09.11.2006 · Hobbymusiker wollen aus ihren Aufnahmen das Optimale herausholen. Vor Profiwerkzeug schrecken aber viele zurück. Dabei sind semiprofessionelle Geräte mittlerweile handlich und bieten trotzdem professionelle Ergebnisse.
Von Wolfgang TunzeJugendliche Garagen-Rocker und Freizeit-Musiker mit Hang zur Klassik unterscheiden sich nicht nur in der Wahl ihrer Sujets. Sie haben auch eine ganz unterschiedliche Distanz zur Elektronik, die ihr Schaffen verarbeiten und speichern kann. Ein Chorleiter etwa, der ein Konzert seiner singenden Mitstreiter aufnehmen und auf einer CD verewigen möchte, fühlt sich in einem Fachgeschäft für Musikelektronik zwischen Bühnenverstärkern und Effektgeräten sicherlich eher deplaziert. Soll er deshalb lieber auf bewährte Gerätschaften bauen, die er aus der HiFi-Welt kennt? Zum Glück gibt es an den Grenzen zwischen der gewohnten Heim- und der komplizierteren Profi-Elektronik eine Schnittmenge von Apparaten, die auch den Amateur nicht schrecken müssen. Das war schon zu Analog-Zeiten so, als sich Tonband-Maschinen wie die legendären Modelle von Revox sowohl in Wohnzimmer- als auch in Studioluft wohl fühlten.
Und heute? Wir haben uns ein wenig in der halbprofessionellen Szene umgeschaut, um Hobbymusikern, für die der Umgang mit passender Aufnahme-Elektronik nicht zum täglichen Geschäft zählt, auf die richtige Fährte zu helfen. Der kürzeste Weg aus dem HiFi-Lager in die Profi-Richtung führt derzeit zu einem winzigen, auf das Hosentaschenformat zugeschnittenen Mini-Disc-Rekorder. Solche Portis waren bisher für seriöse Aufnahmen eher tabu, weil sie den Ton grundsätzlich komprimierten und ihn auch nicht auf digitalem Wege zur direkten Weiterverarbeitung an einen Computer freigaben.
Notebook als Aufnahmegerät
All diese Einschränkungen hat Sony mit dem Winzig-Walkman MZ-RH1 jetzt aufgehoben. Das Gerät (Preis um 280 Euro) speichert die Musik nicht nur auf klassischen Mini-Disc-Scheiben, sondern auch auf den neueren Datenträgern des Typs Hi MD, die 1 Gigabyte fassen. Nimmt der Sony unkomprimiert auf, also im PCM-Tonformat der CD mit 16-Bit-Auflösung und einer Abtastfrequenz von 44,1 Kilohertz, so reicht dieser Speicherplatz für rund 90 Minuten. Und weil der kleine Rekorder die so eingefangenen Daten über eine USB-2-Schnittstelle unkompliziert und schnell zur Nachbearbeitung an einen PC übertragen kann, kommt er für den konzertanten Einsatz durchaus in Frage.
Allerdings: Sein Mikrofoneingang, ausgeführt als Mini-Klinkenbuchse mit einer Speise-Spannung für Elektret-Mikrofone, taugt nicht für Schallaufnehmer professionellen Zuschnitts. Weil aber der Sony-Knirps auch einen optischen Digitaleingang hat, kann er mit speziellen Adaptern Kontakt aufnehmen, die allen erdenklichen Mikrofontypen passende Anschlüsse bieten, den Ton digitalisieren und über verschiedene Schnittstellen ausgeben. Solche Adapter machen sogar aus einem Notebook ein probates Aufnahmegerät: USB- oder Firewire-Anschlüsse leiten die Audiodaten dann geradewegs an die Festplatte weiter, ganz gleich, ob der Rechner aus der Apfel- oder der Windows-Welt stammt.
Produktionen in erstklassiger Qualität
Ein besonders preisgünstiges und einfaches, aber durchaus brauchbares Modell stammt von Terratec Producer, heißt Phase X24, kostet 360 Euro und steckt in einem Gehäuse von Taschenbuchformat. Über symmetrische Anschlüsse nach der Norm XLR können hier zwei Mikrofone aller Bauarten andocken. Die in der Profi-Welt übliche symmetrische Übertragung der Mikrofonsignale hat den entscheidenden Vorteil, Brumm- und andere Einstreuungen auszusperren. Deshalb eignet sie sich auch besonders für längere Kabelverbindungen. Und sollen gar hochwertige Kondensator-Mikrofone für den guten Ton sorgen, so legt der Hobby-Tonmeister einfach nur einen kleinen Schalter um.
