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Musik hören Die Wiedergeburt des Stereo

02.07.2007 ·  Als Audio-Format hat der Mehrkanalton alle Erwartungen enttäuscht. Die nur zweikanalige Musikwiedergabe ist selbst für Audiophile kein Nachteil. Stereo ist alles andere als von gestern.

Von Gerold Lingnau
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Stereo ist von gestern? Dieses Urteil über die zweikanalige Musikwiedergabe wäre genauso falsch wie die Behauptung, die analogen Tonträger seien tot.

Im Gegenteil: Diese beiden Audio-Welten erleben zurzeit eine Renaissance, und das gerade im anspruchsvollen Bereich, der sich traditionell High End nennt. Die Langspielplatte, das Flaggschiff der analogen Musik-Speichermedien, erfreut sich wieder hoher Wertschätzung. Das Angebot an Plattenspielern, vom Einfachmodell bis zum mechanisch ausgebufften 35-Kilogramm-Boliden mit Zimmerschmuck-Fähigkeiten, ist größer denn je, und auch die Zahl der Releases (so heißen Neuaufnahmen nun einmal in der Sprache der Musikindustrie) von LPs nimmt zu, allerdings ausschließlich unter der Obhut kleiner audiophiler Produzenten.

Analog heißt praktisch Stereo - die Experimente mit Quadrophonie liegen inzwischen weit zurück -, und so würde die zweikanalige Musik (wie schon im Konsumbereich, Stichwort MP3, freilich mit datenreduzierten Formaten und daher für Hör-Gourmets nicht satisfaktionsfähig) jedenfalls eine Bastion behalten, selbst wenn die digitale Szene ganz auf Mehrkanaligkeit umgeschaltet hätte. Dem ist aber durchaus nicht so. Während der Mehrkanalton im Videoumfeld schon Standard ist - wer wollte sich noch einen Action-Film auf DVD ohne passende akustische Eindrücke vorführen lassen? -, hat er als Audio-Format bisher alle Erwartungen enttäuscht.

SACD auf herkömmlichen CD-Spielern

Das liegt zum geringeren Teil daran, dass hier, wie so oft bei Innovationen in der Unterhaltungselektronik, zwei Systeme miteinander konkurrieren. Sonys Geschöpf SACD (Super Audio Compact Disc) steht der DVD-Audio gegenüber, hinter deren Fahne sich eine ganze Reihe von Unternehmen versammelt hatten. Beide sind inzwischen rund sieben Jahre alt, aber von einem Durchbruch sind sie weit entfernt. Die Gesamtzahl der veröffentlichten SACDs liegt noch unter 5000 (das wird an CDs in weniger als einem halben Jahr neu herausgebracht), und die Zahl der in Europa kaum verbreiteten DVD-Audio ist gerade erst vierstellig. Die SACD ist nicht zuletzt deswegen im Vorteil, weil sie - ursprünglich als fortschrittliches, da höherauflösendes Zweikanal-Medium konzipiert - längst nicht nur mehrkanalig, sondern als Hybrid angeboten wird, mit einer separaten CD-Spur, die sie für alle herkömmlichen CD-Spieler tauglich macht.

So erreicht man auch Käufer, die noch keinen SACD-Player besitzen, sich aber die Option darauf offenhalten wollen. Dass die SACD ihren Premium-Anspruch jedoch nicht einlösen kann, zeigt sich an ihrem Preis: Er ist, anders als zu Beginn ihrer Laufbahn, heute nicht höher als der von normalen CDs, oft aus Promotion-Gründen sogar niedriger. Neben der Beschränktheit des Sortiments stehen auch andere Faktoren der Verbreitung der mehrkanaligen digitalen Tonträger (auch der künftigen Generation Blu-ray und HD-DVD mit ihrem weit höheren Speichervermögen, die als reine Audio-Medien wohl kaum in Frage kommen) wirkungsmächtig entgegen.

Trotzreaktion der Audiophilen

So zum Beispiel die Notwendigkeit, mehr als zwei Lautsprecher im Hörraum unterzubringen, möglichst gegen den Protest von Freundin oder Ehefrau. Man kann zwar schon aus einem reichen Angebot an Quasi-Surround-Lösungen wählen, die mit zwei Boxen auskommen, doch derlei kann allenfalls Videofreunden, nicht aber anspruchsvollen Musikgenießern gefallen. Denen ist auch nicht entgangen, und das schmälert das High-End-Renommee von SACD und DVD-Audio doch erheblich -, dass mehrkanalige Klassikaufnahmen nicht immer zusätzlichen Hörgenuss bieten. Oft entsteht der Eindruck, ungewohnterweise mitten im Orchester statt auf einem Parkettplatz zu sitzen.

