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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fotografie Der Klick oder die Liebe zum alten Apparat

 ·  Fotografieren mit einer einfachen Sucherkamera aus den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist eine fast geräuschlose Zeitreise in die Vergangenheit. Wer sich auf dieses Abenteuer ohne Hilfsmittel einlässt, entdeckt die Behutsamkeit des gebremsten Blicks.

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Klick. Ganz leise hat der Verschluss sein erstes Bild eingefangen: Grauer Morgen, der über Bäumen und Gebäuden hängt. Die Stadt ist gerade aus dem Bett gekrochen, ist noch mürrisch und verschlafen. Beim Aufwachen helfen immerhin Kaffee- und Brötchenduft der Bäckereien, die warmgelbes Licht in die Fußgängerzone scheinen lassen. Betonburgen des Einzelhandels aus den 1970er Jahren zeigen sich müde. Schmutzigfeucht lässt das große Kaufhaus am Hintereingang die Kacheln seiner Kehrseite glitzern. Vorn probt derweil die Schaufensterpuppe noch ihr starres Lächeln neben Tafeln mit kleinen Preisen.

Es bleibt zwar viel Zeit, über die Motive zu sinnieren. Aber die schnelle Kontrolle der Aufnahmen ist heute ausgeschlossen. Wir sind auf fotografischer Zeitreise, haben einen großen Schritt zurück gemacht um zwei Jahrzehnte. An diesem Morgen halten wir die Zwillingsschwester jener Kamera in der Hand, die uns bei den ersten Versuchen ernsthafter Lichtbildnerei diente: Festbrennweite, analoger Kleinbildfilm, keine Automatik. Fehlanzeige sogar bei der Fokussierhilfe: Kein Messsucher, kein Schnittbild-Entfernungsmesser, erst recht kein Autofokus.

Simple Schönheit

Die Dacora Dignette, vom Familienbetrieb Dangelmaier in Reutlingen in den späten 1960er Jahren gebaut, verlangt von ihrem Nutzer vielmehr Augenmaß: Bei dieser robusten Sucherkamera wird nicht einfach durch den Sucher geschaut und scharf gestellt, sondern vorher die Entfernung mit dem bloßen Auge abgeschätzt. Den Wert übertragen wir dann auf den entsprechenden Ring am Tubus des 45-Millimeter-Objektivs, stellen Belichtung (1/125 bis 1/30 sowie B) und Blende (1:2,8 bis 1:22) ein, drücken schließlich den vorn am Gehäuse positionierten Auslöser: klick.

Plötzlich zieht ein Starenschwarm seine Bahn zwischen den Häusern. Die Kamera schwingt nach oben, die Zeit reicht gerade für zwei Bilder. Beide erweisen sich später als überbelichtet und haben eine mehr als dynamische Bewegungsunschärfe - der Verschluss war noch auf die Lichtbedingungen im Schaufenster eingestellt. Die Steuerung von Zentralverschluss und Blende findet mit zwei Einstellringen am Objektiv statt. Zeit und Öffnung gibt der rote Zeiger des Belichtungsmessers vor, dessen Selenzelle hinter einem milchigen Noppenfenster in die Welt blickt. Die Messung der Bildhelligkeit durch das Objektiv, TTL (through the lens), ist für die rund 40 Jahre alte Kamera Zukunftsmusik. Wir erinnern uns schnell an die simple Schönheit der zentralen (und einzigen) Anzeige auf dem Deckel des Gehäuses. Der Kunststoffkreis lässt sich in verschiedenen Ebenen drehen, als Rechenscheibe für die Koordinaten der korrekten Belichtung. Nach der Vielzahl der Knöpfe, Drehregler und Jog/Shuttles digitaler Spiegelreflexkameras und den miniaturisierten Cockpits der Kompakten ist dieses simple Instrument eine Erleichterung.

