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Edelmanufakturen Gerade in Zeiten der Krise braucht die Seele Nahrung

22.05.2009 ·  In München rüsten sich Edelmanufakturen und anspruchsvolle Konfektionäre der Sparten HiFi und Video zu ihrer traditionellen Fachmesse High End. Dort werden 245 Unternehmen rund 700 Marken vertreten. Eine Vorschau von Wolfgang Tunze.

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Der irische Dichter und Dandy Oscar Wilde wusste noch Prioritäten zu setzen: „Man umgebe mich mit Luxus. Auf das Notwendige kann ich verzichten.“ Das heute geflügelte Wort liest sich ein bisschen wie jene Philosophie, mit der eine kleine, feine Branche ihre Resistenz in Zeiten der galoppierenden Krise begründet: Musik hören wollen die Leute immer, und wer es versteht, dieses Grundbedürfnis mit elaborierten Mitteln zu befriedigen, lässt sich auch in lausiger Wirtschaftslage nicht von der höheren Erbauung abbringen - im Gegenteil: Wenn die Sphäre der Notwendigkeiten wankt, wird die Seelennahrung doch umso wichtiger.

So ähnlich erklärt die High End Society, dass ihr Ziehkind, die Fachmesse „High End“, auch anno 2009 mit nahezu vollständig geschlossenen Reihen antritt. In Fakten ausgedrückt: 245 Unternehmen, die rund 700 Marken vertreten, werden vom 21. Mai an für vier Tage im Münchner Messe- und Kongresszentrum MOC alles auffahren, was in der Welt der feinsten HiFi-Komponenten und der schärfsten Bildwerfer Rang und Namen hat. Und wer die Statistik kennt, kann nur konstatieren: Die Präsenz der Protagonisten zeigt Wachstum statt Schwund, die Macher und Manufakturen sind offenbar größtenteils wohlauf.

Alles an diesem Scheibendreher ist atemberaubend

Gewiss, wer ganz genau hinschaut, wird auch den einen oder anderen schmerzenden Einfluss der zerbröselnden Weltökonomie erkennen. Pioneer zum Beispiel, bisher als Lieferant der besten Plasma-Schirme der Welt ein besonders wichtiger Vertreter der Bild-Fraktion, wird sich künftig auf die Vorführung seiner hochkarätigen Heimkino-Surround-Anlagen beschränken müssen: Aus dem Geschäft mit Flachbildschirmen wird sich der Hersteller schrittweise bis zum nächsten Frühjahr zurückziehen - ein Fall von tragischen Dimensionen. Typische High-End-Unternehmen haben jedoch eine Größenordnung, die sie vor dem ruinösen Wettbewerb mit Massenanbietern halbwegs bewahrt. Das mag sie auch über die gegenwärtige Dürreperiode retten.

Geradezu herausfordernd stellt sich zum Beispiel High-End-Urgestein Jochen Räke mit dem jüngsten Modell seiner Transrotor-Plattenspieler, dem Prachtbau Argos, in den herben Wind der Zeiten: Der monumentale Apparat spielt mit zwei 12-Zoll-Tonarmen zusammen, ruht samt kardanisch aufgehängtem Unterbau auf einem brusthohen, verchromten Rack und treibt den Plattenteller komplett berührungsfrei über ein rotierendes Magnetfeld an. Mit unterschiedlich großen Messingplatten beplankt, soll das Oberdeck der erdbebensicheren Maschine jede Resonanzschwingung schon im Keim ersticken. Alles an diesem Scheibendreher ist atemberaubend, vom Einsatzgewicht (280 Kilogramm) bis zum Preis, den Räke mit 139.000 Euro taxiert.

Die Innovation genannte Analog-Schönheit

Dafür bekommt man, mit Verlaub, den neuen Porsche Panamera mit fast sämtlichen Ausstattungsschikanen. Der Vergleich mit dem Luxusgeschöpf der Straße fällt uns aus gegebenem Anlass ein: Dieter Burmester, ein anderer High-End-Altvorderer aus deutschen Landen, hat für die feine Sportlimousine eine standesgemäße Beschallung entwickelt und erklärt sie auf der High End zum ersten Mal öffentlich seiner Klientel (F.A.Z. vom 2. Mai).

