07.05.2010 · Von heißen Röhren bis zum tönenden Netz: Auf der HiFi-Messe „High End“ in München warten wieder drei genussreiche Tage. Rund 700 Marken sind vertreten. Der Besuch lohnt sich.
Von Wolfgang TunzeWenn der Mai kommt, die Bäume ausschlagen und die Gemütslage in Richtung Frohsinn tendiert, hat eine Branche Hochsaison, die sich auf ihre ganz eigene Art den sonnigen Seiten des Lebens widmet. Sie hört auf den Namen High End und lädt in schöner Regelmäßigkeit mitten im satten Frühling zu ihrer gleichnamigen Messe nach München. In dieser Saison hat sie sich auf drei genussreiche Tage vom 7. bis zum 9. Mai festgelegt.
Was High End eigentlich sei, versuchen die üblichen Beobachter schon seit drei Jahrzehnten zu definieren, und jedes Mal müssen sie dazu etwas weiter ausgreifen. Denn was als Marktplatz von winzigen Manufakturen begann, die in liebevoller Handarbeit HiFi-Komponenten extremer Güte zusammenschraubten, ist längst zu einem erwachsenen Industriezweig avanciert. Und was anfangs eher ängstlich alle Erzeugnisse ausgrenzte, die nach vermeintlich seelenloser Digitaltechnik rochen, hat sich längst der Moderne weit geöffnet und auch Unternehmen eingemeindet, die ihre Quartalsumsätze in Milliarden vorrechnen. Was also unterscheidet High End noch von jenem Sortiment, das Messebummler auf Veranstaltungen vom Kaliber einer Internationalen Funkausstellung finden?
Es ist vor allem der Anspruch an Perfektion der Wiedergabe - zunächst nur von Ton, später auch von Bildern auf großen Mattscheiben und noch größeren Projektionsflächen. Dennoch, das Gründungs-Gen definiert immer noch einen entscheidenden Teil der High-End-Atmosphäre, eine eigentümliche Art gelassener Gediegenheit, die Messe-Manager Branco Glisovic gern mit dem Trend zum entschleunigten Lebensstil in Verbindung bringt.
Analoges Instrumentarium zum Abspielen von Vinylschallplatten?
Was könnte dazu besser passen als das analoge Instrumentarium zum Abspielen von Vinylschallplatten? Schon die Präliminarien des eigentlichen Vorgangs tragen ja Züge des Meditativen - verglichen mit jener trivialen Minimalmotorik, die den Wiedergabestart einer MP3-Datei veranlasst. Vor allem deshalb erfreut sich das schwarze Gold bis heute so großer Beliebtheit, und nicht nur verbohrte Nostalgiker sagen ihm nach, dass es noch existieren werde, wenn eine nachwachsende Generation schon gar nicht mehr wisse, was eine CD eigentlich war. T+A, der High-End-Spezialist aus Herford, zeigt in München folglich nach vielen Jahren der Vinylabstinenz einen nagelneuen Plattenspieler namens G 1260 R, der mit seiner sachlichen Gestalt perfekt zu den schlanken Elektronik-Komponenten des Hauses passt. Den Tonarm baut kein Geringerer als der Feinmechanik-Spezialist Rega, der Tonabnehmer stammt von Ortofon; die wenigen verbliebenen Könner dieser Techniksparte treffen sich als sportliche Ensemble-Spieler halt immer wieder in wechselnden Konstellationen. Interessant am T+A-Gerät: Der nötige Phono-Vorverstärker ist im Plattenspieler gleich eingebaut - ein Zugeständnis an die Tatsache, dass diese Elektronik-Stufe als Verstärker-Ausstattungsmerkmal im Aussterben begriffen ist.
Zum Kreis der üblichen Vinyl-Verdächtigen zählt natürlich auch Pro-Ject, ein Hersteller, der puristische Bauweise, klangliche Ambitionen und erschwingliche Preise gern zu attraktiven Offerten bündelt. Eine davon heißt Xperience Superpack Classic, kombiniert ein Laufwerk mit hochwertigem Tonarm, Abtaster und Kabelsatz und tritt unter anderem mit einer höchst dekorativen Korpusvariante aus Olivenholz an - ein sinnlicher Genuss schon vor dem ersten Takt.