Ebay macht es möglich

Trotzdem, gelebte Nostalgie fällt leichter, wenn eine gleich alte Leica aus der M-Familie in der Hand liegt. Denn an deren Fokussiersystem hat sich in den letzten Jahrzehnten nichts geändert. Die Dacora dagegen verweigert sich diesem schnellen Blick der flinken Reportage, bei dem Bildausschnitt und Schärfenebene im gleichen Augenblick festgelegt werden. Wer mit dieser Kamera schnell arbeiten will, muss sich ganz und gar auf das Handwerkszeug konzentrieren. Das hat etwas von Meditation an sich, von Zen am Auslöser. Dazu passen die grauen Farben der erwachenden Stadt, die gedämpften Töne des nassen Januarmorgens.

Zwei Stunden lang sind wir mit dem schönen alten Werkzeug unterwegs. Dacora, das war in den Jahren zwischen Kriegsende und 1972 ein guter Name in der deutschen Fotolandschaft: Sauber verarbeitete Kleinbildkameras mit ordentlichen Objektiven, allerdings ohne Schnickschnack und auch nicht ganz billig. Die erste Kamera der Marke haben wir uns vom Vater ausgeliehen, das ist jetzt mehr als 20 Jahre her. Einen Sommer lang haben wir sie mit Schwarzweißfilmen von Agfa gefüttert, dann gab die Feinmechanik des Verschlusses auf und wir stiegen auf eine erste Spiegelreflex um.

Der Gedanke entsteht vor Weihnachten: Wie es wohl wäre, heute noch einmal dem Zauber der ersten Bilder nachzulauschen? Ebay macht es möglich. Wir steigern mit und bald bringt der Postbote zwei Gehäuse im Päckchen, keine 10 Euro pro Stück. Das erste sieht fein aus, erweist sich jedoch als innerlich waidwund. Dafür hat der zweite Apparat sichtlich ein rauheres Leben hinter sich, doch der Verschluss schnurrt zuverlässig. Aber werden die Zeiten noch stimmen? Oder zeigt der kombinierte Albtraum verharzter Federn und müder Selenzellen sein Gesicht?

Zarte Brauntöne

Als Film wählen wir den Ilford XP2. Das ist wegen der Entwicklung im C41-Prozess natürlich ein Kompromiss. Aber die eigene Dunkelkammer ist längst abgeschafft, und der Negativscanner mit Scsi-Anschluss passt nicht ans neue Notebook. Also muss der Fotohändler des Vertrauens ran, bei dem noch eine klassische Entwicklungsmaschine wirkt. Wir bringen den Film am Vormittag vorbei, bestellen mittags die Abzüge nach digitalem Kontaktabzug und halten am frühen Abend die Abzüge in Händen.

Die betagte Technik der Dacora hat sich wacker geschlagen: Zarte Brauntöne zeigen die Bilder, dazu ein leichtes Korn und Unschärfen mit dieser Struktur, die keine Digitalkamera hinbekommt. Die Rahmen des Negativs kopieren wir später am Computer in das Bild hinein. Denn was einst in der eigenen Dunkelkammer üblich war, leistet heute nur noch das Fachlabor. Die Qualität der Abzüge überzeugt jedenfalls.

Nicht für den Alltagseinsatz

Schämen muss sich dagegen der Mensch hinter dem Gerät angesichts der vielen unscharfen Bilder. Entfernungen abzuschätzen, das hat früher deutlich besser geklappt. Die Arbeit mit einer solchen Kamera wird zum nostalgischen Luxus, der Zeit braucht. Dass der Trend zum bunten Digitalbild den klassischen Film längst überholt hat, zeigt auch unser Kassenzettel: Die Prints im Format 13 auf 18 Zentimeter kosten als Nachbestellung vom monochromen Negativ mit weißem Rand 1,15 Euro pro Stück. Das ist fast das Doppelte dessen, was für Farbabzüge von der Jpg-Datei fällig ist (60 Cent).

Schön und nostalgisch, kompliziert und teuer: Wäre die Dacora ein Automobil, sie bekäme das H-Kennzeichen des Oldtimers. Mit ihr zu fotografieren hat tatsächlich klassischen Charme, wie der Umgang mit einem bürgerlichen Mittelklassewagen der Nachkriegszeit. Zum Flanieren in Ruhe ist sie das rechte Gerät, aber keine Maschine für den Alltagseinsatz. Wir versprechen ihr Schonung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.01.2007, Nr. 4 / Seite V18
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