31.07.2005 · Die EX-P700 von Casio macht Ernst mit digitaler Immer-dabei-Fotografie. Sie liegt gut in der Hand und ist bestens ausgestattet.
Von Nils SchiffhauerBeinahe ebenso oft wie gern werden wir mit Blick auf das immer unübersichtlicher werdende Angebot an Digitalkameras um einen das Dickicht lichtenden Ratschlag gebeten. Der fällt nach Abfragen einiger Details immer ein wenig unterschiedlich aus, enthält aber stets den einen Satz: "Wenn Sie mit einer Kamera Bilder machen wollen, suchen Sie sich eine aus, die Sie gern in die Hand nehmen!" Kaum jemand, der vorher auf diese schlicht-pragmatische Selbstverständlichkeit gekommen wäre, so stark verstellen in der öffentlichen Wahrnehmung technische Details wie Linienauflösung und die weiterhin dominierende Pixelzahl den Blick auf den eigentlichen Zweck der Apparate - Erinnerungsblitze aufzuheben. Im technischen Sinne unscharf-verunglückte Bilder eines Robert Capa transportieren mitunter mehr Authentizität als die perfekten Aufnahmen eines Ansel Adams.
Die verschiedenen Formen der Digitalkameras für gehobene Schnappschüsse reichen von der Spiegelreflex-Imitation hin zu jenen, die einer Kreditkarte oder einem Marsriegel zum Verwechseln ähnlich sehen. Unter allen nun ist uns die Exilim EX-P700 von Casio der liebste Begleiter geworden (rund 400 Euro). Gerade noch beulen seine sieben Megapixel die Jackettasche nicht ungebührlich aus. Daß die Hauptfunktionen der Kamera zudem über einen großen Drehknopf eindeutig anzusteuern sind und sie neben dem rückseitigen Zwei-Zoll-Display über einen guten Echtbildsucher den klar-stromsparenden Blick auf sogar Halbdunkles bietet, sind weitere Elemente nicht allein unserer Begeisterung. Gesteigert wird diese durch klug integrierte Wahlmöglichkeiten zwischen unbeschwerter Spontanfotografie und hinsichtlich Belichtungszeit (1/2000 bis 60 Sekunden), Blende (2,8/4,0 bis 8,0/11,1) und virtueller Empfindlichkeit (ISO 80 bis ISO 640) individuell steuerbarem Profitouch. Alles ist erfreulicherweise in einem Metallgehäuse verpackt, dessen Vierfach-Zoom von Canon mit Kleinbildbrennweiten zwischen 33 Millimeter (ja, auch uns wäre es weitwinkliger entschieden lieber) und 132 Millimeter in Schlafstellung sehr flach ausfällt. Hohe Reaktionsschnelligkeit und fix-präziser Autofokus sorgen dafür, daß neben bewußt gestaltender Fotografie lomogleiche Zufallsbilder aus der Hüfte möglich sind.
Es kann nicht oft genug gesagt werden: Erst wenn diese Basistugenden einer Kamera stimmen, kann Software sie weiter zum Nutzen des Fotografen ausbauen. Casio bietet hier einerseits Unverzichtbares wie Speichern im verlustlosen TIFF-Format für maximale Qualität bis zum sich auf der SD-Karte dünnemachenden JPEG-komprimierten Bild in VGA-Größe (640 x 480 Pixel), differenzierten Weißabgleich, manuelle Fokussierung, fünf Serienbilder innerhalb von gut zwei Sekunden sowie Film- und Tonaufnahme, bis die Speicherkarte platzt. Die Belichtungskorrektur um plus/minus zwei Blendenstufen kann getrennt für die Aufnahme und den Blitz erfolgen, der sich - einmalig nicht allein in dieser Klasse - dank seitlicher Synchronbuchse bei Bedarf helfen läßt. Erst danach kommen für uns die verschiedenen Motivprogramme, seit deren Studium wir in der Bibliothek keine Kopien mehr machen, sondern einfach im Text-, Visitenkarten- oder Flipchart-Modus scharfe Buchstaben vor kontrastreichem Hintergrund als Bits und Bytes nach Hause tragen. Auch die delikate Sache mit dem Aufhellblitz, der eine gleichmäßige Lichtstimmung zwischen Vorder- und Hintergrund schafft, geht automatisch leicht von der Hand. Für Nacht- und Makroaufnahmen - bis auf etwa zehn Zentimeter darf man bei mittlerer Brennweite der Callas auf die Staubfäden rücken - befindet sich am Boden ein Stativgewinde. Wer die gesamte Auskunftsfreudigkeit des Displays nutzt, darf sich wie im Cockpit eines A380 fühlen; das Live-Histogramm der drei Farbkanäle und ihrer Summe zur Beurteilung des Kontrastumfanges ist für den engagierten Amateur die wohl wichtigste Anzeige.
Die EX-P700 erfüllt somit paßgenau unsere Forderungen, die wir an eine Immer-dabei-Kamera stellen. Sie ist so diskret, daß selbst im Museum unbemerkte Bilder gelingen und so professionell, daß die Aufnahme der marktbelebten Baulücke schräg gegenüber des Neuen Theaters in Leipzig in Schwarzweiß und Sepiafilter direkt ins Jahr 1949 versetzt. In allen Einzeldisziplinen von der Auslöseverzögerung bis zum Gewicht, von der Software bis zu den Möglichkeiten manueller Beeinflussung liegt die EX-P700 in der Spitzengruppe ihrer Klasse, über die sie dank der Kombination dieser Eigenschaft hinausragt.
Kameralyrik
Peter Thaben (peterthaben)
- 06.08.2005, 00:00 Uhr