Die Mikrofone bekommen dann ihre 48-Volt-Phantomspeisung, ohne die sie notorisch stumm blieben. Die eingebaute Elektronik der Terratec-Schachtel wandelt den Analog-Ton mit 24 Bit und der Abtastfrequenz 192 Kilohertz in Digitaldaten um, also mit extrem hoher Auflösung. Ans Notebook gelangen die Audio-Daten dann über Firewire im Raster 96 Kilohertz und 24 Bit - immer noch fein genug für Produktionen in erstklassiger Qualität.
Speichern ganz ohne Mechanik
Wer mehr Mikrofone braucht, etwa vier, um neben dem Direktschall auch noch Raumreflexionen einzufangen, der findet beim Profi-Anbieter Motu passende Adapter. Am Modell Traveler (um 870 Euro) kann ein komplettes Mikrofon-Quartett symmetrisch andocken, schaltbare Phantomspannung inklusive. Sogar Aussteuerungsanzeigen bietet der flache Kasten. In der Signalverarbeitung und den Ausgabe-Formaten der digitalen Töne ähnelt das Gerät dem kleinen Terratec-Modell; auch der Motu-Baustein schickt den Ton mit hohen Bitraten an Laptops, oder er speist Digitalrekorder wie den Sony über die klassische digitale Audio-Schnittstelle.
Als Alternative zu solchen Tandem-Lösungen, die einen Digitalrekorder oder ein Notebook mit einem externen Mikrofonadapter verheiraten, bieten sich kompakte Aufnahme-Portis an, die alles an Bord haben, was man zum Konzertmitschnitt braucht. Wir haben gleich drei interessante Modelle ausgemacht, die jeweils zwei symmetrische Mikrofonschlüsse samt zuschaltbarer Phantomspannung bereithalten und die noch eine weitere Gemeinsamkeit haben: Sie speichern den Ton in hohen digitalen Auflösungen ganz ohne Mechanik auf Chip-Kärtchen vom Typ Compact Flash, die derzeit mit Kapazitäten bis 8 Gigabyte zu haben sind.
Hochbit überzeugt auch das irdische Gehör
Als Alternativen kommen auch Microdrive-Karten in Frage, winzige Festplatten im Compact-Flash-Format, die bis zu 6 Gigabyte fassen. Zur Übertragung der aufgenommenen Daten an einen Computer nimmt man die Kärtchen aus dem Gerät und steckt sie in den Schlitz eines am PC angeschlossenen Karten-Lesegeräts, oder man verbindet den Rekorder einfach direkt mit dem Rechner, je nach Ausstattung über die USB-2- oder über die Firewire-Schnittstelle.
Das kleinste dieser Geräte, flach wie ein Notebook und gerade einmal 1,3 Kilogramm schwer, heißt Marantz PMD 671 (um 1150 Euro), die beiden anderen sind Tascam HD-P2 (1150 Euro) und Fostex FR 2 (1200 Euro). Die drei unterscheiden sich vor allem in den digitalen Aufnahmeformaten: Der Marantz konserviert den Ton mit Auflösungen bis 24 Bit/96 Kilohertz, die beiden anderen schaffen sogar Abtastraten bis 192 Kilohertz. Wozu braucht man diesen Daten-Overkill überhaupt? Aufnahmen mit Bitraten, die über dem CD-Niveau liegen, klingen hörbar besser, klarer und weicher, eine Erfahrung, die selbst Menschen mit irdischem Gehör immer wieder machen.
Schnitt und Klangkosmetik unterwegs
Die Hochbit-Aufnahmen lassen sich zum Beispiel auf Festplatten archivieren, um sie jederzeit für exquisite Darbietungen abrufen zu können. Man kann sie sogar auf optische Scheiben brennen, im Format der DVD-Audio, die Abtastraten bis 192 Kilohertz zuläßt. Auch wenn als Endprodukt der ganzen Aufnahmeprozedur „nur“ eine CD geplant ist, auf der die Töne ausschließlich die Werte 16 Bit/44,1 Kilohertz haben dürfen, kann sich die Hochbit-Aufnahme akustisch auszahlen: Sie bietet die nötigen Qualitätsreserven für alle Nachbearbeitungsschritte. Selbst auf das CD-Format heruntergerechnet, können üppige Datenraten also am Ende zum Wohlklang einer Silberscheibe beitragen.
