Dolby hat sein neues Tonformat namens „Atmos“ erstmals in Deutschland vorgestellt. Das Nürnberger Multiplexkino „Cinecitta“ hat für die Premiere den Zuschlag bekommen. Der Betreiber hatte als erster einen Kinosaal mit der neuen Technik ausgestattet und dafür sogar die „alte“ Surround-Lautsprecher-Anlage komplett gegen die Atmos-Technik ausgetauscht, was 100.000 Euro gekostet hat. Ein solche Investition ist aber nicht immer notwendig. Ab zirka 50.000 Euro lassen sich Säle aufrüsten. Zudem muss ein neuer Soundprozessor angeschafft werden, der das Atmosverfahren auf der digitalen Filmrolle interpretieren kann.
Atmos soll das aktuelle Dolby Surround ablösen, das in der Version 5.1 weit verbreitet ist. Immer mehr Kinos beschallen ihre Zuschauer mittlerweile sogar mit der Version 7.1. Bei solchen Anlagen - im Kino und zu Hause - sind rund um den Zuschauer Lautsprecher angeordnet. Im Saal oder Wohnzimmer verteilen sich die Lautsprecher vorne, hinten und an den Seiten. Hinzu kommt ein Center, der genau in der Mitte hinter der Leinwand positioniert und für Dialoge zuständig ist. Für den tiefen Klang sorgen die Subwoofer, bei deren Verteilung im Raum man etwas flexibler ist.
Auf diese einzelnen Lautsprechergruppen verteilen sich dann Musik, Hintergrundgeräusche, Dialoge oder Soundfetzen. Im besten Fall kann ein modernes Kino den Sound auf sieben Kanäle und eine Subwoofer-Gruppe verteilen. (Die „1“ hinter dem Punkt bezeichnet den Subwoofer.) Mehr Auflösung bei Kinosound gab es von Dolby bisher nicht. Surround 7.1 wurde erst 2010 vorgestellt. Das Unternehmen hätte nun in den nächsten Jahren die Kanalzahl auf 9.1 oder 11.1 erhöhen können. Doch mit Atmos versucht Dolby eine neues Format einzuführen. Was ist anders an Atmos?
Das besondere ist, dass der Sound nicht mehr nur kanalgebunden auf die vordere, seitliche und hinteren Bereiche verteilt wird, sondern bis zu 64 Lautsprecher individuell angesteuert werden können. Jeder einzelne hat zudem einen Verstärker integriert, in gewisser Weise sind es also Aktivboxen. Ein Teil der Lautsprecher hängt unter der Decke, sodass auch über den Köpfen der Zuschauer Klang erzeugt werden kann. Doch nicht nur das: Beliebige Koordinaten im Saal können mit einem „Soundobjekt“ belegt werden. Man hat sich den Raum also als eine dreidimensionale Matrix vorzustellen, die der Soundmischer in der Postproduction für seine Effekte nutzen kann. Er tut dies unter anderem im Studio mit Hilfe eines Joysticks, den er auf dem Bildschirm in allen drei Dimensionen bedienen kann.
So kann man eine dicke Hummel durch den Raum fliegen lassen, indem der Soundgestalter ihren Weg mit dem Joystick soundtechnisch nachzeichnet. Die Software (etwa ProTools mit Atmos-Plugin) rechnet diesen „gezeichneten Weg“ dann in Tonsignale um. Der Prozessor im Kino weiß dann, welchen der maximal 64 Lautsprecher er mit welchem Sound und welcher Lautstärke ansprechen muss. Eine solche Auflösung gab es im Kinosaal bisher nicht.
Ein Flugzeug kann nun wirklich hörbar über die Köpfe der Zuschauer hinweg von vorne links nach hinten rechts fliegen. Ein Fels kann hinten links einschlagen. Ein dicke Hummel kann sich durch den Raum bewegen. Sehr gut zu hören war der Atmos-Effekt in einem Ausschnitt aus „96 Hours - Taken 2“. Während einer Schießerei hört man die Kugeln wirklich dort einschlagen, wo man sie sieht.
