02.03.2009 · Keine Kamera-Neuheit des Photokina-Jahrgangs 2008 atmet so Tradition wie die Messsucher-Digitalkamera Leica M8.2, denn keine andere hat ihre Geschichte. Von der ist die Kamera geprägt - und auch die Arbeit mit ihr.
Von Rüdiger AbeleDiese sprachliche Verkrümmung darf sein: Es heißt „die M“. Zumindest wenn man von einer Kameraserie aus dem Hause Leica spricht, die 1954 bei Leitz in Wetzlar aufgelegt wurde und bis zum heutigen Tag existiert - Service inklusive. Faszinierend: Nahezu alle Objektive von damals und anderes Zubehör lassen sich an der jüngsten M verwenden - und umgekehrt. 55 Jahre technische Kontinuität, dem muss man einfach Anerkennung zollen. Nicht zu vergessen die immensen Anstrengungen, ein Unternehmen, das einst die besten Profikameras der Welt baute, durch eine nicht enden wollende Durststrecke zu führen und es bis zum heutigen Tag am Leben zu erhalten. Rund 500 Mitarbeiter fertigen Kameras und Objektive in übersichtlichen Stückzahlen, weit entfernt von den Produktportfolios, welche die Industrie in Fernost auf den Markt wirft und alle halbe Jahre runderneuert.
Es war die zweite Revolution im Hause Leitz, was im Jahr 1954 stattfand: Das Unternehmen präsentierte die M3 - und eroberte sich rund um den Globus in Profikreisen rasch einen vorzüglichen Ruf. Kein Wunder: Die Kamera war vergleichsweise kompakt, sie hatte einen Bajonettanschluss für den schnellen Objektivwechsel und auch sonst alles, was sie zum Feinmechanikkunstwerk allererster Ordnung machte. Eine modernere Kamera gab es nicht. Damals.
Fotografieren aus der Hand wurde mit ihr möglich
Wohlgemerkt, wir erzählen aus Zeiten, als der Belichtungsmesser nicht im Kameragehäuse eingebaut war, als das Spiegelreflexprinzip noch nicht auf ein kompaktes Maß geschrumpft war und ein Autofokus allenfalls in Träumen funktionierte. Die M ist eine Sucherkamera, genauer gesagt: eine Messsucherkamera; sie ermöglicht das Messen der Entfernung zum Motiv und ein exaktes Scharfstellen mit einem Mischbild beim Blick durch den Sucher. Nach der M3 kamen diverse M, derzeit aktuell sind die M7 und die MP, längst mit integrierter Belichtungsmessung und Zeitautomatik.
Vor der zweiten Revolution aus dem Hause Leitz gab es eine erste, sie passierte im Jahr 1924. Damals begann die Fertigung der ersten Sucherkamera für die Verwendung des Kino-Materials, das dann über Jahrzehnte unter dem Namen Kleinbildfilm erhältlich war. Eine kompaktere Kamera inklusive der gängigen Einstellmöglichkeiten hatte es bis dato nicht gegeben. Fotografieren aus der Hand wurde mit ihr möglich, selbst mit relativ langen Belichtungszeiten bei schlechten Lichtverhältnissen, was sich in der Bildsprache vieler Fotografen niederschlug. Die Kamera wurde ein voller Erfolg. Das Unternehmen taufte sie nach „Leitz Camera“ auf „Leica“, was später auch Unternehmensname wurde.
Die wenigen Bedienungselemente erschließen sich schnell
Nun also die Leica M8. 2006 präsentierte das Unternehmen sie auf der Photokina - die digitale M, mit weitreichender Kompatibilität ins alte System hinein. In der Szene lang erwartet und hochgelobt schon vor dem ersten Foto des Fotoapparats. Die Kamera war gut, doch sie war nicht perfekt. Beispielsweise der Sucher machte ein Scharfstellen nicht immer leicht, eine Belichtungskorrektur war vergleichsweise umständlich, das Auslösegeräusch wurde moniert. 2008 schob Leica die verbesserte M8.2 nach. Sie ist, nach Ansicht vieler Experten, endlich so wie erwartet.
Äußerlich unterscheidet sie sich auf den ersten Blick kaum von allen Vorgänger-M. Sie liegt genauso satt in der Hand wie die M3 von 1954. Die wenigen Bedienungselemente erschließen sich schnell. Ganz oben auf der Positivliste steht das klarste Menü einer Digitalkamera überhaupt, was vor allem daran liegt, dass es nur wenige, notwendige Punkte enthält. Das Gehäuse ist nicht mit Schaltern und Tasten übersät. Klare Botschaft: Die M8.2 baut auf die Kenntnisse und Fähigkeiten des Fotografen, nicht auf hinterlegte Programme. Und ein Autofokus ist nach wie vor nicht vorhanden.
