09.05.2005 · Fotos zum Anfassen liegen in der Natur des Menschen. Die digitale Fotografie hat keineswegs das gedruckte Bild abgelöst. Im Gegenteil - das klassische Papierfoto liegt im Trend.
Von Nils SchiffhauerIst von diesem Bilderberg heute nur jedes 20. digital aufgenommen, so sieht die Industrie diesen Anteil in den kommenden vier Jahren auf mehr als 40 Prozent wachsen. Aber das Vertrauen auf weiteres Wachstum gründet sich nicht nur auf die Fortschreibung heutiger Tendenzen. "Die Attraktivität des Bildes, das man auch in die Hand nehmen kann", meint Wulf Schmidt-Sacht, bei Cewe in Oldenburg, dem größten Fotolabor der Welt, für Technik zuständiges Vorstandsmitglied, "scheint in der Natur des Menschen zu stecken." Dessen weitere natürliche Eigenschaft sei die Bequemlichkeit, weshalb man nicht nur in Oldenburg das heimische Ausdrucken von Fotos mit Gelassenheit sieht. Mit den Prints der Großlabors verglichen, seien die Ergebnisse dieser privaten Dunkelkammer recht teuer, zeitaufwendig herzustellen und von eher mäßiger Qualität. Unbestritten jedoch ist die Anziehungskraft auf vorwiegend männliche Technikfexe. Doch glaubt man Untersuchungen, so stellen selbst die nach einem Vierteljahr den Fotodruck ein, und aus den teueren Bildtintenkartuschen spritzt es nur noch Briefe, farbige Präsentationen sowie bunte Partyeinladungen. Und für die Fotos müssen wieder die Profis ran.
Die haben im vergangenen Jahrzehnt kräftig investiert, dabei einige Kollegen verloren und bieten nun eine nie gekannte Vielfältigkeit. Der Kunde kann von der Filmpatrone über das Dia bis zum Anhang an eine E-Mail alles abliefern, was ein latentes, sichtbares oder virtuelles Bild enthält. Ein solches steht immer am Anfang und am Ende des Prozesses, innerhalb dessen es lediglich seine Erscheinungsform wechselt. Seit etwa zwei Jahren findet der Kunde jene Vielfalt von Zugängen zu diesem Prozeß vor, die der Heterogenität seiner Bilder entspricht: Patrone aus seiner analogen Kamera, ein Bild vom Dia oder Papierbild sowie digitale Aufnahmen. "Wir haben den Eindruck", so Schmidt-Sacht, "daß schon jetzt etwa ein Prozent der zur Weiterverarbeitung ankommenden Digitalfotos aus Kamerahandys stammt." Womöglich zarter Vorbote einer Entwicklung, die - stoßfeste Zoom-Objektive vorausgesetzt - die ganze Klasse der nicht nur digitalen Schnappschußkameras unter sich begraben könnte. Noch aber kommen 99 von 100 Datenbildern auf CD gebrannt oder über das Internet. Beliebt sind sogenannte Kiosksysteme, in die man die der Kamera entnommene Speicherkarte steckt, die gewünschten Bilder als Display auswählt und die Daten der markierten Aufnahmen dann auf CD gebrannt erhält. Heutige Apparate sind eingängiger bedienbar als die Fahrkartenautomaten der Verkehrsgesellschaften, schließlich haben die Labore kein Monopol.
Geringe Reklamationsquote
Steht ein solcher Bilderkiosk in einem Fachgeschäft, so lauert dahinter oft genug eine Minilab genannte automatische Entwicklungsstation, so daß das Papierbild einen großen Eiskaffee später gleich mitgenommen werden kann. Diesen Zeitvorteil erkauft der Ungeduldige mit 25 bis 50 Cent je Bild, während der gewinnversprechende Preis für einen Abzug aus dem Großlabor bei etwa 13 Cent startet. "Noch etwas kommt hinzu", sagt Hardy Schwerger, Leiter der "Anwendungstechnik Film" bei Agfa, und verweist mit dem Fadenzähler auf die vor uns liegende Reihe bunter Bilder. "Diese alle haben dasselbe Negativ zur Vorlage, von dem wir im Blindtest bei unterschiedlichsten Anbietern in ganz Deutschland Minilab-Prints fertigen ließen." Was da in Leverkusen auf dem Tisch unter farbneutralen Lampen liegt, läßt nicht nur den Laien blaß werden. Kein Abzug gleicht einem anderen. Selbst die guten interpretieren das Negativ in sichtbar verschiedener Farbigkeit. Und es gibt ein paar wirklich verschossene, bei denen offenbar die Chemie im Minilab nicht mehr stimmte.