Profane Welt der Halbleiter
Wo das Vinyl rotiert, ist die Röhre nicht weit, und obwohl es viele Gründe gibt, die profane Welt der Halbleiter dem elektronischen Lagerfeuer vorzuziehen, betreiben immer noch erstaunlich viele Hersteller diese Art der Traditionspflege. Nicht alle sind wirklich vertrauenswürdig, aber es gibt auch eine Menge seriöser Anbieter. Dazu zählt der Hersteller Octave Audio, der die High End in diesem Jahr mit seinem Vollverstärker V70SE bereichert. Das ebenso schlichte wie schöne Modell nimmt zwar nur Hochpegelquellen entgegen, aber für Schallplattenfreunde gibt es ein neues, passendes Phonomodul, das sich bis zum Luxus-Terminal mit Eingängen für drei verschiedene Plattenspieler ausbauen lässt.
In der Sparte Lautsprecher gehen verwegene Ästhetik und extravagante Funktion besonders intensiv zusammen, wo Horn-Schalltrichter den Ton angeben. Diese Art der Schallwandlung steht vor allem für explosive, anspringende Dynamik - kein anderes Konstrukt leistet Vergleichbares auf so mühelose Weise. Avantgarde, Deutschlands profiliertester Verfechter dieser Technik, trumpft in München mit der G2-Serie seines Hornmonuments Duo Mezzo auf: Hier arbeitet selbst im Bassbereich ein Horn - eine Seltenheit in einem integrierten Dreiwege-Modell.
Darüber hinaus gibt es ein Multiroom-Modul
Kaum weniger exotisch nehmen sich Rundstrahler aus, wie sie zum Beispiel von German Physiks gebaut werden: Trichterförmige, sogenannte Biegewellen-Wandler aus Karbonfasern sorgen in den Lautsprechern des Herstellers für gleichmäßige Schallverteilung in alle Richtungen. Außerdem bestreiten sie alle Frequenzen von den tieferen Grundtönen bis zu den zartesten Obertönen mit einer einzigen Membran, also ohne Frequenzweiche - theoretisch gute Voraussetzungen für natürliche Klänge. In München zeigt German Physiks unter anderem das neue Modell PQS-100 mit dem passenden Subwoofer PQS-Sub.
Exotik auf digitale Art finden die Messebesucher bei Revox. M 100 heißt eine neue, futuristische HiFi-Anlage des Herstellers, die sich wie ein Baukasten aus einzelnen Modulen zusammenstecken lässt. Zum Komplettset gehören ein Verstärker, ein Radio und ein DVD-Player. Darüber hinaus gibt es ein Multiroom-Modul, eine Erweiterung für den digitalen Empfang von Audiosignalen, Anschlussmöglichkeiten für den iPod und den speziellen Revox Audio Server. Und wer ein iPhone besitzt, hat auch gleich eine passende Fernbedienung: Das Multimedia-Handy taugt nebenamtlich als komfortable Kommando-Zentrale für die Revox-Anlage. Der Idee, digitale Musiksignale auf einem zentralen Server zu lagern und über ein Heimnetz an geeignete Abspielgeräte zu verteilen, haben sich auch viele andere Hersteller verschrieben. Dazu zählt zum Beispiel Arcam, eine britische HiFi-Schmiede, die sich bisher vor allem durch ihre wertkonservativen Qualitätsmaßstäbe einen Namen gemacht hat. Der jüngste Arcam-Zögling signalisiert zusätzlich Innovationsfreude: Der Baustein Solo Neo kombiniert ein CD-Laufwerk, einen Radioempfänger, einen Verstärker und last, but not least auch noch einen Netzwerk-Player. Der spielt über Ethernet-Kabel oder drahtloses W-LAN Musikarchive von vernetzten Rechnern oder Festplatten ab - und empfängt zusätzlich noch Internet-Radio.
Von 10 bis 18 Uhr geöffnet
Sogar Bluetooth, der digitale Kurzstreckenfunk, ist heute ein High-End-Thema. Chord zum Beispiel, ein Hersteller, der sonst eher durch Edel-Elektronik in spektakulär gestalteten Aluminium-Behausungen auffällt, will in diesem Jahr vor allem mit seinen bunten Empfangsstationen Chordette Gem beim Publikum punkten. Die kleinen Geräte fangen drahtlos übertragene Klänge aus dem Multimedia-Handy, aus einem mit Bluetooth ausgestatten MP3-Player oder aus dem Notebook ein und leiten sie an die angeschlossene HiFi-Anlage weiter - in der bestmöglichen Qualität, versteht sich.
Und weil all dies nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Angebot von rund 700 Marken ist, lohnt sich der Besuch. Die High End hat an allen drei Publikumstagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet, Tageskarten kosten 10 Euro. Wer ohne Auto anreisen möchte, nimmt die U-Bahnlinie 6 und fährt bis zur Station Kieferngarten.