Auch der letzte Aufnahme-Porti, den wir hier vorstellen möchten, arbeitet mit hohen Bitraten, wenn auch nur bis zur Abtastfrequenz 96 Kilohertz. Dafür hat das Edirol R-4 genannte Modell (um 1200 Euro) andere Vorzüge: An diesen Rekorder können gleich vier Mikrofone auf die übliche professionelle Art andocken. Die so entstehende Datenflut wandert auf eine eingebaute 40-Gigabyte-Festplatte. Sogar simple Nachbearbeitungsschritte wie den Schnitt und die Klangkosmetik mit einem parametrischen Equalizer beherrscht das vielseitige Gerät.
Programme von Null bis 650 Euro
Einfacher geht die Nachbearbeitung am Computer von der Hand. Schlichte Programme für die wichtigsten Funktionen gibt es schon zum Nulltarif: Apple etwa liefert seine Notebooks mit einem Musikprogramm namens Garage Band aus, das Amateur-Tonmeistern vielfältige, leicht bedienbare Werkzeuge an die Hand gibt. Für Aufnahmen mit hohen Abtastraten eignet sich Garage Band freilich nicht.
Eine kostenlose, hochbit-taugliche Alternative, die Schnitt- und viele Klangbearbeitungsfunktionen bietet, hält die Webadresse http://sourceforge.net/projects/audacity zum Download bereit, für Windows wie für den Mac. Wer mehr will, muß zu professionellen Programmen greifen, etwa zum Klassiker Cubase Studio 4 (um 400 Euro), der übrigens in der Light-Version zum Lieferumfang des Terratec-Adapters zählt. Ganz ehrgeizige Hobby-Produzenten schließlich greifen zum Wavelab 6 von Steinberg (650 Euro): Damit gelingen sogar Eigenproduktionen auf DVD-Audio, die beim Klang nicht zu überbieten sind.
Hardware-Fragen im Detail - die richtige Ausrüstung für schöne Aufnahmen
Chipkarten-Rekorder wie der Marantz PMD 671, der Tascam HD-P2 oder der Fostex F2 brauchen für tadellose Aufnahmen die richtigen Speichermedien. So verlangen Aufzeichnungen mit hohen Bitraten viel Platz: 1 Gigabyte faßt zwar 94 Minuten Stereo-Ton in CD-Qualität, reicht aber nur für 14 Minuten Musik mit der höchsten Auflösung 24 Bit/192 Kilohertz. Auch die Schreibgeschwindigkeit der Chip-Kärtchen muß stimmen (Mindestwert: 5 Megabyte je Sekunde), denn zu langsame Versionen kommen nicht nach, wenn die Elektronik sie mit Tondaten in höchster Auflösung überhäuft. Das Arbeitstempo für Microdrives reicht nur für Aufnahmen mit 24 Bit/96 Kilohertz.
Wer mit diesem Tonformat zufrieden ist, der kommt mit dem zierlichen Marantz-Rekorder bestens zurecht, zumal dieses Gerät noch einen andern Vorzug hat: Es kann auch direkt im Kompressionsformat MP3 aufnehmen, um ohne Umwege für den Musikgenuß mit Taschenspielern zu produzieren. Sind dagegen PCM-Aufnahmen mit 192 Kilohertz gefragt, bieten sich die Maschinen von Tascam und Fostex als probate Alternativen an. Technisch ähneln diese Geräte einander so stark, daß die Wahl schwerfällt. Beide sind mit professionellen Ausstattungsdetails auf den Studio-Einsatz zugeschnitten; so kann der Tascam über spezielle Anschlüsse den Zeitcode von externen Geräten entgegennehmen, wenn es zum Beispiel gilt, Videos zu vertonen. Der Fostex kann den Zeitcode sogar an andere Geräte ausgeben, was ihn im Studio-Alltag noch flexibler macht. Dazu braucht er allerdings eine spezielle Nachrüstkarte.
Der Festplattenrekorder Edirol R-4 erfreut seinen Besitzer nicht nur mit seinen vier Mikrofoneingängen. Das kompakte Aufnahme-Pult wartet auch mit einem komfortablen Navigationsrad auf, mit dem sich jedes Tönchen exakt anfahren läßt - beste Voraussetzungen für die Arbeit mit dem integrierten Schnittsystem. Und mit seinen eingebauten Stereomikrofonen erledigt der Edirol die Aufnahme notfalls sogar ganz ohne Zusatzausrüstung. Einer ganz anderen Welt entstammt der Rekorder-Winzling von Sony: Eine Profi-Ausstattung fehlt dem HiFi-Zwerg MZ-RH1 völlig, aber dafür taugt er im Nebenjob als komfortabler Alleinunterhalter. Dazu verhilft ihm die Fähigkeit, neben allen erdenklichen Atrac-Kompressionsformaten auch noch MP3-Musik abzuspielen.