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Musiktechnik Das Ende der Lautheit

Wie Musik klingt, das bestimmen heute nicht nur Musiker, sondern Produzenten und Toningenieure. Doch die Zeit des akustischen Wettrüstens geht allmählich zu Ende. Ein Hör- und Lesestück.

© Pilar, Daniel Vergrößern Hinter der Musik einer Schallplatte steckt viel und immer mehr Technik.

Ein Mann, eine Gitarre, ein Wohnzimmer. Und ein merkwürdiger Apparat, der einem Kofferplattenspieler ähnelt. Eine Schellackscheibe dreht sich, die Kamera zoomt heran: Dort, wo beim Plattenspieler der Tonabnehmer sitzt, hat das Gerät einen Schneidkopf. Es ist ein „Presto Direct to Disc Recorder“ aus den 1930er Jahren, der Mann davor der britische Folkrocker Richard Thompson. Er schlägt die ersten Töne auf der Gitarre an und der Schneidkopf fräst sie sogleich als Rillen in den Schellack. Am Ende ist ein Unikat entstanden: Eine Schellackplatte mit 78 Umdrehungen, aufgenommen in Mono, ohne Mischpult, Nachbearbeitung, Schnitt, Mastering. Diese und viele weitere Sessions zeigt das derzeit laufende „78 Project“ unter www.the78project.com.

In wenigen Tagen beginnt in Berlin die Funkausstellung. Wieder wird es dort auch um Musik gehen, virtuelle, beliebig verlustfrei reproduzierte Musik; digitale Muster, auf Festplatten gespeichert, über Netzwerke gestreamt oder direkt aus einer „Cloud“ im Internet bezogen. Die eigentliche Rücktransformation in das, was wir Musik nennen, geschieht irgendwo in einer D/A-Wandlerstufe des CD-Spielers, Verstärkers oder Aktivlautsprechers.

© Jochen Reinecke Stereo-Originalklang

Das „78 Project“ ist dazu der totale Gegenentwurf: Es gibt nur einen einzigen Tonträger, er kann nicht verlustfrei vervielfältigt werden. Und zu seiner Wiedergabe bedarf es nicht einmal elektrischen Stroms, ein altes Grammophon genügt. Das Projekt macht sinnfällig, wie sehr sich Musikproduktion in den letzten Jahrzehnten gewandelt und dabei Pfade eingeschlagen hat, die Musikschaffende zunehmend als Irrwege betrachten.

Es begann in den 60er Jahren mit dem Aufkommen der Mehrspurtechnik, die erstmals sogenannte „Overdubs“ ermöglichte. Während ein Musikensemble bis dahin so oft aufzeichnen musste, bis alle Musiker fehlerfrei spielten, erlaubt die Mehrspurtechnik, einzelne Tonspuren neu aufzunehmen, ohne die bereits existierenden zu löschen. Die Methode erleichterte nicht nur den Studioalltag enorm, sondern verlockte auch zu ihrem kreativen Einsatz.

So nutzte der Beatles-Produzent George Martin bei dem Album „Sgt. Pepper’s Lonely Heart Club Band“ die Erfindung geradezu exzessiv. Er experimentierte mit Vor- und Nachechos, rückwärts abgespielten Spuren, gedoppelten Gesängen und dergleichen mehr. Auch erlaubte die Mehrspurtechnik einem Musiker nun, komplexe Arrangements völlig im Alleingang einzuspielen.

© Jochen Reinecke Künstlicher Nachhall

So entstand 1973 Mike Oldfields „Tubular Bells“, eine der ersten erfolgreichen 16-Spur-Aufnahmen. Der typische Sound Phil Spectors, der etwa Platten von John Lennon oder George Harrison produzierte, wäre ohne die Mehrspurtechnik ebenfalls undenkbar gewesen. Das ausgiebige Übereinanderschichten zahlreicher Tonspuren verschaffte seiner Produktionstechnik auch den Spitznamen „Wall of Sound“.

Doch nicht nur die Anzahl der Tonspuren änderte sich über die Jahrzehnte, es wurden auch diverse Verfahren entwickelt, welche die Aufgabe des Tonmeisters immer weiter davon entfernten, Musik möglichst unverfälscht aufzuzeichnen: Equalizer gestatten es, das Frequenzspektrum einer Aufnahmespur zu beeinflussen, um beispielsweise die markanten Frequenzanteile eines Instruments besser herauszuarbeiten. Noise Gates reduzieren unerwünschte Nebengeräusche, indem sie nur den gewünschten Schallanteil eines Instruments (beispielsweise ein Gitarrensolo) passieren lassen, Atemgeräusche des Musikers dagegen blockieren.

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Veröffentlicht: 21.08.2012, 16:39 Uhr

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