01.12.2011 · Immer schnellere Digitalkameras mit raffinierten Automatiken lassen den Wunsch nach ursprünglicher Fotografie aufkommen. Die Oplica ist da besonders radikal.
Von Hans-Heinrich PardeyDie Geschichte dieser Kamera beginnt mit einem Vater, der quer durch die Fotografiegeschichte Kameras sammelt und seinem Sohn vierhundert Apparate vererbt. Zweihundert davon funktionieren, und so lernt Andreas Stemmann, während ringsherum die Megapixel-Zahlen explodieren, den Reiz der langsamen analogen Fotografie kennen.
Eines Tages hat der gelernte Schriftsetzer, der als Abteilungsleiter in einer großen Werbeagentur arbeitet, ein doppeltes Schlüsselerlebnis: Er sieht - natürlich im Internet - die Aufnahme des Boulevard du Temple, die Louis Daguerre in Paris 1873 machte und auf der ein Mann zu sehen ist, der sich an der Straßenecke die Schuhe putzen lässt. Dies soll die erste Fotografie sein, die Menschen zeigt. Denn der Mann beim Schuhputzer hielt für die Belichtungszeit von mehreren Minuten einigermaßen still; die Passanten auf dem Boulevard hingegen sind nur als flüchtige Schemen zu erahnen.
Schlüsselerlebnis Nummer zwei ist ein Rekord, den das Auktionshaus Westlicht aus Wien meldet: Dort wird im Mai 2010 ein 1839 von Alphonse Giroux, dem Schwager Daguerres, gefertigter, wohlerhaltener Holzkasten für 732.000 Euro versteigert. Es ist ein Daguerréotype, die erste kommerziell hergestellte Kamera der Welt. Mit dieser zum damaligen Zeitpunkt teuersten fotografischen Antiquität der Welt zu experimentieren, das wäre etwas, denkt Andreas Stemmann. Aber er belässt es nicht bei der Idee, sondern er beginnt zu basteln. Aus Karton-kaschierten Leichtschaumplatten baut er nach ersten Skizzen, aber ohne tatsächlich zu konstruieren, ein Pappmodell im Maßstab 1:1.
Das Prinzip der historischen Schiebekastenkamera ist genial einfach: Auf einer Grundplatte hat man zwei exakt und lichtdicht ineinanderpassende Kästen. Der vordere, äußere ist fest montiert und trägt das Objektiv. Der hintere, innere Kasten ist beweglich, aber auf der Grundplatte fixierbar und zur Rückseite hin offen. Dort wird zunächst die Mattscheibe befestigt, um durch Vor- und Zurückschieben des inneren Kastens scharf zu stellen. Ist die richtige Position gefunden, wird der Kasten an der Grundplatte festgeschraubt, und statt der Mattscheibe wird die geladene und zunächst geschlossene Planfilmkassette eingehängt.
Dann erst kommt der eigentliche Moment der Aufnahme: Das Objektiv wird abgedeckt, der Kassettenschieber hochgezogen, so dass nun von vorn Licht auf den Film fallen kann. Die Auslösung geschieht nicht mittels eines Verschlusses, sondern der Fotograf entfernt die Objektivabdeckung und beginnt zu zählen. Der Fortschritt gegenüber den Zeiten von Daguerre ist durch das um ein Vielfaches empfindlichere Planfilm-Material enorm: Statt Belichtungszeiten von einigen Minuten wird mit der Objektivabdeckung schon nach wenigen Sekunden wieder verdunkelt. Der Kassettenschieber muss wieder eingeschoben werden, und die Kassette kann abgenommen und zur Entwicklung in die Dunkelkammer gebracht werden.
Das ist die Theorie. In der Praxis wartet auf den experimentierenden Bastler Stemmann „Frustmoment Nummer eins", wie er heute sagt. Die Versuche mit Objektiven aus der ererbten Sammlung schlagen samt und sonders fehl. Alle Bilder werden unscharf. Eher zufällig versucht er es aber auch mit dem Objektiv eines Diaprojektors, das wie die anderen einfach mit Klebeband befestigt wird. Und siehe da, es entsteht die erste scharfe Aufnahme auf einem zurechtgeschnittenen Stück Planfilm. Diese Art von Film-Material in der Postkartengröße 10 × 15 Zentimeter und das Entwickeln sind Stemmann durch die Benutzung der väterlichen Sammlerstücke vertraut. Für sie braucht er oft völlig exotische Filmformate. Das erste gelungene Bild mit dem Modell der Oplica zeigt den Pool im Garten.
Es funktioniert also. Nun soll aus dem Kartonmodell eine Holzkastenkamera werden. Auf diesem Weg ändert das Projekt dreimal seinen Namen Die endgültige Version Oplica steuert Stemmanns Frau Martina bei, die außerdem nicht nur mit viel Geduld das Vorhaben ihres Mannes begleitet. Sie ist es, die mit Telefonieren und durch glückliche Zufälle beispielsweise den Kunstschreiner findet, der den Kamerakorpus fertigt. Und als es darum geht, bei dem Prototyp den Messingtopf des Objektivs lichtdicht abzuschließen, opfert sie für den Zuschnitt des erforderlichen Lederrings an einem Sonntagabend eine ihrer Hosen.