Zurück zu den Plattenspielern, die mit ihrer ästhetischen Feinmechanik geradezu symbolisch für das stehen, was High End sein will: Der Rundgang durch die Messe darf nicht enden, bevor er den Vorführraum von Clearaudio passiert hat. Der Erlanger Hersteller, kongeniales Gegenstück zu Räkes Manufaktur, zeigt sein neues Meisterwerk - eine echte Alternative für alle, die ihre Plattenspieler-Investitionen gern im knapp fünfstelligen Bereich halten wollen. Die Innovation genannte Analog-Schönheit tritt mit einer neu entwickelten Motorsteuerung an, die mit einem Infrarotsensor und einer aufwendigen Regelelektronik die Drehzahl konstant hält. Ein Materialmix aus Edelstahl, Aluminium und Panzerholz verleiht dem Chassis nicht nur originelles Aussehen. Es schafft auch Resonanzprobleme aus der Welt. Darüber hinaus sorgt Clearaudios Magnetlager-Technik, eine invertierte Lagerung mit polierter Keramik-Lagerachse, für reibungslosen Analoggenuss.

Bewährte Ideen mit modernen Schaltungsdetails verfeinert

Wo Feinmechaniker das Banner der analogen Musikverarbeitung hissen, sind die Freunde der glimmenden Röhre nicht weit. Es ist schon erstaunlich, mit welcher Akribie sich die einschlägigen Könner auf die Verstärker-Rezepte aus den Tiefen des vorigen Jahrhunderts beziehen und die bewährten Ideen oft genug sogar mit modernen Schaltungsdetails verfeinern. Einer von ihnen heißt Burkhardt Schwäbe, signalisiert mit seiner Marke Eternal Arts eine gewisse übergeschichtliche Perspektive und verfolgt mit seinen Gerätschaften einen klaren Kurs: Was immer die Konstrukteure in verflossenen Jahrzehnten an herausragenden Schaltungskonzepten ersonnen haben, will er wie einen Schatz heben und in neuen Bausteinen auf zeitgemäße Weise umsetzen.

So gilt Schwäbe als einer der raren Spezialisten, die Röhrenverstärker ohne klangkorrumpierenden Ausgangstransformator bauen - das passende Fachkürzel heißt OTR (Output Transformerless). Zur High End präsentiert er seinen neuen Vorverstärker FTP (Full Tube Preamplifier), der selbst im Netzteil mit Röhren arbeitet, aber dennoch moderne Bauelemente wie Spannungsregler enthält und fernbedienbar ist. Mit seinen variablen Phono-Stufen für magnetische und dynamische Tonabnehmer spricht der Verstärker speziell Schallplatten-Hörer an.

Das Fußvolk darf trotzdem staunen

Traditionspflege aber ist keineswegs das alleinige, ja nicht einmal das zentrale Anliegen der High End. Denn in den Musenhallen von München agiert sich auch die digitale Szene nach Herzenslust aus, nur eben kompromisslos: Das eint sie alle. So haben gestandene High-Ender längst den neuen Medien-Datenträger Bluray Disc für ihre Zwecke entdeckt. Ausschließlich für Hollywood-Ware, finden wertkonservative Musik-Profis, ist der fast unerschöpfliche optische Speicher viel zu schade. Die Münchner MSM-Studios und das norwegische Label 2L demonstrieren, wie sich der Rundling auch als reinrassiger Tonträger nutzen lässt, ganz ohne Bewegtbild, allenfalls mit visuellen Navigationshilfen, sofern sich denn überhaupt ein Bildschirm an der Wiedergabe beteiligen soll.

Und wenn es gilt, auf Bluray konservierte Tonschätze mit kongenialer Akkuratesse auszulesen, bietet sich die Genfer Manufaktur Goldmund als Lieferant passenden Instrumentariums an. Mit ihrem Digital-Laufwerk Eidos Reference Blu bauen die Eidgenossen wohl die anspruchsvollste Bluray-Abtast-Einheit des Universums. So jedenfalls sieht der standhafte Laufwerks-Tresor aus, und dass der Hersteller ihn in einer limitierten Auflage von nur 50 Exemplaren montieren will, lässt Rückschlüsse auf eine Zielgruppe zu, in der sich das saudische Königshaus gewiss in adäquater Gesellschaft wüsste. Das Fußvolk darf trotzdem staunen: Der Eidos Reference Blu feiert in München seine Weltpremiere.

