09.01.2010 · Gezielte Unschärfe bringt das Wesen der Dinge ins Bild. Das Sehen wird bewusster, die Bildaussage klarer. Aber was ist Schärfe bei Bildern? Es kommt drauf an. Ein kleiner Leitfaden für verschiedene Spiele mit Schärfe.
Von Nils SchiffhauerDas ist schon scharf: wie Orson Welles verschwommen den Vordergrund einnimmt und Rita Hayworth plastisch fokussiert im Hintergrund spielt. Der Kameramann verstößt in "The Lady from Shanghai" 1947 bewusst gegen die Regel, die das Nahe sich deutlich vom aufgelösten Hintergrund abheben lässt. Zudem weicht dieses Schärfespiel vom üblichen ab, das die Kerle hart, die Damen jedoch mit Weichzeichner überstrahlt-engelhaft zeigt; Bogart und die Bergman, etwa, in "Casablanca", fünf Jahre zuvor. In der laufenden Bilderabfolge des Films nisten sich diese optischen Tricks mehr ins Unbewusste ein, als dass der Zuschauer sie deutlich merkt. Das ist bei einer Fotografie anders. Sie hebt den Raum von der Drei- in die Zweidimensionalität und hält den Lauf der Zeit für einen Moment an. Ihr Betrachter bestimmt selbst darüber, wie lange er in dieses Standbild eintaucht, welche Details er fokussiert und wie er das gesamte Tableau auf sich wirken lässt. Kalkulierte Unschärfe ist hierbei augenlenkendes Gestaltungsmittel. Das Sehorgan nämlich stellt sich in der Realität automatisch auf das scharf, was das Gehirn in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken möchte. Unscharfes Sehen beim Auge reduziert und filtert die Wirklichkeit. Deshalb überraschen komplett scharfe Aufnahmen wie die eines Ansel Adam unsere Sehgewohnheiten ebenso wie der gezielte Einsatz von Unschärfe.
Aber was ist das: Schärfe? Es kommt drauf an. Im Zentrum steht dabei zunächst das physikalische Auflösungsvermögen des Auges, dann der nachgeschaltete Rechenvorgang im Gehirn. Das Auge kann - unter anderem je nach Lichtverhältnissen - noch Strukturen trennen, die etwa eine Bogenminute und also 1/60 Grad Abstand voneinander aufweisen. Wenn wir etwas genauer sehen wollen, gehen wir näher ran. Das verkleinert unser Gesichtsfeld, so dass diese Bogenminute ebenfalls einen kleinen Raum betrachtet, diesen aber genauer unter die Lupe nimmt. Umgekehrt sehen wir, dicht vor einem Plakat stehend, nur ein buntes Punktgestöber, das erst aus Abstand betrachtet zum erkennbaren Bild zusammenfließt. Im Leseabstand von 25 Zentimeter müssen zwei Punkte mindestens 0,04 Millimeter voneinander entfernt sein, um sie noch getrennt und somit scharf wahrzunehmen.
Doch das Auge sieht überhaupt nur immer den winzigen Bereich von zwei Grad scharf. Das ist so, als sähe es die Welt durch ein Papprohr. Allerdings tastet das Sehorgan mit sogenannten Sakkaden die Umwelt ab, stellt dabei jeden einzelnen Eindruck scharf und errechnet dann daraus das Bild, wie wir es wahrnehmen.
