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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Geschichte der Fotografie Vieles war viel, viel früher schon mal da

 ·  Welches Jahr sah die erste Sofortbildkamera? Von wann datiert die Erfindung des heute in fast jeder Kamera montierten Zoomobjektivs? Seit welchem Jahr fotografieren wir in Farbe? Die Antworten können verblüffen.

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Schon 1864 geht der „Appareil Dubroni No. 1“ des Franzosen Jules Bourdin als erste Sofortbildkamera in die Geschichte ein. Und 1901 meldet Clile C. Allen aus Chicago die erste richtige „Gummilinse“ zum U.S.-Patent 696 788 an. Autochrome eröffnet schon 1907 - fast - jedermann die Welt der farbigen Lichtbildnerei. Dass es dann 84 Jahre dauerte, bis Edwin Herbert Land mit der Polaroid Modell 95 den ganzen Sofortbild-Prozess in einen Film packte, steht auf einem anderen Blatt. Bourdins Kamera hatte im Innern viel Glas, wohin nacheinander dreizehn unterschiedliche Lösungen zu pipettieren waren, bevor ein fünf mal fünf Zentimeter messendes Bild im Nasskollodium-Verfahren ans Licht kam.

Von Allens Patent bis zum von Frank G. Back für Voigtländer entwickelten Zoomar 1:2,8/36-82 mm, dem ersten Serien-Zoomobjektiv für Kleinbildfotografie im Jahre 1959, verging auch mehr als ein halbes Jahrhundert. Und die Autochrome-Platten der Gebrüder Lumière und den ersten Drei-Schichten-Farbfilm, den Agfa in Wolfen entwickelte, trennten immer noch rund 30 Jahre.

Die Geschichte der Fotografie ist voller Überraschungen, seit Joseph Nicéphore Niépce 1816 die ersten Bilder durch Kombination zweier bekannter Dinge herstellte: Er ließ Licht durch die Linse einer Camera obscura nicht auf ein Zeichenpapier fallen, sondern setzte stattdessen in die schwarze Kammer ein Papier ein, das er mit weißem Silberchlorid getränkt hatte. Unter dem Einfluss von Licht verfärbte es sich violett. Grundsätzlich hat sich an diesem Aufbau - Projektion der Welt, Registrierung und Speicherung der Lichtverteilung - bis zur digitalen Gegenwart nichts geändert.

Mit „Lichtmalerei“ zu einem ersten Erfolg

Niépce und vor allem sein Landsmann Louis Daguerre führten die „Lichtmalerei“ zu einem ersten Erfolg. Daguerreotypien entstanden auf einer dünn mit Silber beschichteten Kupferplatte, die vor der Aufnahme 30 Minuten lang durch Joddämpfe lichtempfindlich gemacht wurde. Die Bilder sind Unikate und zeigen das Positiv nur, wenn sie in einem bestimmten Winkel zum Licht gehalten werden. Das war eine Sackgasse. Ungefähr gleichzeitig mit Daguerre nahm der wirtschaftlich nicht so gewitzte Engländer William Henry Fox Talbot seine ersten „Kalotypien“ auf Papier auf, konnte sie fixieren und bald in reproduzierbare Positive wandeln.

Die frühe Fotografie war etwas für Experten. Sie hatten oft ihre Kamera selbst zu bauen, das lichtempfindliche Material vorzubereiten, den Abstand für die Fokussierung zu messen, die Belichtungszeit nach den Helligkeitsverhältnissen abzuschätzen und schließlich die fertige Aufnahme zu entwickeln sowie zu fixieren. Erst von 1888 an, mit den erfolgreichen Rollfilm-Boxkameras von Kodak, wurde Fotografieren zu einem Massenphänomen. „Jeder kann die Kamera nutzen. Keine Kenntnisse der Fotografie notwendig“, warb eine Anzeige für das 25 Dollar teure Kästchen. Mit ihm wurde zugleich die Entwicklung des Films aus der heimischen Dunkelkammer zum Hersteller verlagert. Andere Unternehmen sollten es Kodak nachtun.

Die ersten kommerziell erhältlichen Fotoapparate hatten ein Objektiv mit einer Brennweite von 380 Millimeter bei Blende 14. Seine einfache Sammellinse ersetzte Josef Petzval aus Wien 1840 durch ein vierlinsiges Porträtobjektiv mit Lichtstärke 1:3,6. Die von Voigtländer vermarktete Optik verkürzte die Belichtungszeit auf bis zu eine halbe Minute. Doch das Objektiv hatte optische Fehler, bildete nur im Zentrum scharf ab und zeigte Farbsäume. Neue Glassorten und Formen verbesserten das Bild. Paul Rudolph errechnete 1902 das Zeiss Tessar als Standardobjektiv: Der von vielen Abbildungsfehlern freie Vierlinser wurde in den kommenden gut 70 Jahren mehr als 100 Millionen Mal verkauft. Das heute so unentbehrlich praktisch erscheinende Zoomobjektiv fand seine Anwendungen zunächst nur bei Filmkameras.