Die Funktionen eines Vollverstärkers mit einem Festspeicher vereint

Wer weder an den Gestaden des Lac Leman noch in der Zürcher Bahnhofstraße gelegentlich sein Nummernkonto besuchen kann, tröstet sich am besten mit einer Stippvisite bei Denon, einem jener japanischen Hersteller, die Technik-Juwelen mit den Methoden der Großserien-Rationalität fertigen und somit im denkbar elitärsten Sinn des Wortes preiswert anbieten können. Auch Denon hat einen sehenswerten neuen Bluray-Player im Messegepäck. Er heißt DVD-A1UD und gehört zur exklusiven Klasse der Alleskönner: Die neue Generation der Heimkino-Scheiben spielt er ebenso souverän ab wie sämtliche Varianten der DVD, darunter auch die unter High-End-Sammlern immer noch hoch geschätzten Super-Tonträger SACD und DVD-Audio.

Spezialisten wie der bayerische Hersteller Behold treiben die Entwicklung der digitalen Evolution noch einen Schritt weiter voran: Für sie hat die binäre Musik längst den körperlosen Aggregatszustand erreicht. Der Digital-Baustein Gentle G192 wird dieser Sichtweise konsequent gerecht: Er vereint die Funktionen eines Vollverstärkers mit einem Festspeicher, der 100 Gigabyte Platz für ein ganzes Musikarchiv bietet. Vier eingebaute Endstufen erlauben die Lautsprecher-Ansteuerung nach dem Prinzip des Bi-Amping, eingebaute Signalprozessoren stellen die nötigen Bandpass-Filer bereit und erledigen nebenbei noch raumakustische Korrekturen, vier Digital-Analog-Wandler binden analoge Quellen in die binäre Signalverarbeitung ein, und ein farbiger Touchscreen dient der komfortablen Steuerung. So sieht High End von morgen aus - schon heute in München zu erleben.

Hier blasen die mächtigsten Tontrichter der Messe

Dazu passen durchaus Lautsprecher, die aussehen, als seien sie dem Grammophon-Zeitalter entsprungen: mächtige Hornkonstrukte, wie man sie außerhalb der High End nur noch selten findet. Wer an der unvergleichlichen, anspringenden Dynamik und Spielfreude solcher Schallwandler seine helle Freude hat, darf Stationen wie die Präsentationsräume von Avantgarde Acoustic nicht auslassen. Hier blasen in schöner Regelmäßigkeit die mächtigsten Tontrichter der Messe. Aber auch High-End-Bummler, die daheim mit eher kompakten Wohnzimmern leben, finden in München ihre Traumlautsprecher, ganz gleich, ob sie in den Vorführräumen von Dynaudio, Bowers & Wilkins, Elac, Canton oder ähnlich grundsoliden Marken haltmachen. Wer gar auf hellhörige Nachbarn oder den eigenen Nachwuchs Rücksicht nehmen muss, der ist bei Sennheiser gut aufgehoben: Die norddeutschen Kopfhörer-Spezialisten bringen in diesem Jahr ihr neues Spitzenmodell HD 800 mit nach München, ein geradezu betörendes Hörgerät, das man nur noch unfreiwillig wieder absetzt (F.A.Z. vom 28. März).

Und falls der High-End-Flaneur auf seinem Hardware-Parcours gelegentlich eine kreative Pause braucht, so kommt die Messe auch diesem Bedürfnis entgegen, mit einem Rahmenprogramm, das Musik in ihrer lebendigen Form kredenzt: Da steuern die „Vier Hinterberger Musikanten“ krachlederne bajuwarische Volksmusik der unverfälschten Art zum Fest der Hörsinne bei, im „Walking Act: Newton meets Saxsisters“ spielen drei Saxophon-Virtuosinnen elfenhaft ambulanten Jazz, das Trio „United Blues Experience“ beschwört den Geist der Baumwollpflücker, und der Liedermacher Allan Taylor lädt immer wieder zu kleinen Konzerten zwischendurch, bevor es wieder weitergeht zu den Altären des konservierten Tons und der spektakulären Bilder.

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