Märklin auf Partydroge? Logistische Endzeitvision? So wie auf diesem Bild sieht die Eisenbahn wahrscheinlich nach der Einnahme verbotener Pillen aus oder im Albtraum angesichts des nächsten Lokführerstreiks: Bahndamm und Gleise ziehen zwischen giftgrün schillerndem Gras in die Ferne, der Himmel leuchtet in schrillem Blau, durchzogen von einem Raster stahlgrauer Oberleitungsdrähte mit trüber Aura und rosaroten Wolken. Die grelle Bahnlandschaft war das erste Ergebnis unserer Annäherung an die Technik der HDR-Fotografie - und wurde umgehend wieder von der Festplatte getilgt.
Nach dem wenig überzeugenden Einstieg haben wir uns mit dem HDR-Prinzip jedoch bald versöhnt. Das Kürzel steht für „High Dynamic Range“, also für einen hohen Kontrastumfang. In dieser Disziplin hinkt die elektronische Fotografie ihrer analogen Ahnin noch immer hinterher: Gängige Digitalkameras kommen nur auf gut ein Zehntel des Kontrastumfangs, den ein klassischer Silberhalogenidfilm zu speichern vermag. Das ärgerliche Ergebnis sind zugelaufene Schatten und ausgefressene Lichter bei Motiven mit hohem Kontrast.
Aus unterschiedlich belichteten Aufnahmen ein neues Bild
HDR hilft hier, indem mit spezieller Software oder den entsprechenden Werkzeugen aktueller Bildbearbeitungsprogramme aus mehreren, unterschiedlich belichteten Aufnahmen eines Motivs ein neues Bild errechnet wird. Die Ausgangsbilder entstehen klassischerweise durch eine Belichtungsreihe mit fester Blende und Schärfe. Alternativ lässt sich auch ein RAW-Bild zu Jpg-Fotos mit unterschiedlicher Belichtung entwickeln. Diese zweite Lösung nutzt den höheren Kontrastumfang der Kamera-Rohdaten im Vergleich zum Tiff oder Jpg aus, ist aber für gewöhnlich auf einen vergleichsweise schmalen Bereich von fünf Belichtungsstufen beschränkt.
HDR-Fotografie: Kontraste, Kitsch und Kunst
Ob genuine Jpg-Serie oder RAW-Variationen: Das aus den unterschiedlich belichteten Ausgangsfotos errechnete HDR-Image hat einen Dynamikumfang, der weit über den Darstellungsmöglichkeiten herkömmlicher Monitore und Ausgabemedien liegt. Deshalb muss für die Veröffentlichung aus den HDR-Daten ein herkömmliches Digitalbild errechnet werden. Dabei erlauben die meisten HDR-Programme bei dem „Tone Mapping“ genannten Schritt die individuelle Anpassung verschiedener Parameter: Die Gewichtung der Ausgangsbilder und die Stärke der Kontrastanpassung lassen sich beispielsweise ebenso verändern wie Sättigung, Farben und Kontrast einzelner Helligkeitsbereiche.
Mit der Variation dieser Parameter lässt sich die Ausgabedatei an die Wahrnehmung des menschlichen Auges anpassen. Denn alltägliches Sehen bedeutet nichts anderes als ein stetiges Anpassen von Kontrasten und Farben zu einem homogenen Bild. Mit HDR geschieht Ähnliches: Da bekommt der bleiche Himmel eine satte Zeichnung. Der vorher viel zu dunkle Vordergrund von Landschaftsaufnahmen leuchtet im sommerlichen Glanz. In der Nacht aufgenommene Gebäude mit den harschen Kontrasten zwischen Kunstlicht und Schatten erhalten endlich ihre Details zurück. Und Fenster öffnen bei Innenaufnahmen dunkler Räume wieder den Blick nach außen, wo vorher nur weiße Lichtflecken waren.
Das Problem von hellen Fenstern und dunklen Räumen
Aus dem großen Angebot für HDR-Software haben wir eine kleine Auswahl ausprobiert. Als überzeugendste Lösung hat sich dabei Photomatix Pro (um 90 Euro) erwiesen. Die HDR-Software läuft auf PC und Mac und erlaubt eine besonders detaillierte Einstellung der Daten. Am Anfang verwirrt zwar die Vielfalt der veränderbaren Parameter, doch sie erweist sich auf Dauer als notwendig für wirklich stimmige Ergebnisse beim „Tone Mapping“. Komfortable Features wie Stapelverarbeitung und die Dateikonvertierung von hohem zu niedrigem Kontrastumfang erleichtern die Arbeit mit einer größeren Anzahl von Aufnahmen.
