30.10.2006 · Hobby-Fotografen wollen praktisch gebündelte Leistungsstärke und Vielfalt beim Einsatz ohne hohen Systemaufwand. Bridge- oder Prosumer-Kameras erfüllen genau diese Voraussetzungen, ohne daß man gleich mit Koffer reisen muß.
Von Hans-Heinrich PardeyImmer zwischen professionellem Anspruch einerseits und vollautomatisch versorgter Nonchalance andererseits bewegt sich der Prosumer, darin so recht ein Kind unserer Jahre: Anspruchsvoll, aber nicht bereit, sich wirklich reinzuknien. Er will kein Kamerasystem mit fünf Wechselobjektiven und drei verschiedenen Filterdurchmessern. Er will eine Kamera, in der vom Weitwinkel bis zum starken Tele alles drin ist. Er will nicht vor jeder Aufnahme fünf Parameter einstellen. Aber falls irgendein Dödel behauptet, nur so mache man anständige Bilder, will er es an seiner Kamera genauso können. Im Normalfall aber verläßt er sich lieber auf die Automatik. Er will natürlich tolle Bilder machen, gelegentlich auch mal ein Video, und beides auch unter schwierigen Bedingungen. Dafür sollte schon das Nötige, Mehrfeld-Autofokus und -Belichtungsmessung und so weiter, an Bord sein. Seine Kamera darf auch durchaus so aussehen, als ob sie eine doppelt so teure Spiegelreflex wäre. Im Gegenteil: Sie darf so klobig sein, daß niemand sie mit einer Kompaktkamera eines Knipsers verwechselt. Und es ist bestimmt nicht verkehrt, wenn sie schwarz ist.
Das ist die kleine NV7, die Samsung auf die Photokina mitbrachte, auch. Aber trotzdem wird sie es nicht leicht haben, Herrn Prosumer, dieser Kunstfigur des Kameramarketings, so recht zu gefallen. Das von seinen Schöpfern wohl als Bridgekamera eines neuen Stils gedachte 7-Megapixel-Schnuckelchen mit Schneider-Kreuznach-Optik und Bildstabilisierung sowie dem neuartigen Bedienkonzept ist zwar sehr ansprechend in profischwarzes Metall gekleidet, aber einfach zu zierlich für das Feld, auf dem sich die Koreaner schon mit der Samsung Digimax Pro 815 ziemlich breit machen.
Kompaktkameras und „Superzoom“-Modelle
Ja, Größe ist kein Fehler, wo die Klasse der dann nur noch so heißenden Kompaktkameras mit den „Superzoom“-Modellen aufhört: Schaut man sich die Photokina-Neuheiten Fujifilm Finepix S 6500 fd, die Panasonic Lumix DMC-FZ 50 und als ihre Schwester die Leica V-Lux 1 neben einer Spiegelreflex der Einsteigerklasse wie der neuen Canon Eos 400 D an, überwiegt die äußere Ähnlichkeit alle technischen Unterschiede. In den Kameras, die den Brückenschlag zwischen professioneller Leistung und verbraucherfreundlicher Bequemlichkeit wagen, klackt kein Spiegel, ist die Optik staubsicher fest eingebaut, blickt der Fotograf durch den Sucher auf einen kleinen Monitor und nicht wie bei der Eos via Prisma, Mattscheibe und Spiegel durch die Linse. Die Fuji, die Leica und Lumix brauchen und haben zwar alle drei kein Dachkantprisma, aber sie überwölben den Suchereinblick mit wohlgerundeten Gauben, als hätten sie eins.
Die drei bieten als aktuelles Spitzentrio der Bridgekameras ihrer Zielgruppe einen deutlichen finanziellen Vorteil: Die Fuji S 6500 fd etwa wird zu Straßenpreisen v0n unter 400 Euro angeboten. Bis man ihren - entsprechend dem Kleinbildformat - bis zu 300 Millimeter reichenden Brennweitenspielraum mit der Eos 400 D realisiert hat, befindet man sich jenseits von 1100 Euro. Und hat mit einem Gehäuse und einem Zweier-Objektiv-Set schon mal drei Teile einzupacken. Während das Fujinon mit der Anfangsöffnung 1:2,8 immerhin beim Drehen am Zoomring die Frontlinse brüsk vorschiebt, ändert sich an der äußeren Gestalt des Leica-Objektivs in der Lumix und der Leica auch bei 420 Millimeter Brennweite gar nichts. Diese Unauffälligkeit schätzen viele Benutzer: Sie haben die „lange Tüte“ immer dabei, aber es ist nicht zu sehen, wenn man sie herausholt. Zudem: Diese fest eingebauten Super-Zoom-Objektive wie Leicas Vario-Elmarit sind lichtstärker als das, was für die Spiegelreflextechnik in der Einsteigerklasse geboten wird.
