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Veröffentlicht: 27.08.2013, 09:39 Uhr

Bluray Disc Die Erde hat eine Scheibe

Die Bluray Disc befindet sich in einem Zustand zwischen Abenddämmerung und Aufbruch. Spannend ist vor allem der Blick auf neue hochauflösende Videoformate: Die Ultra-HD-Scheibe wird kommen.

von Wolfgang Tunze
© AFP Die Zukunft der Bluray Disc heißt Ultra HD

Archäologen werden eines fernen Tages auf ein Utensil stoßen, das eine schmale Periode in der Geschichte des Homo technicus markiert: einen eigenartigen, dem Zahn der Zeit wacker trotzenden, stets gleich großen und in der Mitte gelochten Rundling, der offenkundig einmal in gewaltigen Mengen produziert wurde, dann aber so plötzlich wieder verschwand wie weiland die Dinosaurier. Aus gegenwärtiger Sicht steht fest: Die abrupte Phase des Niedergangs hat das runde Ding noch vor sich, aber wie weit ist es davon eigentlich noch entfernt? Die Rede ist, klarer Fall, von der Spezies der optischen Datenträger, die den Gipfel ihrer Vitalität erlebte, als die CD erstmals schon etwas schwächelte, die DVD diesen Karriereknick dann aber mit einer fulminanten Folge-Laufbahn eifrig überkompensierte. Die Bluray Disc nun, die dritte Generation der Datenrundlinge, dürfte ähnliche Höhenflüge nicht mehr erleben, das belegen die Marktdaten eindeutig. Doch die Ingenieure arbeiten weiter an ihrer Evolution - teils für offenkundige Nischenanwendungen, teils aber auch im Bewusstsein, dass es für manche Anwendungen noch keine wirklich überzeugenden Alternativen gibt.

Zwei Nachrichten zum Thema kommen aus den Tiefen des Sommerlochs, und wir möchten sie vor allem den hellhörigen Zeitgenossen ans Herz legen. Sie handeln von einer Verfeinerung der gar nicht ganz so neuen Idee, die Bluray-Scheibe nicht nur als Speicher für Filme, sondern auch für digital konservierte Musik einzusetzen. Anfang des Jahres schon hatte sich auf der Musikmesse „Midem“ eine Reihe audiophiler Labels zusammengefunden, um eine Initiative zur Musikvermarktung auf Bluray Discs aus der Taufe zu heben. Im Juli schließlich formierte sich der immerhin schon 42 Unternehmen starke Club formell zur Pure Audio Group. Zu den Spezifikationen des tönenden Diskus zählen Mehrkanal-Tonformate mit Auflösungen bis zu 24 Bit und Abtastfrequenzen bis 192 Kilohertz. Auch das Kanalschema 2+2+2 ist eine Option.

Schon vor einem Jahrzehnt hatten die Detmolder Klassik-Produzenten Dabringhaus und Grimm diese Art der Musik-Kodierung erdacht, mit der sich nicht nur Breite und Tiefe, sondern auch die Höhe des Aufnahmeraums mit entsprechenden Lautsprecheranordnungen abbilden lässt. Ein weiteres Detail: Die Navigation durch den musikalischen Inhalt soll auch ohne Unterstützung eines angeschlossenen und eingeschalteten Fernsehers funktionieren; wie schon beim CD-Spieler sollen Fernbedienung und Anzeigen des Bluray-Players genügen. Rund 40 Musiktitel sind bereits auf Bluray-Pure-Audio-Scheiben (Kürzel BRPA) im Umlauf. So weit, so gut.

Stichwort Ultra HD

Nun aber kündigt der Unterhaltungsriese Universal eine andere Variante des Bluray-Diskus an, die ebenfalls Musik in hochauflösenden Formaten speichern soll, sowohl in Stereo als auch in Mehrkanal-Technik. Ihr Name: High Fidelity Pure Audio (HFPA). Man könnte an einen Aprilscherz glauben, doch der Marktstart in Deutschland ist für den 6. September geplant, also zum Eröffnungstag der IFA in Berlin. Manche Kommentatoren wähnen schon einen bevorstehenden Formatkrieg, aber wir würden höchstens von einem Scharmützel sprechen, immerhin lassen sich beide Plattentypen mit handelsüblichen Bluray-Playern abspielen. Allerdings scheint die Musikindustrie wenig lernfähig zu sein, denn das Nebeneinander von DVD-Audio und SACD führte letztlich zum Untergang beider Formate. Und schon damals lag die Frage in der Luft: Hat es denn überhaupt noch Sinn, neue physische Tonträger zu erfinden? Seit iTunes kann man darauf kaum noch eine positive Antwort finden. Umso weniger kann man es, seit spezielle Portale auch Musik in hohen Auflösungen als Online-Ware anbieten.

Spannender ist da schon, was sich mit Blick auf neue hochauflösende Videoformate tut, Stichwort Ultra HD. Denn: Datenströme von bewegten Bildern auf diesem Qualitätsniveau können durchaus 30 Megabit je Sekunde umfassen, mit hohen Bildwechselfrequenzen noch weit mehr. Und damit passen sie längst noch nicht live durch sämtliche Internetanbindungen auf diesem Globus. Die Idee, Ultra-HD-Filme zum Download und zur Zwischenspeicherung auf Festplatten in wohnzimmertauglichen Abspielgeräten anzubieten, erscheint wenig praktikabel: Eine rundum wasserdicht kopiergeschützte Infrastruktur wäre da nötig und natürlich eine entsprechende Standardisierung, die alle bedeutenden Studios und sonstigen Mitspieler unterstützen müssten. Sinnvoller ist es, für die neue Generation superscharfer Filme noch die optische Scheibe als etabliertes Verteilungsmedium beizubehalten und sie technisch für diesen Zweck aufzubohren.

Nicht das Ende der Fahnenstange

Die Bluray Disc Association hat sich anfangs ganz und gar nicht für diese Aufgabe begeistert, kam aber dann plötzlich doch zu ähnlichen Schlussfolgerungen wie wir und geht die Sache nun recht zielstrebig an. Was später einmal alles im Standard stehen wird, kann man leicht erahnen: Die Ultra-HD-Scheibe wird die neue, hochwirksame Videokompression H.265 unterstützen. Und als physisches Format dürfte die BDXL in Frage kommen, eine schon Ende 2009 spezifizierte Bluray-Scheibe mit drei oder vier Signalschichten, die bis zu 128 Gigabyte fasst. Bespielbare 100-Gigabyte-Versionen kann man bereits kaufen, passende Brennerlaufwerke ebenso.

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Ist damit nun das Ende der Fahnenstange erreicht? Nicht wirklich. Sony und Panasonic haben erst Anfang August angekündigt, bis 2015 eine optische Speicherlösung mit 300 Gigabyte Fassungsvermögen entwickeln zu wollen. Die Meldung spricht von einem Magazinsystem und von professionellen Archivierungszwecken. Profi-Archivierung aber war zunächst auch der angepeilte Zweck der BDXL. Hören wir also die vorauseilenden Signale künftiger Formatkonflikte? Kämen sie tatsächlich, so wäre das sicher die letzte Schlacht in der Geschichte der Zwölf-Zentimeter-Scheiben.

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Von Lukas Weber

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