe (15,6 × 11,7 × 8,2 Zentimeter), Gewicht (900 Gramm) und Preis (2800 Euro) eine scharfe Rivalin der Nikon D700 und im semiprofessionellen Segment einzuordnen. Zudem setzt sie einen Meilenstein im Pixelrennen: 24,6 Megapixel schafft derzeit keine andere Spiegelreflex. Der CMOS-Sensor soll besonders schnell ausgelesen werden, und gleich zwei Bildprozessoren verarbeiten die hohe Datenmenge mit reichlich Tempo: Der Hersteller gibt eine Serienbildgeschwindigkeit von fünf Aufnahmen je Sekunde an. Eine Vignettierungskorrektur ist ebenso vorhanden wie ein Bildstabilisator. Das Autofokusmodul mit neun Kreuz- und zehn Hilfssensoren hat Sony neu entwickelt. Ein integriertes Blitzgerät fehlt, und die Empfindlichkeit reicht bis ISO 6400.
Eine Bildwirkung „wie von Kinoproduktionen“
Canon hingegen zieht als Trumpfkarte die neue EOS 5D Mark II: Sie kommt ebenfalls mit Vollformatsensor, bietet wie die Nikon D700 eine hohe Empfindlichkeit bis ISO 25600 und löst mit 21,1 Megapixel auf. Neu ist hier der besonders schnelle Digic-4-Prozessor. Bis zu 3,9 Bilder je Sekunde soll die Kamera für 2500 Euro schaffen. Als besonderen Pluspunkt stellt Canon den HD-Videomodus heraus. Damit tritt sie in die Fußstapfen der ebenfalls neuen Nikon D90, die als erste Spiegelreflex der Welt HD-Aufnahmen in einer Auflösung von 1280 × 720 Pixel (24 Bilder in der Sekunde) erlaubt. Canon kommt später, bietet aber mehr, nämlich Full HD mit 1920 × 1080 Pixel bei 30 Bildern in der Sekunde. Mit den Möglichkeiten des großen Vollformatsensors erhält man eine Bildwirkung „wie von Kinoproduktionen“, behauptet Canon. Wir sind skeptisch und gespannt.
Die Standards für das vor allem von Panasonic und Olympus gestützte Four-Thirds-Sensorformat sind in diesem Sommer zu einem „Micro Four Thirds“ modifiziert worden: Der Sensor bleibt gleich groß, die Objektive schrumpfen, vor allem aber das Auflagemaß (Entfernung zwischen Sensor und vorderer Bajonettkante) wurde so gut wie halbiert. Und mit der Panasonic Lumix G1 ist nun das erste Modell einer neuen Kameraklasse zu sehen, die sich gegen die sogenannten Bridge-Kameras (oder „Prosumer“-Modelle) genauso wie gegen die Einsteiger-Spiegelreflexe etablieren soll. Ob das gelingen wird, ist angesichts eines Preises von 750 Euro für die G1 mit einem 14-45-mm-Zoom ein von Freund und Feind durchaus kontrovers diskutiertes Messethema.
Eine Kompaktkamera mit Wechselobjektiven
Zum einen ist das modisch nicht nur in Schwarz, sondern auch in Rot-Schwarz und Blau-Schwarz gewandete G1-Gehäuse lecker kompakt und 385 Gramm leicht. Das kann es sein, weil die G1 auf den Spiegelkasten verzichtet, denn sie ist wie in der Prosumer-Welt üblich eine Kamera mit einem - wie bei der FZ50 schwenkbaren - 3-Zoll-Monitor und elektronischem Sucher. Der stammt bei der G1 allerdings mit 1,4 Millionen Bildpunkten aus der professionellen Videotechnik und bietet ein weitaus feineres Bild als die Sucher in Bridge-Kameras.
Allerdings ist es Verdummung, die G1 zur „ersten Mini-DSLR ohne Spiegel“ zu erklären; sie ist eine Kompaktkamera mit Wechselobjektiven - staubt deshalb ihren 12,1 Megapixel liefernden Sensor auch mit Ultraschall ab. Mit einem Adapter erschließen sich ihr alle Four-Thirds-Objektive. Wenn man eine angenehm kompakte Four-Thirds-Spiegelreflex von Olympus wie die E-510 samt zwei Zoom-Objektiven für etwas mehr als 500 Euro bekommen kann, stellt sich angesichts der G1 die Frage, wie viel einem noch mehr Kompaktheit wert ist.
Eine Sensation dieser Photokina
In ganz anderen Preisregionen bewegt sich „Afrika“. Unter diesem Codenamen hat Leica in Rekordzeit eine Sensation dieser Photokina entwickelt: die digitale Mittelformat-Handkamera Leica S2, deren Prototyp auf dem Stand in der Vitrine gezeigt und im Séparée Interessenten als Muster in die Hand gegeben wird: Profis, die „im Sommer 2009“ - so lautet der versprochene Lieferzeitpunkt - für die rundherum wetterfest gedichtete Kamera mit einem neuen 70-mm-Summarit einen Betrag X zwischen 20.000 und 25.000 Euro zu erlegen bereit sind. Nur wenig größer als Kleinbild-Vollformatboliden wie die Canon Eos 5D und spürbar kleiner als die D3 von Nikon bietet die S2 einen 56 Prozent größeren mit Fujitsu entwickelten Sensor von 35 × 40 Millimeter Kantenlänge mit 37,5 Megapixel.
Die Kamera, die samt einer neuen Objektivserie nicht nur in Solms komplett entwickelt wurde, sondern - mit Zulieferungen, versteht sich - wirkliches „Made in Germany“ sein wird, vereint die Handlichkeit einer Kleinbild-Spiegelreflexkamera mit der überlegenen Abbildungsleistung einer digitalen Mittelformatkamera oder einer Fachkamera mit Digitalrückteil. Es wird ein Tilt-Shift-Objektiv geben und mehrere „CS“-Objektive mit Zentralverschluss, der wahlweise, etwa zur schnelleren Blitzsynchronisation, statt des Verschlusses in der Kamera eingesetzt werden kann. Mustergültig erscheinen die Aufgeräumtheit der Gehäuserückseite mit wenigen Tasten und die übersichtliche Menüstruktur. Mehr als ein Gag ist das Bedienrad, das um die senkrechte Achse drehbar, außerdem aber nach vorn zu drücken ist. Für Leica ist dieser Aufbruch in ein ganz neues Geschäftsfeld zugleich der Technikträger einer zukünftigen R10, die im Gegensatz zur aktualisierten M8.2 noch nicht zu sehen ist.