13.08.2008 · Es ist allzu verlockend, mit ein paar Bit-Zaubereien einem flachen Motiv aufzuhelfen. Doch Bildbearbeitung scheint ein Hobby im Hobby zu sein, wobei der Zeitaufwand nicht zu verachten ist. Die Software Lightroom von Adobe schafft Abhilfe.
Von Nils SchiffhauerDigitale Fotografie hat ja nicht nur Probleme gelöst, sondern neue geschaffen. Der ambitionierte Digitalfotograf verbringt heute mehr Zeit vor dem PC als gestern in der Dunkelkammer. Zu verlockend, mit ein paar Bitzaubereien einem flachen Motiv aufzuhelfen. Bildbearbeitung scheint ein Hobby im Hobby zu sein, wobei die Schrauberei an Farbe, Kontrast und Helligkeit dem kreativen Blick schon deshalb Konkurrenz macht, weil der Zeitaufwand, die von Adobe geforderten 1069,81 Euro für deren Photoshop-Programm zu verdienen und sich darin einzuarbeiten, nicht zu verachten sind.
Doch die Software „Lightroom“ desselben Herstellers ist in ihrer Reduktion auf sinnvolle Funktionen und einen bezahlbaren Preis von etwa 270 Euro direkt auf den Fotografen - statt: den Medienarbeiter - zugeschnitten. Lightroom, der Name deutet schon auf die „helle Kammer“ des Philosophen Roland Barthes und dessen Konzentration auf die sinnliche Wirkung einer Fotografie, ist nicht das Gegenteil der Dunkelkammer, sondern ihre Fortsetzung im digitalen Zeitalter.
Besondere Flexibilität beim Nachbelichten oder Abdunkeln
Die zeigt sich als Kombination von Bildverwaltung und -bearbeitung; hier sei nur auf Letztere fokussiert. Die Software akzeptiert neben den üblichen JPEG-Daten preisgünstiger Kameras die Rohdaten (RAW) praktisch aller Hersteller. Sie bilden die Partitur, das digitale Negativ, wenngleich Adobe diesen Begriff mit der Abkürzung DNG für ein eigenes Format reserviert hat, das bei den Fotos denselben Status bekommen soll wie PDF bei Dokumenten.
Wer konsequent ist, wird seine Bilder entweder im mal merklich, mal weniger sichtbar qualitätsmindernden JPEG belassen oder vom jeweils herstellereigenen verlustfreien RAW in DNG wandeln, das bessere Kameras sogar schon ab Chip liefern. Damit bestehen die besten Voraussetzungen für einen sogar selektiven und also auf Lichter wie Schatten unterschiedlich anwendbaren Belichtungsspielraum von fast vier Blenden. Besondere Flexibilität zeigt hier die 2.0-Version mit frei im Bild zu plazierenden Abwedlern zum Nachbelichten oder Abdunkeln, die bei uns noch nicht ganz stabil läuft.
Lightroom begrenzt Änderungsmöglichkeiten
Die ältere Version 1.4 hingegen spult ohne Ruckeln ein bemerkenswertes Programm ab. Man importiert eine Reihe von Bildern auf den virtuellen Leuchttisch, wo sie unten wie ein Film darauf warten, durch Mausklick in die Bearbeitungsebene gehoben zu werden. Hier schaut man sich Bild und Histogramm an, das detailliert Auskunft über die Helligkeitswerte in den verschiedenen Farbkanälen gibt. Globale Korrekturen wie die für Schatten und Lichter lassen sich intuitiv mit der Maus gleich innerhalb dieses Histogramms oder über separate Schieberegler vornehmen und dank ihrer sofortigen Umsetzung im großen Vorschaubild kontrollieren. Noch differenzierter arbeitet die Gradationskurve, die für drei unterschiedlich starke Kontraste Änderungen in den Lichtern und Tiefen sowie den hellen und dunklen Farbtönen vornimmt.
Damit sich niemand beim Kurvenbiegen verliert, begrenzt die Software die jeweiligen Änderungsmöglichkeiten, dass Schatten nicht absaufen und Lichter nicht ausfressen. Allein diese Hilfestellung, die vorbildhaft Flexibilität mit Pragmatismus verbindet, ist die Anschaffung der Software wert. Was erst recht für die Möglichkeit gilt, diese Änderungen für bestimmte Bereiche alternativ direkt im Bild steuern zu können. Das alles funktioniert für Farbaufnahmen ebenso wie bei deren Konvertierung nach Schwarzweiß, wo diese feinfühlige Steuerung lediglich den Traditionalisten virtuelle Farbfilter vermissen lässt.
Für das kreative Spiel ist weiterhin Photoshop zuständig
Für kleinere Korrekturen wie die roter Blitzaugen, Flecken und störender Details ist ein wohlgefüllter Werkzeugkasten an Bord, der sogar Vignettierungen von Objektiven (“Tunnelblick“) und Farbsäume korrigiert sowie professionell schärft und entrauscht. Die Software ist beruhigend puristisch. Für das kreative, gleichwohl vielfach überfordernde Spiel mit nicht allein Ebenen und Effekten ist weiterhin Photoshop zuständig. Denn dort finden sich beispielsweise mit der Beseitigung stürzender Linien einige weitere Module, die der Fotofreund beim Ableger gern stärker belichtet sähe.
Doch Lightroom ist ein großer Wurf nicht allein darin, Licht in die vormals dunkle Kammer zu bringen. Die preisgünstige Software setzt zudem Standards in Konsistenz, Reduzierung auf das Wesentliche (aber dieses perfekt) und einfache Bedienung. Mit ihr deuten sich Perspektiven künftiger engagierter Digitalfotografie an, auf die nun wiederum die Kameraindustrie mit einem verstärkten Angebot an Rohdaten reagieren sollte. Dieser qualitative Sprung wird spannender als die Verdopplung der Sensorpixel von sechs auf zwölf Millionen.