Derlei Frugalität schränkt die Klientel ein - zusammen mit dem Kaufpreis von 5000 Euro fürs Gehäuse. Das günstigste Objektiv, wenn es auch von Leica sein soll, kostet 1000 Euro. Da schluckt mancher und ersteht mit der gleichen Summe einen Gebrauchtwagen oder macht seinen Traumurlaub.
Sie verzeiht keinen Fehler des Fotografen
Arbeitet man parallel mit einer analogen und einer digitalen M, muss man sich kaum umstellen zwischen den Geräten. Ob M3 oder M8.2: Es bedeutet aufgrund der technischen Konzeption vor allem eine Konzentration aufs Sehen und Gestalten. Das freilich bietet selbst die billigste Kamera auf der Welt, wenn man sich von Automatikfunktionen weitgehend löst. Und es gibt Situationen, da wäre man auch bei der Leica für eine Vollautomatik dankbar. Denn sie verzeiht keinen Fehler des Fotografen. Ist ein Foto schlecht belichtet oder unscharf, darf er sich an die eigene Nase packen, neben die sich die M bei der Aufnahme geschmiegt hat.
Ob man nun eine digitale oder eine analoge M bevorzugt, ist in Bezug auf die Bildästhetik weitgehend egal. Das Ergebnis liegt halt in anderer Form vor. Eine analoge M ist erheblich billiger als eine M8 oder M8.2, und auch der Gebrauchtmarkt ist gut bestückt; jedoch kommen Kosten für Filme, deren Entwicklung und eventuell das Scannen hinzu. Zunehmend schwieriger wird es, für präzise belichtete Filme ein gutes Labor zu finden.
Zu den Erschwernissen einer M8.2 gehört auch, dass sie ständig gemessen wird an 55 Jahren M-System. Mit Fragen wie diesen: Ist sie nun eine heutige Kamera? Oder eine modernisierte Antiquität? Die Antwort ist simpel: Die M8.2 lebt in einer eigenen Nische. Wer mit ihr zurechtkommt, hat sein Werkzeug gefunden. Alle anderen dürfen sich eine andere Kamera greifen.
Verglichen mit einer digitalen Kompaktkamera, immer noch laut
Stichwort Auslösegeräusch: Das sanfte „Plopp“ ist ein gern strapaziertes Markenzeichen der analogen M-Kameras, es resultiert aus der Verwendung eines Gummituch-Schlitzverschlusses. Dieser erreicht jedoch bei 1/1000 Sekunde als kürzester Verschlusszeit seine Grenze. Leica gab der M8 für erwünschte 1/8000 Sekunde einen Metalllamellen-Schlitzverschluss. Weil der konstruktionsbedingt schnalzt, kam es, wie es kommen musste: Leica erhielt Schelte wegen des ungewohnt lauten Geräuschs.
Die M8.2 ist in dieser Disziplin wieder besser, mit einer kürzesten Verschlusszeit von 1/4000 Sekunde und einem voneinander entkoppelten Auslöse- und Spannvorgang - ist aber, verglichen mit einer digitalen Kompaktkamera, immer noch laut. Diese sind heute erste Wahl, wenn man wirklich unauffällig und leise fotografieren möchte. Oskar Barnack, der Konstrukteur der ersten Leica mit dem Ziel, eine handliche Kamera herzustellen, würde vermutlich den Perfektionsgrad der modernen Miniknipsen bewundern. Er dachte nach vorn, nicht zurück.
Keine Revolution aus dem Hause Leica
Ist die M8.2 also die dritte Revolution aus dem Hause Leica? Nein, sagen wir - mit aller Subjektivität. Eine Revolution wäre, die Grundidee der Messsucherkamera erheblich stärker zu überdenken. Das Konzept dieser digitalen M holt sich seine Orientierung zu sehr in der Vergangenheit. Vorstellbar ist ein erweitertes M-Konzept, das weiterhin mit Klarheit überzeugt. Dazu könnte beispielsweise ein Messsucher gehören, der nicht mit Feinmechanik brilliert, sondern mit Feinelektronik, die frische Möglichkeiten bietet, etwa einen elektronischen Schärfeindikator. Zu den Kunststückchen auf der imaginären Wunschliste gehört ein abschaltbarer Autofokus, verbunden mit einem angepassten M-Bajonett, das die dann notwendigen neuen Objektive aufnimmt, aber auch alle bisherigen. So viel Kontinuität soll schon sein.