Das Weihnachtsfest 1952 brachte den Deutschen ein Geschenk von beispielloser Nachhaltigkeit: Mit einem Doppelstart in Ost und West nahm das Fernsehen seinen regelmäßigen Betrieb auf, und zwar nach einem Wettbewerbsmuster, das wir später im Zusammenhang mit dem Sputnik-Schock noch genauer kennenlernen sollten. Schon zwei Jahre zuvor hatte sich in der Bundesrepublik die ARD (die Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands) formiert und mit Volldampf begonnen, die regelmäßige Ausstrahlung bewegter Bilder vorzubereiten. Doch die DDR war schneller: Am 21. Dezember, pünktlich zum Geburtstag des Genossen Stalin, legte der Deutsche Fernsehfunk (DFF) mit zwei täglichen Sendestunden los - im eigens errichteten Ostberliner Fernsehzentrum Adlershof.
So erlebten die Westfunker zunächst einen taktischen Rückstand, doch ein paar Tage später, am 25. Dezember, schafften sie mit dem „NWDR-Fernsehen“ den Ausgleich. Schon am zweiten Weihnachtsfeiertag ging dann zum ersten Mal die Tagesschau über den Äther. Damals waren Westdeutscher Rundfunk und Norddeutscher Rundfunk noch im NWDR vereint (bis 1955).
Abenteuerliche Relation von Preis und Bildfläche
Technisch nahm der Fernsehstart eigentlich schon die friedliche Koexistenz vorweg, denn das Fernsehen diesseits und jenseits der innerdeutschen Grenze beruhte auf identischen Parametern. Auf 576 sichtbare Bildzeilen hatten sich Europas Fernseh-Vordenker schon sieben Monate zuvor in der Stockholmer Konferenz geeinigt - eine Auflösung, die heute noch Millionen Bildschirme füllt und die erst allmählich von HDTV-Rastern mit 720 oder 1080 Zeilen abgelöst wird.
Auch die Frequenz von 25 Einzelbildern - genauer: von 50 Halbbildern in jeder Sekunde nach dem Prinzip des Zeilensprungs - war identisch. Folglich funktionierte grenzüberschreitender Fernsehempfang problemlos, von limitierten Sender-Reichweiten einmal abgesehen. Allerdings sollte die technische Kompatibilität erst später ihre so wichtige politische Bedeutung erlangen. Denn anno 1952 war die Errungenschaft des Fernsehens noch ein Thema für exklusive Minderheiten. Ganze 300 Empfänger standen zum Weihnachtsfest in westdeutschen Wohnstuben, nur 60 gab es in der DDR.
Bis zum Jahresende gingen in der Bundesrepublik Deutschland immerhin 4000 Fernsehgeräte über den Ladentisch - zu Preisen von etwa 1000 Mark, dem Mehrfachen eines Monatslohns von Arbeitern und Angestellten. Die Relation von Preis und Bildfläche blieb vorerst noch abenteuerlicher: 22×22 Zentimeter maßen die ersten Bildröhren.
Tragbare Dimensionen
In Richtung Massenphänomen entwickelte sich das Fernsehen zunächst im Schneckentempo. Immerhin: Als Elisabeth II. 1953 in London zur Königin gekrönt wurde und das Medium seine erste internationale Live-Übertragung erlebte, hockte vor jedem Bildschirm nicht nur die Familie, sondern gleich die ganze Nachbarschaft. Ein Jahr später, 1954, hatte der Bestand schon 100.000 Geräte erreicht. Von da an ging es steiler bergauf: 1957 meldeten die Statistiken die erste Fernseher-Million in den Wohnzimmern, von der zweiten kündeten die Marktdaten bereits 1959. Keine Frage: Der Guckkasten avancierte zum Statussymbol im fortgeschritten Wirtschaftswunder.
In den frühen sechziger Jahren nahm in der Bundesrepublik die Idee, das bis dahin einzige Fernsehprogramm um ein zweites zu ergänzen, konkrete Gestalt an. So erprobte die ARD zwischen 1961 und 1963 zunächst ein ARD2 genanntes Projekt, zog diese Initiative aber wieder zurück. Bundeskanzler Konrad Adenauer entwickelte Ambitionen auf einen Fernsehkanal im Dienst der Regierung, scheiterte damit aber schließlich am Verfassungsgericht. 1963 dann startete das ZDF - und damit die unaufhaltsame Entwicklung zu mehr Vielfalt. Schon ein Jahr später nahmen in den Bundesländern Dritte Programme den Sendebetrieb auf.
Bis zu dieser Zeit hatte sich das Medium auch technisch fortentwickelt. Schon in den frühen fünfziger Jahren gab es in Amerika erste Kabel-Fernbedienungen, in Deutschland kamen 1959 Modelle mit Ultraschall-Übertragung auf den Markt. Später setzte sich die Infrarottechnik durch. Von 1960 an begannen Transistoren, die Röhren in den Schaltungen der Fernsehgeräte abzulösen, und Leiterplatinen traten nach und nach an die Stelle der freien Verdrahtung. So konnten die Geräte erstmals auch auf tragbare Dimensionen schrumpfen.
