18.02.2009 · Belichtungsmessung - das erledigt doch meine Kamera, oder etwa nicht? Im Prinzip ja, aber die beste Kamera kann es nicht so genau, wie man es manchmal braucht. Und deshalb benötigt man ihn gelegentlich eben doch - den Handbelichtungsmesser.
Von Hans-Heinrich PardeyBis vor etwa fünfzig Jahren war es vollkommen normal, dass man für jedes einzelne Foto eigenhändig eine ganze Reihe von Einstellungen an seiner Kamera vornahm: Das Objektiv war auf die Entfernung zum Motiv zu fokussieren. „Scharfstellen“ – das besorgt heute ein Autofokus-System, und wehe, es lässt sich zu viel Zeit mit vor und zurück. Noch wichtiger war, die Menge des Lichts zu bemessen, die auf den Film fallen sollte: Durchmesser und Dauer der Verschluss-Öffnung mussten entsprechend den Lichtverhältnissen der Empfindlichkeit des Films angepasst werden. Das ist auch heute noch so, wo statt fummeligen Film-Magazin-Wechsels die ISO-Empfindlichkeit des Sensors in der Digitalkamera mit einem Tastendruck einstellbar ist: Blende und Belichtungszeit müssen wie in einer Analogkamera auf Licht und ISO-Wert abgestimmt werden.
Wer auf dem Livebild-Monitor seiner Digitalkamera sieht, wie das vom Sensor hereinkommende Bild bei Bedarf flink aufgehellt wird, könnte gleich zwei Irrtümern erliegen: Erstens, dass es bei digitalen Aufnahmen sowieso nicht auf die korrekte Belichtung ankomme, weil ja – wie zu sehen – stets eine nachträgliche Bearbeitung möglich sei. Und dass der Sensor ähnlich flexibel mit Helligkeit und Dunkel umgehe wie das sich rasch adaptierende Auge.
LW-Zahlen begegnet man in den Datenblättern moderner Apparate
Aber weder das eine noch das andere ist der Fall: Der Kontrastumfang in der Natur kann etwa zwanzig Lichtwerten entsprechen, abgekürzt LW (international: Ev wie Exposure value). Diese Zahl steht für alle Blenden-Verschlusszeiten-Kombinationen, die eine gleiche Menge Licht auf den Film oder Sensor fallen lassen, ausgehend von LW 0 wie Blende f1 und Verschlusszeit eine Sekunde. Beispiel: LW 13 bedeutet Blende 8 und 1/125 Sekunde, aber auch die engere Blende 16 mit der längeren Öffnung von 1/30 Sekunde oder die offenere Blende 4 kombiniert mit der kürzeren Verschlusszeit 1/500 Sekunde.
Der LW gibt erst dann einen Hinweis auf die gemessene Helligkeit, wenn als Bezugsgröße die Empfindlichkeit in ISO bekannt ist: Also LW 6 bei ISO 100 (1/8 Sekunde bei Blende f2,8) entspricht LW 7 bei ISO 200 (1/15 Sekunde bei Blende f2,8). Denn ISO 200 ist doppelt so empfindlich wie ISO 100 – eine gleiche Belichtung wird erzielt durch Halbierung der Verschlusszeit oder Schließen der Blende um eine Stufe: LW 7 bei ISO 200 entspricht auch 1/8 Sekunde bei Blende f4. Den LW-Zahlen begegnet man an manchen älteren Kameras und in den Datenblättern moderner Apparate: Wenn da etwa bei der Lumix G1 steht, dass ihre 144-Zonen-Mehrfeldbelichtungsmessung bei ISO 100 von LW 0 bis 18 arbeite.
Besser, als es die meisten Fotografen je konnten
Nun kann das menschliche Auge ohne Adaption gleichzeitig einen Kontrastumfang von etwa zehn Blendenstufen bewältigen. Daran lehnt sich das neunstufige „Zonen-System“ an, das mit dem Namen des amerikanischen Landschaftsfotografen Ansel Adams verbunden wird. Er hat mit seinen von der Aufnahme bis zur Positiv-Ausarbeitung wohlberechneten Ansichten etwa des Yosemite-Nationalparks gezeigt, worauf es ankommt: So zu belichten, dass keine bildwichtigen Details verlorengehen – in „ausgefressenen“ Partien „ohne Zeichnung“ überstrahlt oder vom Tiefschwarz undurchdringlicher Schatten geschluckt. Die Bildverarbeitung der Digitalkamera darf man genauso wenig wie Diamaterial überfordern, wenn am Ende trotz der unvermeidlichen Reduktion möglichst viel Information im (Druck-) Bild transportiert werden soll. In Zeiten der Analogfotografie wurde noch jedem Hobbyfotograf gepredigt, dass Dias peinlich genau zu belichten seien.
