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HDTV Oh Schreck, mein Fernseher spinnt

04.08.2008 ·  Ständig wird uns ein besseres, schärferes Fernsehen versprochen: in der Werbung, auf Messen und in Elektronikmärkten. Aber jeder, der es sehen will, handelt sich bloß Ärger ein. Hersteller, TV-Sender und Kabelbetreiber ziehen noch lange nicht an einem Strang.

Von Peer Schader
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Spontanbesuch in Deutschlands größtem Elektronikmarkt: „Guten Tag, ich möchte einen Flachbildfernseher kaufen, schön groß, mit allem Schnickschnack und diesem neumodischen HD-Logo, das die Bilder schärfer macht. Aber bitte nicht so ein Gerät wie hier, das gerade ,Elefant, Tiger & Co.' im Ersten so verschwommen zeigt.“ Sagt der Verkäufer: „Sie müssen sich zu Hause eh mit drei Metern Abstand davorsetzen, da fällt das dann nicht mehr so auf.“ So einfach kann Fachberatung sein. Aber fragen Sie mal jemanden, der sich auf eine solche Auskunft verlassen hat. Die meisten Leute, die vor ein paar Wochen in die Läden stürmten, um rechtzeitig zur Fußball-EM einen neuen Fernseher anzuschaffen, werden sich spätestens nach dem Anschluss zu Hause ihr altes Gerät zurückgewünscht haben. Es stimmt nämlich nicht ganz, dass die neuen Flachbildschirme automatisch ein besseres Bild liefern - im Gegenteil.

Seit Jahren wird uns ein besseres Fernsehen versprochen: kristallklare Bilder im Breitformat mit überragender Qualität. Ende August, wenn in Berlin die Internationale Funkausstellung (Ifa) losgeht, wird wieder überall zu hören sein, wie faszinierend die neue Technik sei. Stimmt ja auch. Das Problem ist nur: Die Geräte sind zwar auf dem neusten Stand der Technik - unser Fernsehempfang allerdings ist es nicht.

Das Bild war schon immer so schlecht

Die meisten deutschen Haushalte empfangen ihre Programme noch immer als analoges Signal. Das soll aber in einigen Jahren abgeschaltet werden, weil der neue Standard digital ist. Bisher allerdings ist die Digitalisierung in den Wohnzimmern nicht besonders hoch - weil die Umstellung auch bedeutet, dass neue Empfangsgeräte angeschafft werden müssen. Das wird vielen erst bewusst, wenn sie auf der Couch sitzen und sich fragen, warum der bessere Fernseher jetzt ein Bild liefert, das aussieht, als wäre der Empfang von einem Dauergewitter gestört. Die Antwort ist einfach: Das Bild war schon immer so schlecht. Wir haben es nur bisher nicht gemerkt.

Sehr wohl zu merken ist hingegen, wie eine ganze Branche gerade versucht, die Zuschauer, die auf die vielen Versprechungen hereingefallen sind, so richtig zu schröpfen. Denn wer digitales Fernsehen sehen will, der muss weitere Anschaffungen einplanen: eine separate Empfangsbox zum Beispiel. Satellitennutzer haben es noch verhältnismäßig einfach und kaufen sich einfach einen Receiver. Alle, die ihr Programm per Kabel empfangen, müssen aber zusätzlich ihrem Kabelanbieter Bescheid sagen, damit der die digitalen Kanäle freischaltet. Das kostet nicht nur Geld, sondern auch Nerven - jedenfalls, wenn man nicht stundenlang im Internet recherchieren will, sondern sich auf die Hotline der Anbieter verlässt.

Verwirren erlaubt

24 Monate Mindestvertragslaufzeit hat ein Vertrag für den digitalen Empfang beim größten Netzbetreiber Kabel Deutschland, wenn gleich ein passender Receiver dazugeliefert wird. Dazu gibt es eine sogenannte Smartcard, die notwendig ist, weil die Kabelnetzbetreiber sich mit den Privatsendern auf eine Verschlüsselung geeinigt haben. Nur ARD und ZDF müssen im digitalen Kabel frei übertragen werden.

