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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fotoeffekte Jeder flott sein eigener Illustrator

 ·  Digitalfilter in Kameras und zahllose Apps in Smartphones wandeln Fotos zu „Artwork“, nicht zu Kunst. Fest steht: die Erfindung stammt diesmal nicht von Apple. Doch wer kann es besser?

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© Pardey Der Olympus OM-D E-M5 kann man beim Aufbau der Aufnahme eines Feuer-Jongleurs zugucken

Nein, im Anfang war nicht das Smartphone. Den Ausbruch - häufig nur vorgeblich - kreativer Lichtbildnerei, den wir momentan mit Foto-Apps und Digitalfiltern in der Kamera erleben, leitete tatsächlich eine grundlegende Eigenschaft der (meisten) Sensoren in Digitalkameras ein: ihre Farbenblindheit.

Da sie eigentlich nur Helligkeitswerte erkennen und sich Farben durch vorgeschaltete Mikro-Farbfilter-Raster erschließen müssen, war es ein Leichtes, eine Zusatzfunktion anzubieten: die Aufnahme von „Schwarz-weiß“-Bildern mit und ohne Einfärbung. So war neben dem gänzlichen Verzicht auf Farbe der erste in Digitalkameras auftauchende Fotoeffekt, die als „Antikbilder“ oder „Old Style“ beschönigten Monochrom-Aufnahmen im bräunlichen Sepiaton. (Derlei ließ und lässt sich natürlich auch mit Software zur Bildbearbeitung nachträglich am PC errechnen, aber hier soll es ausschließlich um die in das Aufnahmegerät eingebauten oder wie im Falle von Apps hineinladbaren Effekte gehen.)

Kaum geknipst, schon bei Facebook

Monochrome Bilder bieten heute bereits billigste Kameras und auch eine teure: Bei der Leica Monochrom (Gehäusepreis ohne Objektiv: 6800 Euro) wurde der Bildschärfe zuliebe auf Farbfilter vor den Sensorzellen verzichtet; mit ihr lassen sich nur Graustufenbilder und keine Farbaufnahmen machen.

Zu den auf alt getrimmten Bildern gesellten sich bald überall allgemeine Bearbeitungs- und Verbesserungsfunktionen wie etwa Ausschnittvergrößerungen und die Beseitigung von roten Kaninchenaugen. Dann kamen die Rahmen und Verzierungen - in Asien und Amerika weitaus beliebter als bei uns: Man knipst etwa ein Porträt seines Lieblings, und die Kamera plaziert es in eine rosarote Postkarte mit „Love and Kisses“ oder was der Herzigkeiten mehr sein mögen. Sprechblasen ließen sich betexten, Collagen aus mehreren Bildern zusammenfügen, drehen, kontern, entzerren - zunächst mischte sich das Spielerische noch munter mit dem fraglos Nützlichen wie zum Beispiel der automatischen Kontrasterhöhung bei der Darstellung von Text-Dokumenten.

Genug der Geschichte, die nur erzählt werden musste, um klipp und klar zu machen: Das Herumspielen an und mit Bildern ist keine Erfindung der iGeneration, und es ist auch kein Geschenk von Apple, dass heute ein Tatsch mit dem Finger Dinge bewirkt, für die der Laborant vor langer, langer Zeit zum Farbkasten griff oder eine Zweitbelichtung machte. Auch der Hinweis, diese Bildmanipulationen seien für den raschen Verbrauch bestimmt, kaum geknipst auch schon zu Facebook oder sonstwohin gepostet und gleich darauf wieder vergessen, greift nicht so recht. Es scheint eher so zu sein, dass sogar manch ambitionierter Hobbyfotograf diesen Spielereien erliegt.

Aber so einer greift natürlich eher nach einer richtigen Kamera: Da wäre eine Pentax nicht schlecht, etwa die kleine spiegellose Pentax Q, oder aber ganz seriös nach Spiegelreflex aussehend, aber ebenfalls spiegellos zum Beispiel die Olympus OM-D E-M5. Die bringt außer sechs Bildmodi wie Vivid, Natural, Muted oder Monotone elf Artfilter mit, die man seit kurzem als App auf dem Handy haben kann. Die Bildmodi sind das, was bei Fuji Filmsimulation heißt: Nahm man anno analog zum Beispiel einen Kodachrome 64 für subtile Hauttöne, kann man bei der E-M5 den Modus „Portrait“ wählen und dann noch einzelne Parameter verstellen.