Darum kümmert sich schon seit den sechziger Jahren die Belichtungsautomatik messend und einstellend – so gut sie kann. Heute tut dieser Teil der Kameraelektronik seine Arbeit schneller, genauer und auf unterschiedliche Beleuchtungssituationen besser eingehend, als es die meisten Fotografen je konnten. Wir haben nicht nur die Integral- und Spotmessung mit engem, frei positionierbarem Messwinkel in der Kamera. Sondern in den besseren findet unmittelbar vor der Belichtung nicht eine Messung statt, sondern es werden bei der Matrixmessung blitzschnell Hunderte gemacht. Anhand der Verteilung gemessener Lichtwerte ist die Software sogar in der Lage, mit „krauser Logik“ Rückschlüsse auf das vermutliche Motiv zu ziehen: Sonnenuntergang am Meer oder Porträt beim Candlelight-Dinner.
„Freundin im Gegenlicht“ erkennen die meisten aktuellen Kameras
Natürlich erkennt die Kamera nichts wirklich, aber sie kann eine aktuelle Messwert-Verteilung mit gespeicherten Mustern vergleichen und entsprechende Korrekturen einsteuern. Den Klassiker „Freundin im Gegenlicht“ erkennen die meisten aktuellen Kameras. Weil solche Schlauheit stark miniaturisierbar ist und weil sie in der überwiegenden Zahl von Standardsituationen gut funktioniert, ist der Anteil an schlicht missratenen Aufnahmen auch mit kleinen, einfachen und billigen Kameras heute wesentlich geringer, als es früher der Fall war. Eins aber kann auch die beste in die Kamera eingebaute Automatik nicht: sich umdrehen und statt des vom Fotomotiv reflektierten Lichts das aufs Motiv fallende Licht messen.
Letztlich ist es zunächst diese höchst simple Tatsache, warum ein führender Hersteller wie die Gossen Foto- und Lichtmesstechnik in Nürnberg immer noch wie schon seit Jahrzehnten eine breite Palette von Handbelichtungsmessgeräten anbietet. Die sind ihrerseits längst digitale Messgeräte mit teils analoger, teils digitaler Anzeige, deren Spitzenmodelle wie der Starlite 2 (rund 600 Euro) für Fotografen, Filmer und Beleuchter als Multifunktionsgerät Blitz-, Dauer- und Umgebungslicht messen, Mittel- und Korrekturwerte genauso wie Kameraeinstellungen kalkulieren und Beleuchtungsstärke und Leuchtdichte messen können.
Kaum größer und schwerer als eine Streichholzschachtel
Der Messbereich dringt weiter, als es die allermeisten Kameras können, in die Nacht- und Astrofotografie und zu Belichtungszeiten von bis zu einer Stunde vor. Der Digiflash wiederum (rund 200 Euro), kaum größer und schwerer als eine Streichholzschachtel, ist der kleinste digitale Blitzbelichtungsmesser, und wie beim nur Dauerlicht messenden Digisix (rund 150 Euro) besteht der Charme der analogen Skalen darin, dass man nach Übertragen des gemessenen Lichtwertes ins Einstellfenster alle Blenden-Zeit-Kombinationen eines LW samt Zwischenwerten mit einem Blick parat hat.
Die gerade mal 40 Gramm so eines kleinen Handbelichtungsmessers mit der weißen Diffusor-Kalotte im Strahlengang vor der Fotodiode Richtung Kameraobjektiv zu halten, also eine Lichtmessung statt der in der Kamera eingebauten Objektmessung vorzunehmen, ist immer dann sinnvoll, wenn das Motiv entweder sehr dunkel oder sehr hell ist. Anders ausgedrückt: Lichtmessung eliminiert den Messfehler, der sich durch eine deutliche Abweichung von den 18 Prozent Lichtreflektion einer neutralgrauen Karte ergibt, mit denen bei der Objektmessung als Mittelwert gearbeitet wird. Die blonde Freundin vor einer weißen Wand lässt die Objektmessung der Kamera zu dunkel erscheinen, den pechschwarzen Hund auf der dämmrigen Veranda macht sie zu einem dunkelgrauen.
Wo nichts ist, können auch Photoshop oder Gimp nichts hinzaubern
Auch das oft erwähnte Histogramm, das uns die Digitalkamera vor oder nach der Aufnahme zeigt, um mit einer mehr oder weniger sauberen Abbildung einer Normalverteilung über die korrekte Belichtung zu beruhigen, kann solche Fehlbelichtungen nicht verhindern. Es berücksichtigt die Tonwerte der Gesamtaufnahme, nicht die der Partien, die einen besonders an ihr interessieren.
Womit wir wieder bei der anfänglichen Vermutung wären, man könne bei der Digitalfotografie ja alles nachträglich ausbügeln. Gewiss, Lichter lassen sich dämpfen, Schatten aufhellen, aber wo nichts ist, können auch Photoshop oder Gimp nichts hinzaubern – das ist heute digital noch genauso, wie es früher bei einem zu dichten Negativ war oder bei einem, dem in einigen Partien die Zeichnung fehlte. Die nachträglichen Mühen damals im Labor genauso wie etwa heute das Abschwächen am PC ersparte und erspart einem: einfach vor der Aufnahme zu messen.