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DVD-Nachfolger Bluray Ein seltsamer Fetisch namens Schärfe

 ·  Vor einem Jahr hat sich Bluray als Nachfolger der DVD durchgesetzt. Höchste Zeit, sich anzusehen, was an dem hochauflösenden Format wirklich dran ist: Betrachtungen eines Filmfreundes.

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Es gibt unter Filmfans eine unstillbare Sehnsucht, sich das Objekt ihrer Begierde auf jede erdenkliche Art einzuverleiben. Einen Film im Kino zu sehen ist ja nur die erste, unschuldigste und flüchtigste Art, von der außer Erinnerungen nichts übrig bleibt. Also fing man an, Aushangfotos, Drehbücher oder sonstige Devotionalien zu sammeln. Video war schon ein gewaltiger Schritt, weil plötzlich der Film - oder zumindest sein elektronischer Schatten - verfügbar wurde. Aber es war immer klar, dass es sich dabei um einen billigen Ersatz handelte, der mit dem Kinoerlebnis nicht mithalten konnte.

Mitte der Siebziger wurde VHS erfunden, ein Jahrzehnt später war es mehrheitsfähig - aber als 1998 die DVD aufkam, begann schon wieder sein unaufhaltsamer Abstieg. Denn auf DVD hatte man zum ersten Mal den Eindruck, man könne das Kino zu sich nach Hause holen - auch wenn das aus verschiedenen Gründen natürlich nie dasselbe sein kann. Seit einem Jahrzehnt kann man Filme in der Originalfassung, mit oder ohne Untertiteln sehen, und nur bei den kleineren Details des Bildes kann man erkennen, dass man im Kino eben doch noch mehr sieht. Plötzlich standen aber schon hochauflösende Formate vor der Tür: HD-DVD und Bluray.

Teuer, aber bezahlbar

Im Februar vergangenen Jahres verkündete Toshiba dann, dass es die Produktion von HD-DVD einstelle, und beendete damit den Formatkrieg mit dem konkurrierenden High-Definition-System Bluray, der viele Interessierte davon abgehalten hatte, sich ernsthaft damit zu beschäftigen, ob es sich lohnt, das eigene Heimkino noch weiter aufzurüsten. Zumal die Preise sowohl für die Player als die Discs um ein Vielfaches über denen für DVDs lagen. Seit jedoch klar ist, dass Bluray sich durchgesetzt hat, sinken auch die Preise rapide. Die Player sind zwar immer noch deutlich teurer, aber die Discs kriegt man bei günstigen Angeboten bereits für etwa 15 Euro. Das ist zwar immer noch das Doppelte entsprechender Angebote auf DVD, aber bezahlbar. (Wen es nicht stört, Filme im englischen Original zu sehen, für den lohnt es sich übrigens, bei englischen Internet-Anbietern zu stöbern, wo man manche Blurays auch schon für gut zehn Euro bekommt.)

Aber was zum Teufel ist eigentlich Bluray? Und brauchen wir es wirklich? Zum Mitschreiben: Bluray ist im Grunde nur eine DVD, auf die mehr draufpasst. Eine DVD fasst nicht ganz 9 Gigabyte Daten, eine Bluray hingegen bis zu 50 GB. Weil das blaue Laserlicht wesentlich präziser arbeitet als das rote, kann man Blurays, obwohl sie genauso aussehen, nicht in DVD-Playern abspielen - umgekehrt jedoch schon. Es muss also keiner seine DVDs einmotten, wenn er sich einen Bluray-Player zulegt - im Gegenteil, durch eine Technik namens Upscaling wird ihr Bild sogar noch eine Idee verbessert.

Ein klares Jein

Die Frage bleibt, ob wirklich jemand Bluray braucht. Das wäre mit einem klaren Jein zu beantworten. Denn es wird nur wenige Leute geben, die bei der Ansicht einer DVD den Eindruck haben, das Bild lasse irgendwie zu wünschen übrig. (Die meisten stört es ja nicht einmal, wenn sie an Flughäfen oder sonst wo mit gestauchten oder zerdehnten Bildern zugemüllt werden, weil das Format falsch eingestellt ist.) Aber es gibt dann doch eine Menge Filmfans, die dem Angebot, Filme noch schärfer, besser, originalgetreuer sehen zu können, schwer widerstehen können. Fünffacher Speicherplatz heißt natürlich nicht, dass das Bild fünfmal besser oder schärfer wäre, aber natürlich kommen die Details besser zur Geltung. Am besten sieht man es eigentlich bei kleinen Schriften in Abspännen, die plötzlich messerscharf sind.

Das Problem ist, dass man im Grunde auch die entsprechenden Geräte braucht, um in den Genuss dieser Vorzüge zu kommen - also einen Full-HD-Fernseher oder einen entsprechenden Beamer. Die Bluray von Kubricks „2001“ (Warner) etwa sieht auf meinem Plasma-Bildschirm, der „nur“ HD-ready ist, nur unwesentlich besser aus als die DVD-Edition vom vergangenen Jahr. Das Kuriose daran ist, dass man sich zwar des Umstandes bewusst ist, dass man sich die Unterschiede schönreden muss, dass sich aber der Gedanke, den Film in fünffacher Datenmenge zu besitzen, trotzdem besser anfühlt - als sei man dem Original nun eben so nahe wie menschenmöglich. Ist natürlich Unsinn, macht aber für Freaks doch einen Gutteil des Reizes von Bluray aus.