Gruppenbild mit „Face Detection“
Die Fuji S 6500 fd bringt als eine der wenigen echten Photokina-Neuheiten eine zuschaltbare Automatik mit, bei der die Kamerasoftware Gesichter erkennt - und zwar bis zu zehn auf einmal. Das hört sich so lange nach einer Spielerei an, bis man einmal eine Gruppenaufnahme mit diesem Modus „Face Detection“ gemacht hat. Noch vor dem Fokussieren, schnell wie ein Wimpernschlag werden die Gesichter erkannt, einem wird die Priorität zugeordnet, und Schärfe und Belichtung werden für dieses Gesicht optimiert. Man muß also zum Beispiel nicht den Autofokus-Meßpunkt verlagern, um zu verhindern, daß man zwischen den Abgebildeten hindurch den Hintergrund anmißt. Das fd der im übrigen durch geringes Bildrauschen und eine hohe Empfindlichkeit bis ISO 3200 herausragenden Finespix - leider ohne Blitzschuh - funktioniert nicht in jedem Fall: Gesichter verschwinden für die Software beispielsweise, wenn die Abzulichtenden den Kopf schief legen.
Die Lumix FZ50 und die Leica V-Lux 1 setzen den Erfolg fort, den Panasonic mit der Lumix FZ30 bereits hatte: Bei der war immer der optische Bildstabilisator gelobt, zugleich aber bemängelt worden, daß die Kamera zu stark rausche. Das ist bei
den aktuellen 10-Megapixel-Modellen stark verbessert worden. Zugleich wurde der optischen Bildstabilisierung, die mittels gegenläufig bewegter optischer Elemente arbeitet, ein zweites System an die Seite gestellt. Die Kamerasoftware erkennt schnelle Bewegungen im Bild, regelt die Empfindlichkeit hoch, um die Verschlußzeit zu verkürzen und so die Bewegung im Bild scharf abbilden zu können. Mehr noch als die Fuji setzen die Panasonic-Sisters auf Motivprogramme: schnell anwählbare Kompletteinstellungen etwa für Speisen, Landschaft oder „schöne Haut“.
Wer die Frage auch nur stellt, ob es sich eigentlich lohne, für die neue Leica V-Lux 1 - in Relation zu anderen Positionen auf den Leica-Preislisten wahrhaft wohlfeile - 799 Euro anzulegen, der hat sich in den Falten seines Herzens eigentlich schon für die Panasonic Lumix DMC-FZ50 entschieden. Die ist im Internet schon für unter 500 Euro und sonst zu Preisen zwischen dieser Tiefmarke und 599 Euro zu haben. Beide Kameras werden gern „baugleich“ genannt. Das sind sie aber eben nicht so ganz, sagen die Anbieter und die Käufer der Leica mit steifleinenem Lächeln.
Also, was gibt es für zwei- bis dreihundert Euro Aufpreis? Da wird als erstes auf eine Secure-Digital-Speicherkarte mit der sagenhaften Kapazität von 512 MB verwiesen. Na prima, nachdem wir alle SD-Karten kleiner als ein Gigabyte den Kindern zum Spielen geschenkt haben . . . Und dann die Vollversion von Adobe Photoshop Elements 4.0, das ja separat auch immerhin ein bißchen was kostet. Ja, herzlichen Dank aber auch, wir aktualisieren gerade unsere vorhandene Version 4.0 auf die aktuelle 5.0. Und dann wären da noch die geheimnisvollen Firmwareeinstellungen, die aus einer Leica eben eine Leica machen.
Also, was das angeht, war die FZ50, mit der wir zu tun hatten, wohl nicht so ganz richtig gepolt. Die verhielt sich fürs unbewaffnete Auge wie eine Leica. Einem alten Fachhändler aber haben wir die volle Wahrheit entlockt: „Leica kostet eben Leica.“