16.03.2004 · Alle Jahre wieder, wenn es unter Graupelschauern zaghaft doch Frühling werden will, vollzieht sich vor der Cebit das gleiche, mehraktige Ritual. Alle klagen, daß die Messe zu groß sei. Ist sie das wirklich?
Von Hans-Heinrich Pardey, Michael Spehr und Raymond WisemanAlle Jahre wieder, wenn es unter Graupelschauern zaghaft doch Frühling werden will, vollzieht sich vor der Cebit das gleiche, mehraktige Ritual. Kaum haben die ersten Fanfarenstöße zum Weltmarktplatz in den Niederungen an der Leine gerufen, rottet sich ein Chor von Klageweibern zusammen: Die einen jammern, daß diese Messe viel zu groß sei, sich von Unterhaltungselektronik über Telekommunikation, Unternehmens-Datenverarbeitung bis zu Haus- und Sicherheitstechnik thematisch hoffnungslos aufgesplittert habe und damit zu unübersichtlich geworden sei. Andere zürnen ihr als einer flachen Show, einem Spektakel, bei dem nicht die wahren "Entscheider", sondern nur die nach Luftballons, Internet-Freistunden und verloster Hardware gierende Plebs in den Hallen unterwegs sei. Als Kontrapunkt dazu wird genüßlich aufgezählt, wer alles abgesagt habe. Dieser Part ist in diesem Jahr besonders reich orchestriert: Zum Beispiel fehlen so bekannte Namen wie die Druckeranbieter Hewlett-Packard, Oki und Canon, PC-Hersteller wie Dell und Compaq treten nicht in Erscheinung, und auch der Prozessorhersteller AMD ist nicht selbständig vertreten.
Im gleichen Atemzug werden die Unerträglichkeit der Mammutmesse und ihr Schrumpfen - von rund 6500 auf etwas über 6000 Aussteller - bekrittelt, doch all dies ficht die Hannoveraner nicht an: Im Handumdrehen finden sie für freiwerdende Flächen andere Interessenten, wo sich Hewlett-Packard letztes Jahr in Halle 1 breitmachte, wird es dieses Jahr Microsoft tun. Mit ungebrochenem Optimismus verheißt die größte Messe der Welt für Informationstechnik Innovationen ohne Ende als Basis von Prosperität - mehr als drei Prozent Wachstum werden für die Branche genannt. Zwischen den Fronten sitzen die für technische Neuheiten zuständigen Auguren und weissagen aus den Schreibblöcken heraus, die sie auf diversen Vorveranstaltungen gefüllt haben, was zu sehen sein wird, wenn sich übermorgen die Hallen öffnen.
UMTS halb so schnell wie DSL
Bei der Telekommunikation ist wenigstens eins sicher: UMTS geht in diesem Jahr definitiv an den Start. Die dritte Generation des Mobilfunks ist einsatzbereit, zumindest in den Großstädten und Ballungsräumen. Nun kommt es auf attraktive Angebote an. An der Sprachtelefonie ändert sich mit UMTS nur wenig, die Daten hingegen rauschen in einem bisher nicht gekannten Tempo durch die Luft. In der Praxis ist UMTS ungefähr halb so schnell wie DSL im Festnetz, bis zu 384 Kilobit in der Sekunde. Der neue Mobilfunkstandard erreicht zwar nicht die Geschwindigkeit von Wireless-Lan, dem Funkprotokoll aus der Computerwelt. Indes ist UMTS mobil und nicht an einzelne "Hotspots" auf Flughäfen oder Bahnhöfen gebunden.