Dann beginnt auch schon der Ärger: Kabel Deutschland etwa liefert derzeit Settopboxen aus, die alles andere sind als modern, sondern immer noch über den alten Scart-Anschluss an den Fernseher gestöpselt werden. Die Technik ist bald dreißig Jahre alt - und längst überholt. Dabei gibt es Alternativen: Manche Hersteller haben ihren Fernsehern gleich einen Digitalempfänger eingebaut, damit ein Zusatzgerät überflüssig wird - wer jedoch bei Kabel Deutschland nachfragt, ob man das auch nutzen könne, wird an der Hotline konsequent angelogen, ebenso beim zweitgrößten Anbieter Unitymedia: Nee, so was geht nicht, nie davon gehört. Die Betreiber wollen lieber die eigenen Receiver verkaufen, über die sie mit den Herstellern Verträge abgeschlossen haben. Sie wollen kontrollieren, welche Hardware ihre Kunden benutzen. Und sie wollen vermeiden, dass frei verkäufliche Boxen eingesetzt werden, denen der Kopierschutz egal ist, an den die Zuschauer in den nächsten Jahren gewöhnt werden sollen.

Hoher finanzieller Aufwand für Modernisierung

Natürlich geht es auch ums Geld. Das deutsche Kabelnetz war in miserablem Zustand, als es von der Deutschen Telekom ab dem Jahr 2000 in Schritten verkauft wurde. Seitdem versuchen die neuen Eigentümer, hinter denen häufig Finanzinvestoren stecken, mit hohem finanziellen Aufwand die Modernisierung. Aber die muss sich rentieren. Deshalb machen die Anbieter den Telekommunikationsunternehmen Konkurrenz, bieten Internet und Telefon übers Kabel an sowie eigene Pay-TV-Pakete, in denen viele kleine Spezialsender gebündelt sind. Kabel Deutschland meldet regelmäßig höhere Abozahlen. Bloß wie die zustande kommen, darüber spricht man nicht gern.

Dabei ist das ganz besonders interessant: Wer bei Kabel Deutschland oder Unitymedia den digitalen Empfang bestellt, bekommt automatisch ein Pay-TV-Paket freigeschaltet, das zwei oder drei Monate kostenlos genutzt werden kann. Die Hinweise darauf, dass dieses Paket wenige Wochen nach der Aktivierung wieder vom Nutzer gekündigt werden muss, weil es sonst in einen langlaufenden Vertrag mit zusätzlichen Kosten übergeht, sind in den Vertragsunterlagen eher klein vermerkt.

Abonnieren erwünscht

Viele Kunden lesen das gar nicht - und ärgern sich nachher, wenn sie darauf reingefallen sind. Das Pay TV von vornherein gar nicht erst zu bestellen geht nicht. „Was kann ich für Sie möglich machen“, fragen die Mitarbeiter an der Unitymedia-Hotline. Und sagen dann: „Wir haben keine Möglichkeit, das Pay TV wegzulassen.“ Sprecher der beiden Netzbetreiber erklären, man wolle den Kunden so das Pay TV „näherbringen“, keineswegs kalkuliere man „mit etwaiger Vergesslichkeit oder Trägheit der Kunden“. Eigentlich aber steckt der Zwang dahinter, möglichst schnell möglichst viele Abonnenten zu gewinnen.

Noch viel schlimmer steht es ums hochauflösende Fernsehen (HDTV), das gestochen scharfe Bilder verspricht und wohl noch Jahre brauchen wird, um sich zu etablieren. Das liegt daran, dass die Hersteller bisher so wenig Geräte verkauft haben, sagen die Sender. Nein, Moment mal, sagt die Industrie, dass wir so wenig Geräte verkaufen, liegt doch auch daran, dass die Sender keine HD-Programme anbieten - denn das Programm wird nicht dadurch schärfer, dass man es auf einem tolleren Fernseher sieht, es muss ja auch aufwendiger produziert werden. Und: Es versteht sich ja wohl von selbst, dass für den HD-Empfang nicht nur entsprechende Fernseher benötigt werden, sondern - Sie werden's geahnt haben - wieder neue Receiver.

