04.09.2006 · Wer die Internationale Funkausstellung besucht, tut sich schwer, ein beherrschendes Thema neben HDTV auszumachen. Dennoch dominiert nicht nur das hochauflösende Fernsehen, es beeindrucken auch andere Innovationen auf der IFA.
Von Wolfgang TunzeBeeindruckend: Das könnten zum Beispiel jene Gerätschaften sein, die nun auch Hollywood-Konserven in Hochzeilen-Formaten auf die Mattscheibe bringen. Sie treten in diesem Jahr gleich in zwei zueinander inkompatiblen Varianten an, was uns leider nicht doppelt glücklich macht. Denn wer als forscher Früheinsteiger keinen Film verpassen will, muß gleich zwei der neuen Player im Medienregal stapeln - einen für die HD-DVD und einen für die Blu-ray Disc. Schon jetzt zeichnet sich ab, wieviel König Kunde von Spätherbst an dafür zahlen muß. Toshiba will sein HD-DVD-Erstlingswerk HD-E1 zum Kampfpreis von 650 Euro auf den deutschen Markt bringen, Samsung will für sein Blu-ray-Abspielgerät BD-P 1000 Euro verlangen, und die Rechnung für den Panasonic BMP-BD10 wird mit 1500 Euro noch deutlich höher ausfallen.
Zumindest die Modelle von Toshiba und Samsung zeigen noch Merkmale von Frühgeburten: Im Toshiba werkeln Chips reinrassiger PC-Provenienz, die den ganzen Apparat fast so lange hochfahren lassen wie einen Bürocomputer, der Samsung unterstützt noch nicht die brandneuen Tonformate von Dolby und DTS, die opulente Heimkino-Anlagen mit bis zu acht Tonkanälen befeuern. Der Panasonic scheint da schon ausgereifter zu sein; Genaueres werden wir nach ausgiebiger Erprobung berichten. Dennoch: Schon die Startmodelle zeigen eindrucksvoll, welch überragende Bildqualität in der neuen Technik steckt.
Plasma-Schirme und Video-Beamer
Da kommt die jüngste Generation großer Plasma-Schirme und lichtstarker Video-Beamer, die uneingeschränkt zeigt, was die neuen Hochzeilen-Medien hergeben, gerade recht. Plasma-Schirme etwa gab es bisher nur mit Rastern bis zu 768 Zeilen. Jetzt treten die ersten Gerätschaften mit vollen 1080 Zeilen an, allen voran der neue 127-Zentimeter-Bolide PDP 5000 EX von Pioneer. Mit adäquaten Bildquellen gespeist, ist dieser Bildschirm einfach ein Traum; nur echtes Kino inszeniert Spielfilme noch eindrucksvoller. 1080-Zeilen-Projektoren, bisher eine Rarität, zeigen sich auf der IFA nun schon in einigen Varianten, etwa bei Mitsubishi, wo das LCD-Modell HC5000 zu bewundern ist, oder bei Marantz, wo der VP11S1 als erster DLP-Projektor der Welt mit einem 1080-Zeilen-Chip antritt.
Von den unzähligen neuen Flachbildschirmen, die sich allenthalben an den IFA-Ständen tummeln, verdient noch ein weiteres Modell besondere Würdigung: Es heißt Individual Compose, kommt aus dem Hause Loewe und vereint hinter seinem LCD-Schirm auf Wunsch ein HDTV-Empfangsteil und eine Festplatte, die sogar hochzeilige Programme mitschneiden kann. Loewe konfiguriert die Compose-Fernseher, die es in zwei wohnzimmertauglichen Größen gibt, ganz nach Kundenwunsch: Vier Steckplätze bieten Platz für ebenso viele Tuner, die alle Übertragungswege erschließen, und etliche Design-Varianten passen die Geräte ans heimische Interieur an. Einziger Pferdefuß: Wann sie in die Läden kommen, steht noch nicht fest, weil der HDTV-Mitschnitt Kopierschutzfragen berührt, die bisher noch nicht abschließend geregelt sind.
