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Neues Instrument Seaboard : Das Ende des Keyboards?

  • -Aktualisiert am

Vielfältiger und sensibler als das Keyboard: das Seaboard Bild: Hersteller

Die Tasteninstrumente frustrieren ihn: zu starr, zu wenig Spieltechniken. Deshalb erfindet Roland Lamb das Seaboard - und gewinnt einen prominenten Fürsprecher.

          Wer ein gutes Keyboard spielt, dem liegt das Musikuniversum unter den Fingern. Allerdings können Streicher und Gitarristen Klänge erzeugen, die einem Tasteninstrument kaum zu entlocken sind. So ist das stufenlose Ändern der Tonhöhe auf dem Keyboard nur umständlich möglich - gewesen. Denn der Londoner Roland Lamb hat das Keyboard weiterentwickelt und es kurzerhand Seaboard genannt. Sea steht für „Sensory, Elastic and Adaptive“, im Klartext: eine höchst empfindliche Tastenoberfläche, die auf weit mehr reagiert als den Anschlag. Zum Beispiel auf Wischbewegungen. So kann die Tonhöhe direkt auf der Taste verändert werden. Ein Wisch nach links senkt den Ton leicht, einer nach rechts hebt ihn etwas. Der Seaboardspieler klingt dann wie ein Gitarrist, der die Saite nach oben oder unten zieht. Mit besseren Keyboards funktioniert das zwar auch, aber nur über Drehregler und daher nicht so geschmeidig und fein wie auf dem Seaboard. Hier streichen die Finger über die Tasten und Tonhöhe, Dynamik und Vibrato folgen den Bewegungen.

          Für Roland Lamb ist das Seaboard ein Materie gewordener Traum. Das Klavier war der erste Gegenstand, den er liebte. Lamb spielte es während seiner ganzen Kindheit und wurde Tag um Tag frustrierter. „Ich war neidisch auf die Gitarristen, weil sie mühelos jeden Ton verbiegen können“, erzählt er. Aus Neid und Frustration wurde Inspiration: Langsam sei ihm klargeworden, dass die starre Tastenstruktur des Klaviers neu gedacht werden müsse. Fließender sollte sie werden, eher der Meeresoberfläche ähneln. Um sein Wunschinstrument zu bauen, gründete Lamb vor vier Jahren Roli. Mittlerweile arbeiten mehr als 30 Menschen für das Londoner Unternehmen. Man will mit dem Seaboard Musikgeschichte schreiben, oder wenigstens als Fußnote darin auftauchen.

          Für unterwegs: Seaboard mit Gestell
          Für unterwegs: Seaboard mit Gestell : Bild: Hersteller

          Unbemerkt von der Öffentlichkeit, wird immer wieder versucht, neue Instrumente zu etablieren. Das Theremin stößt dabei viel weiter vor als das Seaboard. Man muss es nicht einmal berühren, um darauf zu spielen. Seine Antennen reagieren auf Handbewegungen in der Luft, die das Gerät in Töne verwandelt. Silicon Valley, superneu? Weit gefehlt - der Russe Lew Termen entwickelte das Theremin kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs.

          Das schrägste Instrument unserer Zeit heißt Reactable: eine Art berührungsempfindliche Tischplatte unter Strom. Darauf verschiebt man eckige Gegenstände und moduliert so den Klang. Im Gegensatz zum Seaboard lohnt sich das Reactable nur für Musiker, die in elektronischen Klangwelten heimisch sind. Der Erfolg kann sich trotzdem sehen lassen. Die Band von Björk nutzte das Instrument, und per App kann es auf Smartphone und Tablet simuliert werden; für einen einstelligen Betrag statt der 8107 Euro, die das Original kostet.

          Derart ins Budget schlägt das Seaboard nicht unbedingt. 1870 Euro sind für die Basisversion mit 37 Tasten fällig; 900 Euro mehr für die Ausführung mit 61 Tasten. Dann folgt ein monetärer Tigersprung auf 8299 Euro für die 88-Tasten-Version, die auf 88 Exemplare limitiert ist. Obwohl die ersten Kunden frühestens im Dezember ihr Seaboard bekommen sollen, lohnt sich die Vorbestellung: Mitte November will Roli die zwei erschwinglichen Ausführungen deutlich verteuern - wegen der angeblich riesigen Nachfrage.

          Sea steht für „Sensory, Elastic and Adaptive“
          Sea steht für „Sensory, Elastic and Adaptive“ : Bild: Jonas Hermann

          Immerhin bekommt man ein derzeit konkurrenzloses Instrument, das in London handgefertigt wird. Auf eingebaute Lautsprecher und ein Display müssen Seaboarder verzichten. Der integrierte Synthesizer wird über die Computeranbindung bedient. Feine Schmankerln sind die Flächen über und unter den Tasten, auf denen man mit Fingerwisch durch die Oktaven gleitet. Dann jault und schreit es wie in furiosen Gitarrensoli.

          Wird das Seaboard das iPhone unter den Musikinstrumenten? Die britische Presse schrieb jedenfalls Jubeltexte, und Filmmusik-Legende Hans Zimmer zeigte sich angetan. Findige CNN-Reporter ließen ihn das Instrument testen. Das Seaboard sei inspirierend, sagte Zimmer, da sich eigentlich jeder stets wünsche, der Musik mehr Ausdruck zu verleihen: „Es ist der Versuch, die Grenzen der Technik zu überwinden, die vor etwa 600 Jahren erfunden wurde“.

          Erfinder Lamb behauptet, das Ausdruckspotential der Tasteninstrumente erweitert zu haben. Das Seaboard sei der Abschied von den geraden, unbiegsamen Tönen des Klaviers. Hans Zimmer geht noch weiter: „Das Seaboard hat etwas Sinnliches. Es verhält sich viel eher so, wie man es sich wünscht, wenn man mit Tönen hantiert.“

          Kopfstehen wird die Musikwelt deshalb nicht. Im Tonstudio werden Noten und Klangparameter in die Aufnahmesoftware „gemalt“, und das meist nicht in Echtzeit. Klangspielereien à la Seaboard lassen sich mit einigen Mausklicks erledigen. Selbst wenn die Instrumente live eingespielt werden, vermag das Seaboard vermutlich kaum etwas, das sich nicht mit modernen Programmen nachträglich imitieren ließe. Von seinen Möglichkeiten profitieren also vor allem Freizeit- und Bühnenmusiker.

          Wer mit Musikproduzenten über das Seaboard spricht, hört folglich kein glühendes Interesse heraus. Eher kommt die Frage, ob man damit auch andere Klangerzeuger steuern kann. Laut Roli soll das funktionieren. Alle Kontrolldaten fließen über die USB-Schnittstelle, Midi-Ausgänge sind nicht vorhanden.

          Falls es für Roli fabelhaft läuft, gibt es in 20 Jahren fast nur noch Seaboards und Seaboard-Imitate, da niemand das neue Spielgefühl missen möchte. Und angenommen, es läuft mies? Dann wird dem Seaboard ein Nischendasein beschieden sein und vielleicht hohe Preise bei Online-Auktionen, weil die wenigen gebauten Exemplare dort gehandelt werden.

          Doch eigentlich wünscht man Roland Lamb den Erfolg, denn seine Erfindung hat alles, um das Keyboard für Ambitionierte zu werden. Dann wäre das Seaboard der Edelsportwagen unter den Keyboards. Jaulen und schreien kann es ja.

          Quelle: F.A.Z.

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