Gerade mal zwei frei empfangbare HD-Kanäle gibt es derzeit in Deutschland: das vor kurzem gestartete Arte-HD, das bis jetzt (und auf absehbare Zeit) nur über Satellit zu sehen ist, und das weitgehend unbekannte Anixe-HD, das hauptsächlich alte Filme und Serien zeigt (die nur auf HD-Qualität hochgerechnet werden), immerhin aber auch einzelne Wettbewerbe der Olympischen Spiele in Peking. Am Freitag will endlich auch Kabel Deutschland Anixe-HD in sein Netz einspeisen. Aber das war's dann auch schon. ProSiebenSat.1 hat die beiden Sender Pro-Sieben-HD und Sat.1-HD Anfang des Jahres aus Kostengründen eingestellt, weil sie wegen der zusätzlichen Übertragungskapazitäten zu teuer waren - zumal in München geschätzt wurde, dass lediglich 200 000 Zuschauer die Programme nutzen konnten. Erst 2010 kommt der Neustart. Sonst bietet derzeit nur der Pay-TV-Sender Premiere gegen eine monatliche Gebühr von zehn bis zwanzig Euro die Freischaltung der Kanäle Discovery-HD und Premiere-HD an. 120.000 Abonnenten nutzen das bisher - bei rund 35 Millionen TV-Haushalten eine verschwindend geringe Zahl.

Kopieren verboten

ARD und ZDF wollen 2010 mit dem HD-Regelbetrieb beginnen - bisher lohne sich das nicht, weil so wenige Gebührenzahler auch entsprechende Empfangsgeräte besäßen, heißt es bei den Sendern. Die Leichtathletik-WM in Berlin wird 2009 probeweise in HD ausgestrahlt. In den Nachbarländern Österreich und Schweiz hingegen ist die neue Bildqualität längst selbstverständlich: Schon die EM wurde hochauflösend gesendet, das Gleiche gilt für die Ende der Woche beginnenden Olympischen Spiele. Die ARD plant zur Ifa 2008 auf ihrem Digitalkanal Eins Festival zunächst einen weiteren Test - nach der Ifa ist das HD-Signal aber wieder weg. Und die Zuschauer fragen sich: Warum soll ich jetzt Geld ausgeben, wenn es kaum was zu sehen gibt?

Dabei lassen die Sender schon längst einzelne Programme in HD produzieren. RTL hat seine Serie „Doctor's Diary“ und die neue tägliche Reihe „112 - Sie retten dein Leben“ hochauflösend in Auftrag gegeben, Sat.1 verfährt mit seinen neuen Serien „Plötzlich Papa“ und „Dr. Molly & Karl“ genauso. Der SWR hat versuchsweise den „Tatort“ in HD-Qualität aufnehmen lassen, der WDR setzt die Technik vor allem bei Dokumentationen ein, auch schon bei der vor anderthalb Jahren gelaufenen Reportagereihe „Die Rockies“. Zu sehen kriegen die Zuschauer davon nichts: Für die derzeitige Ausstrahlung muss alles wieder auf die normale Bildqualität heruntergerechnet werden.

Schweißperlen überm Gesicht

Doch selbst wenn sich das neue Fernsehen irgendwann etabliert: Wer hat denn behauptet, dass alles besser wird? Mag sein, dass das Bild dann schärfer ist. Aber dafür nehmen auch die Möglichkeiten für Sender und Plattformbetreiber zu, mitzubestimmen, wie die Zuschauer das Programm sehen dürfen - und vor allem: wie nicht. Denn mit den digitalen Bildern lässt sich auch ein Kopierschutz übertragen, der es möglich macht, Aufzeichnungen bestimmter Programme zu verhindern - nicht nur bei HD. So wollen etwa die Hollywood-Studios vermeiden, dass ihre Filme digital weiterverbreitet werden. Schon jetzt gibt es im Bezahlfernsehen Sperren für einzelne Filme, bei Kabel Deutschland etwa lassen sich manche Pay-TV-Programme zwar auf die selbstvertriebenen Festplattenrekorder aufnehmen, aber nicht mehr auf DVD brennen. Theoretisch ließe sich so auch verhindern, dass in aufgezeichneten Programmen bei den frei empfangbaren Sendern die Werbepausen übersprungen werden - auch wenn die Unternehmen heftig dementieren, dass es solche Pläne gibt.

Vielleicht ist das Fernsehen der Zukunft wirklich so spannend, wie uns ständig suggeriert wird. Vielleicht können wir uns in zwanzig Jahren nicht mehr vorstellen, wie das war, als beim Fußball nicht jede Spielerbewegung genauestens zu beobachten war und keiner sehen konnte, wie Schauspielern einzelne Schweißperlen übers Gesicht rannen. Bis es so weit ist, werden wir uns allerdings noch auf eine Menge Enttäuschungen gefasst machen müssen.

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