Die ersten Videogeräte treten auf den Plan
Spektakulären Fortschritt aber brachte das Jahr 1967: Auf der „Großen Deutschen Funkausstellung“, wie die traditionelle Branchenmesse in Berlin damals noch hieß, drückte der damalige Vizekanzler Willy Brandt auf den symbolischen roten Knopf, um das Farbfernsehen zu starten. Den Anfang machte die Show „Der goldene Schuss“. Nach und nach folgten immer mehr Buntsendungen, und damit der Zuschauer sie auch bewusst goutierte, strahlten die Sender dazu jedes Mal einen Vorspann aus, in dem sich animierte, blütenartige Ornamente in allen Farben des Regenbogens entfalteten.
Die Technik fürs Bunte ging auf eine Idee von Telefunken-Entwicklungschef Walter Bruch zurück, der 1963 das Patent für sein Farb-Kodierverfahren „Phase Alternating Line“ (kurz PAL) erhielt. PAL brachte den entscheidenden Fortschritt gegenüber der älteren amerikanischen Farbnorm NTSC, die Insider gern spöttisch mit „Never twice the same colour“ (Niemals zweimal die gleiche Farbe) in Langschrift übersetzten. Denn NTSC war anfällig für Farbton-Fehler, eine Schwäche, die PAL mit einem genialen Kunstgriff überwand. Die meisten Länder Mitteleuropas setzen auf PAL. Die DDR dagegen entschied sich, als 1969 auch dort das Fernsehen farbig wurde, für das französische Konkurrenzverfahren Secam - gemeinsam mit ihren sozialistischen Nachbarn. (Secam steht für „Séquentiel couleur à mémoire“, in etwa: sequentielle Farbe mit Speicher). Mitte August 1967 gab es in der Bundesrepublik schon 28 Farbfernseh-Gerätetypen von 15 Unternehmen. Die Preise lagen damals zwischen 2350 und 2700 Mark. Folglich erreichten die Verkäufe zunächst noch keine schwindelnden Höhen; erst 1972 überschritten sie die Marke von einer Million.
In den siebziger Jahren begann das bewegte elektronische Bild, sich von der Direktverbindung zwischen Sender und Fernseher zu emanzipieren: Die ersten Videogeräte traten auf den Plan. Sony ging 1971 mit seinem System U-Matic voran und machte daraus vier Jahre später den konsumententauglichen Betamax-Videorekorder. Im selben Jahr forderte JVC die japanische Konkurrenz mit seinem VHS-System heraus. Die Europäer wollten nicht abseits stehen: Philips und Grundig versuchten 1979, mit ihrem Video 2000 zu punkten - zu spät: VHS blieb bis in die Digital-Ära hinein der Sieger.
Höchst nützliche Verbesserungen im Detail
Kaum hatte sich der Pulverdampf der Video-Systemschlachten verzogen, zeichneten sich dramatische Veränderungen an anderen Fronten ab. 1981 machte das Bundesverfassungsgericht mit seinem dritten Rundfunk-Urteil den Weg für die Einführung des Privatfernsehens frei, fünf Jahre später begründete dasselbe Gericht das duale Rundfunksystem in Deutschland. Am 1. Januar 1984 startete das Kabelpilotprojekt Ludwigshafen-Vorderpfalz. Neben den üblichen, bis dahin nur von Fernsehtürmen ausgestrahlten Fernsehprogrammen, kamen über die Kupferleitungen nun auch Programme privater Anbieter ins Haus. SAT1 war von Anfang an dabei, RTL plus folgte nur einen Tag später. Terrestrisches Fernsehen und Breitbandkabel blieben nicht allein: 1988 schuf Astra mit seinen Hochleistungs-Trabanten erstmals eine Massenbasis für die Fernsehübertragung über Satellit. So etablierte sich in Deutschland auch der dritte Verbreitungsweg, wovon unter anderem Premiere profitierte - der erste deutsche Abo-Sender, der am 28. Februar 1991 seinen Betrieb aufnahm.
Eher im Hintergrund übte die Industrie gleichzeitig Klimmzüge zur Einführung des Hochzeilenfernsehens HDTV. Doch das Projekt endete 1992 wie das Hornberger Schießen, denn es kam zu spät und zu früh zugleich: zu spät, weil sich bereits das Ende der Analog-Ära abzuzeichnen begann, zu früh, weil erst die modernen Flachbildschirme hochauflösende Bilder wirklich großflächig, zu akzeptablen Kosten und mit tolerablen, schlanken Gerätedimensionen ins Wohnzimmer bringen.