Verlustfreie Wiedergabe

Eine Frage, über die sich auch Experten nicht ganz einig werden können, ist jene, wie viel Speicherkapazität so eine Scheibe denn haben müsste, um den Film wirklich verlustfrei, also eins zu eins, wiedergeben zu können. Was die Auflösung von 1920×1080 angeht, so ist sie bereits identisch mit dem, was die digitale Kino-Projektion kurz „2k“, also zwei Millionen Pixel, nennt, aber trotzdem transportieren dort die einzelnen Pixel mehr Informationen. Die Festplatten der digitalen Server in den Kinos haben so um die 300 Gigabyte, was nur sechsmal mehr wäre, als eine Bluray fasst. Die obere Grenze wäre dann vermutlich ein Film wie Ron Frickes „Baraka“, der gerade auf der 70-mm-Retrospektive der Berlinale lief und der für die Bluray-Veröffentlichung mit einer Auflösung von 8k gescannt wurde, was am Ende 30 Terrabyte Datenmenge ergab, also 30.000 GB, für deren Speicherung man 600 Bluray-Discs gebraucht hätte. Das klingt jetzt drastischer, als es ist, denn es gibt bereits Bluray-Prototypen, die bis zu 400 GB fassen - und bei dem Tempo, mit dem das Fassungsvermögen von Speichermedien wächst, wäre es nur eine Frage von wenigen Jahren, bis tatsächlich ein ganzer Film in seiner ganzen Pracht auf eine einzige Scheibe passt.

Dem steht im Prinzip nur eines entgegen: eine Mehrheit von Filmfreunden, die es gar nicht so genau wissen wollen, weil ihnen aus guten Gründen die handelsübliche Auflösung einer DVD völlig genügt. Und der es gegebenenfalls auch genügt, Filme auf YouTube zu sehen oder sie sich auf CD-Größe mit 700 MB aus dem Netz zu ziehen. Und wenn man die Entwicklung der Musikindustrie von der Schallplatte über die CD zum Download als mp3-Datei als Blaupause nimmt, dann kann es nicht mehr lange dauern, bis sämtliche Filme so wie jetzt die Musik bei iTunes aus dem Internet geladen werden. Mit Fernsehserien geht das auch jetzt schon, und je schneller die Netze werden, desto sicherer ist das der Weg, den auch die Filmindustrie gehen wird. Und es gehört nicht viel dazu, sich vorzustellen, dass der Formatkrieg auch deswegen so jäh beendet wurde, weil allen Beteiligten klar wurde, dass sich das Zeitfenster, in dem sie mit dem hochauflösenden Speichermedium noch Geld verdienen können, schneller schließt, als sie dachten. Ehe wir also alle Filme in natürlich niedrigerer, aber annehmbarer Auflösung auf unseren Festplatten speichern werden, ist Bluray eine Gelegenheit, dem Kino so nahe zu kommen wie nie zuvor.

Der Mund bleibt offen

Und es gibt offenbar eine Menge Leute, denen das ein Anliegen ist. Als „The Dark Knight“ im Dezember auf Bluray in die Läden kam, wurden allein am ersten Tag 600.000 Exemplare verkauft - nach einer Woche machte der Anteil der Bluray immerhin 38 Prozent aller verkauften Scheiben aus. Das lag womöglich auch daran, dass die Bluray mit der Imax-Version des Films aufwarten kann, bei der das Bild bei allen spektakulären Ansichten nach unten und oben aufklappt. Auf dem Bildschirm ist das vielleicht nicht so eindrucksvoll, aber wenn man sich das mit einem Full-HD-Beamer wie dem AE-3000 von Panasonic oder einem vergleichbaren Gerät auf die Wohnzimmerwand projiziert und den DTS-Sound dazu hört, dann kann es schon passieren, dass einem der Mund offen stehen bleibt, weil das dann wirklich Kino ist.

Wobei diese ganzen Mega-Blockbuster sich ohnehin für Bluray noch besser eignen als Filme aus dem prädigitalen Zeitalter, die auf einem anderen Material gedreht wurden und deren Schärfe man deswegen subjektiv anders empfindet. Die größere Körnigkeit widersetzt sich den härteren Umrissen, zu denen einen die ganzen LCD- und Plasma-Schirme erziehen. „Der Pate“ etwa zeigt auf Bluray natürlich noch mehr Abstufungen in den düsteren Bildern, aber der Gewinn ist gegenüber der auch schon sehr ansehnlichen DVD geringer als vermutet. Man muss da dann auch schon sehr aufpassen, dass die Schärfe an sich nicht zu einem Fetisch wird, dem man jedes Seherlebnis unterwirft.

Nach einer Woche mit Bluray habe ich jedes Bild fast hysterisch nach Unschärfen untersucht, bis ich mich daran erinnerte, dass es im Kino nie darum ging, gar nicht darum gehen konnte, weil die Emulsion ihr Eigenleben führt, das aus Unregelmäßigkeiten besteht. (Vorausgesetzt, der Projektor ist ordentlich scharf gestellt.) Und mir fiel ein, wie ich mal den Schluss von Antonionis „La notte“ im Fernsehen gesehen hatte und gerade die Unreinheiten der Kopie den Zauber der Szene ausmachten. Als würde die Luft atmen, als würde sie Jeanne Moreau umschmeicheln, als sei das Material selbst in sie verliebt. Mal sehen, ob Bluray diesen Zauber irgendwann auch einfangen kann.

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Von Michael Spehr

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