Das alles ist in einem Großlabor wesentlich besser unter Kontrolle. "Wir haben im letzten Jahr 3,5 Milliarden Farbbilder mit einer Reklamationsquote von unter einem Promille ausgeliefert", sagt Cewe-Chefchemiker Mathias Hausmann, der sogar vom Schlafzimmer aus den Zustand von Entwickler, Fixierer und Stoppbad in allen 22 europäischen Produktionsbetrieben des Unternehmens von Ärhus bis Marseille und von Rennes bis Budapest kontrollieren und steuern kann. Dieses Produkt aus Menge und Qualität erfordert hochautomatisierte Prozesse, für die in Oldenburg eigens Maschinen entwickelt wurden. Filmpatronen, die von einem der rund 43 000 Handelskunden im Labor landen, werden zunächst aus der Fototasche genommen, in lichtdichten Maschinen geöffnet und - Film für Film durch einen individuellen Barcode voneinander getrennt - zu einem 500 Meter langen Streifen auf einen Kern gewickelt. Jede Rolle wird so zusammengestellt, daß sie hinsichtlich gewünschten Formats und bestellter Papiersorte von derselben Kombination ist. 90 von 100 Aufträgen lassen sich unter eines der 80 sogenannten Sortierziele wie etwa "Format 9 x 13 Zentimeter auf Fuji-Papier in Hochglanz" automatisch fassen, die restlichen zehn Prozent sind manuell den verbleibenden 920 Produkten bis zum fotobedruckten T-Shirt samt Teddybär zuzuordnen.
Jeweils 400 Negativfilme reizen das Gewicht von rund 13 Kilogramm aus, das eine Mitarbeiterin aus Gründen des Arbeitsschutzes tragen darf. Bis zu 1000 Filme mäandern in jeder Stunde kontinuierlich durch die einzelnen Bäder der Entwicklungsanlage. Reißt der Film, stoppt ein Rettungstank den sonst unweigerlich weiter ablaufenden chemischen Prozeß. Bis zu 200 000 solcher Aufträge verdauen die Oldenburger an Spitzentagen, die meistens Dienstage im Ferienmonat August sind. Die Chemikalien zirkulieren in einem geschlossenen Kreislauf, aus dem allerdings im Jahr 40 Tonnen feinstes Fotosilber der Filme ausgefällt und der Unternehmensbilanz zugeführt werden.
Bei Cewe geht es nach der Entwicklung chemisch weiter. Die gewünschten Negative werden blitzartig auf Fotopapier belichtet und dieses ebenfalls entwickelt. Eine Guillotine schneidet die 500 Meter lange Papierrolle in die einzelnen Abzüge, 50000 je Stunde. Im nächsten Schritt finden Fototasche, Negativstreifen und Prints dank Barcode-System wieder zusammen. Und der individuell kalkulierte Kassenbon wird noch aufgeklebt. Im Prinzip haben große Drogeriemärkte sogar direkten Zugriff zur Preisgestaltung und können kurzfristig Aktionen starten. Sieht man jedoch bei Cewe einen suizidalen Kampfpreis über den Bildschirm huschen, so geht seiner Aktivierung ein aufklärendes betriebswirtschaftliches Privatissimum am Telefon voraus, in dem Begriffe wie Gleichgewichtspreis, Deckungsbeiträge sowie strategische Quersubvention fallen und der Blick auf die nachhaltige Signalwirkung innerhalb der Branche gelenkt werden dürfte. Wie schließlich in beinahe menschenleeren Hallen, in denen sogar die indonesische Mitarbeiterin akzentfrei mit oldenburgischem "Moin, moin" grüßt, alles zusammen in die richtigen Kuriertaschen plumpst, läßt einen mit Schmerzen an die Schuhkartons eigener Bilderinnerungen denken.
Im Durchschnitt des vergangenen Jahres gingen gut drei Viertel aller Bilder diesen analogen Weg. "Doch schon im letzten Quartal", so Cewe-Vorstandsvorsitzender Rolf Hollander, "verschob sich dieser Anteil stärker zugunsten digitaler Ausgangsdaten." Deshalb nutze sein Unternehmen weiterhin die 150 chemiebasierten Verarbeitungslinien, wenngleich es bereits Anlagen gibt, in denen Digital und Analog den größten Teil der Strecke gemeinsam zurücklegen.
Farbvorlieben der Geschlechter
Hierfür sind die weiterhin konventionell entwickelten Negative zunächst zu scannen. Ein Hochleistungsscanner d-scan.20 tastet dabei jedes Negativ mit 2000 x 3000 Pixel je Farbe - Rot, Grün, Blau und Infrarot - ab und korrigiert automatisch die im Infrarot erkannten Staubteilchen und Kratzer. Von diesem Punkt an können Bilder aus der Einwegkamera bis zu den aus dem Internet kommenden gemeinsam weiterverarbeitet werden. Die CDs übrigens werden von eigens entwickelten Geräten gelesen, die, um Verwechselungen zu vermeiden, nur beidhändig zu bedienen sind: In den linken Schlitz wird die Fototasche geschoben und ihr Barcode gelesen, in die rechte Lade die CD gesteckt. Jede Mitarbeiterin dirigiert drei solcher Stationen mit jeweils sechs CD-Lesern, die Dateien in den Formaten JPEG, TIFF und Bitmap verstehen.