Die großen Netzbetreiber müssen auf dieser Cebit viele offene Fragen beantworten: Bislang ist die Datenübertragung in den Mobilfunknetzen sündhaft teuer. Was erwartet uns nun mit dem neuen Standard? Tarife wie in den bestehenden GSM-Netzen werden der Branche nicht aufhelfen. Zumindest stimmt die Hardware. Die Cebit-Mobiltelefone für UMTS sind kaum größer als die bewährten GSM-Apparate, der Akku hält lange durch, und im Innern verbergen sich viele pfiffige Details. "Fotografieren mit dem Handy" ist ein starkes Thema dieser Messe. Wie bei den Digitalkameras wird die Auflösung immer höher und ein Wettkampf um noch mehr Pixel geführt. Bis jetzt hatte das typische Kameratelefon bescheidene 0,3 Megapixel. Nun preschen Sharp und andere vor und bieten 1,3 Millionen Bildpunkte. Mit solchen Fotos kann man bei manchen Gelegenheiten die Digitalkamera zu Hause lassen.
Handys mit Bildbearbeitung
Schon kokettieren Handys damit, daß sie sogar elementare Bildbearbeitungsfunktionen bieten, wie man sie nur vom Computer kannte. Das K700 von Sony Ericsson mit Drehklappe und riesigem Display ist die augenfälligste Mischung aus Kamera (1,3 Megapixel) und GSM-Handy. Siemens bringt als erster das Fototelefon ins Festnetz: Die 740er-Reihe der schnurlosen Gigaset-Geräte für daheim hat eine Digitalkamera eingebaut und bietet MMS, also die Multimedia-Kurznachrichten aus der Handy-Welt.
Angesichts der Leistungssteigerung bei den Handys wird es für die Organizer eng. Moderne Mobiltelefone können Adressen und Termine ebenso gut verwalten wie Palm, Pocket PC und Konsorten. Der Siegeszug des P900 von Sony Ericsson zeigt deutlich, daß das Handy der Zukunft ein mobiles Büro ist. Auch der MDA II von T-Mobile ist ein solcher Alleskönner mit eingebautem GSM-Handy. Da müssen sich die Zwergenrechner ohne Telefoneinheit kräftig strecken, um weiterhin mitzuhalten.
Innovation hin, Präsentationsgetöse her
Innovation hin, Präsentationsgetöse her: Daß wir spätestens vom Weihnachtsmann alle mit 64-Bit-Prozessoren bestückte PCs bekommen, das mag glauben, wer will. Richtig ist, daß in Hannover von den vorhandenen (AMD) und kommenden (Intel) Prozessoren viel Rumoren sein wird, richtig ist auch, daß die Entwicklung grundsätzlich in die Richtung 64 Bit geht. Aber es wird noch etwas dauern. Die nähere Zukunft für Familie Normalanwender zeigt sich hingegen etwa bei Fujitsu Siemens Computers in kubistischem Chic. Passend fürs Wohnzimmerregal tritt der Scaleo C auf und hat daher alle wichtigen Anschlüsse - USB, Firewire, Kopfhörer, Mikro, optischen SPDIF-Eingang und Schnittstellen für verschiedene Speicherkarten - vorn. Im Stil von CD-Playern hat er auch die wichtigsten Steuerungstasten und - für einen PC ungewöhnlich - sogar einen Lautstärkeregler auf der Front, etwas größer als ein DIN-A5-Blatt. Neben den üblichen Rechnerkunststücken von Windows XP beherrscht der Scaleo C Videowiedergabe von DVD, doch auch Radio- und TV-Empfang und die Aufzeichnung von Sendungen, auf Wunsch auch mit Fernbedienung.
Notebooks sind der Motor des PC-Geschäfts und zeigen zunehmend multimediale Talente: Toshiba präsentiert ein Notebook mit 17-Zoll-Breitbild-Display und der Windows XP Media Center Edition, das ein komplettes Unterhaltungszentrum mit Fernsehen und Videoaufzeichnung ersetzt. Im Gegensatz zu medialen Schwergewichten ist Intels Centrino-Technik beim Sub-Notebook inzwischen Standard und sorgt für W-Lan-Funkversorgung, lange Laufdauer und minimierte Formen. Wer es gerne flach mag, findet bei den Tablet PC Rechner, bei denen er direkt auf den Bildschirm schreiben kann. Der Zugriff auf die medialen Inhalte des Media Center soll in Zukunft von jedem Fernseher erfolgen können, sofern er mit einem Media Center Extender ins Netzwerk integriert ist. Und wer Mobilität sucht, dem präsentiert Microsoft das Windows Portable Media Center. Auf dem Medien-Backstein mit Display lassen sich Hunderte Stunden von Audio- und Videodaten speichern und wiedergeben - allerdings erst nächstes Jahr.
