26.08.2008 · Größer, bunter, schneller, smarter: Die Faszination der großen, scharfen Bilder erfasst jetzt sogar das Reich der energiebewussten Hobby-Köche und wird das gesamte Erscheinungsbild der Messe dominieren - ganz so, wie wir es von ihr kennen.
Von Wolfgang TunzeGrößer, bunter, schneller, smarter – die Hersteller von Unterhaltungselektronik verwöhnen ihre Klientel Jahr um Jahr in olympischer Manier mit neuen Rekorden, vorzugsweise auf Messen wie der Internationalen Funkausstellung, die am Freitag, dem 29. August, turnusgemäß in Berlin ihre Pforten für sechs turbulente Tage öffnet. Wird das Spektakuläre auch in diesem Jahr das Geschehen unter dem historischen Berliner Funkturm bestimmen? Oder geht es diesmal vielleicht eher – fast wider die Natur der Branche – um subtilere Qualitäten?
An Superlativen jedenfalls wird in Berlin kein Mangel herrschen – auch wenn nicht alles, was den Besucher in Atem hält, zu den echten Weltpremieren zählt. Schließlich hatten die größten Plasma-Riesen bereits im vergangenen Januar das Gardemaß von 380 Zentimeter erreicht. Und die aufwendigsten LCD-Bildschirme protzen schon seit Monaten mit Auflösungen, die selbst das digitale Kino noch um den Faktor vier übertrumpfen. Wie sollte die IFA das noch toppen?
Gemächlich verläuft die Einführung des hoch auflösenden Fernsehens
Dennoch wird der Zauber der großen und feinen Bilder das gesamte Erscheinungsbild der Messe dominieren, ganz so, wie wir es von ihr kennen. Dazu werden Videos auf Bluray-Scheiben einen wichtigen Beitrag leisten, auch wenn es um dieses Medium fast ein bisschen still geworden ist. Kein Wunder eigentlich: Seit die Bluray-Disc das Konkurrenzformat HD-DVD aus dem Rennen kickte, machen Player-Konfektionäre und Hollywood-Studios ihre Arbeit ganz ohne Theaterkulisse und Kleinkriegsgetöse – mit einer Ruhe, in der gewiss die Kraft liegt.
Berlin-Reisende jedenfalls werden vom einschlägigen Neuheitangebot nicht enttäuscht. Ob Sony, ob Panasonic oder Samsung: Sie alle zeigen neue Bluray-Abspielgeräte, die mehr können als ihre Artgenossen noch vor zwölf Monaten. BD-Live, ein erst spät nachgeschobenes Detail des Bluray-Standards, befähigt die Player jetzt zu interaktiven Funktionen unter Einbindung des Internets. So klappen zum Beispiel auch Online-Spiele – natürlich in prachtvoller High-Definition-Auflösung.
Allzu gemächlich allerdings, was werden nicht nur die IFA-Besucher monieren, verläuft die Einführung des hoch auflösenden Fernsehens. Dennoch lohnt sich, auch hier genauer hinzuschauen. ARD und ZDF, ausgewiesene Bremser in Sachen HDTV, legen sich nicht nur während der gesamten Messe mit HDTV-Ausstrahlungen ins Zeug. Sie haben auch ihre digitale Übertragung in Standard-Auflösung mit so hohen Datenraten aufgebohrt, dass das vermeintliche Fernsehen von gestern selbst auf mächtigen Schirmen richtig gut aussieht. Und der öffentlich-rechtliche Kultur-Ableger Arte ist sogar schon mit regelmäßigen Ausstrahlungen ins HDTV-Zeitalter eingestiegen.
LED-Zellen übernehmen die Hinterleuchtung von LCD-Bildschirmen
Aber es stimmt schon: Die Geräteindustrie eilt den Medienmachern derzeit ein gutes Stück voraus – nicht nur mit Legionen von Fernsehern, die mit dem Siegel „Full HD“ auf ihr kompromisslos feines Raster von 1920 × 1080 Bildpunkten hinweisen. Die Hersteller tüfteln auch, die IFA wird es bezeugen, an vielen Detailverbesserungen, die das Mattscheiben-Erlebnis immer noch ein bisschen eindrucksvoller machen. Eine davon verbirgt sich hinter dem Stichwort „Local Dimming“, zu sehen unter anderem an den Ständen von Sony und Samsung: Statt der üblichen Zeilen aus Leuchtstoffröhrchen übernehmen LED-Zellen die Hinterleuchtung von LCD-Bildschirmen. Das sorgt nicht nur für ein natürlicheres Farbspektrum.
Der Leuchtstoff-Wechsel ermöglicht auch eine punktgenaue Steuerung der Lichtquellen: In dunklen Bildpartien reduzieren die LED-Pünktchen ihre Strahlkraft, in hellen Regionen drehen sie voll auf. Der Kunstgriff steigert den Kontrastumfang dramatisch. So ganz nebenbei reduziert er auch noch den Stromverbrauch. Und weil die konventionellen Leuchtstoffröhren Quecksilber enthalten, entlastet der LED-Einsatz die Umwelt auch im Sinne der Schadstoffverringerung.