Zur weiteren Verarbeitung werden Auftrags- und Bilddaten in unterschiedliche Datenformate gewandelt, und der knappe sRGB-Farbraum der Kameras wird industrieeinheitlich in das großzügiger bemessene psychometrische Farbdiagramm Cielab der Commission Internationale d'Eclairage gewandelt. Daraufhin jongliert die Software mit diesen Bits und Bytes. Sie korrigiert die roten Augen von Blitzaufnahmen, schärft das Bild mit der unter Profis einzig akzeptierten Methode "unscharf maskieren", berichtigt Unterbelichtungen, sorgt für den Kontrastausgleich, unterdrückt Filmkorn und Datenrauschen und differenziert dicht nebeneinanderliegende Farbtöne, damit Motive nicht matschig absaufen. Vieles davon mag sich der Computerlaborant etwa in Photoshop sogar am häuslichen Bildschirm ganz individuell erklicken. Professionelle Systeme jedoch, die bis zu 20000 Bilder je Stunde komplett bis zum fertigen Print verarbeiten, bedienen den Massengeschmack mit dem, was der für knackige, scharfe und oftmals mehr bunte als farbige Bilder hält. Über den Kreislauf Kunde-Händler-Labor (auch wer per Internet Bilder bestellt, holt sie meist im Handel ab) werden die Wünsche laufend aktualisiert und großflächig umgesetzt. Die Japaner beispielsweise sehen ihren Hautton gern ins Hellere verschoben, die Skandinavier blicken lieber mit etwas Farbe aus dem Bild. Norddeutschland bevorzugt - wie Männer an sich - eine kaltbläuliche Farbstimmung, während der Süden - und die Damenwelt - es lieber rotwärmer hat.
Am Ende werden die so bearbeiteten Bilder auf eine Dateigröße von nur 500 bis 1000 Kilobyte komprimiert, was für die Pünktchenmaximierer, die ihrer Achtmegapixelkamera mindestens fünf Megabyte je Bild entlocken wollen, ein Schlag sein dürfte. Doch warum sollte man mehr machen, als sichtbar notwendig ist? Deshalb konnte Agfa die Druckauflösung seiner Massenprints von 400 dpi (dots per inch - Pixel je Zoll) auf 300 dpi reduzieren - dem Auge des durchschnittlichen Betrachters reicht es.
Die Welt der Großfinishing genannten Massenverarbeitung von Bildern hat heute einen Punkt erreicht, von dem aus weitere Revolutionen hinsichtlich Qualität, Preis und Verarbeitungsgeschwindigkeit selbst mit einem scharfen Teleobjektiv nicht sichtbar sind. Bei Cewe hat man deshalb weitere Perspektiven des Bildes fest im Visier. Wulf Schmidt-Sacht: "Zusammen mit Partnern aus Industrie und Forschung haben wir eine Box entwickelt, die erstmals Fernsehen mit Telefon und Fotoverwaltung kombiniert." Einige Oldenburger Testhaushalte werden dieser Tage ihren Diaabend vom Server in die Stube ziehen können. Irgendwo im Menü findet sich dann auch der Print-Button, der die Dateien auf die Reise durch den Maschinenpark schickt, auf daß dieser vom Poster bis zum bedruckten T-Shirt alle denkbaren Materialisationen des Bildes ausspucke.
Schwer im Kommen sind überdies gewichtige Fotobände, die Bilder und Text wie im klassischen Album auf Hochglanz und im repräsentativen Einband kombinieren. Wer da Party, Party, Party erwartete, sieht sich angenehm enttäuscht. Wir blätterten in Reiseerinnerungen, die sich die Opulenz von Geo-Schwarten zum Vorbild nahmen und dabei alles andere als unfreiwillig komisch wirken. Bilder auf Papier seien eine Konstante menschlicher Psyche, war in Oldenburg zu hören, wo niemand allzuschwer an psycho- oder soziologischen Manierismen trägt. Recht haben sie, denkt man und zieht zu Hause das Album aus dem Regal, das uns von Taufen in den 1920ern, Silberhochzeiten in den 1930ern und Vermählungen in der Ausgehuniform der 1940er ins Bild setzt. Oma Annemarie nahm es auf ihrer Flucht mit; nicht viel mehr. Daß nach einem kurzlebigen Versprechen virtueller Ewigkeiten nun wieder Fotoalben als Lebensstationen bergende Flaschenpost die Jahrzehnte bildkräftig überbrücken, stimmt nicht allein die Großfinishing-Branche zuversichtlich.