Innehalten im Pixel-Wettlauf
Ja, die Zeiten, in denen der Anwender mit offenen Augen und Ohren bestaunte, was eine Textverarbeitung oder Tabellenkalkulation aus seinem Computer machte, sind vorbei. Ton- und Bildbearbeitung - da kann der Besucher vielleicht noch mit Aha-Erlebnissen rechnen. Bei den Digitalkameras, die im Gegensatz zu den in Handys integrierten Knirpsen diesen Namen verdienen, deutet sich ein Innehalten im Pixel-Wettlauf an. Die junge Generation der Kompaktgeräte mit 8 Millionen Punkten zeigt Schwächen im Detail. Nun gibt es wieder eine Rückbesinnung auf die Optik, auch ist mehr Komfort gefragt.
Canon, Hewlett-Packard und Epson findet man beim "Arbeitskreis digitale Fotografie" in Halle 1. Die Digitalfotografie gilt als einer der stärksten Wachstumsmotoren in der Unterhaltungselektronik: Von 2002 auf 2003 wuchsen die Erlöse in Deutschland um 493 Millionen Euro auf 1,43 Milliarden Euro. Auch in anderen Sparten der Unterhaltungselektronik gibt es zufriedene Gesichter: Nachdem der DVD-Spieler die deutschen Haushalte erobert hat, stehen jetzt zwei neue Produktgruppen im Vordergrund, Abspielgeräte beispielsweise, die zusätzlich DivX- und MPEG-4-Filme zeigen. Diese stark komprimierten Bildformate findet man vor allem im Internet. Universelle Wiedergabemaschinen für alle nur denkbaren Bild- und Tonquellen werden über kurz oder lang den simplen DVD-Player ablösen. Ein zweites Produkt wird ebenfalls selbstverständlich: Günstige DVD-Rekorder kosten weniger als 300 Euro. Die rivalisierenden Formate mit dem Plus oder Minus im Namen des Aufzeichnungsmediums spielen für den Verbraucher keine Rolle. Wichtig sind in diesem Jahr solche Maschinen, die auf doppelschichtige Rohlinge aufnehmen können und damit auch die doppelte Spieldauer der Standardmedien bieten.
Viren, Spam und Messeverkehr
Bei den Anwendungen allerdings, mit denen der PC einst auf der Cebit und anschließend im trauten Heim alle Konkurrenzsysteme aus der Bahn warf, wird der Endanwender kaum in Verzückung geraten. Hier verfestigt sich eine Wende, die sich schon im vorigen Jahr - nicht zuletzt mit der damals neuen Microsoft-Office-Version - abzeichnete: Als potenter Käufer werden kleine und mittelständische Unternehmen, vor allem aber Großunternehmen umworben. An sie richten sich Lösungen, die auf Standardsoftware aufsetzen, wie zielgruppenspezifische Lösungen, die oft sogar an spezielle Eingabegeräte, beispielsweise tragbare Computer, angepaßt werden. Softwareprodukte dieser Art entlocken dem Besucher aus Leidenschaft nur wenig Interesse, vor allem da sich keine Entwicklungen abzeichnen, die ihm zu Hause begegnen werden. Damit kehrt die Cebit bei der PC-Bürosoftware zu ihren Anfängen zurück.
Wenn wir wie alle Jahre erschöpft und ernüchtert aus der Norddeutschen Tiefebene zurückkommen, werden wir klüger sein. Und womöglich feststellen, das große Thema seien - wieder einmal - Spam, Viren und der genauso schreckliche Messeverkehr gewesen.