Die Kombination aus beidem ergibt den Blickwinkel
Eine Kamera arbeitet anders. Ihr Objektiv sieht mit einem Blick jenen Bereich, den die Kombination aus Brennweite und Größe des Sensors vorgibt. Die Kombination aus beidem ergibt den Blickwinkel. Als normal wird hier eine Brennweite empfunden, die der Diagonale des Sensors entspricht. Das sind beim Kleinbildformat 43,3 Millimeter. Ein kleinerer Sensor ergibt hier einen Tele-Effekt, ein größerer sieht die Welt dann aus dem Weitwinkel. Das Zusammenspiel von Brennweite, Sensorgröße und Blende ist nun für die Schärfentiefe verantwortlich. Je kleiner Brennweite, Sensorabmessung und Blende, desto größer der Bereich zwischen Linse und Umwelt, in dem das Auge alles scharf empfindet. Lichtschwache Objektive mit somit kleiner Anfangsblende und Minisensoren in den Kinderjahren der Digitalfotografie brachten für den Hobbyfotografen zwar einen Gewinn an Schärfentiefe, aber einen Verlust an Gestaltungsmöglichkeiten. Die holt die neue Generation mit lichtstarken Objektiven von großer Blende und ebenfalls größeren Sensoren nun wieder zurück. Sogar für die Normalbrennweite, denn je mehr die Brennweite unter sonst unveränderten Bedingungen in den Telebereich ragt, desto sichtbarer hebt sich die Schärfeebene ab. Ihre Ausdehnung bestimmt die Blende, wobei als Faustregel gilt: Diese Zone reicht vom eigentlichen Fokussierpunkt ein Drittel der Schärfentiefe zum Objektiv und zwei Drittel von ihm weg. Detailaufnahmen haben deshalb eine geringe Schärfentiefe.
Wie der Unschärfebereich sich darbietet, hängt unter anderem an Anzahl und Form der Lamellen, die die Blende bilden. Im Fachjapanisch "Bokeh" genannt, entscheidet die Blende darüber, ob der Hintergrund sich warmharmonisch wie in einem Eichendorff-Gedicht oder kalt gezackt wie in expressionistischen Versen Benns zeigt. Dem Begriff und seiner Erscheinung physikalisch beizukommen ist mehr Sache der Metaphysik als ihrer naturwissenschaftlichen Schwester.
Das Sehen wird bewusster, die Bildaussage klarer
Bevor der Fotograf jedoch Souverän der Schärfe seiner Bilder werden kann, sollte er erst einmal auf jede Automatik bis hin zum Autofokus und der Gesichtserkennung verzichten. Vor allem durch manuelle Wahl von Blende, Verschlusszeit und Fokuspunkt steht ihm daraufhin das gezielte Spiel von Schärfe und Unschärfe offen. Wer ein Gefühl hierfür entwickelt hat, schaltet - ausgehend von der Blendenpriorität - Zug um Zug weitere Automatiken hinzu. Das Sehen wird bewusster, die Bildaussage klarer. Das eine Fotografie abtastende Auge kann ja nicht nachträglich unscharfe Partien schärfen. In diesem Moment erschließt sich der Betrachter unter Rückgriff auf die Essenz aller je gesehenen Bilder die Stimmung der Aufnahme, wobei kulturelle Konventionen und die Sozialisation ebenfalls eine Rolle spielen. Wer mit flott heruntergedrehten Fernseh-Vorabendserien von eher großer Schärfentiefe aufgewachsen ist, dem wird das erst komisch vorkommen.
Doch Schärfentiefe ist nur ein Kunstgriff, eine subjektive Realität in ein Foto zu zwingen. Denn neben der Umwandlung von drei in zwei Dimensionen bietet ein Foto ja auch immer nur einen durch die Belichtungszeit begrenzten Ausschnitt aus den Ereignissen. Im Bild macht darauf die Bewegungsunschärfe aufmerksam. Ein Springbrunnen, in dem das Wasser wie ein Eiszapfen glasklar hochschießt, wirkt unnatürlich. Eine längere Belichtungszeit haucht ihm Leben durch Bewegungsunschärfe ein. Bei einer zu langen Belichtung allerdings vermischen sich Bewegung des Objektes und das Ruhezittern des Fotografen. Aus der gewollten Bewegungsunschärfe wird lediglich ein verwackeltes Bild. Was sich jedoch durch gezielte Bewegungen der Kamera für ungewohnte Blicke prächtig nutzen lässt: Kamera bei langer Belichtungszeit schwenken, aber an einer beliebigen Stelle etwas länger hinhalten, das spielt mit Sehgewohnheiten, indem es die Psychophysik der Wahrnehmung ins Bewusstsein rückt.