Auch die Geschichte, wie Stemmann zu seinen drei Optiken kommt, ist nicht ohne Reiz: Erstes Herumfragen ergibt außer Unverständnis keinerlei Ergebnis. Aber dann bekommt Stemmann eine Mail aus dem optischen Labor von Zeiss: Mit „Viel Erfolg und alles Gute" wird ihm mitgeteilt, eine plan konvexe Linse („mit der flachen Seite nach hinten einzubauen") mit der Brennweite 300 Millimeter müsse für seine Kamera passen, genaue Typenbezeichnung anbei. Der Linsenlieferant wiederum regt Stemmann zu einem zweiten Objektiv neben der Monolinse an: Man habe da doch einen passenden Achromaten im Programm. Das 0,4-mm-Loch in der Scheibe des Pinhole-Objektivs fräst übrigens ein Uhrmacher, der die Ränder danach sauber poliert.
Eine ganze Reihe von Handwerkern beschäftigt Stemmann mit der Herstellung und beginnt langsam zu ahnen, dass aus seinem Bastelprojekt ein Produkt werden könne. Der Schreiner fertigt den Holzkörper der Kamera aus dreißig Jahre abgelagertem Walnuss-Kernholz, das makellos mit Propellerleim verklebt wird. Ein Dreher stellt die Messingtöpfe für die Optiken her. In den Messingzylindern ist ein Schlitz. Der dient zum Einhängen der Wechselblenden, die wiederum eine Anregung sind, die von Zeiss kam. Ein Glaser gehört mit der Mattscheibe zu den Zulieferern. Die Stahlbeschläge sind Extraanfertigungen, genauso wie die Objetivabdeckung, die ein Sattler in Handarbeit fertigt. Alles zusammen wird von einem Modellbauer montiert.
Wenn man sich diesen Entstehungsprozess, der zwischen Bestellung und Lieferung etwa sechs Wochen dauern soll, vergegenwärtigt, erscheint der Preis von 4600 Euro für die Kamera mit allem Drum und Dran nicht übertrieben hoch. Inzwischen hat Stemmann nach dem Prototyp seiner Oplica eine kleine Serie aufgelegt. Jedes nummerierte Einzelexemplar bleibt ein Unikat, das der Entwickler vor der Auslieferung höchstpersönlich ausprobiert und mit Testergebnis übergibt. Die Oplica ist wohl ein mit Filz, Leder und Aquariensilikon gedichteter Holzkasten mit Edelstahlbeschlägen und Messingschrauben. Aber damit zum Beispiel die Objektivträger an der 20 mal 20 Zentimeter messenden Front so sanft an ihren Platz gleiten, sind Fertigungstoleranzen von 0,25 Millimeter erforderlich.
Was tut nun diese Kamera, was kann sie, was andere nicht können? Dass die Oplica auch ein Ziergegenstand ist, bleibe mal außen vor, denn um nur gut aussehend herumzustehen, ist sie viel zu schade. Sie ist fürs Fotografieren gedacht und gemacht. Und diesen ihren Zweck erfüllt sie aufs umständlichste und zeitaufwendigste. Jede aktuelle Leica, die sich rühmt, das Fotografieren zum entschleunigten Kreativprozess zu machen, ist, verglichen mit der Oplica, eine Schnellfeuerwaffe.
Das fängt mit dem Herumfummeln im Wechselsack, der mobilen Dunkelkammer mit Ärmelstulpen, an, wenn der Planfilm richtig herum in die Kassette gelegt werden muss. Wer das schon mal mit anderen Kassetten gemacht hat, wird die der Oplica mit ihren Anlegekanten schätzen können. Die Vorbereitungen der eigentlichen Aufnahme ziehen sich weiter hin mit der Wahl von ausreichend Licht und dem Verschwinden unter dem großen schwarzen Tuch. Darunter probiert man herum, wo die Schärfe bei dem auf dem Kopf stehenden Bild liegen soll. Einschub ganz nach vorn fokussiert auf unendlich, je näher das Motiv ist, desto weiter muss man nach hinten ausziehen. Dann der Wechsel der Mattscheibe gegen die Kassette, wobei die Oplica an der Seite Häkchen hat, um das gerade nicht benötigte Teil zu parken.
Schließlich, wenn es zur Belichtung kommt, ist das kaum ohne einen Anflug jener großen Gesten zu machen, mit denen sich in der Frühzeit des Fotografierens die Karikaturisten über die Lichtbildner lustig machten. Man steht neben der Kamera, um den Objektivdeckel abzuziehen und wieder draufzusetzen. Das ist etwas ganz anderes als sein Smartphone hochzuhalten.
Und was schließlich nach dem Entwickeln zu sehen sein wird, hat auch seinen unverwechselbaren Reiz: ein Bild von Weichheit und Tiefe, Detailreichtum und punktueller Schärfe, wie es nur Licht selbst malt.