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Veröffentlicht: 23.03.2004, 17:03 Uhr

Kommunikation SMS: Vom Abfallprodukt zur Gelddruckmaschine

Zehn Jahre ist die Technik nun alt, die das heute allgegenwärtige Simsen möglich macht. Anfangs war es nur ein kostenloses Nebenprodukt, heute füllen sich die Telekom-Unternehmen mit den SMS die Taschen.

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© Zentralbild ... denn das lohnt sich für die Telekom-Firmen

Im Cebit-Trubel geht manches unter. Beispielsweise das zehnjährige Bestehen einer Technik, an die anfangs niemand glaubte. Auf der Messe in Hannover wurde 1994 fast unbemerkt von der Öffentlichkeit ein neuer Dienst in den damals noch ganz jungen Mobilfunknetzen gestartet. DeTeMobil (so hieß damals T-Mobile) begann mit "D1-Alpha" einen kostenlosen Probebetrieb der später SMS genannten Kurznachrichten. Sie waren ein Abfallprodukt der GSM-Norm für digitale Telefonie: im Protokoll verankert, aber scheinbar ohne echten Nutzwert, keine Einnahmequelle. SMS steht für "Short Message Service", bis zu 160 Zeichen lange Nachrichten, die über den Organisationskanal der GSM-Mobilfunknetze übertragen werden wie Videotext beim Fernsehprogramm.

Michael Spehr Folgen:

Als DeTeMobil vor zehn Jahren sein neues Angebot in Betrieb nahm, mußte man zunächst passende Begriffe für diesen eigentümlichen Dienst finden. Unser Autor Fritz Jörn dachte an Pager-Dienste wie Cityruf und beschrieb den damals komplizierten SMS-Ablauf: "Es meldet sich ein Auftragsdienst, der bis zu 160 Zeichen lange Nachrichten an einen zu diesem Dienst angemeldeten D1-Teilnehmer aufnimmt. Der kann dann beispielsweise während einer Konferenz bei stummgeschaltetem Gerät schriftliche Nachrichten empfangen. Und im Gegensatz zu Sendungen an bloße Rufempfänger wird die Nachricht erst ausgefunkt, wenn das Gerät gewiß im Netz ist." SMS wurden damals noch nicht eingetippt, sondern diktiert, aber sie hatten von Anfang an den großen Vorteil, daß der Inhalt nicht verlorengeht, wenn sich das Empfangsgerät in einem Funkloch befindet.

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Anfangs kostenlos

Daß sich die SMS zu einem Massenkommunikationsmittel entwickeln würde, war damals nicht absehbar. Anfangs erlaubte E-Plus SMS-Nachrichten sogar unentgeltlich. Weil der dritte Netzbetreiber auch besonders günstige Preise hatte, wurden Studenten und "Freaks" die ersten SMS-Dauernutzer. In Berlin warnte man sich gegenseitig per SMS vor Kontrolleuren im öffentlichen Personennahverkehr, die Zahl der gesendeten Nachrichten explodierte. Irgendwann 1996 erkannten die Leute von E-Plus, daß sich mit den Kurznachrichten gutes Geld verdienen ließ. Im November 1996 wurden die SMS kostenpflichtig, und E-Plus zog sich den Zorn vieler Kunden zu. Dennoch war der große Durchbruch nicht mehr aufzuhalten.

Die Technik trat einen ungeahnten Siegeszug an, weil sie als besonders günstig galt. Eine SMS kostete 15 Pfennig, eine Gesprächsminute in den Mobilfunknetzen hingegen 1,80 Mark. Heute gilt das nicht mehr: Die Kurznachricht kostet 20 Cent, eine Gesprächsminute bestenfalls nur 3 Cent. Die SMS-Dauerschreiber kämen mit Telefonaten billiger davon.

Kaum Kosten, hoher Gewinn

Nichtsdestotrotz kletterte die Zahl der Nachrichten in atemberaubende Höhen: 1996 waren es in ganz Deutschland 3,6 Milliarden, 2000 schon 11,4 Milliarden, 2002 fast 25 Milliarden, in diesem Jahr werden es vermutlich zwischen 30 und 40 Milliarden sein. Neue Dienste sind hinzugekommen: Multimedia-Nachrichten mit Bild und Ton sowie SMS im Festnetz. Der typische Handynutzer verschickt 30 bis 50 SMS im Monat, und die Mobilfunkanbieter erzielen bis zu 15 Prozent ihrer Einnahmen mit einem Dienst, der sie selbst so gut wie nichts kostet. SMS sind für die Netzbetreiber eine Gelddruckmaschine.

Das alles ist den überwiegend jugendlichen SMS-Nutzern egal. SMS sind ein Kommunikationsmedium an sich mit einer eigenen Sprache. "My smmr hols wr CWOT" beginnt der Aufsatz einer dreizehnjährigen schottischen Schülerin. Ihr Text im SMS-Stil sei "leichter zu schreiben als das Standard-Englisch", meint der Teenager. "My summer holidays were a complete waste of time", die Sommerferien waren eine Zeitverschwendung, heißt das Kürzelsammelsurium übersetzt.

Im Schneckengang

Von Lukas Weber

Über die Bürokraten in Europa zu schimpfen gehört zur Folklore. Aber manchmal wünscht man sich dann doch etwas mehr Vereinheitlichung in der Union. Mehr 1 1

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