Die Entwicklung hatte von 1983 bis 1988 gedauert

Wie die fotografische Luftaufklärung ist auch die Miniaturisierung ein alter Hut: Das von Minox bekannte Aufnahmeformat 8 × 11 Millimeter verwendete Carl August von Steinheil schon 1839 für acht seiner in München gefertigten Kameras. Noch 1989 wurden in der DDR zehn Miniaturkameras 13104 für die Stasi hergestellt und an die Hauptverwaltung Aufklärung ausgeliefert. Eine DIN-A4-Seite ließ sich im Format 1,4 × 2 Millimeter abbilden. Allein das Objektiv einer solchen in einem Pelikan-Marker steckenden Kamera kostete 17 650 Mark der DDR. Die Entwicklung hatte bei Carl Zeiss Jena von 1983 bis 1988 gedauert.

Diese Objektive waren für einen - vom fotografierenden Schlapphut zu trainierenden - festen Aufnahmeabstand gerechnet. Erst kurz vor Einbruch des digitalen Zeitalters löste der Autofokus das Problem des Scharfstellens. Eine „Chambre Automatique“ versuchte 1860 eine frühe Lösung mit einem Fixfokus-Objektiv, das Petzval berechnet hatte. Das war eine die Bildqualität mindernde Notlösung, die gleichwohl später Signatur vieler billiger Kameras werden sollte.

Aber wie sollte man auf bequeme Weise die Entfernung zum Objekt messen und den Ausschnitt wählen, wenn das doch den Strahlengang des Lichts zum Film unterbrach? Die indirekte Methode setzt der Kamera einen Entfernungsmesser auf, bei dem zwei Bilder zur Deckung zu bringen sind und die abgelesene Entfernung zunächst manuell auf das Objektiv zu übertragen war, bevor Kodak 1916 mit der Autographic No 1A beides miteinander verkuppelte. Bei der Monocular Duplex von 1884 lenkt erstmals ein Spiegel das Bild zum Sucher. Beim Auslösen klappt der Spiegel hoch und gibt den Film zur Belichtung frei. Währenddessen - und bei den ersten Spiegelreflexen mit einem nicht sofort zurückschwingenden Spiegel auch weiterhin - blieb der Fotograf blind.

Von der Ikoflex 1939 bis zur chinesischen Seagull

Abhilfe dagegen bot eine zweiäugige Kamera, wie sie erstmals 1929 mit der Rolleiflex 1 von Braunschweig aus in die Welt zog. Von der Ikoflex 1939 bis zur chinesischen Seagull und aktuell wieder modisch gewordenen russischen Lubitel fand Rollei auf der ganzen Welt Nachahmer. Bei einer Zweiäugigen peilt der Fotograf das Bild durch eine lichtstarke Sucheroptik an, während das Bild von einer noch besseren Optik darunter - oder daneben, wie bei der „Eder Patent“ von 1933 - aufgenommen wird.

Die Polaroid SX-70 von 1972 und ihre billigen Derivate hingegen arbeiteten wie eine Fledermaus: Auswertung eines Ultraschallechos zur Entfernungsmessung. In der Konica C35A läutete 1977 ein Visitronic-Modul von Honeywell die bis heute andauernde Zeit passiver Messsysteme ein. Erst vier Jahre später brachte Pentax mit der Me F und dem Autofokusobjektiv SMC Pentax AF 1:2,8/35-70 mm die erste Spiegelreflex mit Entfernungsmessung im Strahlengang heraus.

Seit Urzeiten kann und muss der Mensch zwar Entfernungen schätzen, aber sein Auge versagt, wenn es um Belichtungsmessung geht. Zunächst halfen hierbei subjektive Methoden, die typische Aufnahmesituationen beschreiben. Der Posograph von Pathé unterscheidet in den 1920ern sogar fein zwischen Motiven „im Gehölz“ und solchen „im Buschholz“; Belichtungstabellen ließen den Fotografen unter Monat, Tageszeit und Wetter nachschlagen, um dies mit der bei gegebener Empfindlichkeit des Fotomaterials einzustellenden Blende und Verschlusszeit zu kombinieren.

Erst Belichtungsmesser, die das Licht in Strom umwandeln, eröffneten den Weg zu einer Steuerung der Blende - eingeführt 1938 mit der Kodak Super Six 20. Wenn das Licht aber beim besten Willen nicht reicht, sorgt elektrische Energie für mehr Licht: Wie weit der Weg zu den eingebauten Miniblitzen von heute war, zeigen die ersten Elektronenblitze mit ihren geradezu furchterregenden Stromkoffern.

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