Atmos ist dennoch mehr Evolution als Revolution. Auch mit Surround konnte man ansatzweise ein Objekt durch den Raum führen. Allerdings gibt es dabei immer wieder Klangsprünge. Wenn man sich konzentriert, hört man die Übergänge zwischen den Lautsprechergruppen. Ein Vogel fliegt beim Surround-Verfahren vom Klang her gesehen nicht kontinuierlich durch den Raum. Bei Atmos tut er das schon.
Dolby spricht hier von „Audioobjekten“. Sie können aus mehreren Soundelementen bestehen. Am Beispiel des Schusses heißt das: Würde der Schuss etwa eine Glasscheibe durchschlagen, gehörte zu dem Audioobjekt nicht nur das Zerbersten der Scheiben, sondern auch das Herunterfallen der Scherben. Und zu einem zwitschernden Vogel würde man auch dessen Flügelschlag einbeziehen.
Neben diesen Audioobjekten werden bei Atmos weiterhin Kanäle bespielt. Musik oder Hintergrundgeräusche werden ähnlich wie bei Surround aus mehrere Lautsprechergruppen wiedergegeben. Kanäle und Audioobjekte können als Einheit betrachtet werden. Dolby spricht davon, dass die Objekte in die Ausgabe der Kanäle „eingebettet“ werden: Dem Audioobjekt „Zwitschernder Vogel“ würden die Kanäle zugrunde liegen, die den Klang des Waldes darstellen. Dolby spricht von 128 Spuren, die auf bis zu 64 Lautsprecher verteilt werden können.
Atmos wurde bisher nur in wenigen Filmen eingesetzt: „Merida – Legende der Highlands“, „Hüter des Lichts“, „Chasing Mavericks“, „Schiffbruch mit Tiger“. Bei der Premiere in Nürberg wurde „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“ als Beispiel gezeigt. Der Einsatz von Atmos beschränkte sich auf wenige, wirklich erkennbare Effekte. Doch bei diesen wenigen Szenen hörte sich der Ton erstaunlich echt an. So waren es meist leise Szenen, bei denen der Effekt auffiel: Etwa wenn ein Vogel durch den Wald fliegt oder bei Gesprächen in der Hobbithöhle, wenn der Zuschauer aufgrund des Tons orten kann, wo die – noch unsichtbare – Figur spricht.
Dass bei den in Atmos abgemischten Filmen kein Dauerfeuer an Effekten zu hören war, hat wohl zwei Gründe. Zum einen haben die Soundmischer bisher nur wenig Erfahrung mit dem neuen Tonformat sammeln können und müssen sich an den Umgang mit der neuen Technik erst noch gewöhnen. Zum anderen ist die Nutzung der Kanäle für vorne und hinten, links und rechts nach wie vorher die Grundlage des Kinosounds. Der Einsatz des Tonformats Atmos ist vergleichbar mit dem visuellen „Bullet-Time“-Effekt in der Matrix-Trilogie. Er war irgendwann auch in anderen Filmen zu sehen, blieb aber immer ein eher spärlich eingesetzter Effekt.
Es wäre also nicht das einzige Mal in der Filmgeschichte, dass die Industrie eine Technik vorstellt, die sich erst noch bei den Filmemachern etablieren muss, indem ihr Einsatz erst einmal getestet und im Laufe der Jahre als neues Stilmittel eingesetzt wird.
Hört sich ja alles toll an...
Michael Germer (MGermer)
- 18.12.2012, 07:05 Uhr
Wer sich so auf den Ton konzentriert
George Rauscher (misterpocket)
- 17.12.2012, 17:51 Uhr
Ehrlich?
wolf biermann (Lesewolf)
- 17.12.2012, 14:06 Uhr