Schönheit und Komfort stehen nach wie vor ganz oben
Mit Öko-Appeal schmücken sich die neuen Fernseher ohnehin allenthalben, oft zu Recht: Natürlich fressen größere Bildschirme auch mehr Strom; so richtig grün also wird ein Flachbild-Riese kaum werden. Aber auf die Bildfläche bezogen nimmt der Energieverbrauch von Gerätegeneration zu Gerätegeneration deutlich ab, in der Plasma-Welt noch mehr als im LCD-Lager. Jedenfalls ist das Publikum in diesem Punkt sensibilisiert, sicher auch in Berlin, und das ist gut so. Schönheit und Komfort aber stehen nach wie vor ganz oben auf der Wunschliste der geneigten Kundschaft, und die IFA-Exponate tragen diesem Anliegen Rechnung: JVC, Toshiba, Panasonic, Sharp – sie alle machen ihre Flach-Fernseher immer dünner und lassen sie damit fast schwerelos erscheinen. Und nachdem Loewe es schon vor zwei Jahren vorgemacht hat, präsentieren nun auch Hersteller wie Metz, Sony oder Sharp immer mehr Geräte, die Tuner für digitalen Kabel- oder Satellitenempfang samt HDTV gleich an Bord haben. Etliche neue Modelle gibt es sogar mit eingebauten Festplatten zum Mitschneiden, eine weitere vernünftige Idee.
Einziger Wermutstropfen: Diese Geräteart verwendet Zugangsmodule für verschlüsseltes Kabel- oder Abo-Fernsehen, von denen nicht sicher ist, ob sie auch künftig noch funktionieren. Vielleicht müssen deshalb ausgerechnet die attraktivsten Neuheiten der IFA 2008 schon bald wieder die Bilder aus irgendeiner Settop-Box beziehen. Denn eine betonköpfige Kopierschutz-Lobby, die besonders auf die Kabelbetreiber maßgeblichen Einfluss hat, erkennt die bestehende, standardisierte und für größere Fernseher sogar gesetzlich vorgeschriebene Technik nicht an – ein Problem von politischem und kartellrechtlichem Rang, mit dem sich die Fachforen der IFA intensiv beschäftigen und über das an anderer Stelle noch zu berichten sein wird.
Wer lieber Einzelbilder schießt, findet spannende Neuheiten
Wer seine bunten Bilder einfach selber produziert, lässt sich von den Aktivitäten hauptberuflicher Spaßbremser überhaupt nicht beirren. Passendes Handwerkszeug bietet die IFA in überbordender Fülle: Camcorder in allen Farben des Regenbogens, die ohne Mechanik mit Chipkarten filmen und deshalb in die Jackentasche passen, oder High-Definition-Maschinen, die kaum größer gerieten und neuerdings sogar automatisch loslegen, sobald ein menschliches Motiv lächelnd die Zähne bleckt. Wer lieber Einzelbilder schießt, findet auf der IFA ebenfalls spannende Neuheiten – von der superflachen digitalen Pocket-Kamera bis zur halbprofessionellen Ausrüstung.
Denn obwohl die Fachmesse Photokina schon in ein paar Wochen startet, zeigen große Anbieter wie Panasonic, Samsung oder Sony ihre wichtigsten Kamera-Neuheiten vorab schon in Berlin. Und natürlich kommen auch Ohrenmenschen an der Spree zu ihrem Recht – nicht zuletzt dank all jener neuen Gerätschaften, die neben konventionellen Tonträgern auch die Musikarchive von Computerfestplatten wiedergeben können. Denn der drahtlose Netzwerkanschluss gehört in der neuesten Generation der HiFi-Geräte schon zum guten Ton.
Wenn die Dunstabzugshaube über das Stromnetz Steuerdaten bezieht
Vernetzung zählt auch zu den Themen, mit der sich die jüngste Aussteller-Fraktion der IFA dem staunenden Publikum präsentiert: Die Hersteller von Hausgeräten werden die Messe in diesem Jahr erstmals mit einem konzertierten Auftritt bereichern. Wer da an langweilige weiße Kästen denkt, hat das Thema schon verfehlt: Hightech ist zum Beispiel – Miele wird es den IFA-Besuchern erklären –, wenn die Dunstabzugshaube über das Stromnetz Steuerdaten vom Kochfeld bezieht. Je stärker das Menü brutzelt, desto kräftiger macht der Sauger Wind. Jura variiert das Thema mit ausgefuchsten Kaffeemaschinen, die sich über ihren Internet-Zugang fernsteuern und diagnostizieren lassen.
Siemens klärt die Messebesucher über eine neue Bedeutung von Medienkonvergenz auf: Ein mannshoher Kühlschrank schmückt seine Tür mit einem HD-tauglichen Fernseher, der nicht nur Lafer, Lichter und all die übrigen Meister des Kochlöffels zeigen kann. Und noch eine andere Botschaft dringt aus der Welt des Haushalts: Ob spülen, waschen oder trocknen – für all diese hilfreichen Arbeiten brauchen die jüngsten Maschinen dramatisch viel weniger Energie als jene Gerätegeneration, die daheim zumeist noch werkelt. Vielleicht zeigt schon die nächste Strom-Abrechnung: So ein Messebesuch kann sich rasch amortisieren.
IFA 2008
Die Ausstellung auf dem Berliner Messegelände findet vom 29. August bis 3. September statt, täglich von 10 bis 18 Uhr. Die Tageskarte kostet 14, online 10 Euro, für Familien 29 Euro. Mehr als 1200 Unternehmen zeigen auf reichlich 160.000 Quadratmeter Fläche ihre Produkte, dazu gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm: etwa die Ferienabschlussparty im IFA-Sommergarten, einige Konzerte. Zukunftstechnik ist im Technisch-Wissenschaftlichen Forum in Halle 5.3 zu bestaunen.
Info: www.ifa-berlin.de
Leiser Fortschritt für Kunden?
KLAUS Krueger (sopher)
- 26.08.2008, 19:43 Uhr