20.04.2010 · Preisgünstige Spiegelreflexmodelle und Kompaktkameras mit großem Sensor nehmen die Bridge-Kamera in die Zange? Wer das glaubt, sieht sich durch die Fujifilm Finepix HS10 eines anderen belehrt. Sie überzeugt mit rekordverdächtigem All-in-one-Konzept.
Von Hans-Heinrich PardeyAuf den allerersten Blick hin könnte man glauben, Fujifilm habe sich bekehrt und schenke der Fangemeinde endlich eine kompakte Einsteiger-Spiegelreflexkamera. Genau so sieht die neue Finepix HS10 nämlich aus. Die Angabe „24–720 mm Equiv. 135“ am Drehring des Zooms macht dann aber wie der 400 Euro mit Tendenz nach unten umspielende Straßenpreis – noch sind die Angebote nicht sehr zahlreich – deutlich: Fuji bleibt dem All-in-one-Konzept treu, bohrt es aber mit einem 30-fach Fujinon Zoomobjektiv (1:2,8–5,6/4,2–126 mm) rekordverdächtig auf.
Was dieser Brennweitenbereich bedeutet, lässt sich ohne viel Worte an den obigen Bildern ablesen. Dazu nur der Hinweis: Die Teleaufnahme entstand ohne die weiter unten beschriebene kamerainterne Bildbearbeitung und ohne Stativ, aber mit der Bildstabilisierung der Kamera, die Sensor-Shift und hochgeschraubte Empfindlichkeit kombinieren kann.
10,3 Megapixel liefert der 1/2,3-Zoll-BSI-CMOS-Sensor (BSI steht für Backside Illumination), die Empfindlichkeit reicht bis ISO 6400. HS10, da steht HS natürlich für High Speed: bis zu zehn Standbilder je Sekunde bei voller Bildgröße und bis zu 1000 Videobilder je Sekunde. Das 3-Zoll-Display (230.000 Bildpunkte) ist kipp- und neigbar, der – ein wenig enttäuschende – elektronische Sucher (200.000 Bildpunkte) hat einen Annäherungssensor fürs automatische Umschalten.
Die HS10 hat alles und kann alles, was zu einer aktuellen Digitalkamera gehört: Motivprogramme (zwei zur direkten Anwahl über das Moduswahlrad) und Gesichtserkennung sowieso, aber auch einen Autofokus, der Ziele verfolgt.
Sie kann Full-HD-Videoaufnahmen, wobei der Stereoton vom Klackern des kontinuierlichen Autofokus gestört werden kann. Die HS10 hat Direktwahltasten und ein Einstellrad bekommen, sie kann natürlich RAW und JPEG auf die SDHC-Karte speichern. Sie macht mit einem Tastendruck beeindruckende Panoramabilder.
Rauschfreie Aufnahmen dank „Adv.“
Und dann ist da noch die Einstellung „Adv.“. Unter der wurde am häufigsten während der Erprobung der Pro-Low- Light-Modus („Erhöht die Klarheit stiller Objekte in schwachem Licht“, sagt der Menübildschirm) verwendet, dessen Name leicht irritiert: Er macht nämlich nicht nur bei wenig Licht, sondern – viel wichtiger – auch bei Sonnenschein, aber auf volle 720 mm aufgezogenem Objektiv, vier Aufnahmen schnell hintereinander.
Dann kommt bei jedem der drei Advanced-Modi eine längere Bearbeitungspause, in der einem wie seit anno Fuji die Fangen spielenden Kästchen gezeigt werden. Und dann hat man eine schön scharfe, von gröberem Rauschen durch milde Weichspülung befreite Aufnahme vor sich.
Einziges Manko: Die Kamera entscheidet sich für eine der vier Aufnahmen, die sie unter Zuhilfenahme der anderen drei optimiert, und nicht immer entspricht der endgültige Bildzuschnitt dem ursprünglich gewählten Ausschnitt völlig. Das fällt bei kürzeren Brennweiten nicht so sehr ins Gewicht wie bei extremer Tele-Einstellung.
Motion-Remover-Modus
Im Multi-Motion-Modus, der verspricht, einen Bewegungsablauf in zu einem Gesamtbild versammelte Einzelaufnahmen von Bewegungsphasen zu zerlegen, kommt es sehr genau darauf an, dass das Bewegungstempo und die durch die Gesamtzeit aller Aufnahmen bestimmbare Bildfolgezeit miteinander harmonieren. Das setzt etwas Üben voraus.
Der Motion-Remover-Modus versucht genau das zu bewerkstelligen, was sein Name sagt: Aus einer Folge von mehreren Aufnahmen rechnet die Kamera die Bildelemente heraus, die sich bewegen, und ersetzt sie durch Hintergrund aus anderen. Das funktioniert perfekt, wenn man aus dem vierten Stock eine Straße und vorüberfahrende Autos fotografiert.
Es funktioniert nicht so gut, wenn die Bewegungen komplexer sind. Dann entsteht gelegentlich Fotokunst à la Otto Steinert: Einzelne Arme oder Beine von geisterhafter Unschärfe bevölkern ohne ihre weggerechneten Besitzer die bearbeitete Aufnahme.
Riesenbrennweitenbereich in einer kompakten Digitalkamera
Bei all ihrer – deutlich von den kleinen Spiegelreflexen abgeschauten – Bedienungsfreundlichkeit hat uns ein Knopf der HS10 fürchterlich in Rage versetzt, weil er so offensichtlich verkehrt plaziert ist: Sogar mit einer vergleichsweise schlanken Hand kommt die rechte Handwurzel dauernd unbeabsichtigt auf den rechts unter der Vierwegewippe plazierten Knopf für die Wiedergabefunktion – was etliche von Malen den „zweiten Schuss“ durch ungewolltes Umschalten vereitelte.
Die HS10 vermag sicher keinen Spiegelreflex-Fotografen und keinen, der etwa seine von Menschen und Tauben befreiten Panoramabilder am PC be- und ausarbeitet, aus der Ruhe zu bringen. Aber sie wird sicher eine Menge Leute glücklich machen, die ohne Objektivwechsel einen Riesenbrennweitenbereich, gute Bildqualität und dazu kreativen Spielraum in einer kompakten Digitalkamera vereint haben wollen.