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Mittelformat-Kameras Es kommt doch nicht nur auf Größe an

Für viele Fotofreunde ist Mittelformat so etwas wie ein Zauberwort. Größere Negative ergeben aber nicht automatisch bessere Bilder. Das zeigt die Belair X 6-12 von Lomography.

© Pardey Vergrößern Die Rivalinnen: Zeiss Ikon Nettar 518/2 und Lomography Belair X 6-12 Jetsetter

Zugegeben, der Vergleich hinkt hinten und vorn, und er ist auch nicht ganz fair. Aber es hat einfach Spaß gemacht, die brandneue Belair X 6-12 Jetsetter von Lomography neben einer Zeiss Ikon Nettar 518/2 aus dem Jahre 1951 zu benutzen. Und das Ergebnis lässt ein wenig die Luft aus den - wie immer bei Lomography nett und wahnsinnig optimistisch blubbernden - Werbeblasen, die dank des geradezu riesigen Negativformats von bis zu exakt 104 × 52 Millimeter ungehemmte Kreativität und überlegene Bildqualität verheißen. Der Belair in der Jetsetter heißenden Metallausführung (es gibt auch eine schwarze Plastikversion mit Namen Cityslicker) liegen zwei Wechseloptiken bei und Masken, mit denen sich das Aufnahmeformat 6 × 12 auf 78 × 52 Millimeter, also 6 × 9, und 52 × 52 Millimeter wie 6 × 6 beschränken lässt. Dieses Paket, das weder einen Tragriemen noch die zwei benötigten Knopfzellen enthält, kostet rund 250 Euro. Zum Vergleich: Eine Nettar 518/2 mit dem fest eingebauten Novar-Anastigmat 1:3,5/105mm und dem Verschluss Prontor-S (B bis 1/250 Sekunde, mit Selbstauslöser und Drahtauslöseranschluss) wurde im vergangenen Frühjahr bei Ebay für unter 40 Euro zugeschlagen.

Hans-Heinrich Pardey Folgen:

Um noch schnell die technischen Daten der Belair hinsichtlich Objektiven und Verschluss nachzutragen: Die beiden offenbar komplett aus Kunststoff bestehenden Objektive haben eine größte Öffnung von 1:8, eine zweite wählbare Blende von 1:16 und Brennweiten von 58 und 90 Millimeter. Damit erfassen sie im Format 6 × 12 Bildwinkel, die aufs Kleinbildformat übertragen etwa den Brennweiten 21 und 32 Millimeter entsprechen würden. Der einfache, bewusst gegen Doppelbelichtung nicht gesicherte Verschluss der Belair wird laut Hersteller von Lichtwert 4 bis LW 15 programmgesteuert, mit einer schnellsten Zeit von 1/125 Sekunde. Dazu bedarf es der zwei LR44-Batterien und der Einstellung der Filmempfindlichkeit von ISO 50 über 100, 200, 400, 800 bis ISO 1600. Solche Feinheiten kennt die alte Nettar freilich nicht. Dafür lässt sie sich kontinuierlich von 3,5 bis 22 abblenden, man hat die manuelle Wahl der Verschlusszeit und kann die Entfernung fein zwischen etwa 1,20 Meter und unendlich einstellen. Die Objektive der Belair haben hingegen nur vier Fokuszonen: ein Meter, anderthalb und drei Meter sowie unendlich. Zu den Objektiven gehört jeweils ein passender Aufstecksucher, der zwar ein bisschen wackelig einrastet, aber doch ein besser zu beurteilendes Sucherbild zeigt als das wahrhaft winzige Guckloch der Nettar.

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Beide Kameras sind Klappkameras, das heißt, vor der Aufnahme muss das Gehäuse geöffnet werden, um den Objektivträger in seine Arbeitsposition zu bringen. Dabei wird der Balgen, der bei der Belair aus Gummi ist, ausgezogen. Wenn man die Nettar öffnet, bekommt man angesichts der massiven, heute wie vor sechzig Jahren präzise funktionierenden Faltschere ein Begriff davon, was deutsche Wertarbeit meinte. Die X-Spreize der Belair wirkt da doch wesentlich wackliger. Die höchst unterschiedliche Materialwahl und die grundsolide Ausführung der Nettar, die als Freizeit- und Wanderkamera angepriesen wurde, schlagen sich im Gewicht nieder: 505 Gramm wiegt die Belair ohne Film mit dem 90-mm-Objektiv. 788 Gramm die Nettar.

Während man der Belair ein Blitzgerät mit X-Kontakt in den „Hotshoe“ schieben und dann einfach Blitzaufnahmen machen kann, ist das bei der Nettar nicht so einfach. Allerdings waren die Blitzaufnahmen mit der Belair nicht immer eine reine Freude, weil es mit der Synchronisierung gelegentlich nicht recht klappte: Der Verschluss blieb noch einen Wimpernschlag länger offen, als es nötig gewesen wäre. Und in noch einem anderen Punkt ist die Nettar gegenüber der Belair deutlich entschleunigter: Ihren Verschluss muss man zunächst spannen, erst dann kann man auslösen. Dafür ist man bei ihr vor ungewollten Doppelbelichtungen sicher, die der Lomograph wiederum und nicht nur an der Belair zu schätzen weiß. Der geheimnisvolle Selbsttransport des Rollfilms, von dem im Internet die Rede ging, ließ sich bei einem halben Dutzend Filme in der Belair nicht beobachten. Verantwortlich gemacht wird dafür ein beim Ein- und Ausschieben des Balgens entstehender Sog.

Mit beiden Kameras wurden gleichzeitig Aufnahmen gemacht: Gleiches Motiv, gleicher Film, gleiche Entwicklung. Die Entfernung wurde jeweils geschätzt, die Belichtungseinstellungen der Nettar mit einem kleinen Handbelichtungsmesser bestimmt. Nach dem Entwickeln fiel sofort auf, dass die Negative der Belair wesentlich ungleichmäßiger durchzeichnet waren als die der Nettar. Und das, obwohl der lomographischen Klappkamera im Sonnenschein nichts Unmögliches abverlangt wurde. Die Belichtungssteuerung scheint ziemlich unregelmäßig zu arbeiten. Gelungene Aufnahmen der Belair waren deutlich weicher als die kontrastreichen und knackig scharfen Bilder der Nettar. Wer sich an die analoge Mittelformatfotografie heranwagen will, wird sich über seine Ergebnisse wahrscheinlich mehr freuen, wenn er für den Anfang ein altes Schätzchen nimmt.

Quelle: F.A.Z.

 
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