07.11.2008 · Die neue Spiegelreflexkamera D90 von Nikon für den ambitionierten Hobbyfotografen lässt wie ihre Vorgängerin in Sachen Bedienung kaum Fragen offen. Nikon spendiert hier feinste Spitzentechnik aus dem gehobenen Segment.
Von Michael SpehrEine schöne Linie der Kontinuität: Die D70 und die D80 galten als Nikons Spiegelreflexkameras für den besonders ambitionierten Einsteiger, der nicht in erster Linie auf den Preis achtete, sondern auf die gehobene Verarbeitungsqualität und manches Extra, das es nicht in der Basisklasse gibt. Beide waren für anfangs rund 1000 Euro eine nachhaltige Investition, und wir kennen viele zufriedene Käufer, die sie bis heute im Einsatz haben. Nun ist die Nachfolgerin D90 in ebendieser Preisklasse im Handel. Wir sind verblüfft, denn Nikon spendiert hier feinste Spitzentechnik aus dem gehobenen Segment, und eine Fachzeitschrift spricht sogar von einer der D300 vergleichbaren Bildqualität: Das wäre wirklich eine gelungene Überraschung.
Das Gehäuse der Neuen aus Polycarbonat mit Metall-Chassis folgt hinsichtlich Maßen und Gewicht der Vorgängerin D80 und wirkt sehr ordentlich. Auffallend ist wie bei der D300 das riesige rückseitige Display mit einer Diagonale von 7,5 Zentimeter und vor allem einer von 230 000 auf 920 000 Pixel erhöhten Auflösung, die sich bei der Beurteilung von Fotos als klarer Pluspunkt erweist. Drückt man die Info-Taste unten rechts, zeigt das Display zudem alle wichtigen Kameraeinstellungen und Aufnahmeparameter.
Modischer Live-View-Modus
Der 12-Megapixel-CMOS-Sensor im DX-Format gleicht laut Nikon ebenfalls dem Bildfänger in der D300. Er arbeitet bis ISO 6400, die Weiterverarbeitung des Datenstroms erfolgt mit einer 12-Bit-Maschine. Der modische Live-View-Modus (mit drei Autofokus-Einstellungen, allesamt auf Kontrastmessungen beruhend) ist neu dazugekommen. Und natürlich sind etliche Funktionen dabei, die allein auf pfiffiger Software beruhen: etwa eine Gesichtserkennung und viele Möglichkeiten der Bildbearbeitung in der Kamera.
Viel wichtiger ist das auf 4,5 Bilder je Sekunde erhöhte Arbeitstempo. Rund 25 bis 50 Aufnahmen lassen sich mit dieser Geschwindigkeit erfassen, eine flinke Speicherkarte (Secure Digital) vorausgesetzt. Innovativ finden wir auch die Möglichkeit einer Korrektur von Vignettierung und chromatischer Aberration in der Kamera sowie das aktive D-Lighting, das bereits während der Aufnahme in die Belichtung eingreift und sich schon bei anderen Nikons bewährt hat. Der Autofokus setzt nach wie vor auf elf Messfelder mit einem Kreuzsensor, während die D300 51 Messpunkte und 15 Kreuzsensoren bietet. Der Unterschied ist durchaus bemerkbar, beide Kameras sind schnell am Motiv, aber in kniffligen Situationen liegt die die D300 klar vorn. Hinsichtlich des Rauschverhaltens bei höheren Empfindlichkeitsstufen sind sich die Geschwister ebenfalls sehr ähnlich: ISO 3200 ist noch brauchbar, bei ISO 6400 zeigen sich indes deutliche Einschränkungen in der Bildqualität.
Typisches Nikon-Menü
Die D90 lässt wie ihre Vorgängerin in Sachen Bedienung kaum Fragen offen. Sie hat das typische Nikon-Menü, etliche Tasten und die beiden Einstellrädchen lassen sich individuell belegen oder anpassen. Die Anleitung mussten wir nur für die neue Videofunktion zu Rate ziehen, denn diese Nikon ist die erste Spiegelreflex, die in kleiner HD-Auflösung (1280 × 720 Pixel) Filme aufzeichnet, und zwar im Format Motion JPG und nur im Live-View-Modus mit etwas aufwendiger halbautomatischer Fokussierung. Ändert man die Brennweite, muss man nachjustieren.
Die Clips dürfen maximal zwei Gigabyte oder fünf Minuten lang werden, in geringerer Auflösung bis zu 20 Minuten. Das eingebaute Mikrofon nimmt den Ton mono auf, einen Anschluss für ein externes Mikrofon sucht man vergebens. Dank HDMI-Schnittstelle kann man die Videos sofort am HD-Fernsehgerät betrachten, die Qualität ist sehr ordentlich. Das ist ein netter Notbehelf, wenn gerade kein Kamkorder zur Verfügung steht, und mit Wechselobjektiven erschließen sich interessante Einsatzmöglichkeiten, die ein Kamkorder nicht bietet.
Insgesamt ist die D90 ein tolles Arbeitsgerät im oberen Amateursegment, die Bewertungen der Fachzeitschriften nach Labortests sind exzellent. Mit der üppigen Softwareausstattung macht sie zudem der 300 bis 400 Euro teuren D300 durchaus Konkurrenz. In Sachen Hardware sind aber klare Unterschiede zum semiprofessionellen Modell erkennbar. Trotzdem bleibt die Kaufentscheidung schwer: Lieber die robustere, schwerere, schnellere D300 nehmen oder die günstigere D90 und das gesparte Geld in ein hochwertiges Objektiv stecken? Hier gibt es kein Patentrezept, und wer noch bessere Technik sucht, sollte auch einen Blick auf die D700 werfen, die freilich in einer anderen Preisklasse spielt.