Immerhin: Aus diesem frühen HD-Versuch gingen die ersten Röhrenfernseher im Breitbild-Format 16:9 als Erben hervor - und eine Technik namens PALplus, die das analoge Farbfernsehen Bruchscher Provenienz zum Breitbild-Spektakel aufbohrte. Etwas abseits der großen Weichenstellungen gab es dann noch höchst nützliche Verbesserungen im Detail: Im Januar 1990 wurde aus dem Videotext, der bis dahin als Versuch lief (schon seit 1980), ein Regeldienst. Und immer mehr Sender gewöhnten sich an, den Ton in Stereo zu übertragen, nachdem das ZDF bereits am 13. September 1981 damit begonnen hatte.
Zusammenwachsen von Internet und Rundfunk
Und dann läutete das Jahr 1997 die wohl folgenreichste technische Veränderung des Fernsehens ein: Die digitale Übertragung begann, sich in Deutschland zu etablieren. Zunächst ein bisschen holprig, denn jahrelang nervte die Kirch-Gruppe, ein inzwischen verschiedenes Medienimperium, den Rest der Welt mit ihren letztendlich fehlgeschlagenen Versuchen, digitales Fernsehen im öffentlichen Bewusstsein mit Abo-Fernsehen zu identifizieren. Doch die Erkenntnis war nicht aufzuhalten: Digitale Übertragung steht vor allem für bessere Bild- und Tonqualität, für geringere Übertragungskosten und für mehr Programmvielfalt.
Mittlerweile funken sämtliche Fernsehtürme zwischen München und Flensburg sowie die für Deutschland zuständigen Astra-Satelliten ausschließlich digital, im Kabel nimmt der Anteil der Digitalübertragung langsam, aber stetig zu. Und das ist gut so: HDTV, die schlüssige Antwort auf die längst etablierte Flachbild-Technik und auf ständig wachsende Bildschirmgrößen, funktioniert eben nur mit Bits und Bytes. Wie anachronistisch die Analogtechnik heute ist, wird deutlich, wenn Programmanbieter und Netzbetreiber sich schon Gedanken darüber machen, was nach HDTV kommt. Immerhin gibt es bereits Bildschirme, die das Vierfache der heutigen HDTV-Auflösung bieten.
Die Zukunft des Mediums liegt aber nicht primär in wachsender Pixelflut: Das Zusammenwachsen von Internetstrukturen und Rundfunkverteilwegen verändert das Fernsehen auf eine so grundlegende Weise, dass wir heute schon sicher wissen: In weiteren 60 Jahren gibt es vielleicht noch den Begriff Fernsehen. Aber er wird nicht das Geringste mehr mit dem Pantoffelkino zu tun haben, von dem wir uns jetzt schon zu verabschieden beginnen.
Ist das Fernsehen überhaupt noch das bedeutendste Massenmedium? Die Grenzen zum Internet sind fließend, und auch das „gedruckte“ Wort hat dort eine Heimat. Periodisch erscheinende (Wochen-)Zeitungen gibt es seit Beginn des 17. Jahrhunderts (Straßburg und Wolfenbüttel), 1650 erscheint in Leipzig die erste Tageszeitung. Noch sind die Auflagen sehr klein, die „London Times“ kommt 1802 auf 8000 Exemplare. Die Massenpresse im heutigen Sinn entsteht erst Ende des 19. Jahrhunderts.
Relativ kurz danach beginnt das Radio zu senden: 1920 funkt es in Detroit und Pittsburgh, am 29 Oktober 1923 tönt es aus Berlin: „Hier Sendestelle Berlin, Voxhaus, Welle 400“. Schon 1925 gibt es knapp 550.000 lizenzierte Rundfunkteilnehmer. Die monatliche Gebühr beträgt zwei Mark und bleibt bis 1969 gleich. Die Reichspost war für die Technik zuständig, die Sender waren bis 1932 privat organisiert, danach wurde der Rundfunk verstaatlicht.
Erste Versuche mit Fernsehen hatte es schon 1936 während der Olympischen Spiele gegeben. 1952 beginnt der offizielle Sendebetrieb.
Das Internet ist dagegen noch sehr jung. Als Vorläufer kann das Arpanet amerikanischer Hochschulen gelten (1969). Das Netz, so wie wir es heute kennen, entwickelt sich rasant von Mitte der 1990er Jahre an, ein festes Datum, ab wann „gesendet“ wurde, gibt es freilich nicht. (fbs.)
Wie sagte schon der große Hans-Joachim Kulenkampff ...
René Artois (Rene_Artois)
- 22.12.2012, 12:02 Uhr
Bei den ganzen kritischen Kommentaren...
Thomas Berger (tberger)
- 19.12.2012, 19:05 Uhr
Mir wäre es ja lieb...
Alexander Rauch (kugelfisch123)
- 19.12.2012, 16:24 Uhr
60 Jahre TV? Eigentlich doch 77
Thomas Wolf (tewe71)
- 19.12.2012, 11:26 Uhr