HD-Kamkorder mit Festplatte
Auch neue Kamkorder mit Hochzeilen-Aufnahmetechnik könnten uns beeindrucken. Nur: Sony, mit zwei brandneuen Modellen auf diesem Gebiet derzeit führend, hat sich mit seiner IFA-Abstinenz demonstrativ aus dem öffentlichen Branchengeschehen verabschiedet, hoffentlich nicht für immer. Für JVC und Panasonic, wo man an HD-Kamkordern mit den Aufnahme-Medien Festplatte und SD-Card arbeitet, kommt die IFA 2006 noch zu früh. Allerdings: Für alle, die ihre Urlaubsvideos vorerst noch in Standard-Auflösung akzeptieren, hat Hitachi eine interessante IFA-Neuheit parat. Das Modell DZ-HS303 filmt wahlweise mit einer Festplatte oder mit einer DVD. So taugt es sogar zur Nachbearbeitung ohne Computer: Ist das Rohmaterial auf der Festplatte mit der eingebauten Schnittfunktion veredelt, kopiert man es einfach auf den DVD-Rohling, und fertig ist der Film.
Wer seine aushäusige Freizeit lieber mit passivem Videokonsum verbringt, findet auf der IFA spannende Einblicke in die nähere Zukunft: Samsung und LG zeigen serienreife, funktionstüchtige Handys für das Mobilfernsehen DMB auf ihren Messeständen, und die Verfechter der Konkurrenznorm DVB-H werben an einem Gemeinschaftsstand von O2, Vodaphone, T-Mobile und E-Plus für ihre Vision von der Unterhaltung an der frischen Luft. Technisch, das ist die Botschaft der IFA 2006, sind beide Lager fit für den Start. Debitel bietet in einer Handvoll deutscher Großstädte sogar schon ein paar Programme für stolze Gebühren an, doch wirklich attraktive Dienste zu diskutablen Preisen sind in diesem Jahr noch nicht in Sicht. Auch ein anderes Medienprojekt, das auf der IFA allenthalben eher als technisches Stichwort gehandelte Internet-Fernsehen IPTV, ist von seiner wirklichen Reifeprüfung noch mindestens so weit entfernt wie die nächste Saison der Bundesliga, die diesen Übertragungsweg flottmachen soll. Voice over IP, also der reine Sprachverkehr über das Netz der Netze, hat dagegen bereits den Weg in die privaten Wohnzimmer gefunden: Eine neue Kombination von schnurlosem Dect-Telefon und Internet-Handy namens Philips Voip433 ist nur eines von etlichen Beispielen.
Erfreulich Marktgängiges zeigt die IFA in den Produktsparten für den guten Ton. Dazu zählt eine Unmenge an neuen MP3-Playern ebenso wie jene Musikmaschinen, die über diverse Heimnetz-Verbindungen musizieren. Terratec etwa präsentiert mit seinem Noxon iRadio ein Küchengerät, das über ein Wireless LAN Musikarchive im Computer oder im Internet anzapft. Dasselbe Kunststück vollbringt die edel gestylte Kompaktanlage Ovation 2 von Grundig. Marantz und Pioneer zeigen Musik-Gerätschaften, die tönende Daten über das Stromnetz austauschen, um somit das ganze Haus zu beschallen. Ebenfalls von Pioneer stammt ein DEH-P75BT genanntes Autoradio, das sich externe Musikvorräte über Bluetooth einverleibt. So funktioniert zum Beispiel ein Bluetooth-Handy mit MP3-Speicherkarte als handlicher Zuspieler. Auch neue Kenwood-Autoradios importieren MP3, allerdings nicht über Funk, sondern, das neue Modell KDC-W7534U macht es vor, über einen USB-Anschluß, an den der Fahrer einen MP3-Player direkt anstöpseln kann. Der passende Werbespruch des Herstellers ist ein bißchen schlüpfrig, geht aber in seiner wörtlichen Bedeutung am Kern unterhaltungselektronischer Philosophien völlig vorbei: "Anmachen, reinstecken, Spaß haben".