Für manche Pubertierende brüllend komisch

Die Artfilter, etwa Monochrome Film, Lochkamera, Crossentwicklung oder Dramatischer Effekt beeinflussen das Bildergebnis ungleich stärker: Da wird eine Vignettierung ins Bild hineingerechnet, die der tatsächlichen Qualität des Objektivs hohnspricht. Oder ein Graustufenbild wird so verhärtet wie in den guten alten Zeiten, als man noch mit warmem Entwickler Filme „pushte“. All diese Filter zusammen kann man mit einer Auslösung auf sein Bild anwenden, um hinterher zu sehen, mit welchem Filter das Motiv am besten zur Geltung kommt. Der Bildprozessor der EM5 ist im Vergleich zu einem Kameramodul in einem Smartphone wesentlich leistungsfähiger. Daher kann man bei Langzeitbelichtungen wie etwa bei Feuerwerksaufnahmen in Echtzeit auf dem Monitor zugucken, wie sich das Bild aufbaut, und die Belichtung genau dosiert stoppen.

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Das Original: Ein Handybild, eines unaufgeräumten Schreibtisches © Pardey Das Original: Ein Handybild, eines unaufgeräumten Schreibtisches

Von solchem gestalterisch nutzbaren Komfort wie etwa der gezielten Steuerung der Effekt-Intensität sind die allermeisten Apps noch weit entfernt. Und man darf sich von der verschwenderisch anmutenden Vielzahl auch nicht verwirren lassen: Was über rund ein Dutzend immer wieder ähnlich vorkommender Effekte hinausgeht, ist meist dummes Zeug: Es mag für manche Pubertierende ja immer noch brüllend komisch sein, ein Porträt so kreiselnd zu verzerren, als werde es durch den Abfluss der Badewanne gezogen. Wirklich brauchen tat das eigentlich aber schon damals niemand, als es in den PC-Bildbearbeitungsprogrammen auftauchte. Kaleidoskopartige Spiegelungen, farbliche Verfremdungen, als hätte man einen abgelaufenen Film auch noch falsch entwickelt, die Verwandlung eines Fotos in eine Art von Bleistiftzeichnung oder ein pointillistisches Ölgemälde, und immer wieder der Plastiklinsen-Blick einer Spielzeugkamera - es sind mehr als bloß ähnliche Effekte, die von vielen Apps geboten werden.

Kunst ist es wohl nicht

Neben der fehlenden Dosierbarkeit und den manchmal schwer deutbaren Phantasienamen der Effekte gehört zu den Mankos vor allem der kostenlosen Apps, dass sie einen immerfort zum Pizzabestellen auffordern oder einem Zombies aufs Smartphone laden wollen. Um die an sich sehr ordentlichen 8-Megapixel-Fotos eines Samsung Note aussehen zu lassen, als ob sie verschimmelte Polaroids seien, ist Pixlr-o-matic von Autodesk erste Wahl. Auch Photo Effects von Dexati oder PicsArt (“Where everyone becomes a great artist“) erscheinen in Google Play für Android empfehlenswert.

Was kann nun mit den digitalen Filterungen in Kameras und Smartphones entstehen? Kunst ist es wohl nicht. Nicht jedes Porträt in poppigen Fehlfarben geht als ein Warhol durch. Und nicht jede in eine Kachelmontage verwandelte Aufnahme sieht aus wie ein bislang unbekannter Hockney. Dasselbe Motiv, dieselbe App, aber zwei Smartphones in der Hand von zwei Fotografen, das führt zu zwei zum Verwechseln ähnlichen Bildern. Das ist auch so, wenn statt Smartphone und App dieselben Kameras in gleicher Einstellung verwendet werden. Es fällt aber nicht so rasch auf, weil in besseren Kameras wie der E-M5 eben ein paar Stellschräubchen mehr stecken als in einer kostenlosen Filtersammlung aus dem App-Store. Egal wie, die Kreativität des fotografierenden Menschen ist bei Verwendung der Filter auf den Bildausschnitt und den Auslösezeitpunkt reduziert.

Doch nicht selten können die Ergebnisse verblüffen: Sie haben etwas Dekoratives, sie geben ansehbare Illustrationen ab. In diesem Sinne ist das häufig im Netz zu lesende „artwork“ zu verstehen. Vor allem aber sind die Bilder schneller bei der Hand als eine auf Karton gedruckte Grußkarte. Damit wechseln unser Fotos ins Unterhaltungsfach - schnell gemacht und ebenso schnell mal herumgezeigt.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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