Viele Aufnahmen aus der Anfangszeit boten auch das, was man zu Beginn der Zweikanaligkeit ,,Ping-Pong-Stereo'' nannte und damit meinte, dass die beiden Kanäle nicht zu einem nahtlosen Hörbild zusammenfinden, sondern jeder für sich ein Eigenleben führen. Der Wahrheit zuliebe muss aber gesagt werden, dass eine Reihe von - auch wieder meist kleineren - Labels mit viel Sorgfalt Aufnahmen herausbringt, die das ästhetische Potential der Mehrkanaligkeit voll ausschöpfen: Die Namen Pentatone, Tacet und Telarc mögen hier mit für andere stehen. Alle die Hindernisse, die der Akzeptanz der mehrkanaligen Audio-Medien im Weg sind, haben bei nicht wenigen Audiophilen eine Trotzreaktion ausgelöst. Eine optimale Stereo-Wiedergabe, sagen sie sich, ist den neuen Formaten nicht so ohrenfällig unterlegen, dass man nicht versuchen sollte, seine Anlage in diese Richtung auszubauen.

Die CD kann durchaus noch zulegen

Die Hersteller anspruchsvoller Elektronik haben den Trend schon erschnuppert und bringen wieder passende Hardware heraus: nicht nur highendige CD-Spieler oder spezialisierte Kombi-Player, die SACDs mit ihrer höheren Auflösung zweikanalig wiedergeben können (Beispiele: Marantz, T+A), sondern auch aufwändige Stereo-Vorverstärker und -Endstufen. Nicht zuletzt haben Fortschritte bei der Digital-Analog-Wandlung - Upsampling auf höhere Abtastraten, interne Verarbeitung mit größerer Wortbreite - die Möglichkeiten ausgereizt, die in der CD trotz ihrer definitionsgemäß beschränkten Technik (44,1 Kilohertz, 16 Bit) stecken. Immerhin ist sie ja ein nicht datenreduziertes Medium und somit Formaten wie MP3 prinzipiell überlegen.

Auch aufnahmeseitig kann die CD durchaus noch zulegen. Das beweist eine wachsende Zahl von „xrcd“ genannten Scheiben des japanischen Elektronikherstellers JVC und seiner Lizenznehmer, die sich von normalen in nichts anderem unterscheiden als der besonderen Sorgfalt auf allen Stufen ihrer Produktion - mit einem erstaunlichen Qualitäts-Bonus, wie er eigentlich überall geboten werden sollte. Noch mehr Klanggewinn bietet HDCD (High Definition Compatible Digital), ein Verfahren, das bei der Aufnahme zusätzlichen elektronischen Aufwand, im CD-Spieler dagegen nur einen kostengünstigen Dekoder-Chip erfordert.

Stereo kommt der Realität näher

HDCD kodierte Discs glänzen mit deutlich geringeren Verzerrungen und besserer Auflösung, voll auf Augenhöhe mit den hochwertigsten analogen Masterbändern als immer noch gültigen Referenzen und von Analog-Eingeschworenen als einzige Digital-Alternative zu ihren Langspielplatten anerkannt. Auch CD-Player ohne HDCD-Dekoder akzeptieren sie und lohnen es mit einer - allerdings geringeren - Verbesserung des Klangs. Der Erfinder, das kalifornische Unternehmen Pacific Microsonics, wurde inzwischen vom Software-Giganten Microsoft übernommen, doch der hat der Verbreitung von HDCD seither nicht im erhofften Maß aufgeholfen. Die Gesamtzahl der Veröffentlichungen (CD und DVD) liegt bei 5000.

Stereo hat also unbestreitbar Zukunft, vor allem für Klassik-Liebhaber. Sie können sich darauf berufen, dass die Vorteile der Mehrkanal-Technik etwa bei Solo-Darbietungen oder Kammermusik kaum zum Tragen kommen und dass auch bei komplexen OrchesterAufnahmen der Stereo-Höreindruck den Verhältnissen im Konzertsaal - Platz im Parkett mit Blick aufs Podium - auf höchst realitätsnahe Weise entspricht.

Die Welten sind sich erfreulich nahe

Sind dann noch ambitionierte (und das muss nicht heißen: besonders teure) Wiedergabekomponenten im Spiel, vom hochwertigen CD-Player über schonend mit dem Klang umgehende Verstärker bis hin zur letzten Instanz, den mit möglichst geringen Phasenfehlern und damit ortungsgenau und optimal räumlich aufspielenden Lautsprechern, dann ist ebenso ungetrübte Hörfreude möglich wie mit einer durchschnittlichen Mehrkanalanlage. Der Abstand zum MP3-Niveau bleibt allemal erhalten, und die meisten Klassik-Freunde möchten ihn auch ausdrücklich gewahrt wissen.

Die Wahl zwischen Analog - Schallplatte - und Edel-Digital - erstklassig aufgenommene CD, „xrcd“, HDCD - bringt jetzt schon eine gewisse Qual, denn die beiden Welten sind sich erfreulich nahegekommen. Und wenn auch die Produzenten und Tonmeister der CD generell wieder mehr Sorgfalt widmen, kann alles nur noch besser werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.07.2007, Nr. 26 / Seite V14
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