Menschen in Bewegung werden so zu einzigartigen Schemen
Ob man dicht am Straßenrand Lastwagen fotografiert oder die Balustrade eines Bahnhofes als Stativ benutzt, um die eilenden Reisenden unscharf zu bannen, immer wird man mit der Winkelgeschwindigkeit konfrontiert. Was nah ist, verwischt stärker als Gegenstände in der Entfernung. Die Bahnhofsschilder rauschen schneller vorbei, als man Wuppertal-Vohwinkel gelesen hätte, während sich die Schwebebahn aus einem Abstand ruhiger betrachten lässt. Menschen in Bewegung werden so zu einzigartigen Schemen, Klecksbildern nicht unähnlich.
Rasant greift hier der Blitz ein, der entweder am Anfang der Belichtungszeit (erster Vorhang) oder an ihrem Ende (zweiter Vorhang) ein scharfes, aber unterbelichtetes Bild schießt, dem das bewegungsunscharfe Objekt hinterher- oder vorwegläuft. Sprengend wirkt das Zoomen während der Aufnahme.
Alles das sind physikalische Effekte, die eine Dimension von Tiefe und Geschwindigkeit vermitteln. Schön auch eine Allee im Nebel, wie sich in einiger Entfernung die Bäume wie in Rauch auflösen. Ein Weichzeichner vor der Linse hingegen taucht alles in gleich sanfte Unschärfe, ohne die Tiefe gebührend zu berücksichtigen. Doch Software hilft der Natur ja nach, entweder später am PC mit einem Bildbearbeitungsprogramm oder neuerdings direkt in der Kamera. Die Fujifilm S200EXR erreicht eine Trennung von Vorder- und Hintergrund durch zwei bis drei Aufnahmen rasch hintereinander. Die erste von ihnen ist das eigentliche Bild, während die anderen eine Art automatische Weichzeichnermaske darüberlegen. Noch lässt sich nur der flüchtige Betrachter hiervon täuschen, aber derlei Software könnte zu einer Bildästhetik verführen, die ingenieurwissenschaftlich ein Gewinn sein mag, hinsichtlich der Kunst, mit Fotografie dem Wesen der Dinge etwas näherzukommen, jedoch ein Verlust. Somit lässt sich der gezielte Umgang mit selbsterzeugter Unschärfe bei Kameras jedweder Art als Experimentierfeld begreifen, das so etwas wie die Seele bewusst gestalteter Bilder ist. Dass sie zudem einem mit Automatismen zugedröhnten Fotoapparat wieder Kreativität und Freude abgewinnt, lohnt schon ein paar Versuche, die, da digital, ja kein finanzielles Risiko mehr bilden.
Unschärfe lässt sich so mit mathematischer Präzision erzeugen
Gut Geld hingegen kosten Fachkameras, bei denen sich Objektiv- und Sensorebene gegeneinander kippen und neigen lassen. Meist werden sie in der Studio- und Architekturfotografie genutzt, um die Schärfe in eine beinahe beliebige Ebene der Objekte zu legen. Doch auch Unschärfe lässt sich so mit mathematischer Präzision erzeugen. Shift-Objektive imitieren an Spiegelreflexkameras wenigstens die Anfangsgründe dieser hohen Kunst der Schärfeführung.
Wo schon die ganze Welt auf der Unschärferelation fußt, nach der nicht zugleich Ort und Energie beispielsweise eines Elektrons anzugeben sind, sollte die Fotografie, die doch unseren Blick von der Welt aufbewahrt, wieder stärker die Unschärfe in ihren Fokus rücken.