Mit Photomatix Pro lassen sich nicht nur HDR-Images erstellen, sondern das Programm kann auch nach verschiedenen Methoden einen Mittelwert aus mehreren Jpg-Fotos erstellen. Diese Form der Kontrastanpassung hat sich beispielsweise bei Innenaufnahmen bewährt, auf denen Fenster zu sehen sind: Aus einem auf den Raum belichteten Jpg (viel zu helle Fenster) und einem auf die Fenster belichteten Foto (viel zu dunkler Raum) erstellt Photomatix Pro ein ausgewogenes neues Bild. Sogar Scans von kontrastreichen Schwarzweißnegativen und Diapositiven mit unterschiedlicher Helligkeit lassen sich mit der Software zu ausgeglicheneren Bildern verbinden, als das mit der schlichten Bearbeitung des Scans möglich ist.
Mittlerweile bieten auch einige Bildverarbeitungsprogramme ein HDR-Tool an. So lassen sich zum Beispiel in Corels „Ulead Photo Impact“ seit der Version 11 HDR-Fotos erstellen. Wir haben unter Windows die aktuelle Version X3 (um 50 Euro) ausprobiert, die mit einem klar strukturierten Menü überzeugt. Die Einstellmöglichkeiten sind allerdings im Vergleich zu Photomatix Pro eher gering.
Zurückhaltung ist eine große Tugend
Wer erste Erfahrungen mit HDR sammeln will, ohne gleich in neue Software zu investieren, findet zahlreiche Freeware-Programme. Die größte Auswahl gibt es dabei für den PC: Unter Windows laufen Programme wie FDR Tools Basic, das mit einer übersichtlichen Bedienung aufwartet, in unserem Test aber zu ausgefressenen Spitzlichtern neigte. Unter Mac und Windows gleichermaßen arbeitet zum Beispiel das schwer auszusprechende Qtpfsgui. Besonders überzeugt hat uns bei dieser Software die Möglichkeit, HDR-Bilder direkt aus dem RAW zu entwickeln. Die meisten der angebotenen Filter führten allerdings zu psychedelisch bunten Ergebnissen.
Überhaupt ist Zurückhaltung beim Erstellen von HDR-Bildern eine große Tugend. Wer die Möglichkeiten des Verfahrens nämlich bis zum Anschlag ausreizt, der erhält unwirklich scheinende Aufnahmen, die mehr nach „Herr der Ringe“ aussehen als nach Reise- oder Architekturfotografie. Solche Aufnahmen haben dafür gesorgt, dass HDR bei einigen Bildredaktionen fast schon unter den Generalverdacht geraten ist, nichts weiter als eine Form kitschiger Montage zu sein. Der Fotograf Frank Möllenberg (www.frank-moellenberg.de) sieht das anders. Und unbedachter Enthusiasmus für elektronische Spielereien ist dem Mann sicher nicht vorzuwerfen, der am liebsten mit der Großformatkamera arbeitet und mit strenger Architektur- und Kunstfotografie bekannt geworden ist: Möllenberg ordnet HDR - richtig angewendet - in die Tradition der Schwarzweißfotografie von Anselm Adams ein. Der amerikanische Landschaftsfotograf lotete schließlich nicht nur den Kontrastumfang des Films mit seinem Zonensystem bis zum Anschlag aus, sondern griff auch zu Kniffen wie dem diffus auf Zone II vorbelichteten Schwarzweißmaterial. So erreichte er eine bessere Zeichnung in den tiefen Schattenpartien, und die Arbeit mit Farbfiltern zur Kontrastverbesserung gehörte ebenfalls zum Standard seines Repertoires.
Nicht jedes Motiv lässt sich ins bessere Licht rücken
Unsere vielleicht wichtigste Erkenntnis aus der intensiven Beschäftigung mit dem Thema HDR ist, dass dieses Verfahren nicht jedes Motiv ins bessere Licht rücken kann. Bei Architekturaufnahmen und Landschaftsbildern hat uns diese Technik am meisten überzeugt. Die klassische Grundlage einer Jpg-Belichtungsreihe macht allerdings unflexibel. Denn am schweren Stativ geht hier kein Weg vorbei. Selbst mit schneller Serienbildfunktion verschiebt sich der Ausschnitt zwischen denen einzelnen Fotos beim Fotografieren aus der Hand, was zu unschönen Geisterbildern im Endergebnis führt.
Zweiter Pferdefuß der Belichtungsreihe ist ihre Empfindlichkeit gegenüber bewegten Objekten im Bild. Bei Menschen lässt sich da manchmal noch ein guter Augenblick ohne hektische Bewegung abpassen. Aber wenn der Frühlingssturm die dicken Wolken übers Firmament treibt, sind Unschärfen und Doppelbilder im HDR garantiert. Trotz eingeschränkter Korrekturmöglichkeiten greifen wir deshalb meist zum RAW als Grundlage eines HDR-Bilds. Das macht nicht nur unabhängig von Stativ und Fernauslöser, sondern erlaubt auch eine späte Entscheidung für oder gegen die HDR-Bearbeitung: Wer seine digitalen Aufnahmen grundsätzlich als RAW speichert, kann in aller Ruhe am Bildschirm seine HDR-Motive auswählen, während draußen der Frühling weiter stürmt.
